Die schlimmsten Kinomomente 2016

„Schlimm kann vieles heißen“: Im ersten Teil unseres großen Jahresrückblicks erzählen critic.de-Autoren von Fieberträumen im heimischen Bett und verhinderten Walkouts. Sie fühlen sich vom Grauen erschüttert, mit verlogenen Filmen eingesperrt und überhaupt betrogen: um eine neue cinephile Freundschaft, und um einen Kuss.


Im falschen Kino, im falschen Film

High-Rise 02

Schlimm ist gar kein Ausdruck: Da bahnt sich eine neue cinephile Freundschaft an, und dann sehen wir gemeinsam nur Filme, die uns ärgern. Erst Agnes, dann Mustang, schließlich High-Rise. Eigentlich kein schlimmer Film darunter, und doch: Wir waren seither nicht wieder gemeinsam im Kino. Dabei hatte doch alles so gut angefangen, als Y. und ich uns beim Festival von Locarno im Jahr davor anfreundeten. Wir liefen uns mit Schweißperlen im Gesicht über den Weg, und teilten unsere Begeisterung. Y. hatte Cosmos von Zulawski gleich zwei Mal gesehen, und auch ich war hin und weg. Es ist selten geworden, dass es platonisch so klickt, und dann auch noch mit einer Filmversessenen. Doch jetzt, in Berlin, es sollte einfach nicht sein.

Es kommt immer wieder aufs Gleiche raus: Das Schlimmste sind nicht schlimme, sondern öde Filme. Weder Agnes noch Mustang noch High-Rise sind mir viele Zeilen wert, jeder der Filme ist auf seine Art beflissen, bemüht, halbgar. Die filmischen Klischees in Mustang, die im Wind wehenden langen Haare als Symbol der Freiheit, ich kann sie nicht mehr sehen. Agnes und High-Rise verbindet dagegen, dass ein filmisches Potenzial in ihnen aufblitzt und dann verpufft. Vor allem auf High-Rise als leibhaftig werdenden Exzess hatte ich mich gefreut. Und dann ist der Exzess doch irgendwie so brav, so eingerahmt, so sehr eine Blase, dass die Welt immer noch dieselbe bleibt. Wenn etwas schlimm war 2016, dann, dass viel zu viele Filme die Welt so hinnahmen, wie sie ist. Untrügliches Zeichen für den Kinohorror: Y. und ich wollten danach möglichst schnell über anderes reden. Wahrlich nichts ist so dramatisch, wie sich in der gegenseitigen Langeweile wiederzuerkennen. Vielleicht gibt Y. 2017 dem Kino mit mir ja nochmal eine Chance.

Frédéric Jaeger

Gezeter und Mord

Tempestad

Das Wort „schlimm“ lässt mehrere Deutungen zu: fürchterlich oder furchterregend. Unter den fürchterlichen Filmen gab es zwei, die mich dieses Jahr besonders genervt haben. In beiden Fällen war der Auslöser eine unmotiviert übersteigerte Hysterie: Das aggressive Geschrei in Xavier Dolans Einfach das Ende der Welty hielt ich nur mit viel Selbstbeherrschung durch, das affektierte Geschrei in Andrzej Zulawskis Cosmos trieb mich nach der Hälfte der Spielzeit schnellen Schrittes aus dem Kinosaal. Doch diese Ärgernisse sind Petitessen gegenüber dem Grauen, das mich im furchterregenden mexikanischen Dokumentarfilm Tempestad überkam: Regisseurin Tatiana Huezo zeichnet darin die nicht unüblichen Schicksale zweier unschuldiger Frauen nach, die grundlos vom mexikanischen Staat festgenommen und direkt an kriminelle Banden übergeben wurden, in Folterkellern jahrelang Misshandlungen erfuhren oder zur Prostitution gezwungen wurden – während ihre Familien Schutzgeld zahlen mussten, damit die Frauen überhaupt weiterleben durften. Die Aussichtslosigkeit ihrer Situation, die willkürliche Zerstörung ihres Lebens, das Leiden der Angehörigen und die Kooperation eines korrupten Staatsapparats mit Schwerkriminellen machen diesen starken Film schwer erträglich. Es ist einer jener Filme, die man unbedingt gesehen haben sollte, aber danach nie wiedersehen will.

