Die Kleinbürgerlichkeit des queeren Kinos – Sex Trouble (I)

Das queere und das feministische Kino wollen Strukturen aufreißen und schaffen dabei selbst Stereotype. Mit einem zweiteiligen Special wollen wir uns dem Unbehagen widmen, wenn man gemeint ist, sich aber nicht angesprochen fühlt. Im ersten Teil erklärt Michael Kienzl die gängige Vorstellung von queerem Kino zu einem Fall für die Mottenkiste.

Rock Hudson

Als Angehöriger einer Minderheit ärgert man sich immer wieder mal darüber, dass man im Kino entweder gar nicht auftaucht oder nur als ein Stereotyp, das wahlweise abstoßend oder belustigend ist. Als ich in meiner späten Teenager-Zeit festgestellt habe, dass es Filme gibt, in denen Homosexualität nicht nur eine Fußnote ist, kam mir das erst einmal ungemein aufregend vor. Es war ein komisches Gefühl, plötzlich ganz selbstverständlich schwulen Sex zu sehen; ganz einfach, weil ich das, abgesehen von Pornos, nicht kannte. Ein paar Jahre früher, als ich es noch mit gnadenloser Selbstverleugnung versuchte, hatte ich mal einen Fernsehfilm über Rock Hudson gesehen. Darin gab es sogar so etwas wie eine Sexszene. Wenn ich mich richtig erinnere, stand der Hudson-Darsteller in einem Swimmingpool, ging langsam auf seinen Freund zu und umarmte ihn – und das war’s. In einer Welt, in der solche „Sexszenen“ nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind, ist es kein Wunder, dass man sich wünscht, heterosexuell zu sein. Die haben offensichtlich den besseren Sex. Oder besser gesagt: Die haben wenigstens überhaupt Sex.

Erzählmuster, Ästhetik, Typecasting – Vom Überdruss

Freddy s Revenge

Nach einigen Jahren ist der Reiz des Neuen dann ein bisschen verflogen. Einen Film zu sehen, der konkret mit einem zu tun hat und auch ein spezifisches Begehren anspricht, ist natürlich etwas, dessen man nicht überdrüssig wird. Doch wenn man sich die Programme von queeren Verleihen und Filmfestivals ansieht, stößt man immer wieder auf dasselbe Muster. Damit meine ich nicht nur Erzählmuster wie die unkaputtbare Coming-out-Geschichte, sondern auch eine bestimmte Ästhetik oder eine Form des Typecastings. Bilder von lichtdurchfluteten Räumen etwa, die immer auch so aussehen sollen, als würde man sie sich gerne in die Wohnung hängen und hübsche Jünglinge, die selbst bei den trivialsten Tätigkeiten noch etwas Erhabenes und Anmutiges haben. Den queeren Film kann es schon deshalb nicht geben, weil es sich dabei um kein richtiges Genre handelt. Und doch findet man hinter diesem Label nicht selten ein biederes Arthouse-Kino, das in seinen eigenen Routinen gefangen ist. Es gibt für diese Misere keinen allein verantwortlichen Schuldigen. Nicht das Publikum, das überwiegend das Vertraute dem Unbekannten vorzieht, nicht die Verleiher und Filmemacher, die zu wenig Wagnisse eingehen, nicht die Filmkritik, die zu themenfixiert ist und sich immer nur auf dieselben Regisseure konzentriert, und auch nicht „den Markt“.

Das Paradox des offenen Labels

Cheap Killers

Aber ist das, was sich queeres Kino nennt, denn wirklich schon alles? Oder gibt es da vielleicht etwas anderes, das nur über eine kleinere Lobby verfügt? Queer sollte nicht nur ein schickes Synonym für schwul, lesbisch oder trans sein, sondern wörtlicher genommen werden, alles vereinen, was von einer tradierten Vorstellung von Heterosexualität abweicht und sich dabei vor allem auf das Eigenartige, Sonderbare und Verrückte konzentrieren. Statt nur bestimmte Kategorien unter einem Namen zu vereinen, ist es sinnvoller, auch diese Kategorien infrage zu stellen. Es ist schon ein wenig paradox, dass ausgerechnet ein Wort, das für eine größtmögliche Unbestimmtheit und Offenheit steht, im Bereich des Kinos zu einem Label geworden ist, das derart normierte Filme bezeichnet

Wer Filme in heterosexuelle und ein queere teilt, wird überrascht sein, wie queer auch das vermeintlich heterosexuelle Kino sein kann. Die Dokumentation The Celluloid Closet hat hier einen etwas konservativen und auf Hollywood fixierten Kanon mitgeprägt, der immer wieder bemüht wird. Darunter finden sich auch Produktionen wie Ben Hur (1959) oder Spartacus (1960), in denen – auch historisch bedingt – die Figuren nicht als queer gelabelt werden, sondern es einfach sind. Doch es gibt eine unendliche Vielfalt, die in diesem Kanon keinen Platz gefunden hat. Etwa Renato Castellanis neorealistischer Film Unter der Sonne von Rom (1948), dessen erste halbe Stunde schwuler ist als ein ganzer Pasolini. Oder Yasujiro Ozus Weizenherbst (1951), in dem man eine Ahnung davon bekommt, das den Regisseur und seine Muse Setsuko Hara vermutlich keine Schwärmerei verbunden hat, sondern vielmehr eine Solidarität unter Leidensgenossen, die nicht in das heteronormative System Japans passen. Oder man sucht bei Genres, in denen man nun wirklich nichts zu finden geglaubt hätte – und stößt dabei etwa auf Clarence Woks ultraschwulen Hongkong-Actionfilm Cheap Killers (1998).

