Diagonale 2016 (3): Wenn Satire ins Schleudern kommt

Sensationsjournalismus und ästhetische Platzpatronen: Zwei Filme versuchen sich an satirischer Zuspitzung, verlieren sich aber in Zynismus und bloßer Aufzählung.

Thank You For Bombing 02

Ein Mann am Wiener Flughafen. Allein rollt er auf dem Fahrsteig vorbei, durchquert das Labyrinth der Wartezonen. Ewald ist Kriegskorrespondent. Sein Ziel ist Afghanistan, doch sein Weg führt immer wieder zurück nach Bosnien, zu dem Tag, an dem er Zeuge des Massakers von Kostajnica wurde. Die erste der drei Episoden aus Barbara Eders Thank You for Bombing entwirft das Bild eines traumatisierten Reporters, ohne ihn oder uns zum Kriegsschauplatz zu führen. Die Stimme eines Serben reicht aus, um ihn in Panik zu versetzen. Gelähmt von der Erinnerung an Kostajnica, steht Ewald in der Warteschlange, während sich seine Hose mit seinem eigenen Urin vollsaugt. Er wird nicht nach Kabul fliegen. Wo der Krieg Ewald näher kommt, rückt Afghanistan für ihn in weite Ferne. Eine Realität, die auch für den Film gilt, der in den folgenden Episoden die Handlung nach Kabul verlegt. Dort geht Korrespondentin Lana (Manon Kahle), zwischen Zumba-Fitnesseinheiten mit für die Kamera gespielter Begeisterung und einem Britney-Spears-Besuch, auf die Suche nach der „großen Story“. Und Cal (Raphael von Bargen), Archetyp des zynischen Kriegsreporters und Protagonist der finalen Episode, will einfach nur mal wieder von einem „richtigen Krieg“ berichten.

Zynische Grundhaltung

Thank You For Bombing 03

Die in Afghanistan gedrehten Episoden des Films sind sichtlich um Authentizität bemüht, verkommen aber zu ergebnislosen Schockszenarien. Schauplätze, Statisten und Reporterjargon entsprechen zwar durchaus dem Anspruch der glaubwürdigen Milieudarstellung, doch die Menschen, die sich in Eders Afghanistan bewegen, wirken wie Plastinate: Figuren, die nicht wirklich zum Leben erwachen wollen, die keinen Bezug zu dem haben, was der Film aus ihnen zu machen versucht. GIs sind die gewohnt grausamen Meatheads, die einen Koran verbrennen und das Video-Geständnis zur Tat gegen die Aussicht auf eine Vergewaltigung einzutauschen versuchen. Lana, durch und durch karrieregeile Reporterin, nimmt ihr Angebot an. Vielleicht ist sie ja tough genug dafür. Die folgende Erniedrigung erscheint durch ihre Entscheidung selbst legitimiert. Die zynische Grundhaltung von Thank You for Bombing filtert das wirkliche Grauen, das hinter dem Missbrauch steht, für uns heraus.

Thank You For Bombing 01

Das Schicksal Cals verhandelt der Film auf ähnliche Weise. Durch seine Arbeit zum zynischen Obszönitätsautomaten umprogrammiert, irrt der abgestumpfte Cal durch sein Kriegsreporter-Dasein. Halbherzig versucht er, ein Kind zu „Death to America“-Parolen mitsamt Fahnenverbrennung zu motivieren, setzt seiner Frau, die in einem Skype-Gespräch mit Rotwein spontan die Scheidung vollzieht, ein schlichtes „okay“ entgegen, und ist überhaupt ein Arschloch, das geläutert gehört. Die Extreme, in die Eder ihre Figuren führt, fügen sich zu einem Film zusammen, der den Zynismus des Milieus seinerseits in eine fingierte Sensationsreportage umwandelt. Die kann weder das Versprechen einer Satire einlösen, das im Titel mitschwingt, noch einen empathischen Zugang zum Alltag der Afghanistanreporter finden. Denn die Emotion lässt Thank You for Bombing am Wiener Flughafen zurück.

Sedcard des Kapitals

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Daniel Hoesl vorzuwerfen, dass er das satirische Potenzial seines Filmtitels nicht genutzt hätte, erweist sich spätestens mit dem Abspann als haltlos. WINWIN spielt nicht nur auf die gleichnamige Situation an, sondern ist auch der Name einer asiatischen Schönheit, die mit Mindcontrol-Verbeugungen und psychedelischen Kleidern die österreichischen Eliten hypnotisiert. Sie ist Teil des Investoren-Teams, das wie ein Querschnitt aus Mode-Katalogen wirkt: der kantige Amerikaner Bernard Efferant (Jeff Ricketts), die androgyne rothaarige Schönheit Frances Sandberg (Stephanie Cummings) und Dreitagebart-Schönling und Namensgeber der Gruppe Nicolas Lachmann (Christoph Dostal). Zu knackigen Elektrobeats steigen die Finanzriesen aus ihrem Privatjet, um über die Landebahn zu ihrem ersten Meeting zu flanieren.

Ästhetische Platzpatronen

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Meetings und Geschäftstreffen sind das Herzstück von WINWIN. Im Kader des 4:3-Bildes, festgehalten wie in einem Porträt, starren die Investoren ihr Gegenüber direkt an. Gesprochen wird ausdrücklich in Slogans und Plattitüden. Ob einer der Anwesenden gemeint ist, oder etwa doch der Zuschauer, bleibt hinter der Montage verborgen, die keinerlei räumliche oder inhaltliche Kontinuität zulässt. „Investment“, „internationale Ausrichtung“, „Wachstum“, „Produkt“ – die Kampfbegriffe der Unternehmensführung fliegen wie Platzpatronen durch den Raum, die genügend Lärm machen, um die ahnungslosen Gegenüber der Investoren zu beeindrucken. Sukzessive lässt WINWIN Vertreter aller vorstellbaren Branchen und Gesellschaftsentitäten in den sterilen Konferenzräumen antreten, wo sie, beeindruckt von den Faxen der Kapitalmodels, ihre Firmen, Verlage, Kunstsammlungen und Identitäten überschreiben.

WINWIN 03

Der formale Aufbau dieser Leere, dessen strenge Kadrage, Farbkodierung und Close-up-Ästhetik allesamt Godards La Chinoise (1967) entstammen zu scheinen, wird mit Ansätzen eines Plots unterfüttert, der nicht so wirklich etwas beitragen möchte. Die meiste Zeit schwebt WINWIN in Überzeichnungen des Luxus dahin. Nouvelle Cuisine und Office-Tai-Chi wechseln sich mit Squash und Segways in der leeren Büroetage ab und fügen sich zu einer szenischen Aufzählung der fröhlichen Dekadenz zusammen, die keine Zuspitzung findet, weil sie eben nichts wirklich formuliert. Hoesl wird nie konkret, traut sich aber auch nicht wirklich abstrakt zu werden. So driftet WINWIN dahin, in der Hoffnung, irgendwo anzuecken.

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