Der Wert der Filmkritik

Zum Symposion „Im Netz der Möglichkeiten – Filmkritik in Zeiten des Internet“

Im Verlauf der Veranstaltung wurde eines immer deutlicher: Die Mehrzahl der Wortführer hat Filmkritik als journalistische Gattung bereits aufgegeben. Wir halten dagegen.

Um das Berufsbild des Kritikers, die ökonomische Realität und neue Formen der Filmkritik sollte es am Donnerstag gehen. Der Verband der deutschen Filmkritik hatte ins Berliner Filmmuseum eingeladen, über den Stand der Filmkritik im Netz zu diskutieren. Auch critic.de beteiligte sich daran, in Form von Podiumsbeiträgen und einem Kurzreferat (siehe unten).

In den Aussagen einiger Gäste, Ekkehard Knörer (hier sein Vortrag) und Volker Pantenburg (hier sein „Eintrag“) seien exemplarisch genannt, spiegelte sich zuvorderst der Wunsch nach einer Filmkritik, die sich ausschließlich ihrer eigenen subjektiven Filmauswahl verpflichtet sieht und den Leser nicht in den Blick nehmen darf. Diese Extremposition, die vielleicht so gar nicht beabsichtigt war, möchten wir von critic.de eine andere gegenüberstellen: Die einer Filmkritik, die sich dezidiert als journalistische Gattung versteht. Natürlich wollen wir eine Öffentlichkeit herstellen, für eine kritische, analytische und präzise Beschäftigung mit Film. Für uns schließt das keineswegs aus, dass in der redaktionellen Arbeit der Austausch am Gegenstand zentral bleibt. Es bedeutet aber auch, dass wir uns aktuellen Filmen, die unsere Leser derzeit im Kino, auf DVD und im TV sehen können, widmen. Die Auseinandersetzung mit Film ist nicht umso lobenswerter, desto obskurer der Gegenstand ist. Cinephilie umfasst ebenso sehr Teile des Mainstream wie Teile des Kunstkinos. Wenn in Zeiten des Internet potentiell alle Filme greifbar sind, wird die Rolle von Filmmagazinen als Filter umso wichtiger. Eine Aufgabe des Kritikers in diesem Kontext ist es mit Sicherheit, Filmen eine Chance zu geben, die der Markt an den Rand drückt. Selten zu sehende Filme hervorzuheben, das war auch unser Ansatz mit der Filmreihe debut – das critic.de premierenkino. Das sollte allerdings stets nur eine Seite der Arbeit als Filmkritiker sein.

Viele Film-Blogs und -Websites schreiben ausschließlich von der eigenen Lust und dem persönlichen Geschmack ausgehend. Das macht die Diversität des Internet mit aus. Nicht selten klingt darin aber eine Verweigerungshaltung an, die letztlich das Feld der Aktualität den anderen überlässt: Das sind im Internet nicht zuletzt große Kinoportale, die kritiklos und gleichberechtigt „Sexy Stars“ und gesponserte „Filme der Woche“ nebeneinander stellen. Dass es dazu eine Alternative geben kann und muss, dafür engagieren wir uns.

Frédéric Jaeger
 

Vortrag von Sascha Keilholz

Die Diskussionen über den Begriff Filmkritik sind beinahe genauso alt wie die Debatte über das neue Medium selbst. Rudolf Arnheim, Siegfried Kracauer und Bela Balasz, um nur einige zu nennen, haben wir frühe schriftlich festgehaltene Diskussionen über unseren Gegenstand zu verdanken.

In seinem Kleinem Filmlexikon definiert Charles Reinerts Filmkritik bereits 1946 wie folgt: „Beurteilung eines Films von künstlerischen, technischen, weltanschaulichen, soziologischen und psychologischen Gesichtspunkten aus.“ Weiter heißt es: „Filmkritik umfasst Inhalt und Form des Films“.

