Das Kino von Alain Guiraudie

Die Entdeckung eines unwahrscheinlichen Filmemachers. Die Französischen Filmtage Tübingen widmen ihre Werkschau 2009 erneut einem hierzulande unbekannten, sehr eigenen und faszinierenden Regisseur. Alain Guiraudies Komödien gleichen einem heiteren Rausch, der sich schleichend einstellt und festsetzt.

Voici venu le temps

Eine kindliche Euphorie überkommt einen, wenn man den Monologen und Dialogen von Alain Guiraudie lauscht. In geerdetem südfranzösischem Dialekt gesprochen, sind sie gespickt mit Fantasiewörtern und klangvollen Namen. In Du soleil pour les gueux (2001) geht die Frisörin Nathalie Sanchez auf die Suche nach den Ounaye-Hirten, die auch die Welt von Voici venu le temps (2005) bevölkern. In letzterem Film trifft der Söldner Fogo Lompla auf die Banditen Saphir du Matin und Gaston Lumière, auf den zu Unrecht verfolgten Manjas Kébir und den Selbstgerechten Manganala Rivonne. Und da wären noch Radovan Rémila Stoï, Oba Obandoha, Fala Falango und Rixo Lomadis Bron. Die inszenierte Welt, so möchte man meinen, ist eine der Mythen und Legenden der weit zurückliegenden Vergangenheit. Doch das Land Obitanien, mit den Provinzen Emborque und Catalie und seinen Städten Urbicate, Fontaine-rose und Brise-roche, entspricht vielmehr einer zeitlosen Parallelwelt, in der zur Motivation der Krieger auch mal John F. Kennedy zitiert wird.

Pas de repos pour les braves

Das Prinzip der Lautmalerei verfolgt Guiraudie in jedem seiner Werke. Er öffnet dabei Assoziationsräume in alle Richtungen, ohne eine in sich geschlossene Welt zu behaupten. Das ist in den stärker in der südfranzösischen Lebenswirklichkeit verhafteten Filmen nicht anders. In seinem ersten Langspielfilm Pas de repos pour les braves (TV-Titel: Wer schläft, der stirbt) steht das Motiv des Schlafes als Vorläufer zum Tod im Zentrum. Basile Matin hat im Traum Faftao-Laoupo gesehen: Es ist das Zeichen für den vorletzten Schlaf vor seinem Tod. Statt zu schlafen, nimmt er sich vor nur noch zu träumen. Und so prägt den gesamten Film eine Atmosphäre des Traumwandelns, die Übergänge zwischen den Ebenen sind fließend. Der Protagonist gibt sich einen neuen Namen, Hector, vielleicht weil er sein gesamtes Dorf ermordet hat. Auf der Flucht durch die umliegenden Orte (Bairoute, Buenauzères, Memfisse, Riaux de Janerrot) wird er von zwei Bekannten verfolgt, Johnny Got und Igor.

Voici venu le temps

Zwischendurch findet Hector einen Ruhepol in den Armen eines älteren Mannes. Des Nachts macht sich Hector auf, von Village-qui-vit (Dorf-das-lebt) zu Village-qui-meurt (Dorf-das-stirbt), vom Hard-Rock-Konzert in der lokalen Bar, wo er, wohl Anfang 20, der Jüngste ist, zu seinem väterlichen Liebhaber, einem Rentner, der das sterbende Dorf als seine Heimat begreift. Hector legt sich zu ihm ins Bett, streichelt ihn zärtlich und weckt ihn. Doch der Alte will schlafen. In dieser Szene der häuslichen Intimität zwischen zwei Männern erzählt Alain Guiraudie von der Ungleichzeitigkeit der Jugend und des Alters, die stets auf ein Ende der Liebschaft verweist, auf die Vergänglichkeit der Beziehung, die dadurch mit Bedeutung noch aufgeladen wird. Er vermittelt zugleich ein Bild von schwuler Normalität, von romantischer, fast asexueller Liebe zwischen Männern, wie es das Kino in einer solch lebensbejahenden Form nur selten bereithält.
Anders als bei anderen zeitgenössischen französischen Filmemachern wie André Téchiné (Ich küsse nicht, J’embrasse pas, 1991), François Ozon (Die Zeit, die bleibt, Le temps qui reste, 2005) oder Christophe Honoré (Chanson der Liebe, Les chansons d’amour, 2007), die immer wieder homoerotische Blicke auf ihre (fast ausschließlich) jungen Figuren werfen, richtet sich der begehrende Blick bei Guiraudie aus der Perspektive der jungen dezidiert auf die älteren Männer.