Papas schwule Gedanken

Sieben Tage Frist

Es scheint eine weniger klare Vorstellung davon zu geben, was queeres Kino ist, als davon, was es nicht ist. Feindbild ist vor allem das Mainstreamkino, der traditionell eher männlich besetzte Genrefilm und das Exploitationkino – in dessen Hinwendung zu einem überwiegend weißen, heterosexuellen und männlichen Publikum also gewissermaßen ein ähnliches Feindbild, wie es Papas Kino für die Unterzeichner des Oberhausener Manifests war. Doch hinter dem Angriff auf das Establishment verbirgt sich doch auch ein bildungsbürgerlicher Snobismus, der sich selbst über die vulgäre Popkultur erhebt. Und hat der Papa nicht vielleicht auch heimlich ein paar schwule Gedanken gehabt? Eine der großen Wahrheiten des Kinos ist, dass es völlig egal ist, was sich die Macher gedacht haben, weil letztlich nur der Film zu uns spricht. Ein homophober Regisseur kann ebenso einen queeren Film machen wie ein schwuler Regisseur einen heteronormativen. Leider interessieren sich einschlägige Medien meist nur für Letzteres.

Penitentiary

Überhaupt scheint es so, als wäre es vor allem der Anspruch auf eine bestimmte Vorstellung von Authentizität, die dem queeren Kino manchmal die Luft abschnürt. Wenn man Film als eine Kunstform begreift (von der auch das populäre Kino nicht ausgenommen ist), sollte er mehr Möglichkeiten haben, als nur die Wirklichkeit abzubilden. Liest man jedoch im Netz Texte von Journalisten und Usern zu queeren Filmen, scheint die Meinung weit verbreitet zu sein, dass das Kino nicht nur vom Leben an sich erzählen muss, sondern vom eigenen Leben. Wer sich jedoch immer nur selbst im Kino erkennen will und jeden Film anhand einer Checkliste bewertet, verpasst etwas. Wirklich schlimm kann es dann werden, wenn jemand den Eindruck bekommt, sich nicht selbst zu erkennen, und diese Enttäuschung in ein borniertes Wutbürgertum ausartet. So wurde etwa Andrew Haighs HBO-Serie Looking in manchen Internet-Foren schon vor ihrer Ausstrahlung in der Luft zerrissen, weil sie angeblich nur weiße Jungs aus der Mittelschicht zeigen würde.

Basic Instinct

Die Filmgeschichte hat gelehrt, dass queerem Aktivismus viel zu verdanken ist, aber auch, dass man der Aufregung um einen vermeintlich homophoben Film erst mal misstrauen sollte. Man erinnere sich nur an die wütenden Proteste gegen William Friedkins in der New Yorker Lederszene angesiedelten Cruising (1980) und Paul Verhoevens Basic Instinct (1992), der eine ziemlich durchtriebene bisexuelle Heldin hat, die auch vor Mord nicht zurückschreckt. Bei beiden Filmen entsprang der Aktivismus der kleinbürgerlichen Sehnsucht, in der Öffentlichkeit nicht als Perverser dazustehen („Schwule wollen nicht schwul sein, sondern sie wollen so spießig sein und kitschig sein wie der Durchschnittsbürger“, meinte einst Rosa von Praunheim). Dabei ist die Frage, wer nun das emanzipiertere Role Model ist – Sharon Stone als Eispickel-schwingende Sexbombe oder, sagen wir, Tom Hanks als verdruckster Langweiler in Philadelphia (1993) – schnell beantwortet. Und gerade Verhoeven und Friedkin haben es während ihrer Laufbahn immer wieder geschafft, queere Inhalte in den Mainstream zu schmuggeln.

