Das erdrückende Kollektiv

Kontrollsüchtige Familien und zerstörerische Männlichkeitsriten. Mit Wochenschauen, Dokumentationen und Spielfilmen haben sich die marokkanischen Regisseure um Ahmed Bouanani der ungeschminkten Wirklichkeit gewidmet und sich zugleich von den Fesseln des Erzählkinos befreit. Das Berlinale-Forum widmet ihnen in diesem Jahr eine kleine Reihe.

Oh the Days

Abdelwahed ist fest entschlossen, seine Heimat zu verlassen. Er hat es satt, arm zu sein und jeden Tag auf dem Feld zu arbeiten. Obwohl er noch kaum erwachsen ist, scheint schon sein ganzer Lebensweg vorbestimmt. Doch so klar seine Entscheidung ist, sich gegen dieses Schicksal aufzulehnen, so sehr hapert es noch an der Umsetzung. Die Mutter und der Großvater, die selbst beide nur knapp über dem Existenzminimum leben, versuchen ihn mit unermüdlichem Geschnatter und endlosen Entmutigungen von seinem Vorhaben abzubringen. Die Institution der Familie fühlt sich in solchen Momenten nicht wie ein Hort der Geborgenheit an, sondern steht für eine besonders massive Form der Unterdrückung. Durch ihren Kontrollzwang schnürt sie Kindern regelrecht die Luft ab. Aber man kann die Alten auch verstehen. Für sie ist der Junge nicht nur ein Angehöriger, den man auf den richtigen Weg bringen will, sondern gewissermaßen auch die eigene Rentenversicherung.

Die Geschichten der Anderen

Tarfaya ou La marche d un poete

In Oh the Days! (Alyam, Alyam; 1978) widmet sich Ahmed El Maanouni dem Leben und Leiden in der marokkanischen Provinz. Er bleibt überwiegend in einer Welt, die mit ihrer flachen Landschaft zwar endlos weit wirkt, sich dabei aber doch sehr eng anfühlt. Selbst im Französischunterricht der Dorfschule lernen die Kindern lediglich Begriffe aus der Landwirtschaft. El Maanouni widmet sich vor allem dem Alltag in diesem Milieu. Er zeigt das Schuften in der prallen Sonne, das Ernten der Kartoffeln, das Säubern der Karotten, das Backen von Brot und zwischendurch auch, wie man in so einem streng getakteten Leben noch für einen kurzen Moment sein Vergnügen findet – wie die Jungen ihre Sehnsucht in einem Lied ausdrücken oder die Frauen es kultivieren, sich über jeden in der Gegend ordentlich das Maul zu zerreißen. Oh the Days! ist deshalb so ein schöner Film, weil er die Wirklichkeit zwar durchaus inszeniert, sie dabei aber nicht grob auf ein übergeordnetes Thema zustutzen muss. Er ist sehr genau in seinem Blick auf Arbeitsvorgänge und zwischenmenschliche Beziehungen, will aber in seiner Gesamtkonzeption nicht alles kontrollieren. Immer wieder bewegt sich Oh the Days! auch in die Großstadt, verliert seine Protagonisten für eine Weile, um sich Menschen zu widmen und Geschichten anzuschneiden, die mit den Bauern eigentlich nichts zu tun haben.

Ahmed Bouanani

El Maanounis Film ist während der diesjährigen Berlinale im Rahmen einer kleinen Reihe zu sehen, die das Forum dem Kino rund um den marokkanischen Filmemacher Ahmed Bouanani widmet. Es handelt sich um ein loses Kollektiv aus politisch engagierten und künstlerisch ambitionierten Filmemachern, die sich mit der herrschenden Kino-Ästhetik nicht zufrieden geben wollen. Zunächst drehen sie vor allem Wochenschauen und Fernsehbeiträge, die auch in der ungeschminkten Realität noch eine gewisse Poesie entdecken. So etwa der für das 1944 gegründete Centre Cinématographique Marocain (CCM) entstandene Kurzfilm Men Lahm wa Salb (1959), der einen Tag im Hafen von Casablanca zeigt. Aus den Bewegungen von Menschen und Maschinen entwickelt sich eine perfekt abgestimmte Choreografie, in der jeder Handgriff sitzt und die Baukräne sich sogar zu einem kleinen Ballett hinreißen lassen. Die Kombination aus musikalischer Montage und unmittelbarer Kamera findet sich auch in Six et douze (1968), der sich in das Großstadtgewusel Casablancas wirft und dort versucht, der Vielzahl an sinnlichen Eindrücken gerecht zu werden: Straßenkehrer, die in den frühen Morgenstunden den Dreck wegräumen, schicke, westlich gestylte Männer, die zu Beat-Musik flippern, oder ein Mädchen, das in einer überfüllten Straßenbahn mit den Haaren an der Jacke eines Mitreisenden hängenbleibt. Der Film hat die ganze Stadt im Blick, dabei aber auch stets ein Auge für die kleinen, besonderen Momente.

