Der Erziehungsberechtigte
Interview mit Hans Weingartner zu Free Rainer
2001 machte Hans Weingartner mit dem psychologisch dichten Drama Das weiße Rauschen über einen an einer Psychose leidenden jungen Mann auf sich aufmerksam und Daniel Brühl einem großen Publikum bekannt; 2004 durfte er Die fetten Jahre sind vorbei als ersten deutschen Film seit elf Jahren in Cannes vorstellen. Weingartner müsste ein Liebling der hiesigen Filmbranche sein, möchte man meinen. Doch mit Free Rainer bläst der Regisseur, der schon mal die Werte der Französischen Revolution und Karl Marx zitiert, zum satirischen Angriff auf die Boulevardisierung des deutschen Fernsehens, den Co-Finanzier der meisten Kinoproduktionen. So wurde aus dem Interview zum Film schnell ein Gespräch über Quotenpolitik, das „TV-Proletariat“ und das Versagen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
critic.de: Free Rainer ist sehr utopisch und positiv angelegt. Gab es auch Überlegungen, den Film realistischer, härter zu machen?
Hans Weingartner: Härter nicht. Es gab die Überlegung, einen Thriller daraus zu machen. Das heißt, diese Verschwörungstheorie wirklich durchzuziehen, dass die Quoten alle gefälscht werden von einem Kartell aus Politik und Wirtschaft. Aber mir kam das dann lächerlich vor. Die Welt funktioniert leider nicht so einfach. Wenn es dieses Kartell gäbe, dann müsste man es ja einfach nur stürzen, und wir hätten paradiesische mediale Zustände. Letztlich hatte ich das Gefühl, dass man so einer Thematik mit Satire am besten beikommt.
Aber ist die Realität des Fernsehschaffens nicht noch viel schlimmer als in Free Rainer dargestellt?
Dass die Realität schlimm ist und die Welt scheiße ist, das wissen wir, und wir haben auch schon genügend Filme dazu gesehen. Ich versuche, mit meinen Filmen nicht nur einen Zustand zu beschreiben, sondern auch Lösungswege anzudeuten – zumindest eine Energie im Publikum zu erzeugen: Mut und das Gefühl, etwas ändern zu können. Eine bessere Welt ist möglich, um das mal mit Attac zu sagen. Ich denke, ich bin da eigentlich nur sowas wie ein Vorbote oder Sensor einer gesellschaftlichen Unzufriedenheit. Die Leute haben keine Lust mehr, jeden Tag von der Glotze mit Müll beworfen und verarscht zu werden. Es läuft ja im deutschen Fernsehen so ab, dass die Macher sagen: Wie kann ich mit möglichst geringen Kosten möglichst hohe Quoten erreichen, damit ich möglichst hohe Werbeeinnahmen habe. Das heißt, dass ich natürlich nicht aufwendige Formate mit intelligenten, aber teuren Kreativen produziere, sondern dass ich zwei Praktikanten mit der Kamera in die Fußgängerzone schicke, die dann für 50 Euro einen Kübel Wasser über Frauen ausschütten. Schon habe ich den Programmplatz gefüllt. Und dann behaupten die noch, die Leute würden nichts anderes sehen wollen. Das ist diese Lüge, die ich versuche, aufzuzeigen: Die Menschen sind nicht dumm, es wird nur behauptet, dass sie dumm sind, damit die Fernsehmacher billiges Programm produzieren können.
Das betrifft die privaten Sender wie die öffentlich-rechtlichen?