Ce vieux rêve qui bouge

Homosexualität ist bei Guiraudie aber kein Thema – weder gibt es hier Coming-outs, noch bedarf es einer Erklärung. Manche Männer stehen auf Frauen, manche auf Männer. Das ist nicht nur beiläufig erzählt, sondern spielt auch für die Protagonisten selbst keine Rolle – und das, obwohl Guiraudies Filme alle im ländlichen oder zumindest provinziellen Südfrankreich spielen. Am explizitesten wird es da noch in Guiraudies erstem größeren Erfolg, dem mittellangen Spielfilm Ce vieux rêve qui bouge (2001), der mit dem Jean-Vigo-Preis ausgezeichnet und in Cannes gefeiert wurde (mit dem bis heute überlieferten Zitat Godards: „Der beste Film des Festivals“). Inmitten des ritualisierten Alltags der Demontage einer Fabrik und einer vor phallischen Symbolen berstenden Maschine schält sich Tag für Tag das Interesse des jungen Arbeiters im Blaumann für seinen Chef mittleren Alters heraus. Doch die insistierenden Blicke des Jungen genügen nicht, um in der Männerwelt unmissverständlich sein Verlangen auszudrücken, sein Gegenüber zögert und will oder kann die Zeichen nicht erkennen. „Frauen sind nicht so mein Ding“, antwortet er seinem Chef schließlich auf die Frage, ob er verheiratet sei. Von Homosexualität ist dennoch in keinem Augenblick die Rede, es ist die unausgesprochene Alternative zur Liebe zu Frauen.

Ce vieux rêve qui bouge

Das Setting des nahezu verlassenen Fabrikgeländes in Ce vieux rêve qui bouge steht exemplarisch für die beiden Pole, zwischen denen sich Alain Guiraudies Filme bewegen. Das verwahrloste Fabrikgelände bietet zugleich eine Verortung der Figuren in einer uns bekannten post-industriellen Landschaft und eröffnet ein apokalyptisches, überhöhtes Sinnbild für das Absurde der menschlichen Sisyphusarbeit. Der bis zum Grotesken tendierende Humor Guiraudies speist sich dabei aus der Konfrontation meist authentischer Kulissen mit knalligen Farben in Kostüm und Ausstattung, einem leicht exaltierten Schauspiel und den eingangs erwähnten Worten und Namen. Die Dialoge, die oft zwischen einer Verankerung im familiären Dialekt und dem Unwahrscheinlichen oszillieren, verbinden schließlich das Groteske mit einer Erdung der Figuren, die sich in einem von Referenzen und Metaphern überbordenden Rahmen sehr gut einfinden. Der ausgestellte Symbolismus steht bei Guiraudie allerdings nie in einem schlichten, eindeutigen Dienst der Geschichte, sondern führt zu einem ambivalenten Verhältnis gegenüber den Figuren und ihrer Wirklichkeit, zu einer ironischen Brechung und liebevoll-verspielten Annäherung zugleich.

Die Filme von Alain Guiraudie sind allesamt in Deutschland bisher nicht erschienen, die französischen DVDs enthalten aber teilweise englische Untertitel.

Weiterführende Links:

Film-Übersicht bei den Französischen Filmtagen Tübingen

IMDB-Eintrag zu Alain Guiraudie

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