Vermutlich alles Aspekte, denen wir uns leicht anschließen können. Im Zentrum meines Interesses heute steht Reinerts Unterscheidung von Filmkritik und Filmbesprechung. Helmut H. Diederichs nennt in seinem „Anfänge der deutschen Filmkritik“ ein „Modell für eine bis heute geübte Praxis der Filmbesprechung: Inhaltsangabe mit anschließendem kurzen Urteil über Schauspieler und Inszenierung“.  

Diederichs bezieht sich  im Jahr 1986  auf die Praxis im Printbereich, wie wir sie aus den Magazinen und Zeitschriften bis hin zu den Feuilletons kennen.

Die Form des Internetfilmjournalismus, von der ich jetzt spreche, definiert sich mit Sicherheit sehr stark über das Verständnis, Filmkritik und nicht Filmbesprechung zu sein.

Wenn im Pressetext zur heutigen Veranstaltung von der Differenz zwischen Kritik und Meinungsäußerung die Rede ist, versteckt sich dahinter nichts anderes als die Schnittmenge zweierlei Fragestellungen: besagter nach der Differenz von Filmbesprechung und Filmkritik - und der im ersten Panel angesprochenen Frage nach dem Berufsbild.

Vor dreißig Jahren formulierte Klaus Eder bei einem Seminar der AG Filmjournalismus: „Filmkritiker ist, wer sich als solcher erklärt.“ Die dort polemisch zugespitzte Indifferenz ist meines Erachtens – abgesehen von den ökonomischen Veränderungen – der Kern jenes Alptraums professioneller Filmjournalisten, der unsere Debatte überhaupt losgetreten hat: Das formlose Schreiben der Amateure im Netz.

 

Die Debatte um Kritik und Internet ist, ganz offensichtlich, zu einer Debatte um die Form, nicht um das Medium avanciert. Spricht aus manchen etablierten Kritikern doch die Angst, ihre erprobte tradierte Form der feuilletonistischen Kritik würde sich in den Blogs und Foren vermischen. Zumal in den puren Meinungsäußerungen Unqualifizierter.

Dabei verschwimmt die Form, wie bereits angedeutet, nun wirklich nicht primär im Medium Internet. Andernorts stehen die Kurzkritiken, nicht selten Variationen der Inhaltsangaben von Presseheften zwischen den gebuchten Filmannoncen, stehen Daumen, Noten und Sterne neben Kritiken. Je nach Verlag werden auch gerne die Blockbuster, mainstreamfreundliche Publikumslieblinge, im PR-Ton angepriesen. Ganz zu Schweigen von deutschen Ereignisfilmen, bei denen manche Redakteure und Herausgeber schon mal Kritik und Werbekampagne verwechseln. Nicht weniger problematisch sind die gewollten Arthouse-Hymnen an anderer Stelle zu bewerten.

Die Liste wäre an dieser Stelle beliebig zu verlängern und problemlos zu konkretisieren. Bei der Angst um die Aufweichung der Formen müssen wir uns also wirklich nicht aufs Internet konzentrieren.

Was mir wasserdichter erscheint, ist die Frage nach dem Verschwimmen professionellen und non-professionellen Schreibens.

Zwar handelt es sich bei vielen Bloggern um alles andere als PR-Agenten der Filme, ihnen ist häufig vor allem Subjektivität und ein Standpunkt jenseits des Mainstreams wichtig, vor allem aber ihre Freiheit und Unabhängigkeit, allerdings schreiben sie doch zumeist aus der Perspektive des – mehr oder weniger – elaborierten Fantums.

 

Auch viele der redaktionell geleiteten Filmseiten im Internet – und um diese soll es nun im exemplarischen Bezug auf critic.de gehen – sind zumindest als non – professionelle, also „amateurhafte“ Projekte gestartet und werden teilweise von außen noch immer so gesehen. Amateurhaft heißt in diesem Fall vor allem ohne Verlagsgruppe im Hintergrund und ohne oder mit geringem Budget ausgestattet. Womit ich nun keinen Vergleich zum Begriff des charmanten Guerilla-Filmmaking ziehen möchte, denn das würde genau in die falsche Richtung führen.

