Die Auflösung der Familie – Drei Filme von Noboru Nakamura

Das Forum erinnert an einen weiteren unsung hero der japanischen Filmgeschichte. Die kleine Auswahl besticht dabei durch ihre thematische Geschlossenheit.

The Shape of Night 01

Es ist Nacht in Tokio. Die bunten Lichter der Großstadt spiegeln sich in den Schaufenstern, und vergnügungssüchtige Fußgänger ziehen durch die Straßen. Eine Frau hält sich hier alleine auf, sie raucht eine Zigarette und dreht gemächlich ihre Runden. Ein geschulter Blick erkennt schnell: Sie wartet nicht etwa auf ihren Begleiter, sie bietet sich an. In Yoshies Biografie ist Prostitution die Endstation – und das weiß die junge Frau auch. Längst hat sich die Resignation in ihrem Gesichtsausdruck niedergeschlagen. Dabei hat man sie gerade noch in einer Rückblende als naiv neugierige Fabrikarbeiterin gesehen, die in einer Bar zu jobben beginnt und noch alles vom Leben erwartet. Die Begegnung mit dem schönen Yakuza Eiji wird ihr jedoch zum Verhängnis. Yoshies Unschuld wird zerstört, und das Melodram nimmt in The Shape of Night (Yoru no henrin, 1964) seinen Lauf.

Unerschöpflicher Optimismus

Die Forum-Sektion auf der Berlinale pflegt schon seit einer ganzen Weile eine schöne Tradition. Jedes Jahr wird ein Regisseur des japanischen Studios Shochiku mit einer kleinen, vom Tokyo Filmex Festival in abgespeckter Form übernommenen Retrospektive geehrt. Dabei variiert die Popularität der Filmemacher enorm. In diesem Jahr wurde mit Noboru Nakamura ein Regisseur vorgestellt, der selbst in seiner Heimat kaum bekannt ist. Die drei Filme, die auf dem Programm standen, stellen zwar nur einen Bruchteil von Nakamuras Werk dar, stehen aber untereinander in einer spannenden Korrespondenz, die nicht nur viel über die Entwicklung des Filmemachers verrät, sondern auch über den gesellschaftlichen und filmästhetischen Wandel der Zeit. Während es sich bei den beiden früheren Regiearbeiten noch um jene klassischen Shomingeki – japanische Alltagsdramen – handelt, für die Shochiku bekannt ist, markiert besonders der jüngste Film einen großen Sprung. Die Themen sind zwar ähnlich geblieben, der Erzählton ist jedoch über die Jahre zunehmend düsterer geworden, das Format breiter und die Bilder plötzlich farbig.

Home Sweet Home 01

The Shape of Night lässt sich in dieser Reihe als erschütterndes Schlusskapitel von Nakamuras Reflexionen über die japanische Familie verstehen. Noch dreizehn Jahre zuvor zeigte sich der Regisseur mit Home Sweet Home (Waga ya wa tanoshi, 1951) voller Hoffnung für die Zukunft. Milde und mitfühlend blickt er darin auf die Familie Uemura, ihre Träume und die bittere Realität der Nachkriegszeit. Gleich im Vorspann etabliert Nakamura mit der Aufnahme eines Miniaturhauses das Hauptmotiv des Films. Etwas später malt die musisch begabte Tochter ein Bild von der Villa ihres wohlhabenden Nachbarn, worin sich nicht nur ihr Wunsch nach Geborgenheit ausdrückt, sondern auch die niedere Stellung der Uemuras in der sozialen Hierarchie. Tatsächlich bieten die engen Holzwände des Mietshauses in Home Sweet Home Schutz vor den Strapazen des Lebens und die Familie einen Zusammenhalt, mit dem sich jede Enttäuschung besser verkraften lässt.

Zeitweise ist der Film arg süßlich geraten. Auch bevor ein plötzliches Happy End alles zum Guten wendet, gibt es bei den Uemuras nie etwas anderes als Verständnis und bedingungslose Solidarität. Die Bedrohungen kommen konsequent von außen, von der miserablen Wirtschaft, dem grimmig dreinschauenden Vermieter mit seinem deutschen Schäferhund oder dem depressiven Geliebten, der seit seiner Rückkehr aus dem Krieg ans Krankenbett gefesselt ist. Die Uemuras reagieren darauf wie das Musterbeispiel einer japanischen Familie: Zähne zusammenbeißen, bloß nicht jammern und das Beste aus der Situation machen. Home Sweet Home ist eine Anleitung zum Durchhalten. Während Japan zu dieser Zeit noch stark vom Krieg gezeichnet war, trotzen seine Figuren mit unerschöpflichem Optimismus ihren finanziellen Nöten.