Martin Gobbin

Einfach gegen die Wand prallen lassen

24 Wochen

Der schlimmste Moment im Kino koinzidiert nicht unbedingt mit dem schlechtesten Film, und vermutlich ist 24 Wochen, das hochgradig besserwisserische Abtreibungsdrama von Anne Zohra Berrached, auch nicht ganz der schlechteste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe. Nichtsdestotrotz fallen schlimmster Moment und schlechter Film in diesem Fall zusammen: Ein bisschen mag das auch damit zu tun haben, dass man, hat man einmal im Berlinale Palast Platz genommen, auf ganz besondere Weise das Gefühl bekommt, zusammen mit einem Film eingesperrt worden zu sein. Es ist eng und rappelvoll; wenn es schlimm wird, muss man durchhalten. 24 Wochen ist zudem aber auch eine Art besonderer Augenöffner für das, was man sich in Deutschland offensichtlich mit einiger passiver Einigkeit unter dem Kino vorstellt. Dass sich ein Großteil der (hauptsächlich senderfinanzierten) deutschen Kinofilme selbst einen Bildungsauftrag auferlegen, dem mit den entsprechend auserklärten und massenwirksamen Drehbuchzeilen nachgekommen wird, ist natürlich ganz und gar nichts Neues. 24 Wochen zeigt aber auf erschreckend eindeutige und vor allem paradigmatische Weise, wie dieser vermeintliche Lehrauftrag einen höchst problematischen rhetorischen Zug bekommt.

Dieser Film will ein Tabu brechen. Abtreibung denkt er mehr im Kontext einer Öffentlichkeit als im Kontext einer privaten Entscheidung. Abtreibung und Gesellschaft – das ist die Spannung, um die es geht. Um ein Tabu brechen zu können, muss man es aber zunächst affirmieren, man muss es künstlich (filmisch) herstellen, man muss in Kleinstarbeit die Protagonistin Astrid vor der Folie einer gesellschaftlichen Öffentlichkeit inszenieren. Das ist die eine, künstliche, mit den Mitteln der Fiktion erreichte Seite. Die andere ist die dokumentarische. Die Ärzte werden – nur eines von vielen Symptomen – von echten Ärzten gespielt. Am Ende, darin sind sie so rhetorisch, wollen viele dieser Filme ihre fiktive Architektur mit dokumentarischer Gravität stabilisieren. Ein Film, der ein prekäres gesellschaftliches Thema verhandelt ist nicht automatisch gut und erst recht nicht wichtig. Ich bin beileibe nicht der Erste, der das sagt, aber mir ist diese aus einem völlig verkrusteten Diskurs stammende Haltung dieses Jahr viel zu oft begegnet. 24 Wochen ist ein schlechter Film, weil er, unangreifbar mit der Diskurskruste paniert, eine Bewegung vollzieht, die mir sehr verdächtig erscheint, die ich für verlogen halte und die man auch gegen die Wand prallen lassen sollte, auf die sie zurast.

Lukas Stern

Um einen Kuss betrogen

The Get Down

Es war Mitte der 1990er Jahre, als ich Fred Schepisis Six Degrees of Seperation sah. Will Smith spielt darin einen Betrüger, der sich bei reichen New Yorkern einnistet und ihnen weismacht, er sei der Sohn von Sidney Portier. Ich mochte an dem Film damals, auf welch nebensächliche und unstereotype Art diese Figur schwul war. Doch gab es da einen komisch holprigen Moment, einen Schnitt während eines eigentlich ohnehin lachhaft keuschen Kusses. Wenig später erfuhr ich, dass sich Smith für diese Szene hatte doublen lassen – geraten hat es ihm sein Kollege Denzel Washington, der etwa um dieselbe Zeit meinte, er könne nicht, wie Tom Hanks in Philadelphia, einen Mann küssen, weil er sich sonst vor seinem Sohn schämen müsste. Rief Denzel damit noch eine wirkmächtige Vorstellung von Homosexualität als Bedrohung schwarzer Männlichkeit auf, haben sich die Zeiten zum Glück ja ein bisschen geändert. Ausgerechnet Will Smiths Sohn Jaden ist in den letzten Jahren zu einer Art queerem Role Model geworden. Da wäre etwa seine angebliche Beziehung mit dem Rapper Lil B, sein Model-Job für die Damenkollektion von Louis Vuitton oder ein schwuler Kuss in der Serie The Get Down.

Von dieser Szene hatte ich schon gelesen, bevor ich sie sehen konnte – und mir in den schönsten Farben ausgemalt, wie Jaden die Sünden seines Vaters wieder gutmacht. Die von Baz Luhrmann inszenierte Netflix-Produktion bietet dafür einen geeigneten Rahmen. Denn Hip-Hop ist hier nicht – wie so oft –  eine Monokultur, die auf einer verstaubten Vorstellung von Authentizität beruht, sondern ein quietschig buntes und schamlos übertriebenes Studio-Spektakel, das seine äußeren musikalischen Einflüsse gierig aufsaugt. Doch wenn die Kamera während der besagten Szene einen Disco-Club betritt, deutet sich schon an, dass die Serie sich dieser Subkultur nicht mit derselben Liebe und Detailfreude widmen wird wie dem Hip Hop. The Get Down wirkt in diesem Moment vielmehr wie ein verlegen kichernder Spießer, der sich inmitten von lauter Paradiesvögeln nicht mehr einkriegt. Und dann kommt er also, der „Kuss“ zwischen Jaden und seinem weißen Sprayer-Kollegen – und damit eine Lektion, wie man mit den Mitteln der Montage etwas vortäuschen kann, ohne es wirklich zu zeigen. Jaden Smith trägt für mich zwar immer noch die Hoffnung auf eine neue schwarze mainstream-kompatible Männlichkeit in sich, aber trotzdem fühle ich mich von ihm, wie schon von seinem Vater 20 Jahre zuvor, um einen Kuss betrogen.

