Der Filmprojektor als Sinnesorgan

Cronenberg meets Bachtin & Balász: Bettina Papenburgs Buch Das neue Fleisch verortet das Werk des Kanadiers und den Film an sich im Reich des Grotesken.

Das neue Fleisch

Die Idee des grotesken Körpers geht auf den russischen Literaturwissenschaftler Michail Bachtin zurück, der zum Beispiel die Obszönitäten des mittelalterlichen Karnevals im Sinne einer Auflehnung gegen Autoritäten deutet. Die Groteske, so Bachtin, eröffne die Möglichkeit „einer ganz anderen Welt, einer anderen Weltordnung, eines anderen Lebens“. Die Geschlechterforscherin Bettina Papenburg nimmt in ihrem Buch Das neue Fleisch die Thesen Bachtins als Ausgangspunkt – und in der Tat, auf wen träfe die Bezeichnung „grotesk“ besser zu als auf den Kanadier mit seinem Body Horror?

Papenburg untersucht die Filme Die Brut (The Brood, 1979), Crimes of the Future (1970), Crash (1996), eXistenZ (1999) und Videodrome (1983) – Die Fliege (The Fly, 1986) und Die Unzertrennlichen (Dead Ringers, 1989) hätten in diese Reihe sicher auch hineingepasst – in detaillierten Analysen einzelner Szenen. Etwa jener aus Crash, in der eine Frau mit Beinprothesen, entstellenden Narben und Krücken – aber dennoch im aufreizenden Minirock – sich dem Zuschauer als Lustobjekt darbietet. Dabei liest Papenburg den grotesken Körper stets im Sinne Bachtins als „eine Form der Subversion, die den Körper einsetzt, um bestehende Machtkonstellationen herauszufordern“.

Die Brut 1

Das Buch ist aus einer 2007 eingereichten Dissertation hervorgegangen. Man tut der inzwischen in Utrecht lehrenden Autorin sicher nicht Unrecht, wenn man konstatiert, dass dem Sprachduktus und dem Vokabular der Untersuchung ihre Herkunft aus dem akademischen Milieu deutlich anzumerken ist. Cronenberg, so heißt es ziemlich am Anfang, inszeniere „die medientechnologische Affizierung des Zuschauers als eine körperlich sichtbare Konversionserfahrung“. Noch Fragen?

Eine zweite wichtige Quelle neben Bachtin ist Bela Balázs’ Vorstellung des Films als „neues Sinnesorgan“; grotesk auch dies im Sinne einer technischen Erweiterung des Körpers. Demzufolge sieht Papenburg in Cronenbergs Darstellungen des Verhältnisses von Mensch und Technik Allegorien für das Verhältnis des Zuschauers zum Filmprojektor. Einfacher ausgedrückt: Es geht eben nicht nur um Body Horror und Psychoanalyse, sondern um jenen selbstreflexiven Teil des Filmschaffens, der zuweilen die vierte Wand einreißt und seine eigene Gemachtheit ausstellt.

Der Film als eigenständige Kunstform ist demnach, nimmt er sich selbst ernst, per se grotesk. Man denke nur an all die Schnippelei im Schneideraum. So läuft Das neue Fleisch auf die These hinaus, dass, so heißt es in dem Buch, „die Welt des Filmschaffens eine groteske Welt ist, die auf der gängigen Praxis basiert, mittels Schnitt und Montage Unverbundenes zusammenzufügen, Heterogenes zu vermischen und Disparates zu amalgamieren. Und auch die Praxis des Kinos, in seiner Materialität betrachtet, ist grotesk, da hier etwas Totes, der Filmstreifen der Maschinerie, den Eindruck des Lebendigen, die bewegten Filmbilder, erweckt“.

Dr. Frankenstein, übernehmen Sie!

Bettina Papenburg: Das neue Fleisch. Der groteske Körper im Kino David Cronenbergs. Transcript Verlag, Bielefeld 2011. 202 Seiten. 27,80 Euro.

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