Der authentische Imperativ

Blue is the Warmest Colour

Die Vorbehalte gegenüber heterosexuellen Regisseuren, die sich an queere Themen wagen, sind teilweise zwar begründet, oft aber auch von Vorurteilen belastet. Ein besonders hässliches Beispiel war die Resonanz von Teilen der lesbischen Community auf Abdellatif Kechiches Cannes-Gewinner Blau ist eine warme Farbe. Die Reaktionen fielen teilweise so extrem aus, dass man Angst haben musste, dass als Nächstes die Fackeln und Heugabeln rausgeholt werden. Die Schriftstellerin Eileen Myles etwa twitterte ihre Verachtung für Kechiche im Minutentakt aus dem Kino – ihr Urteil über den Film hatte sie dabei offensichtlich schon vorher gefällt. Einige der Kontroversen um Blau ist eine warme Farbe hatten mit einer längeren Sexszene zu tun, der ein onkeliger Voyeurismus vorgeworfen wurde, andere lediglich mit der Tatsache, dass hier ein heterosexueller Mann eine lesbische Geschichte erzählt. Man kann Kechiches Film natürlich, wegen was auch immer, kritisieren, aber besonders die Entrüstung darüber, dass Sex nicht so aussieht, wie er auszusehen hat, fand ich befremdlich. Wenn wir einmal Absurditäten wie keusche Umarmungen im Swimmingpool beiseitelassen, würde ich mir persönlich nie anmaßen, sagen zu können, wie ein authentischer schwuler Liebesakt auszusehen hat.

Cruising 1

Man trifft innerhalb der queeren Szene manchmal auf eine erschreckende Selbstgerechtigkeit, mit der man sich in der Gewissheit suhlt, dass die Bösen immer die anderen sind. Dabei wäre es gerade von großer Bedeutung, auch kritisch auf die eigene Welt zu blicken. Selbst ein ambitioniertes Magazin wie die „Sissy“, die sich laut Eigenbezeichnung dem „nicht-heterosexuellen“ Film widmet (und für die ich auch schon geschrieben habe), hat eine Beißhemmung, wenn es um die eigenen Leute geht. Verrisse sind dort kaum zu lesen – und das liegt nicht daran, dass dort nur gute Filme besprochen werden. Gerade wenn das queere Kino keine reine Nische sein soll, muss es angreifbar sein. Sich selbst unter Artenschutz zu stellen ist dagegen ein verheerendes Signal. Denn wenn alles in Ordnung ist, gibt es natürlich auch keinen Grund, etwas am Status quo zu ändern.

Je länger man sich mit Kino beschäftigt, umso klarer wird, wie wenig man eigentlich weiß. Mir geht es hier weniger darum, jeden obskuren queeren Film bekannt zu machen oder darum, das Arthouse-Kino an sich abzuwatschen. Das ist schon deshalb Quatsch, weil in diesem Bereich eine Vielzahl großartiger Regisseure tätig ist – Leute wie João Pedro Rodrigues, Todd Haynes, Terence Davies, Apichatpong Weerasethakul, Christophe Honoré, Ira Sachs und noch etliche andere. Was ich mir aber wünschen würde, ist eine andere Haltung, eine Weigerung, sich mit dem Offensichtlichen zufrieden zu geben, eine unstillbare Neugier, die offen dafür ist, das Eigene im scheinbar Anderen zu entdecken, und ein ständiges Hinterfragen der eigenen Vorbehalte.

Ein unbewusster Schöpfungsprozess

Romolus und Remus

Statt nur mit den mittlerweile doch recht gediegenen Filmen von Regisseuren wie Pedro Almodóvar, Gus van Sant und Ferzan Özpetek konfrontiert zu werden, würde ich gerne mal etwas über Regisseure wie den Spanier Eloy de la Iglesia lesen, der sich in der Grauzone zwischen Exploitation- und Arthouse-Kino seine eigene Nische geschaffen hat und mindestens der bessere Almodóvar ist. Über italienische Sandalenfilme, die sich scheinbar nur an heterosexuelle Jungs richten, aber jedes Beefcake-Bild züchtig aussehen lassen. Über den überraschend offenen Umgang mit Homosexualität in Genrefilmen wie Alfred Vohrers Internatskrimi Sieben Tage Frist oder Jamaa Fanakas Blaxploitation-Reißer Penitentiary. Über lesbische Nonnen und Vampire im europäischen Exploitationkino. Oder darüber, warum ein schwuler Schriftsteller und Horrorregisseur wie Clive Barker von der Community nie derart in die Arme geschlossen wurde wie etwa ein Francois Ozon. Wir sollten uns weniger mit Themen oder der sexuellen Orientierung von Regisseuren und Schauspielern aufhalten und dafür queer sowohl als einen unbewussten Schöpfungsprozess wie auch als eine Art der Rezeption sehen. Das queere Kino ist größer, als man denkt. Es wartet nur darauf, entdeckt zu werden.

Hier geht es zum zweiten Teil unseres Specials über die Stereotype des queeren und feministischen Kinos: Warum ich gern die Frauen in erotischen Filmen bin

Kommentare zu „Die Kleinbürgerlichkeit des queeren Kinos – Sex Trouble (I)“


urps

Vielen Dank für den mutigen Kommentar zur teilweise unsäglich reaktionären Queer Spießbürgerlichkeit und Engstirnigkeit. 1965 BRD lässt grüßen , ausgerechnet von den "Unterdrückten": Röhm, Kühnen, Butler, Schwarzer .. eine Reihe.

Fassbinder ist schon seit Jahrzehnten im Sarg am Kotzen. Die "Deutsche Eiche" in München hätte er längst angezündet.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.