Dreileben

Dreileben ist das Resultat einer sehr lesenswerten Diskussion via E-Mail, die Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler über die Berliner Schule geführt haben. Graf hinterfragt dort die Grundsätze und Ergebnisse des Konzepts, Hochhäusler verteidigt sie, und Petzold vermittelt. Für ihn ist die Berliner Schule auch weniger das Praxisorgan einer Theorie als vielmehr Ausdruck einer Nachbarschaft. Um gemeinsame Bezüge geht es. Die klaffen bei Graf und Hochhäusler tatsächlich auseinander. Vor allem, wenn es um Plot und Genre geht.

Komm mir nicht nach 01

Nun wirkt die Debatte mittlerweile aus verschiedenen Gründen veraltet. Kann man die Gemeinschaft Petzolds mit Thomas Arslan und Angela Schanelec noch mühelos erkennen, verhält es sich bei der zweiten und dritten Generation derer, die zuweilen der Gruppe zugerechnet werden, doch anders. Nicht nur die Projekte Henner Wincklers oder Jessica Hausners zeichnen sich durch ganz unterschiedliche, individuelle Ansätze aus.

Vor allem die Genre-Kontroverse hat sich von selbst ad acta gelegt, wovon Thomas Arslans Neo-Gangsterballade Im Schatten (2010) und Benjamin Heisenbergs temporeiche Literaturadaption Der Räuber (2010) zeugen.

Eine Minute Dunkel 01

Dennoch ist Dreileben als Fortführung der Debatte, als kinematografischer Dialog, äußerst reizvoll. Ausgerechnet Graf und Hochhäusler sind es, die aufeinander zugehen. Der eine, indem er seine Figuren wie bei Schanelec in Räumen miteinander sprechen lässt, die ihr soziales und emotionales Gefüge beschreiben. Das Wesentliche geschieht hier im scheinbar Unwesentlichen, gerne am Esstisch, in der Küche, beim Einräumen der Spülmaschine. Und die Kamera nimmt sich in Komm mir nicht nach viel mehr Zeit als sonst bei Graf, um die Räume zu erkunden. Der andere, Hochhäusler, lässt sich aufs Genre ein, sucht den Wald als Stimmungsbild – Thoreau auf Deutsch, angelehnt an Vajdas Es geschah am hellichten Tag (1958), aber – auch sicherlich dank der Kameraarbeit Reinhold Vorschneiders – in Reminiszenz an besagten Räuber. Hochhäusler erzählt sogar von der ungewöhnlichen Detektion eines großartigen Charakters. Sein Eine Minute Dunkel findet Anschluss an die Überwachungsbilder Petzolds, liefert epische Aufnahmen und zwei gelungene Actionsequenzen: eine unspektakuläre und eine spektakuläre Flucht.

Petzold wiederum scheint sich geradezu herauszuhalten, sein Etwas Besseres als den Tod ist am ehesten als Variation des eigenen Oeuvres im gemeinsamen Stoff zu verstehen: Wege, hier Laufstrecken, die Menschen zurücklegen müssen. Das Wasser, die Brücken. Viele Geräusche – Hubschrauber, Polizeisirenen, ungewöhnlich viel Musik, und dann das eine, fast traumatische Stück, hier: „Cry me a river“. Am Ende steht bei ihm wieder die Ambivalenz, der Neuanfang als Ungewissheit. Da steht er Hochhäusler am deutlichsten entgegen, dessen Entwürfe immer etwas schlichter und deutlicher sind, wie zuletzt Unter dir der Stadt (2010) gezeigt hat.

Etwas Besseres als den Tod 01

Bei allen Berührungspunkten sind es doch drei separate Autorenfilme, die Dreileben auszeichnen. Greifbar wird das explizit auf Ebene der Drehbücher, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein Experiment Dreileben wäre auch vorstellbar gewesen als Gesamttext eines einzigen Drehbuchautors. In ihren denkbar unterschiedlichen Vorlagen bewegen sich die Filmemacher jedoch voneinander weg, und so ist die Stoffaneignung und -auslegung ein zentrales Differenzierungsmerkmal der Unternehmung.

Nicht weniger banal, aber auch nicht weniger aufschlussreich ist der Blick auf die Besetzungen. Die zentralen Charaktere des jeweiligen Regisseurs haben nur Gastauftritte im Werk der anderen. Und bei der Konzentration auf die Figuren macht die Einschätzung der Darsteller einen nicht unerheblichen Aspekt der Bewertung aus.

Die Einzelteile von Dreileben gegeneinander abzuwägen, sie quasi konkurrieren zu lassen, wäre allerdings so falsch wie wenig aufschlussreich. Zunächst einmal zeigt das Projekt die Diversität der nationalen Kinematografie auf – und was sie für das deutsche Fernsehen bedeuten kann.

Dreileben - Eine Minute Dunkel

Dreileben - Etwas Besseres als den Tod

Dreileben - Komm mir nicht nach

Kommentare zu „Dreileben“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.