"Der Deutsche ist für Filme solcher Art anfällig."

Die fröhliche Praxis des wiederermöglichten Anschauens, oder wie man das kommerzielle deutsche Kino des Jahres 1966 mit offenen Augen würdigt: Auftakt zu einer Textreihe, die sich als Ergänzung und Gegenstück zur diesjährigen Berlinale-Retro versteht.

Helga Anders in Ma  dchen  Ma  dchen

„Sieht man heute allerorten, in Deutschland, in Prag, in der konservativen Schweiz, im katholischen Rom Jungen und Mädchen eng umschlungen über die Straße gehen und ungeniert sich küssen, so haben sie das, und wahrscheinlich mehr, aus den Filmen gelernt, welche die Pariser Libertinage als Folklore verhökern.“ In seinen „Notizen zu Papas und Bubis Kino“ (in der „Zeit“ vom 18.11.1966) kam Adorno auf den playboy, die dolce vita und die wild parties“ zu sprechen, und auf das „von den Tabus Verdrängte, die libido“. Adorno sah in den Filmen ganz allgemein nichts als unerfüllte Erwartungen, denn „wie die Schlager sind sie die Reklame ihrer selbst, tragen den Warencharakter als Kainszeichen auf der Stirn. Jeder kommerzielle Film ist eigentlich nur die Vorschau auf das, was er verspricht und worum er zugleich betrügt.“

„Und der Deutsche ist, wie die Erfahrung zeigt, für Filme solcher Art anfällig. Wenn er sie nicht aus dem Ausland beziehen kann, macht er sie sich selbst. Das war schon nach dem ersten Weltkrieg so. Es wurde dann besser. Jetzt scheint die Entwicklung wieder anders zu gehen. Da sich in Deutschland gute Filme offenbar nicht mehr auszahlen, setzt man wieder auf ‚Sex‘“, schreibt D. Otto Dibelius, evangelischer Bischof von Berlin, in „Die Kirche“ (zitiert aus „film“ 6/1965).

„In einer Heidelberger Diskussion, an der sich Universitätsprofessoren beteiligten, […] fanden sich denn auch bald genug Stimmen, die ganz unverblümt nach einer staatlichen Zensur für alles, was sich Film nennt, riefen. […] Kurz vor der Wahl ist es eindrucksvoll, einen Kreuzzug gegen die Unmoral zu führen“, so Reimar Hollmann in „film“ 6/1965.

film-1966-12

Als illustriertes Magazin hatte „film“ auf seinen großformatigen Covers viel Platz für Erotik, für Kampf und Selbstbeherrschung. „Die formal überlegt arrangierte Nacktheit“ auf den Titelseiten bewirkte aber, laut eigener Einschätzung im „Notizbuch der Redaktion“, keine Auflagensteigerung; es war „gegen Brigitte Sachs (‚Quick‘) und die aus dem Grab geholte Monroe (‚Stern‘) und die Liebe zwischen Frau und Frau (‚Twen‘) und die studentischen Sexparties (‚konkret‘) wenig auszurichten.“

„Alle wollen Sex“, sangen alle, die auf der Beat-Tanzfläche um Peter Alexander herumtanzten, in Bel Ami 2000 (1966) unter Michael Pfleghars Regie.

In einem Leserbrief an das „Hamburger Abendecho“ (28.10.1965) schrieb Elise S.: „Wir sehen uns alle Filme mit Werner Krauss, Heinrich George, Ferdinand Marian, Christine Söderbaum usw. noch einmal an. Sie sind uns lieber als alles, was uns jetzt vorgesetzt wird.“ Und Karl Z. schrieb: „Ob uns die Tendenz nicht passt, das ist eine andere Frage. Besonders gegenüber der Flut der entsetzlich faden Sex- und Gesellschaftsfilme hat der Kolberg-Film wirklich eine spannende Handlung.“ (Beide Leserbriefe wurden zitiert in: „film“ 12/1965.)

Bel Ami 2000 2

Während die „Aktion saubere Leinwand“ angesichts der sogenannten sexuellen Revolution Mitte der 1960er Jahre ein Eingreifen des Staates in die Filmproduktion forderte, wurde von den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests eine strategischere Formulierung gefunden: Der Film dürfe nicht zur Gänze dem Markt überlassen werden. Die vielbeschworene, verloren gegangene Qualität der nationalen Filmproduktion wäre durch staatliche Förderung neu herzustellen. Eine Schlacht galt es zu schlagen – auch gegen Schmutz und Schund.