Tatsächlich eint die Beteiligten eines Projektes wie critic.de vor allem die genaue Vorstellung dessen, was Filmkritik – egal in welchem Medium – sein kann und sollte. Und zwar auch in Bezug auf die beschriebene große hiesige Tradition. Es handelt sich dabei um Leute, deren gemeinsame Grundlage die Cinephilie im besten Sinne ist. Was nichts anderes heißt, als dass der Gegenstand in den Vordergrund und gegebenenfalls der Autor in den Hintergrund rückt.

 

Bruno Fischli schrieb bereits im Jahrbuch Film 1981/82: „Ziel der Filmkritik ist es, dem Leser einen produktiven Zugang zu verschaffen.“ Was eine richtige, aber eben nur eine Seite der Medaille ist. Natürlich ist die Filmkritik als Sprechakt zu verstehen. Entscheidend ist für mich dabei allerdings Kommunikation als Austauschprozess. Das Internet – mit all seinen hier schon angeführten und zum Teil besprochenen Problemen – ist ein idealer Ort für eine interaktive Auseinandersetzung, wie sie in den Feuilletons kaum geführt wird. Das Reden, das Sprechen über Film darf nicht, wie im Selbstverständnis manchen Redakteurs erahnbar, auf ein Sender-Empfänger-Verhältnis reduziert werden. Filmkritik kann nur im öffnenden, Austausch suchenden Sinn funktionieren.

Was bei uns konkret im redaktionellen Alltag seine Basis findet.

Die Idee des gemeinsamen Kinobesuchs – von den Verleihern und Agenturen mal mehr, mal weniger verständlich torpediert – ist der Ausgangspunkt eines Redens und Diskutierens über Film. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Film, eine Reflexion gesellschaftlich-sozialer Prozesse, ist die Grundlage. Sie kann nur im Pro und Contra, im Für und Wider, in der ständigen Diskussion und Argumentation geführt werden.

Genauso wie der Redigierprozess, in den bei einem Projekt wie critic.de gleich mehrere Autoren und Redakteure eingebunden sind – nicht um die „Eigenständigkeit“ des Autors zu gefährden, sondern um frühzeitig in einen Diskurs einzutreten, der für mich Filmkritik – weit über den Servicecharakter hinaus - ausmacht.

Tatsächlich schätzen viele unserer Autoren diese genaue Arbeit am Text und diese rege Diskussion über Inhalte. Die Autoren, das sind zum Teil Journalisten, zum Teil Wissenschaftler und zum Teil tatsächlich nicht-professionelle Autoren insofern, als dass sie gerade erst mit dem Schreiben beginnen. Auch ohne Engagement bei einer Schülerzeitung und Sporen-Verdienen im Lokalteil des ortsansässigen Regionalblattes, bei mancher Zeitung noch immer gern als Einstiegsbasis gesehen. Das sind Autoren, die zum Teil keine Praktika, Volontariate oder gedruckte Probekritiken vorlegen können. Amateure also. Dafür aber gerne mit exzellenten filmtheoretischen und filmpraktischen Ausbildungen. Dieser Generation, die mit ganz neuen historischen, theoretischen und analytischen Vorerfahrungen an das Schreiben über Film herangeht, bietet vor allem das Internet eine Publikations- und, entscheidender, Ausbildungsplattform.

Texte, die über Ideologiekritik weit hinausgehen und der Form, dem Stil, dem Genre, etc. gerecht werden.

Die Grundvoraussetzung dafür, auch bei critic.de, ist eine genaue Kenntnis der Materie, ein kritisches Bewusstsein dem Gegenstand gegenüber, das Talent zu Argumentieren - und zum Formulieren.

Entscheidendes Kriterium ist immer die Qualität des Textes. Entspricht eine Kritik nicht dem redaktionellen Anspruch, muss sie nicht online. Die Seite muss nicht gefüllt werden.