Michael Kienzl

Ein Fiebertraum von O.J. Simpson

OJ Made in America

Seit meiner Kindheit ist Kranksein mit dem Privileg verbunden, meine Lieblingsfilme vom Bett aus sehen zu dürfen. Mit den Jahren wurde aus der ständigen Wiederholung von Wolfgang Petersens Die unendliche Geschichte die regelmäßige Neuentdeckung der Filme von Hayao Miyazaki. Als ich dieses Jahr das erste Mal krank werde, entscheide ich mich ausnahmsweise gegen Prinzessin Mononoke, den ich sonst reflexartig in den DVD-Player schmeiße. Stattdessen nehme ich mir Ezra Edelmans O.J.: Made in America vor, eine Serie, die ich schon seit dem Sommer sehen möchte. Während die Serie in die dunkle Geschichte der USA zurückreist, schiebt sich das Fieber mehr und mehr in mein Bewusstsein. Die Ermordung von Malcolm X und Martin Luther King, die Polizeigewalt und die Aufstände in Los Angeles und ein junger O.J. Simpson, der mit dem Football in der Hand vor der Geschichte davonläuft, verschmelzen zu einem Fieberdelirium, aus dem mich das regelmäßig wiederkehrende Trompetenthema des Soundtracks aufschreckt. Die quälende Musik wird mich, wie die Albträume eines fröhlichen O.J. Simpson im Football-Jersey, in den nächsten Nächten nicht loslassen. Edelmans Serie habe ich bis heute nicht zu Ende gesehen. Die Fragmente meines Fieberdeliriums spuken mir aber noch immer durch den Kopf, wenn ich das Titelthema höre. Sollte ich diesen Winter noch einmal krank im Bett liegen, werde ich den amerikanischen Albtraum O.J. Simpson vergessen und wieder in der Welt von Miyazaki einschlafen.

Karsten Munt

Unsympathen, die man nicht loswird

Mein Leben als Zucchini

Ich bin mit Walkouts eigentlich nicht zimperlich. Warum sollte ich gegenüber einem Film, der mir unsympathisch ist, Gehorsam zeigen? Natürlich verdient jedes Werk erst mal Respekt, natürlich zahlt sich Geduld manchmal aus, doch gibt es Filme, die verscherzen es sich gleich mit ihren ersten Moves so dermaßen bei mir, dass ich ohne schlechtes Gewissen zum Filmdienstverweigerer werde, den schnellsten Fluchtweg aus meiner Sitzreihe vermesse, meine Sachen zusammensammle und weg bin. Wenn gute Filme wie Freunde sind, mit denen man eine schöne Zeit verbringt, dann sind schlechte Filme wie uninteressante Menschen – und man kann ihnen so viel leichter entfliehen als den echten!

Natürlich nicht immer. Bei dem wahrscheinlich irgendwie niedlichen und liebevoll animierten Mein Leben als Zucchini (Ma vie de courgette) sitze ich, hundemüde und festivalgerädert, auf den superengen Balkonsitzen im JW Marriot Hotel, wo in Cannes immer die Premieren der Quinzaine des Réalisateurs stattfinden – und dann auch noch so weit am Rand, dass ein Walkout eine minutenlange Turnübung über die Schöße von Leuten bedeuten würde, die gerade einen liebevoll animierten Film gucken wollen. Für Alex van Warmerdams Schneider vs. Bax habe ich einen Text zugesagt und verbringe den größten Teil seiner mit 95 Minuten viel zu langen Laufzeit damit, nach einer Ausrede zu suchen, keinen schreiben zu müssen. Manchmal will ich auch nicht gehen, weil ich entweder nicht verstehe, warum mich ein Film eigentlich derart abtörnt (Tim Suttons Dark Night), manchmal weil ich den Regisseur doch eigentlich mag (Jodorowskys Endless Poetry).

Schlimme Filme sind okay, solange sie mich in Ruhe weiterziehen lassen und es nicht persönlich nehmen. Wirklich schlimm sind sie nur, wenn man nicht mehr rauskommt, wenn man mal wieder verflucht, dass man immer nur bei den schönen Filmen selig im Kinosessel einschlummert. Unsympathen, die man nicht los wird, und denen man nicht einmal etwas erwidern kann, während sie einfach unentwegt weiterreden.

Till Kadritzke

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