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist ja eigentlich eine großartige Erfindung, um unsere geistige Bastion zu verteidigen und unsere Kultur nicht vollkommen von der Ökonomie beherrschen zu lassen. Aber dieses Mittel wird nicht angewandt, und es ist dabei, sich selbst zu zerstören. Denn jeder Mensch hat ein eingebautes Gerechtigkeitsempfinden und kann sich fragen: Auf ARD und ZDF läuft der gleiche Schrott wie auf RTL – warum zahle ich dann eigentlich dafür? Das meine ich mit selbst abschaffen. Und da muss jetzt eine Wende kommen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen muss sich wieder auf die Grundaufgaben besinnen. Fernsehen ist leider ein gefährliches Medium, es ist meiner Meinung nach eine Droge. Und deswegen brauchen wir gewisse Regeln. Wir haben ja auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen Gesetze, zum Beispiel verkaufen wir kein Heroin im Supermarkt, obwohl das bestimmt ein Verkaufsschlager wäre. Aber wir sagen: Das ist längerfristig gefährlich für unsere Gesundheit und deswegen verboten. Aber für unsere geistige Gesundheit haben wir keine Regeln.
Wie kommt das?
Das war zu allen Zeiten der Geschichte so, dass die an der Macht stehenden Menschen, egal ob es jetzt die Adeligen waren, die Kirche oder Regierungschefs, nie wollten, dass die Werktätigen gut informiert sind. Denn das würde dazu führen, dass sie ihre Stimme erheben. Einer der Grundpfeiler der Französischen Revolution war ja die Aufklärung. Bei Marx im Kapital steht es auch drin: Das Proletariat muss die Bildungshoheit des Bürgertums aufbrechen. Und jetzt haben wir gerade wieder einen Rollback, eine Rückentwicklung in alte Zeiten, wo diese Spaltung vorherrscht: Du hast eine kleine Elite, die hat Zugang zu Wissen und Bildung und dadurch auch Macht – ich wiederhole jetzt einen Dialog aus dem Film, aber das ist ja egal – und auf der anderen Seite die große Masse, die von nichts mehr eine Ahnung hat und leicht steuerbar ist. Ich habe damals Gerhard Schröder nicht ernst genommen, als er gesagt hat, zum Regieren brauche ich nur Glotze und Bild am Sonntag. Dieser Zynismus ist das, was ich so abschreckend finde, von dem ich aber auch glaube, dass es langfristig nicht funktionieren wird. Du kannst eine kleine Menge von Leuten auf Dauer verarschen, aber nicht die gesamte Bevölkerung. Ich glaube an die Intelligenz der Masse, das ist auch eine der Grundthesen des Films.
Free Rainer ist ohne Beteiligung des deutschen Fernsehens entstanden. War das eine bewusste Entscheidung?
Ich wollte das nicht, weil ich wusste, ich würde dann innere Zensur betreiben und auch äußerlich Zensur erfahren. Ich habe es bei Die fetten Jahre erlebt, als der Redaktionsleiter vom SWR, während wir schon drehten, den Sendervertrag nicht unterschreiben wollte. Der rief mich aus seinem Chalet in der Schweiz an und sagte: „Die drei Freunde, das ist alles viel zu RAF, die müssen am Schluss in den Knast.“ Aber das würde die Botschaft des Filmes umdrehen! Ich will doch gerade zeigen, dass nicht jeder sofort bestraft wird, der sich auflehnt. Da sagt der Redaktionsleiter: „Ja, aber was würde Dr. Oetker dazu sagen, den haben sie doch auch entführt.“ Dieser Typ hat nichts verstanden! Das ist typisch CDU – nach außen hin Treue und Loyalität als Wert vertreten und dann ein halbes Jahr, nachdem grünes Licht für das Projekt gegeben war, mich während der Dreharbeiten erpressen. Wo er weiß, dass ich den Kredit über 200.000 Euro laufen habe. Das hat mich wirklich extrem Nerven und Konzentration gekostet. Volker Schlöndorff hat mir gesagt, dass die bei ihm auch immer solche Sachen machen. Weil die vom Fernsehen komplett abgehoben sind, die sind so arrogant gegenüber den Filmschaffenden in Deutschland, weil sie genau wissen, wie abhängig der deutsche Film vom Fernsehen ist.