Unsere redaktionellen Grenzen werden nicht von Anzeigen- oder Zeilenvorgaben gesteckt, sondern schlichtweg von der eigenen eingebrachten Man-Power. Wenn wir einen Text für inhaltlich gut erachten, findet er bei uns auch seinen Platz. Genauso wie die Auseinandersetzung mit fast allen besprochenen Filmen in Form einer Langkritik stattfindet. Die Auseinandersetzung mit Film – egal als Kurzfilm, als Fernsehfilm, auf einem Festival oder auf DVD, findet grundsätzlich gleichberechtigt und im entsprechenden Rahmen statt.   

Wenn man also das öffentliche Sprechen von, die Rede über den Film, am Leben hält und in den Vordergrund stellt, dann hat die Kritik als deren qualifizierte Form, auch eine Zukunft. Und wo sollte diese stattfinden, wenn nicht im Internet, dem interaktiven Ort der Interaktion?

All das ist unter den gegebenen Umständen ein Luxus, den wir uns leisten, bzw. teuer gewähren, betrachtet man die im Internet noch üblichen Saläre. Doch wenn die kritische Auseinandersetzung mit Film im Internet mittelfristig, und auf dem Weg dahin ist diese Veranstaltung hoffentlich ein Mosaikstein, die Beachtung findet, die sie, zumindest was viele Seiten anbelangt, verdient, dann ändert sich vielleicht auch das. Was wirklich nicht nur ein Traum wäre – sondern, vielmehr als eine Utopie, vor allem eine Chance.

Kommentare zu „Der Wert der Filmkritik“


Ekkehard Knörer

Da fühle ich mich vielfach missverstanden, lieber Frédéric Jaeger. Zum einen habe ich pointert - und überpointiert -, was das Schreiben im Internet von der von Ihnen eingeklagten, in Wahrheit natürlich derzeit noch sehr vorhandenen, Aktualitätsfilmkritik in journalistischen Formaten unterscheidet. Diese Aktualitätsfilmkritik betreibe ich selbst und wenn Sie glauben, ich täte das ungern, dann täuschen Sie sich. Allerdings würde ich mir in der Tat wünschen, dass Filmjournalisten - im Netz und anderswo - vom Aktualitätsfetischismus, der so herrscht, etwas deutlicher und öfter Abschied nähmen, um über Tellerränder und Horizonte zu gucken. (Aber nicht um mit der Nase in Drehbüchern von Filmen von morgen zu landen.) Die hier und heute herrschende Objektivität, die der von Ihnen Ihnen fälschlich unterstellten reinen Subjektivität gegenübersteht, ist ja nun nichts weiter als die Objektivität der Industrie. Sich der sklavisch zu unterwerfen (wie das die meisten Feuilletons und in der Regel auch critic.de tun), dafür darf man sich dann nicht ausgerechnet aufs populistische Publikumsargument berufen. Die Objektivität des Filmkritikers besteht fü r meine Begriffe viel eher darin, dass er den Gegenstand, den er liebt, an ein Publikum vermitteln möchte, von dem er glaubt, dass es für den Gegenstand interessierbar und dass es so emanzipiert ist, weder PR-Sprüchen zu glauben noch den Geldern zu trauen, , die Filme in den Markt zu drücken verstehen, die dann und nur deshalb wichtig aussehen.