Alexander Kluge („film“ 3/1967): „Die Mischung aus Draufgängertum und Zurückhaltung, mit der wir alle gemeinsam in der Bundesrepublik Kulturpolitik des Films in den letzten Jahren geprobt haben, erinnert mich an die Atmosphäre um Friedrich Wilhelm III. von Preußen vor der Schlacht von Jena und Auerstädt. Die Schlacht ging bekanntlich verloren. […] Hier müssen die filmkundigen Politiker helfen. Dr. Martin und Dr. Lohmar, der frühere und der jetzige Vorsitzende des kulturpolitischen Bundestagsausschusses, haben 1962 gesagt: ‚Wir müssen in kleinen kulturpolitischen Schritten erreichen, daß wir auch in der Bundesrepublik in 10 Jahren eine Filmkultur besitzen, wie Deutschland sie früher einmal hatte.‘ Dieses Programm hat durch die große Koalition (auch dadurch, daß im Bundeskabinett jetzt mehr Leute sitzen, die Kunst nicht für einen unnötigen Luxus halten) eine tatsächliche Chance.“

Schwarzer Markt der Liebe 3

Will Tremper warf einen „Blick nach vorn in Zorn“ (in „film“ 6/1967): „In zwei Jahren, wage ich zu prophezeien, werden sich alle die jungen Filmer und Barrikadenstürmer von heute zurücksehnen nach der Zeit, in der sie es nur mit der Altmänner-Riege der FSK in Wiesbaden zu tun hatten. […] Aber nun schreien die alten wie die jungen Filmproduzenten nach staatlichem Geld – oder staatlich geregeltem Geld –, und wundern sich, daß Bundesregierung, Abgeordnete, Kirchen und Rundfunkanstalten dafür Mitspracherecht haben wollen. Diese Träumer aus Schwabing. […] Sie werden sich wundern, wie schnell jeder x-beliebige deutsche Filmverleih, die Bertelsmann-Mutter an der Spitze, nur noch Filme in den Vertrieb nimmt, die geeignet sind, das Wohlwollen der Anstalt ohne Schwierigkeiten zu erlangen.“

Nun feiert die Berlinale 50 Jahre ’66. Aus diesem Kinojahr haben in meinem Herzen einen festen Platz: Eva Renzi, Helga Anders, May Spils und Werner Enke, also Henker TomManöver, Mädchen Mädchen und Playgirl. An anderes erinnre ich mich schwach: Abschied der Steine, Spur von Gestern, Schonzeit für Es.

Als ich vor Weihnachten im „SigiGötz-Entertainment“ spekulierte, welche Filme wohl in der Retro laufen könnten, sah ich die Feierlichkeit dieser Feier ungefähr voraus. Noch 2012 war 1962 als Datum des Aufbruchs festlich in Fels gehauen worden. Der Glaube an die unbedingte Gültigkeit des Oberhausener Manifests verbietet es, die Frivolität und den Internationalismus des kommerziellen deutschen Kinos der 60er mit offenen Augen zu würdigen.

Jerry Cotton - Die Rechnung eiskalt serviert

Eines hielt ich im Vorfeld allerdings für unmöglich: dass Mädchen Mädchen von Roger Fritz nicht im Programm sein würde. Das Sensationelle dieses Films hat Sano Cestnik einmal schön festgehalten in der Beobachtung, „dass bei Fritz fast alle Figuren bei ihren Auftritten gleich wichtig erscheinen. Und alle strahlen sie Erotik aus.“ (Im Sommer ’66 gedreht, kam er zwar erst im Januar ’67 ins Kino, aber für die meisten Nachschlagewerke, die gedruckten zumindest, ist der Film von 1966.) Unergründlich ist mir auch, warum Klaus Lemkes Henker Tom nicht läuft, stattdessen sein Duell. Aber es gibt bessere Fragen als die, warum ein bestimmter Film jetzt in Berlin dabei ist oder fehlt.

Peter Handke stellte 1968 eine gute Frage: „In welchem Stadtkino sieht man im Monat fünf Heimatfilme, zwei Herkulesfilme, zwei Jerry-Cotton-Filme, zwei Edgar-Wallace-Filme, einen Angelique-Film, einen Kommissar-X-Film, einen Maciste-Film, einen Zorro-Film, einen Fantomas-Film, zwei italienische, einen amerikanischen Western und Walt Disneys Susi und Strolch wie im ‚Kino Windisch-Minihof‘ an der ungarisch-jugoslawischen Grenze? In den Stadtkinos nicht, nicht einmal in den kaum erforschten Vorstadtkinos.“ Und Handke sah noch einen anderen Vorteil der Landkinos: Sie zeigten „keine der jungen deutschen Filme, die sich an der Realität … orientieren.“