Aber Deine Filme werden doch auch im deutschen Fernsehen gezeigt?
Free Rainer wird nie im Fernsehen gezeigt werden, genauso wie Das weiße Rauschen nie im Fernsehen gezeigt wurde. Der steht seit fünf Jahren zum Verkauf. Aber die Programmacher sagen: „Nein, der kriegt keine Quote.“ Das ist die Realität, die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bilden ein Kartell. Und sie kaufen keine Fernsehrechte, wenn sie nicht von Anfang an schon mit im Boot sind. Denn dadurch können sie die Inhalte bestimmen, dadurch bestimmen sie auch die Marktpreise. Deswegen geht es den deutschen Verleihern auch so schlecht, weil die Öffentlich-Rechtlichen keine europäischen Arthouse-Filme mehr kaufen. In Schweden zum Beispiel sind sie gesetzlich verpflichtet, für 20 Millionen Euro im Jahr Arthouse-Filme zu kaufen. Davon lebt der gesamte schwedische Verleiherbereich, und es hat natürlich auch positive Auswirkungen auf die Sehgewohnheiten der Menschen. Die Leute kriegen mal was anderes zu sehen als Rosamunde Pilcher. Das soll mir mal einer erklären: Die Gebührenzahler finanzieren Groschenromane. Warum finanzieren wir Telenovelas und Daily Soaps? Die kann ich doch auf RTL und SAT.1 auch gucken, sogar noch ein bisschen besser. Warum 180 Millionen im Jahr für Fußball? Weißt Du, wieviel ARD und ZDF im Jahr in die Filmförderungsanstalt, die FFA, einzahlen? Sechs Millionen Euro. Weißt Du, wieviel sie für Boxen ausgeben? 120 Millionen! Boxen! Die Leute sind wahnsinnig geworden. Wenn der Film wenigstens eines erreicht, ist es, dass wir dieses mächtige Instrument, das wir eigentlich haben, die öffentlich-rechtlichen Sender, wieder zum Ursprungsauftrag zurückführen.
Interview von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 31.10.2007
Fotos: © Kinowelt
Nachtrag der Redaktion: Inzwischen hat sich der Privatsender VOX die Ausstrahlungsrechte an Free Rainer gesichert - bereits vor dessen Kinostart.
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Kommentare zu Der Erziehungsberechtigte
Lea Utz 02.01.2009 12:49
h. weingartner hat absolut recht.
free rainer und die fetten jahre sind vorbei sind nicht nur sehr gut gemachte filme mit super schauspielern, sondern sie sind auch abslout wichtig und sollten gesehen werden, auch im fernsehen und zwar in voller länge.
bei die fetten jahre sind vorbei wurden dem zuschauer z.B. in der fernsehausstrahlung die sequenzen unterschlagen, in denen "die erziehungsberechtigten" das europäische fernsehen für einige zeit lahm legen wollen.
zur selbstkritik scheint das deutsche fernsehen offenbar nicht fähig zu sein.
Justus 11.03.2009 23:20
Ich finde die Filme von Weingärtner unglaublich wichtig und mutig.Ich bin immer wieder froh,wenn ich feststelle,dass es doch noch Menschen gibt, die trotz der Schwierigkeiten die Ihnen in den Weg gelegt werden, und ohne nur an den Profit zu denken, die Hoffnung nicht aufgeben in den Köpfen etwas verändern zu können. Ich habe den Film Free Rainer und auch "die Erziehungsberechtigten" im Fernsehen gesehen (auf VOX ??) Aber sie werden wahrscheinlich nie bei ARD oder ZDF laufen.Was uns im Fernsehen geboten wird ist Geistesverletzung und Massenmanipulation.Man ist nicht wirklich daran interessiert die Menschen zu bilden oder kritikfähig zu machen.Wer nicht viel denkt ist leichter zu steuern.
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