Frédéric Jaeger

Lieber Ekkehard Knörer,
einig sind wir uns darin, dass es für den Kritiker dazu gehört, die Aktualität und deren Mechanismen zu hinterfragen, über das einzelne aktuell in den Vordergrund gerückte Werk hinauszublicken.
Ganz im Gegensatz zu dem, was Sie bei uns bemängeln, ist das in der Tat einer der zentralen Ansätze unserer Arbeit bei critic.de. Allerdings nicht in der von Ihnen einseitig gepriesenen Form des Schreibens ohne Anlass. Es ist unser Bestreben bei der Kritik aktueller Filme, in der Form einer kontextualisierenden, analysierenden und historisierenden Filmkritik den Horizont zu erweitern und nicht zuletzt unseren aus der Cinephilie entspringenden speziellen Blick auf die Filme zu vermitteln. Diese Form der Kritik scheint mir alles andere als geläufig, gerade im Netz, und – als Korrektur zu Ihrer Einschätzung von critic.de – für den „Normalbetrieb“ wohl leider keine Vorbereitung.
Die Vermittlerfunktion ist für uns ganz entscheidend – in Ihrem sicherlich überspitzten Beitrag hatten Sie sie fast ausgeschlossen. Berücksichtigt man diese aber, dann sind sich unsere Positionen möglicherweise nicht unähnlich, betonen nur jeweils eine andere Schlagseite. Zwar kann man die Orientierung an aktuellen Filmstarts als Versklavung abtun und den Verweis auf das Publikum populistisch nennen. Wenn es aber tatsächlich um das Vermitteln geht, dann kann nicht davon abgesehen werden, was der Leser überhaupt zu sehen bekommt. Als Leser möchte ich übrigens gerne auch die „Interessierbaren“ außerhalb der Großstädte erreichen und dort ist die Filmversorgung nicht selten desolat.
Wenn es also darauf hinausläuft, sich hauptsächlich mit den vorgegebenen kleinen wie großen Kinoproduktionen und DVD-Erscheinungen zu beschäftigen, dann scheint mir das keineswegs im Widerspruch zur Cinephilie zu stehen und ebenso wenig mit einer gesunden Skepsis der Industrie gegenüber. D'accord gehe ich mit Ihnen übrigens darin, dass die Größe der Besprechung keinesfalls proportional zum Budget sein sollte. Vehement müssen wir uns schließlich – und das scheint mir hinreichend selbstverständlich, zugleich aber der vielleicht wichtigste Kampf – von scheinbar serviceorientierter Filmtipp-Mentalität distanzieren, die viel zu oft empfiehlt, wo es nichts zu empfehlen gibt und jegliche Filmkritik, die dem Begriff gerecht wird, vermeidet. Hierin dürfte zumindest der kleinste gemeinsame Nenner unserer Ansichten liegen.
Beste Grüße,
Frédéric Jaeger


Thomas

Lieber Fréderic,

Zitat:
"Wenn es aber tatsächlich um das Vermitteln geht, dann kann nicht davon abgesehen werden, was der Leser überhaupt zu sehen bekommt. Als Leser möchte ich übrigens gerne auch die „Interessierbaren“ außerhalb der Großstädte erreichen und dort ist die Filmversorgung nicht selten desolat."

Aber gerade in diesem Fall ist eine, wenigstens tendenzielle, Konzentration auf allgemeine Veröffentlichungskalender doch noch weniger nötig.

Oder um es polemisch zu sagen: Im Zeitalter des Internet ist für den "Interessierbaren" jenseits der "Kinostädte" die DVD-Veröffentlichung in England, Asien oder Russland wesentlich näher als alles, was ins Kino gelangt [zumal eben jenseits der "Kinostädte"]. Und auch ein "Two-Lane Blacktop", den man erfreulicherweise endlich auch beim deutschen Amazon bestellen kann, ist aus dieser Perspektive nicht näher als alles, was in anderen Regionen der globalen Filmwelt geschieht, sofern verständliche Untertitel vorliegen. [und illegale Quellen will ich zu berücksichtigen erst gar nicht anfangen..]

Hier könnte - müsste doch sogar - Filmkritik unter neuen medialen Bedingungen einsetzen. Besonders und gerade auch /weil/ sie die Situation des Lesers berücksichtigt (oder ihn über die Möglichkeit, die sich aus ihr ergeben, aufklärt). Mir will diese "Beschränkung auf den Leser" auch immer gar nicht recht einleuchten: Ein cinephiles Paradies ist - eben, genau! - zu vermitteln, aber keiner traut sich, eines vermeintlichen Lesers wegen?

