Der seltsame Fokus auf Tore

Die beiden Fußball-Laien Frédéric Jaeger und Nino Klingler auf geheimer Mission. Beim Fußballfilmfestival 11mm wollen sie von Fans lernen, den Fußball zu verstehen. Die Filme wurden ihnen dabei eher zu Hindernissen.

11mm poster

Wurden wir jemals zuvor mit einem solchen Lächeln bei einem Festival begrüßt? Es könnte unangenehm vereinnahmend wirken, aber im Gegenteil, es bringt uns ihnen näher, den Männern, die das Festival organisieren. Männer, die freimütig erzählen, dass sie das Festival in der Hoffnung gegründet haben, dadurch auch mal Profifußballer kennenzulernen. Die Organisatoren sind so unglaublich eins mit dem, was sie da tun. Sie heißen uns willkommen, als wären wir schon längst Teil ihrer Gemeinschaft: Fans gesellen sich zu Fans, um Filme zu ihrem Herzensthema zu sehen. Es ist eine großzügige Gemeinschaft, die einfach mal voraussetzt, dass wer zu ihnen kommt, die Leidenschaft für den Sport teilt.

Film als Medium der Amateure

Dass wir uns hier als klandestine Außenseiter fühlen, macht unsere Mission, als Kritiker das Festival zu erfahren, zu einer zweischneidigen Affäre. Wir mischen uns als Fußball-Laien, aber Filmliebhaber, in eine Gemeinschaft der Fußballfans, aber Film-Laien. Die Hoffnung ist, dass uns der Film einander vermittelt, als Medium der Amateure, der liebenden Laien, ergo der Fans. Eine naive Wette: Gestatten uns die Filme diesen wissbegierigen Übertritt? Werden sie bereitwillig zu Fenstern in die Welt des Fußballs? Es dauert nicht lange, da wird klar, dass es so einfach nicht funktioniert. Statt zu Mediatoren drohen die Filme zu Hindernissen zu werden.

Das klingt jetzt nicht so gut, aber so ist das gar nicht gemeint. Denn die Stimmung, die Vereinigung der Freude des Publikums, bewirkt etwas ganz Wunderliches: Es wird erträglich, was unter anderen Umständen Augenbrauen in die Höhe schnellen lassen würde. Es wird mehr als erträglich. Es macht sogar Spaß. Und wenn dann sogar noch zwei gute Filme gezeigt werden, dann sind wir schnurstracks versöhnt mit all dem Belanglosen, das in den vielen Dokus zu hören ist: die Kunst der Floskeln, die sich unendlich wiederholenden Hyperbolen „krass“ und „geil“, die leider viel zu oft auch noch spektakulär uncharismatisch dargeboten werden.

Kein Wort über Randale oder Schmiergeld

11mm Es war Liebe

Besonders verwunderlich ist, wie schamlos man einseitig bleiben darf. Ein Film über Dynamo Dresden und seine großartigen Fans – aber kein Wort zu Stadionverboten, Randalen, rechten Parolen? Ein Hauptsponsor namens DFB-Kulturstiftung – und keine kleine Nachfrage zu 2006, Schmiergeld, Beckenbauer? Schaut man dann auf die Produktionshintergründe der Filme, sieht man klarer: Neben Auftragsarbeiten für Fußballclubs (Dynamo Dresden mit Es war Liebe) werden primär Labors of Love gezeigt (Underhill über den Barnet F. C., Club Frontera über die Xolos de Tijuana). Fans machen als Fans Filme. Leider in der Regel eher humorlos.

Müssen die Fans letztlich immer affirmieren? Sind sie unfähig oder zumindest unwillig, sich richtig überraschen zu lassen, das Objekt ihrer Begeisterung durch das Medium Kino neu zu entdecken? Die Filme jedenfalls wirken zu festgefahren, als dass sie dem Gegenstand etwas von seinem Wesen abgewinnen könnten. So sind es eher die Kleinigkeiten, die verqueren Einblicke, die den Fußball manchmal kurz fremd und noch nicht gänzlich verlebt erscheinen lassen. Etwa wenn es um einen Spieler geht, der immer nur auf der Sonnenseite des Feldes lief, um schön braun zu werden. Wer würde nicht mehr erfahren wollen über diesen Sportler? Doch so schön solche Miniaturen sind, sie bleiben kleine Fußnoten in der großen, sich über alle Filme spannenden Erzählung vom Faszinosum Fußball. Es ist wohl das Schicksal des Fans, dass er sich seine Leidenschaft nicht aussuchen kann, dass er freigiebig sein muss in seiner Hingabe, unerschöpflich in seiner Loyalität. Können wir das Gleiche von uns und dem Film behaupten? Würden wir ihn verteidigen, no matter what? Das sind keine kleinen Fragen. Vor dem Fantum muss man sich fürchten. Von Fans sollte man lernen.

