Diagonale 2016 (2): Österreich ist am schönsten, wenn es sich ekelt.

Die Filmreihe „Österreich: zum Vergessen“ zeigt die Filmgeschichte Nachkriegsösterreichs im Schlagabtausch.

Die Ausgesperrten 01

„Jetzt wissen Sie alles und können daher über mich verfügen“, lauten die letzten Worte in Franz Novotnys Film Die Ausgesperrten (1982). Man kann diesen Satz, der aus Elfriede Jelineks gleichnamigem Roman stammt, als Schlusspunkt einer Anklage des österreichischen Opfermythos sehen, die Novotny in seinem Film formuliert. Eine Anklage, die die Filmreihe „Österreich: zum Vergessen“ des österreichischen Filmmuseums und des Filmarchivs Austria mit der Opferlegende kollidieren lässt, die Frank Ward Rossaks Film Sturmjahre – Der Leidensweg Österreichs (1947) propagiert. Rossak, eine Art politischer Opportunist des frühen österreichischen Kinos, inszenierte 1930 mit Mister Pim’s Trip to Europe zunächst einen sozialdemokratischen Propagandafilm, nur um sich dann der NS-Führung anzunähern, von der er jedoch weder die Parteimitgliedschaft noch die Möglichkeit, unter ihr Filme zu produzieren, erhielt. So behielt Rossak auf dem Papier eine weiße Weste, die er Österreich in seinem Film gleich mitanzog.

Goldene Jahre

Sturmjahre 01

Es beginnt in den Zwanzigern. Goldene Jahre. Die Fließbänder und Maschinen laufen, die Arbeiter schuften tüchtig für das Wohl Österreichs. Gefüttert von fleißigen Landwirten, die mit bestellten Feldern und grasendem Vieh den Grundstein für den ewigen Kreislauf im gut genährten Österreich legen. Die Jahre zwischen der Republik Österreich und dem Austrofaschismus walzt Rossak mit einem schier unerschöpflichen Archiv aus Industrie- und Landwirtschaftsmontagen so breit aus, bis seine bebilderte Lobrede den Platz als einzige mögliche Vergangenheit Österreichs einnimmt. Die Versatzstücke, aus denen Rossak das Österreich der 1920er Jahre konstruiert, reißt er dann mit der Weltwirtschaftskrise wieder auseinander. Durch das Verschulden der anderen kommt die Industrie zum Erliegen. Die Maschinerie des Wohlstands wird zu Alteisen, der Arbeiter wird zum Erwerbslosen, und der nun leer gewordene Kornspeicher bekommt seine Spinnweben direkt auf den Film gemalt. Rossaks speziell für die Verwendung im Ausland konzipiertes Propagandastück sucht dort schon vor der Besetzung durch die Nazis die Schuldigen am „Leidensweg“ Österreichs.

Armes Österreich

Sturmjahre 02

Um diesen „Leidensweg“ zu manifestieren, zieht Rossak Individuen aus dem bisher als Kollektiv dargestellten österreichischen Volk. Der Arbeiter, seine Frau und seine Kinder werden als Träger der Schmach zu Schablonen der Opferlegende. Ein Aufbau, der sich bis zum Ende der NS-Besetzung weiter steigert. Nachdem Wien schließlich in Trümmern liegt, erzählt Rossak die Geschichte des kleine Franz. Sein Elternhaus, verwandelt in einen Schutthaufen, erinnert nur durch ein Foto von Franzls Mutter, das zwischen den Trümmern liegt, an eine Zeit vor dem Krieg. Das Perfide an Rossaks Erzählung ist, dass sie konsequent ausklammert. Neben den Einzelschicksalen wird in erste Linie das zerstörte, einst zur Festung erklärte Wien zum Klagelied des Films. Nicht um die Opfer der Gräueltaten trauert Rossaks Film, sondern um die schönen Bauten der Hauptstadt. Sturmjahre verklärt den Zweiten Weltkrieg zum Materialschaden, den das „kleine Österreich“ ohnmächtig hinnehmen muss. Das Land wird „zum ersten Opfer der Nationalsozialisten.“