Und es ist eben doch möglich: In der kommenden Ausgabe der Splatting Image schreibe ich im Filmkritikenteil über vier Filme, von denen bislang kein einziger einen deutschen Kino- oder DVD-Start hat, einen tschechischen, zwei chinesische, einen us-amerikanischen. Die Auswahl mag "subjektiv" sein, ist letzten Endes aber eben doch "objektiver" als die Perspektive desjenigen, der weitgehend entlang von Veröffentlichungsterminen schreibt. [Und die Auflage des Heftes ist im übrigen auch nicht marginalisiert, sondern entspricht +/- derjenigen der konfessionellen Filmblätter]

Von daher frage ich mich regelmäßig, ob eine chronistisch-umfassende Filmkritik, wie sie der film-dienst seinerzeit etabliert hat, noch nötig ist. Oder ob diese nicht Zeit, Energie, Platz raubt?

Beste Grüße
Thomas


Frédéric

Lieber Thomas,
als Zielvorgabe kann ich Deine Argumentation durchaus nachvollziehen. Entscheidend dürfte sein, welchen Begriff wir von „interessierbaren“ Lesern haben. Wenn damit auch all die gemeint sein sollen, die sich für Filme ausreichend interessieren, um sich mit ihnen auseinander zu setzen, aber nicht ausreichend, um sich die DVDs auf Empfehlung hin zu bestellen, sprich gleich zu kaufen, dann schränkt das durchaus die Möglichkeiten der Gegenstandsauswahl ein. Allerdings, wir hatten darüber schon einmal gesprochen, bin ich prinzipiell für die Besprechung etwa von Import-DVDs zu begeistern, auch wenn es erst einmal darum gehen muss, den Weg zu ebnen. Nur würde ich das nicht als primären Ansatz wählen. Im Falle eines Fachmagazins, dass sich zuvorderst an Genrefans richtet, darf und sollte das natürlich anders sein. Hier kann dann tatsächlich im Idealfall der Kritiker als Filter den Platz von Verleihen einnehmen und letzteren den Weg weisen. Ob die „chronistisch-umfassende“ Besprechung à la Filmdienst sinnig ist, frage ich mich vor allem, weil darunter nicht selten die Qualität der einzelnen Texte zu leiden scheint. Und polemisch gesagt: Wer behauptet, die konfessionellen Blätter seinen nicht marginal?
Meine persönliche Utopie liegt in der weiteren Demokratisierung der Filmdownloads und deren Legalisierung. In einer nicht allzu fernen Zukunft könnte dann die Kritik vorgegebener Filme tatsächlich immer obsoleter werden. Vielleicht kommt dann den neuen Autoritäten (Aggregatoren? Filmmagazinen?) allein die Rolle zu, Diskurse anzustoßen und die Aktualität zu bestimmen.

Liebe Grüße,
Frédéric


Volker Pantenburg

Die minimale Voraussetzung von Kritik – Filmkritik, Textkritik, Kritik der Kritik – sollte sein, dass man das Kritisierte wahrnimmt; ich denke, das ist vielleicht der einzige Punkt, an dem wir uns träfen.

Dass sich in Ekkehards und meiner Position (die nicht identisch sind) „der Wunsch nach einer Filmkritik“ widerspiegele, „die sich ausschließlich ihrer eigenen subjektiven Filmauswahl verpflichtet sieht und den Leser nicht in den Blick nehmen darf“ kann man jedoch nur ernsthaft behaupten, wenn man unsere Texte nicht gelesen hat (Ekkehard hat das ja schon ein bisschen geradezurücken versucht, aber die Anstrengung, das geradezurücken, was hier schief aufgefasst und dargestellt wird, erscheint mir zu groß).