Grobe Männerhände, die zerstören

Six et douze

Das Dokumentarische ist eine der Hauptströmungen in dieser Filmszene, die immer wieder mit der damaligen Staatsmacht in Konflikt geriet. Schon in diesen Werken zeichnet sich der Wunsch ab, mit den Konventionen zu brechen. Oft sind es kurze irritierende Momente, bei denen man nicht sicher ist, was sie mit dem Rest des Films zu tun haben. Später werden die Arbeiten dann politischer und modernistischer. Sie spielen mit der Form, benutzen ungewöhnliche Kadrierungen, prangern den französischen Kolonialismus an, brechen klassische Erzählungen auf oder adaptieren auch mal alte Legenden neu. Die Sympathie liegt dabei stets bei den kleinen Leuten und dem Willen zum Umbruch. Bouanani hat bei fast allen Filmen ein bisschen mitgewirkt und war auch die einflussreichste Figur aus diesem Kreis, hat selbst aber nur einen einzigen Langfilm realisiert. Ausgerechnet der ist ein wenig enttäuschend. The Mirage (Al-Sarab, 1980) beginnt zwar noch vielversprechend als beschwingte Komödie über einen armen Mann, der nach einem Geldfund ein neues Leben beginnen will, wendet sich dann aber zunehmend einem magischen Realismus zu, der sich zu sehr in den Manierismen eines trotzigen Aufbruchskinos verliert.

The Mirage

In dem ähnlich experimentierfreudigen, aber deutlich stärkeren Traces (Wechma, 1970) wird zunächst noch die recht geradlinige Geschichte eines Waisenjungen namens Messaoud erzählt, der von einem streng religiösen und auch ansonsten ziemlich spaßbefreiten Müller adoptiert wird. Während der Junge zu seiner neuen Mutter eine enge Beziehung aufbaut, bleibt ihm der Stiefvater fremd. Umso mehr fühlt er sich von dessen Waffen und den sadistischen Nachbarsjungen angezogen, die in dem sensiblen Messouad ein dunkles Feuer entfachen. Ohne einer psychologischen Ursache dafür nachzugehen, zeigt Traces Männer, die von einem unstillbaren Drang nach Zerstörung getrieben werden. Sie quälen auf bestialische Weise Tiere, hänseln Behinderte und vergewaltigen Frauen. Alles, was sie mit ihren groben Händen anfassen, machen sie kaputt. Nach einem Sprung in die Zukunft sehen wir Messouad als erwachsenen Kleinkriminellen, der mit einer Gruppe mieser Typen abhängt. Die Erzählung wird zunehmend sprunghafter und freier, formt scheinbar beiläufige Beobachtungen zu Allegorien und beschwört surreale Szenarien herauf.

Wechma

Obwohl Hamid Benani offiziell als Regisseur des Films gilt, ist Traces, wie auch viele der früheren Kurzfilme, eigentlich als Kollektivarbeit mit Mohamed Sekkat, Mohamed Abderraham Tazi und Bouani entstanden. Nachdem sie sich an der Pariser Filmhochschule IDHEC (Institut des hautes études cinématographiques) kennengelernt hatten, gründeten sie gemeinsam die Produktionsfirma Sigma 3, für die auch Traces entstand. Als die Egos aber schließlich zu groß wurden und sich Benani als alleiniger Schöpfer des Films feiern ließ, endete der Traum von der Gemeinschaftsarbeit. Und man glaubt den Filmen der Reihe dieses traumatische Erlebnis beinah anzumerken. Die meisten von ihnen sind Plädoyers für einen unverhohlenen Individualismus. Ob es nun die eigene Familie ist oder die Gang, jedes soziale Gefüge scheint die Figuren in eine ungesunde Abhängigkeit zu treiben, die sie daran hindert, sie selbst zu sein. Der Bauernjunge Abdelwahed schafft es am Ende von Oh the Days! zumindest vorerst, sich von den sozialen Zwängen zu lösen. Er schnappt sich ein Kalb als Kapital für einen Neuanfang und zieht mit ihm ins Ungewisse.

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