Es wäre natürlich eine schöne Geste gewesen, Die Große Sause (La grande vadrouille) ins Programm zu nehmen, – in Berlin – noch einmal zu sehen, wie Bourvil und de Funès die deutschen Besatzer besiegen. Georg Tresslers Postman-always-rings-twice-Variation Der Weibsteufel und Hitchcocks märchenhafter Liebesfilm Torn Curtain, zwei Filme aus Austria und USA, sie hätten die Sache – 1966 – abgerundet. Aber leider gehen „Filmerbe“ und „national“ jetzt fest miteinander, sind ein neues deutsches Wortpaar geworden. Es gibt den alten und guten Rat an die Deutschen, es gar nicht erst zu versuchen mit dem Nationalismus, wegen des Mangels an Begabung für das, woraus Nationen entstehen: Revolution. Oberhausen ist der Mythos vom Auferstehen aus eigener Kraft. Eine Art Amnesie gegen die Alliierten. Kein falsches Wirtschafts-, sondern ein falsches Kulturwunder. Aber aus der fixen Idee des wiedergewonnenen Ansehens gibt es einen Ausweg: die fröhliche Praxis des wiederermöglichten Anschauens.

Der Weibsteufel

Noch einmal Peter Handkes „Vorläufige Bemerkungen zu Landkinos und Heimatfilmen“ von 1968: „Ich wollte über einige dieser Filme schreiben, die ich dort gesehen habe … Schließlich sind zwei Filme übriggeblieben, der Film Heubodengeflüster und der Film Das sündige Dorf. Den zweiten Film habe ich gesehen, weil ich durch den ersten einmal neugierig gemacht worden bin. Der Regisseur des Heubodengeflüsters heißt, wenn ich mich recht erinnere, Rolf Olsen; der Regisseur des Sündigen Dorfs, glaube ich, Werner Jakobs, von dem ich dort auch einen Jerry-Cotton-Film gesehen habe. Es ist schwer, mich jetzt weiter verständlich zu machen, ohne dass man die folgenden Sätze für Witze hält, über das Witzähnliche eines jeden Satzes noch hinaus. Jedenfalls: Ich bin von diesen Filmen beeindruckt gewesen, und ich habe Lust bekommen, mehr Filme diese Genres zu sehen. […] Mit dem Satz: ‚Mich selber möcht ich los sein‘ ist sicher nicht viel Staat zu machen, aber wenn ihn Gunther Philipp sagt, noch dazu in dem Film Heubodengeflüster, dann ist dieser Satz so schön wie in dem Nestroy-Stück Der Zerrissene der Satz: ‚Ich bin so erschrocken, daß man mich hätt’ aufschneiden können und kein Tropfen Blut wär’ herausgekommen.‘“

Heubodengeflüster ist von 1967, aber Das Sündige Dorf: 1966! Gern hätte ich auch den Tod eines Doppelgängers (1966, Rolf Thiele) oder In Frankfurt sind die Nächte heiß (1966, Rolf Olsen) gesehen in der Retro „1966“, weil ich von Venusberg (1963) und Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn (1967) neugierig gemacht worden bin. Dem Festival des deutschen psychotronischen Films im Kölner Filmhaus schulde ich Dank für diese Neugierde. Mit ungeahnten poetischen Momenten konnte im Januar das Spukschloss im Salzkammergut (1966, Hans Billian) auf dem Nürnberger Hofbauerkongress hochgesteckte Erwartungen erfüllen, die der Gelsenkirchener Filmclub Buio Omega mit seiner Autorenpolitik in Sachen Billian seit Jahren schon anheizt.

Das su  ndige Dorf

Man müsste allerdings mal den Herrn Weber fragen, ob es nicht auch noch Sachen gibt aus dem Jahr 1966, die in gar keinem Lexikon stehen?

Herr Weber, der vornamenlose Regisseur und Conferencier des nostalgischen Kompilationsfilms Erotic Blue 3 (2015), widmete sein drittes Werk, sein Meisterstück, all jenen, „die im Feld und in der Heimat für die Größe und das Dasein der Erotik kämpfen.“

Ich staunte ein wenig, als ich las, was Johan Huizinga 1919 in seinem Herbst des Mittelalters über die Pornografie schrieb, „jenes Genre, wo die Männer niemals erschöpft und die Frauen allzeit willig sind, ist ebensogut wie die edelste höfische Minne eine romantische Fiktion. […] Auch hier herrscht der große Kulturtrieb: die Sehnsucht nach dem schönen Leben, das Bedürfnis, das Leben schöner zu sehen, als es sich in der Wirklichkeit darbot. Daher auch hier das Hineinzwingen des Liebeslebens in die Form eines phantastischen Wunsches, diesmal durch Übertreibung nach der tierischen Seite hin. Auch das ein Lebensideal: das Ideal der Unkeuschheit.“

Überarbeitete Fassung des Textes „Die Atmosphäre um Erotic Blue 3“ aus SigiGötz Entertainment, 27/2015.

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