Ausdrücklicher als in meinem Text kann man nicht sagen, dass man über die Besonderheiten des Blogschreibens spricht und um Himmels Willen nicht über „die Filmkritik als journalistische Gattung“ in dieser Allgemeinheit; und ausdrücklicher kann man auch nicht schreiben, dass gerade meine Erinnerung daran, wie sich um 2002 herum (und hoffentlich bis heute) in der „new filmkritik“ Autoren an sehr konkrete Leser richteten, eine dieser Besonderheiten ausmachte. Dass also sehr wohl Leser in den Blick genommen werden, aber eben nicht die vage extrapolierten Zielgruppenleser, die als Appendix der wöchentlichen Kinostarts aufgefasst werden.

Ich kann auch mit den Leerformeln, die hier zur Selbstbeschreibung von „critic.de“ gewählt werden, nichts anfangen. „Mit exzellenten filmtheoretischen und filmpraktischen Ausbildungen“, „mit ganz neuen historischen, theoretischen und analytischen Vorerfahrungen an das Schreiben über Film“, „das Talent zu Argumentieren – und zum Formulieren“ – zur Hälfte klingt das wie eine Stellenanzeige für einen Job bei einer Marketingagentur, zur anderen Hälfte wie das Wort zum Sonntag anno 1956. Das Internet als „interaktiver Ort der Interaktion“. Okay.

Zum Stichwort „Subjektivität“: Einen objektiveren Text als den folgenden, der – gemessen an einer Clickraten- und Pageviewlogik – einer der erfolgreichsten „new filmkritik“-Texte ever ist (und nebenbei: einer meiner Lieblingstexte auf der Seite), kann ich mir kaum vorstellen:

http://newfilmkritik.de/archiv/2008-02/rr-location-list/


Volker Pantenburg

PS: Der Link wird nicht angezeigt. Gemeint ist James Bennings "Location List" zu RR.


Thorsten

Nun, wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht (bitte korrigieren Sie mich, falls doch), war in Ihrem Vortrag die Rede davon, dass man vor allem für die anderen Autoren des Blogs schreibe - und auch, wenn das eine überspitzte Formulierung war (was ich annehme), kann man eine solche Aussage durchaus so verstehen, als würde das, was gemeinhin als "Leser" begriffen wird, nicht in den Blick genommen. Dass auch die anderen Autoren Leser sind und möglicherweise eine besonders interessante Gruppe derselben - geschenkt.
Mir würde es auch nicht in den Sinn kommen, eine solche Charakterisierung als Vorwurf zu verstehen, dem, im Rückgriff auf ein tatsächliches oder angenommenes Missverstehen der anderen Seite (das vielleicht doch nur ein Aneinandervorbeireden ist), zu reagieren wäre.
Wie auch immer. Jedenfalls ist ein, wie soll ich sagen, arg aggressiver Ton in die Debatte geraten, der meiner Ansicht nach nicht angemessen ist.


Volker Pantenburg

Ganz kurze Antwort: Mir ist überaus unklar (und auch ein bisschen suspekt), was genau das sein soll, »das gemeinhin als "Leser" begriffen wird«. Meine Vermutung ist, dass es eine hochspekulative Größe ist, die sich in den meisten Fällen nicht nach eigenen Kriterien richtet. Sprich: mein Misstrauen richtet sich genau gegen das "gemeinhin", an das ich nicht glaube.

Ich will nicht haarspalterisch werden, aber in meinem Vortrag (den man ja nachlesen kann, sonst wäre ich vielleicht auch weniger vehement) ist die Rede davon, dass sich die Autoren an Einzelne und nicht an abstrakte Leser richten, nicht, dass sie "für sie schreiben". Das ist eine Nuance, zugegeben, aber sie soll den Gedanken implizieren, dass etwas, das sich an jemand bestimmten richtet, natürlich auch für andere interessant sein kann. Gäbe es diesen Gedanken nicht, würde man vielleicht eher ein nicht-öffentliches Weblog einrichten.

Zum aggressiven Ton: Ich finde es wichtig, die Differenzen herauszustellen und mag in diesem Fall die offene Polemik lieber als die versteckte. Im Übrigen glaube ich nicht, dass es sich um eine "Debatte" handelt.






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