Die Kinder müssen bluten

Sechs Jahre später sieht es schon ganz anders aus. Nicht nur der Himmel weint in dem wunderschönen When It Rains, It Pours (Doshaburi, 1957), auch die Figuren haben wenig zu lachen. Man kann den Film auch durchaus als ernüchternde Aktualisierung von Home Sweet Home sehen. Um Geld muss sich diese Familie zwar keine Sorgen machen, jedoch nur, weil sie einige Kompromisse eingegangen ist. Damit sie ihre Kinder ernähren kann, betreibt die Mutter ein Stundenhotel, das sich buchstäblich auf der anderen Seite jener Welt befindet, die gesellschaftlich akzeptabel ist. Nakamura hat dafür ein beeindruckendes Bild gefunden: Während sich das Hotel direkt an den Zuggleisen befindet und damit auch gleich eine mögliche Flucht mitgedacht wird, ist es außerdem über eine Fußgängerbrücke mit der anderen Welt verbunden. Mehr als einmal stehen die Figuren hier, nachdenklich und eingehüllt in den Dampf der vorbeiziehenden Lokomotiven. Sie schauen nach links, sie schauen nach rechts und wissen doch nicht so recht, wo sie eigentlich hingehören.

When It Rains It Pours 02

Bei all der Liebe, die noch innerhalb der Familie herrscht, ist die Blutsverwandtschaft in When It Rains, It Pours doch auch ein Fluch. Der Vater, der mit einer anderen Frau verheiratet ist, verkehrt eigentlich nur als Gast im Haus. Und weil die Mutter ein zwielichtiges Geschäft betreibt und es nie geschafft hat, die Rolle der Geliebten hinter sich zu lassen, müssen die Kinder bluten. Als wäre es ein unvermeidliches Schicksal, landet die älteste Tochter schließlich als Hostess in einer Animierbar. Eigentlich gibt es keine Notwendigkeit für sie, ihren Körper zu verkaufen, es scheint eher, als sei es schon in ihren Genen angelegt, die schändliche Familientradition weiterzuführen – eine seltsame Vorstellung von Erbsünde, auf die man in japanischen Melodramen immer wieder stößt. Um die Harmonie zu wahren, steht am Ende ein weiteres, bitteres Zugeständnis: Die Familie kann nur dann gerettet werden, wenn sie ihre eigenen Mitglieder opfert.

Das Zuhause als Gefängnis

Schimmert in When It Rains, It Pours immer wieder die Hoffnung auf einen Neuanfang durch, so zeigt The Shape of Night einen sozialen Abstieg, der sich nicht mehr umkehren lässt. Darüber können auch die betörende Eleganz der Cinemascope-Bilder und die impressionistischen Spielereien mit dem urbanen Neonlicht nicht hinwegtäuschen. Die Familie hat sich in diesem zwischen Melodram und Exploitationkino pendelnden Film endgültig aufgelöst, und das Zuhause ist zum Gefängnis geworden. Von ihren Eltern kann Yoshie keinen Trost erwarten, und sie selbst wird ohnehin nie die Gelegenheit haben, es als Ehefrau und Mutter einmal besser zu machen. Das Abhängigkeitsverhältnis, das letztlich auch in jeder Familie herrscht, zelebriert sie mit Eiji dafür umso heftiger. Schon der Einstieg in die Prostitution geschieht nicht aus ihrer, sondern aus der Geldnot ihres Liebhabers. Wenn man an den Falschen gerät, bringt es auch nichts, wenn es der Wirtschaft noch so gut geht. Vom Körper seiner Freundin lässt sich Eiji seinen Lebensstil finanzieren, schlägt sie und ist am Ende auch nur ein armes, impotentes Würstchen in der unteren Hackordnung der Yakuza.

When It Rains It Pours 01

Die innere Zerrissenheit Yoshies exerziert Nakamura in erhabenen Bildkompositionen immer wieder aufs Neue durch. Indem er Eiji ein paar zärtliche und verletzliche Momente zugesteht, zeigt er auch, wie schwierig es ist, diese Sau zu verlassen. Überraschend ist etwa, dass sich Nakamura ausgerechnet in einem Genre, das Frauen so gerne beim Leiden zusieht, bei einer in dieser Hinsicht besonders effizienten Szene auf den Mann konzentriert. Während Yoshie Opfer einer Massenvergewaltigung wird, ist die Kamera auf den daran zumindest teilweise schuldigen Eiji im Nebenzimmer gerichtet. Dort sitzt er dann, starrt desillusioniert in die Leere und zerreißt nach und nach eine Tatami-Matte. Man sollte jedoch keinen Sinneswandel erwarten. Aus dem Dilemma dieser Beziehung führt auch kein Kompromiss heraus.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

So bedauerlich es ist, dass nur so wenige Filme Nakamuras auf der Berlinale zu sehen waren, wirkt die diesjährige Auswahl doch gerade durch die inhaltlichen Parallelen in sich geschlossen. Drei Positionen treffen dabei aufeinander, die im Grunde genommen immer das Gegenteil jener Stimmung beschwören, die gerade in Japan herrscht. Home Sweet Home tröstet etwa noch mit einer grenzenlos optimistischen Familie über die Kriegstrümmer hinweg. Je besser es dem Land dann in den folgenden Jahren ging, desto schlechter ist es um Nakamuras Figuren bestellt. Nach diesem Neugier weckenden Einstieg wäre es jetzt nur noch interessant zu wissen, was der Regisseur in den zahlreichen Biopics, Komödien, Romanverfilmungen und Remakes erzählt, die es nicht nach Berlin geschafft haben.

Vom 22. bis zum 24. Februar 2014 sind die Filme von Noboru Nakamura noch einmal im Berliner Arsenal zu sehen. Das Programm gibt es hier

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