Arbeitslose und die große Lustlosigkeit

11mm Zweikaempfer

Die Höhepunkte des Festivals waren schnell ausgemacht: Zweikämpfer ist einer davon, ein Abschlussfilm der Berliner Filmhochschule DFFB über arbeitslose Fußballer, die im Trainingscamp der deutschen Spielergewerkschaft vor zwei ebenfalls arbeitslosen Trainern und meist unsichtbaren Agenten sich beweisen und für Engagements empfehlen sollen. Nicht nur weil die Protagonisten alle etwas von sich preisgeben, sondern weil der Film sich für Zusammenhänge interessiert und sie auch mit formalen Mitteln herauszuarbeiten versucht, entsteht hier mehr als ein Fanfilm. Regisseur Mehdi Benhadj-Djilali beobachtet und verdichtet und nimmt die Abzweigungen, die das Leben provoziert, dankbar an. Fast immer bleibt die Kamera ganz im Dienste der spontanen Beobachtung, beweglich, leicht am Rand der Gruppen, die sich unterhalten. In kleinen Intermezzi hebt der Film ab und findet Sinnbilder für die Enge, die Karrieremuster oder die Hoffnung auf einen Neuanfang.

Der Beitrag, der das Festival filmisch auf ein völlig anderes Niveau hob, war allerdings einer, für den das Fußballspiel ein Rahmen ist, ein Anlass, aber gerade nicht das Sujet. O Futebol, der im Wettbewerb von Locarno lief, ist ein leichtfüßig inszenierter Dokumentarfilm, der dem in Spanien lebenden Regisseur Sergio Oksman bei der Wiederbegegnung mit seinem Vater in dessen Heimatstadt São Paulo folgt: Für die Dauer der WM in Brasilien will er ihn filmen. In aufregend mit dem Off spielenden Einstellungen lernen wir einen alten Herren in seinem Alltag kennen. Die Spiele der WM strukturieren den Film, aber nicht das Erlebnis.

Mit einer unnachahmlich souveränen Lustlosigkeit, die nur alte Menschen so bravourös verkörpern können, schleppt er sich durch die Tage und die Nächte. Er guckt in der Kneipe nur halb auf den Fernseher, wo gerade ein weiteres WM-Spiel läuft, weiß aber immer Bescheid. Die Antidramatik, die der Film durch das Ausblenden der Spielergebnisse entwickelt, wird durch die menschliche Dimension mal, wie in der Kneipe, befeuert, mal konterkariert. Eine der schönsten Szenen zeigt Vater und Sohn, wie sie zum Fußballstadion fahren. Aber nicht um hineinzugehen, sondern um es von außen anzusehen, wenn ein Spiel stattfindet. Die Dramatik entwickelt sich dabei nicht während des Spiels, bei dem der Vater anhand der Geräusche von drinnen stets zu erkennen glaubt, ob gerade ein Tor gefallen ist, oder nur beinahe. Die Dramatik entwickelt sich auf dem Weg dorthin. Der Vater wie immer am Lenkrad, auf der Schnellstraße: Abfahren oder nicht? Die Spannung steigt, die Zeit ist knapp. Kaum ist die Entscheidung gefallen, ärgert er sich gefühlt minutenlang – mehr über seinen eigenen Fehler, sich so zu verfahren, weniger darüber, dass er auch auf seinen Sohn nicht gehört hat.

Wenn keine Tore fallen

11mm O Futebol

Das größte Problem des Fußballfilms ist freilich ein ganz profanes: Gerade die das 11mm-Programm dominierenden Dokumentarfilme bleiben fast immer die Bilder schuldig, die den Fußball so aufregend machen. Das Spiel, um das sich alles dreht, für das sich so viele so rückhaltlos begeistern können, das Spiel selbst bleibt eigenartig unbebildert und geheimnisvoll. Weil jede Minute Ligamaterial ein kleines Vermögen kostet, sind es vor allem die offiziellen Filme – die Werbefilme im Auftrag der Clubs, von DFB oder FIFA –, die etwas von dem Ikonischen zeigen können. Diese Filme aber – zur Eröffnung von 11mm wurde in diesem Jahr der offizielle FIFA-Film Goal! von der WM 1966 gezeigt – weisen selten über ihre Funktion als Chronik der Ereignisse hinaus. Goal! zum Beispiel ergeht sich nach schön eigensinnigen Momentaufnahmen in einer eher verwirrenden chronologischen Montage der Spiele der späteren beiden Finalisten. Bizarr vor allem, wie die Spiele beinahe mechanisch zusammengefasst werden, heruntergebrochen auf die Tore – und zwar in fast allen Filmen, die wir hier gesehen haben. Dabei heißt es doch immer von Fanseite, nur für Laien seien die Tore beim Fußball das allein Entscheidende.

Wenn keine Tore fallen, schauen die Filme oft weg vom Feld und blicken sich um im Stadion. Wir sehen in die Ränge, auf die Fans, die gestikulierend, flaxend, höhnisch, ekstatisch, gelangweilt, nervös das Spiel verfolgen. Das Wesentliche geschieht im Off, ist zugänglich nur für diejenigen Zuschauer, denen die Gesichter der Fans im Film zu Spiegeln einer vorab geteilten Leidenschaft werden. Und so bleiben wir wieder außen vor, andere sehen Freunde, wir vor allem Fremde. So geht das Festival vorbei und der Fußball hat uns noch immer nicht umschlungen. Nun haben wir ein Jahr, um zu Fußballfans zu werden.

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