Der Heimtrainer für die digitale Kinozukunft

Zum 15. Geburtstag widmet Jan Distelmeyer der DVD eine erschöpfende Monografie – mit beachtlichen Erkenntnissen sowohl über die Stellung von Film in unserer Gesellschaft als auch über das Wesen des Films an sich.

Das flexible Kino

Seit nicht weniger als zehn Jahren verdient die internationale Filmwirtschaft mehr durch den Verkauf und Verleih von DVDs als mit allen anderen filmischen Vertriebsformen. Trotz 3D, Blu-ray und Video-on-Demand. Und da Film – mehr vielleicht als jede andere Kunst – immer auch industrielle Kunst ist, kann man behaupten, dass das „Kino“, ewiger Nomade der Medien, momentan auf silbrig glänzenden Plastikscheiben von zwölf Zentimetern Durchmesser beheimatet ist.

Dabei droht dem Medium Nummer eins schon seit Längerem der Machtverlust, in Form immer schnellerer Internetverbindungen oder eben der Blu-ray Disc. Doch hat die Öffentlichkeit – sei es die akademische, die cinephile oder die publizistische – überhaupt begriffen, welche weitreichenden Konsequenzen der Siegeszug der DVD für das hat, was wir „Film“ nennen, „Medium“, oder „Kino“? Jan Distelmeyer beantwortet diese Frage ganz entschieden mit „Nein“ und macht sich auf material- und erkenntnisreichen 288 Seiten daran, dem „ewigen Übergangsmedium“ DVD ein würdiges theoretisches Fundament zu bauen.

Der Mythos der bald bevorstehenden Ablösung hat nach Distelmeyer die Geschichte der DVD schon seit ihren Anfangstagen begleitet – sie sollte immer nur der Zwischenschritt sein vom VHS-Heimkino zur vollständigen Digitalisierung. Aber genau dieses Versprechen der digitalen Zukunft, das die DVD stets aufrechterhalten, aber bisher nicht (durch ihr Verschwinden) eingelöst hat, das Versprechen von kompletter Verfügungsgewalt über Filme in Form von Daten und freier Navigation, hat sich in den allgegenwärtigen Silberscheiben perpetuiert. Die Filmindustrie, und damit auch wir Zuschauer, befinden uns in der Ära dieses suspendierten Übergangs, so lautet Distelmeyers Analyse. Anhand der DVD lassen sich die Überreste älterer medialer Seinsweisen des Filmischen ebenso ablesen wie das Ringen um die Gestaltungsmacht für deren Zukunft.

Distelmeyer gelingt es, in klarer, schnörkelloser Prosa immer beide Dimensionen im Blick zu behalten: die analoge Vergangenheit der Medien, die sequenziell angelegt waren (man sollte Filme vom Anfang bis zum Ende schauen) und den Zuschauer zum passiven Beobachter degradierten, sowie die digitale Zukunft mit ihren Möglichkeiten des Quereinstiegs, der Kombination verschiedener Bild- und Tonspuren, der Fragmentierung. Einer der wichtigen Begriffe zur Markteinführung der DVD war ihre „Interaktivität“, die dem Zuschauer per Kapitelauswahl, Untertitelspuren und Zusatzmaterialien die Gestaltung individueller Filmerlebnisse versprach. Distelmeyer hat sich durch alle Untiefen des DVD-Publikationskatalogs gegraben, all die Special Extended Editions, Ultimate Cut’s und Boxsets mit ihren Making-ofs, Director’s Commentaries, Set Top Games und Featurettes. Solche Anglizismen, die unseren filmischen Alltag seit Langem begleiten, wurden im akademischen Diskurs selten bis nie theoretisiert, nie als mehr angesehen denn als mal nette, meist jedoch grottige Dreingaben zum Zentrum der Silberscheibe: dem Hauptfilm. Doch in Distelmeyers Lesart ist dieses ideelle Zentrum der Disc, ganz wie das physische Loch in ihrer Mitte, leer.

Statt des Hauptfilms erlangen bei ihm die Extras Prominenz. Distelmeyer denkt das Spezifische des Dispositivs DVD von außen her, er stülpt die nur scheinbar unproblematische Hierarchisierung (zentral: Hauptfilm, peripher: Menüs und Extras) um. In den Feature-Wundertütchen der DVD-Editionen wird die veränderte Realität der medialen Umgebung des Kinos manifest, und diejenige seiner Produzenten. Filmstudios sind schon lange Teil breit aufgestellter Medienkonglomerate, die auch Computerspiele, Actionfiguren, Themenparks und vieles mehr im Angebot haben. All dies hat seit dem Aufkommen des modernen Blockbusterkinos den hervorgehobenen Status des Filmes untergraben und ihn seiner Selbstgenügsamkeit beraubt – siehe Star Wars –, bis auf der DVD irgendwann nicht mehr klar zu beschreiben ist, wo der Film aufhört und das Drumherum beginnt. Die Stabilität des Konzepts „Film“ ist erschüttert, und die DVD institutionalisiert diese Erschütterung. Was ist der Film? Die Originalversion? Mit Untertiteln? Mit oder ohne eventuell verfüg- und zuschaltbaren deleted scenes?

