Déjà-vus im Bahnhofskino

Sexploitation à la Wishman - Teil 5: Von nüchternem Striptease bis zur Penetrationsangst. Auf der Suche nach wiederkehren Bildern in Doris Wishmans „rohen“ Filmen.

Bad Girls Go To Hell Rape

Doris Wishmans Sexploitation-Filme sind Zeitbilder. Sie zeigen sehr anschaulich, wie weit man in den USA des jeweiligen Produktionsjahres gehen konnte. Sie befriedigen, was gemeinhin als niederer Instinkt beschrieben wird, ohne den Bereich der Legalität zu verlassen. Die Spannbreite reicht dabei von den frühen, kindlich unschuldigen Nudistenfilmen bis zu den späteren Hardcore-Pornos, von denen sich Wishman immer wieder distanzierte. Dazwischen, genauer gesagt zwischen den Jahren 1965 und 1969, entstanden ihre sogenannten roughies, die sich ästhetisch deutlich von Wishmans restlicher Filmografie abgrenzen. Schon die Titel sind äußerst verheißungsvoll: My Brother's Wife (1966), Indecent Desires (1968), Another Day, Another Man (1966), Bad Girls Go to Hell (1965).

Diese billig produzierten, für Bahnhofskinos entstandenen Schwarzweißfilme sind durchsetzt von einer bürgerlichen Faszination für das Abgründige und Schmutzige. Grenzen überscheiten sie nicht durch sexuell explizite Darstellungen – mehr als Brüste und Hintern gibt es hier nicht zu sehen –, sondern durch die Liederlichkeit ihrer Figuren. Man trifft auf großspurige Kriminelle, diverse Perversionen, Ausbeutung und moralischen Verfall. Am Schluss liegt meist alles in Scherben.

Vergleicht man diese stolz ihre Schauwerte präsentierenden Filme miteinander, jagt ein Déjà-vu das nächste. Immer wieder greift die Regisseurin in dieselbe Trickkiste, verwendet weniger Variationen als Wiederholungen derselben Szenen und Einstellungen. Während jeder Film seine Eigenheiten hat, scheinen diese Gemeinsamkeiten doch am meisten über Wishmans Kino zu verraten. Was sind aber nun jene Momente, die sich wie ein musikalisches Leitmotiv durch die roughies ziehen?

Unentschieden zwischen Mitgefühl und Sadismus

    

    

Wenn Doris Wishman ihren Figuren dabei zusieht, wie sie ins Unglück schlittern, scheint sie das eher kalt zu lassen. Sowohl räumlich als auch emotional bleibt sie immer ein wenig auf Distanz. Umso stärker fällt es auf, wenn die Kamera den Darstellern plötzlich auf den Leib rückt oder sogar über sie herfällt. Meist sind es Schlägereien oder Vergewaltigungsversuche, die der Film zum Anlass nimmt, sich unerwartet ins Chaos zu stürzen, sich mit den Figuren am Boden zu wälzen und aus nächster Nähe zwischen den Kontrahenten hin und her zu schneiden. In diesen sehr körperlichen Momenten heben sich die Gegensätze auf. Die Rolle des Opfers wird dem Zuschauer ebenso aufgezwungen wie die des Täters. Als könnte sich Wishman nicht so recht zwischen Empathie und Sadismus entscheiden.

Wenn die Hüllen fallen

    

Es dauert für gewöhnlich nicht lange, bis sich in einem Wishman-Film eine der Darstellerinnen entkleidet. Auch wenn die Nacktheit neben der Gewalt die Hauptattraktion in den roughies ist, versucht Wishman sie häufig zu legitimieren. Ständig sind die Darstellerinnen damit beschäftigt, sich um- oder auszuziehen. Sie machen sich bettfein, gehen duschen oder befreien sich von der Last der Kleider, um sich sportlich zu betätigen. Erstaunlich dabei ist, wie wenig lasziv das in Szene gesetzt ist. Nacktheit hat bei Wishman immer etwas Unaufgeregtes und Alltägliches.

   

Durch den Bechdel-Test wären die Roughies mit ziemlicher Sicherheit durchgerasselt. Die Frauen befinden sich in ständiger Abhängigkeit zu Männern, ob es nun die unwiderstehlichen Casanovas vor der Kamera sind oder die Herren im Publikum, ohne die solche Filme gar nicht erst entstanden wären. In ihrem Handeln sind die Heldinnen haarsträubend unbeholfen und passiv. Dabei blitzen ausgerechnet dann kurze feministische Hoffnungsschimmer auf, wenn sie ihre Hüllen fallen lassen. Wenn sie sich langsam ausziehen, neugierig an sich heruntersehen, sich bewundern, streicheln und narzisstisch vor dem Spiegel posieren, dann scheint es für einen kurzen magischen Augenblick so, als würden sie sich selbst genügen. Den zärtlichsten Sex haben die Figuren hier ohnehin mit sich selbst.

Im Herzen eine Konservative

    

Wishmans Filme haben ein sehr widersprüchliches Verhältnis zur Sexualität. Einerseits definieren sie sich darüber, nackte Haut zu zeigen, andererseits wirken sie dabei doch immer etwas verschämt. Eine der prägnantesten Stilmittel der Regisseurin ist es, urplötzlich auf Vasen, Lampen oder Tische zu schneiden – Einrichtungsgegenstände, die in keinerlei Zusammenhang mit der Handlung stehen. Oft finden sich solche Schnitte bei expliziteren Szenen, als müsse Wishman, peinlich berührt, den Blick abwenden. Im Herzen ist sie eben eine Konservative. Zuflucht findet sie auch in kitschigen Gemälden. Ein Bild von zwei süßen Kätzchen oder einer Mutter, die ihr Kind liebkost, helfen dabei, die schmutzigen Gedanken zu zügeln. Oder vielleicht dient es doch dem Genuss. Man denke nur an die Methode, sich etwas Scheußliches vorzustellen, um beim Sex nicht zu früh zu kommen.

Die Angst vor der Penetration

    

Die Sexszenen bleiben in diesem Kino entsprechend züchtig. Liebesakte sind in Wishmans roughies häufig stark abstrahiert, worin allerdings auch ihr sonderbarer Reiz liegt. Es wird zwar gestöhnt, lüstern der Kopf in den Nacken geworfen und die Augen geschlossen, doch das alles gleicht eher einer Choreographie, in der sich die Liebenden kunstvoll ausweichen. Statt aufeinander und ineinander will man eher aneinander vorbei. Besonders schön ist das in Too Much Too Often (1968) zu sehen, als sich der skrupellose Held mit einer seiner zahlreichen Gespielinnen auf dem Boden räkelt und offensichtlich von der Lust überwältigt wird, als sie ihn mit ihren Haaren kitzelt. Selten liegen Sinnlichkeit und Albernheit so nah beieinander. Eine Penetration will man sich bei diesem ewigen Vorspiel gar nicht erst vorstellen.

Niedergestreckt

    

    

Auch wenn sich Wishmans Filme insgeheim auf die Seite der Guten schlagen, sind die reißerischen Schlussbilder wieder ganz demokratisch. Fast alle roughies enden mit einer Figur, die zu Boden stürzt, geprügelt wird oder auch dort verendet. Das Ende ist im wahrsten Sinne des Wortes immer bestürzend, egal, ob da nun ein schmieriger Ehebrecher oder eine unbescholtene Hausfrau liegt.

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