Wehrmachtspanzern, die Böschungen niederwalzen, stellt die Montage Bilder einer ausgelassenen Feier gegenüber. „Die Welt schaut weg!“, verkündet der Erzähler. Die Momente, in denen die Geschichtslüge am deutlichsten fabriziert wird, sind zugleich diejenigen, in denen Rossak am gewagtesten mit Filmsprache umgeht. Doch von diesem kleinen Ausreißer in die dialektische Montage abgesehen, beschränkt sich der Regisseur auf das Neu-Arrangieren von historischem Filmmaterial, das er mit den inszenierten Erzählepisoden unterschneidet. Als zentrales Element der Geschichtslüge müssen auch die Partisanen herhalten, die Rossak als Vorbild für die wahren Österreicher inszeniert: Tapfere, edle und doch ohnmächtige Helden. So naiv Rossaks Film oft wirkt und so weit er von der visuellen Durchschlagskraft der Werke einer Leni Riefenstahl entfernt sein mag, so nahtlos fügt sich der „Leidensweg Österreichs“ doch in die erfolgreiche Bildung des Opfermythos ein.

Bomben auf die Verdrängungskultur

Die Ausgesperrten 02

Franz Novotny braucht nicht einmal fünf Minuten, um die Opferlegende vom „Leidensweg Österreichs“ unter Artilleriebeschuss in Rauch aufgehen zu lassen. Der SS-Kollaborateur Otto (Rudolf Wessely), der noch die spitze Nase seines Judenkostüms trägt, als er versucht, sich einem SS-Offizier anzubiedern, wird von einem Geschoss verstümmelt. An den blutgetränkten Krater, in dem der Getroffene liegt, schließt Novotny ohne Umwege seine Wohnung im Wien der 1950er Jahre an. Hier trägt der Kriegsversehrte Otto seine Krücken als Waffe und seine Beinprothese als Schild. Mit den Krücken prügelt der alte Patriarch seine Frau Gretl (Emmy Werner) und seine Kinder Anna (Ursula Knobloch) und Peter (Paulus Manker). Ein harmloses Vorspiel der sexuellen Demütigungen und Erniedrigungen, die er seiner Familie noch beibringen wird. Als moralischer Schild schützt ihn das Zeichen des Kriegsversehrten: seine Prothese. Sie macht den Patriarchen zum unantastbaren Opfer. Die Ausgesperrten erzählt vom verzweifelten Aufschrei einer Generation, gegen die Opferlegende, in der sich Österreich reinwäscht.

Die blutige Antwort auf die Nachkriegschauvinisten, die Elfriede Jelinek (die im Film selbst als Lehrerin auftaucht) bereits in ihren Roman formuliert hat, inszeniert Novotny als Film, der sich ekelt, der mit Bomben um sich wirft, der mit dem Terror einer Generation, die „nicht zu fragen, sondern nur zu bitten hat“, eine Lüge zu tilgen versucht. Anna und Peter sind diese Generation. Novotny zeigt sie in tristen Klassenzimmern, Bars, die wie Bauruinen wirken, und in den grauen Unterführungen und Kanälen Wiens. Räume des Schweigens, in denen der Aufschrei gegen den Chauvinismus der alten Herren Österreichs verhallt und sich schließlich zum vernichtenden Nihilismus wandelt: Geile alte Säcke werden angelockt und ausgeraubt, ein Kriegsversehrter wird so lange niedergeprügelt, bis seine mit Geld gefüllte Prothese aufplatzt wie eine Piñata. Jede Form der Unschuld wird symbolisch und schließlich mit offener Gewalt negiert und zerrissen. Unschuld ist etwas, dass Novotny und Jelinek im dreckigen Wien der 1950er Jahre niemand erlauben. Es gibt keine Opfer mehr in diesem Österreich.

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