In diesem „interaktiven“ Spiel der Entscheidungsmöglichkeiten, die dem Zuschauer gegeben sind, erkennt Distelmeyer eine Dominante im DVD-Dispositivgeflecht aus Maschinen, Handlungen und Angeboten. Die Wahlmöglichkeiten sind einerseits integraler Bestandteil der DVD-Erfahrung und damit auch Ausdruck einer gewissen Utopie von Selbstbestimmung der Konsumenten, andererseits sind sie stets enorm beschränkt. Zwischen nicht überspringbaren Clips wie den allseitig bekanntenKopieren ist Diebstahl“-Spots und FBI-Warnhinweisen einerseits und dem ewigen Versprechen der Interaktivität andererseits beschreibt Distelmeyer mit Rückgriff auf soziologische, medien- und filmtheoretische Konzepte ein Spiel um Macht und Ermächtigung, ausgetragen zwischen Konsumenten und Produzenten. Was besitze ich, wenn ich eine DVD besitze? Den Film? Mehr oder weniger?

An dieser Stelle kommt Distelmeyer zu seinen stärksten Thesen. Die DVD wird bei ihm zu einer Art Trainingsgerät, mit der wir Zuschauer auf die sich verändernden Anforderungen der zeitgenössischen kapitalistischen Wirtschaftsform eingestimmt werden. Flexibilität, Aktivität und Wissensdurst sind die neuen begehrten Ressourcen, und sie alle führt die DVD zusammen in einem Akkord aus Wahlfreiheit und Zurichtung. Weder die Filmwirtschaft noch die Bevölkerung haben die Digitalisierung bis heute in allen Konsequenzen vollzogen, und auf einige Zeit hin wird sich an diesem Tatbestand nichts ändern. So lange bleibt die DVD das Medium der Stunde – „Mittler“ im doppelten Sinne, zwischen Reiz und Rezeption, zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Distelmeyer geht in Das flexible Kino viele Wege, die in der Filmwissenschaft gerne gemieden werden, und er präsentiert mit spürbarem Stolz seine extensiven Erkundungen in den lange als erkenntnisarm verschrienen Gefilden der Boni-Dschungel. Dadurch läuft er ab und an Gefahr, sich in Redundanzen zu verzetteln, zu lange Ähnliches aufzuzählen, ohne gedanklich wirklich voranzukommen. Aber dem steht entgegen, dass Distelmeyer ein weitgehend unerschlossenes Terrain als Erster kartografiert und damit einer sich hoffentlich entfachenden Debatte Material bereitstellt. Auch wenn die eine oder andere Straffung gerade diesen Passagen gutgetan hätte, bleibt seine geradlinige und stets transparente Argumentation von Anfang bis Ende klar und nachvollziehbar.

Neben viel Neuem und Bedenkenswertem zur DVD enthält Distelmeyers Buch auch eine gelungene Verquickung klassischer Konzepte der Medien- und Filmwissenschaft. Begriffe wie die Apparatus-Theorie, das Dispositiv, das Digitale und Medialität rekonstruiert Distelmeyer mit Rückgriff auf Kant, Baudry, Foucault und Manovich zugleich kenntnisreich und leicht verständlich. Damit eignet sich sein Buch mitnichten nur für Akademiker, sondern mindestens ebenso für filminteressierte Laien. Es führt in einige traditionelle Debatten zum Kino und zum Videospiel ein, (re-)kontextualisiert sie mit Bezug auf die DVD und liefert damit einen bedeutsamen Beitrag für unser Verständnis nicht nur des Films, der Games und des Kinos, sondern ebenso ihrer funktionalen Verschaltung in größere soziale Zusammenhänge. Dabei erscheint die DVD als ein Knotenpunkt im immer unübersichtlicheren Netzwerk der globalisierten Daten-, Arbeits- und Informationsströme, sie markiert die verschwindende Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit.

Statt Das flexible Kino könnte Distelmeyers sehr lesenswertes Buch wohl ebenso gut Der flexible Mensch heißen. Seit seinem Klassiker Der sichtbare Mensch (1924), in dem Béla Balázs eine Utopie vom Kino als Trainingsinstrument einer neuen visuellen Kultur beschreibt, ist viel Zeit vergangen. Das Silberscheibenkino unserer Tage zeigt sich stattdessen als Mittel der Zurichtung für die kommende Kontrollgesellschaft. Was die Zukunft angeht – man wird sehen. 

Jan Distelmeyer: Das flexible Kino. 288 Seiten, 136 Fotos. Berlin: Bertz + Fischer. 2012. 25,- €.

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