Cronenberg Collected

Einst „Master of Body Horror“, ist David Cronenberg heute beim Psychoanalyse-Biopic angelangt. Pünktlich zum Start von Eine dunkle Begierde erscheint der bisher umfassendste Sammelband über den Kanadier im deutschen Sprachraum. In dem von Marcus Stiglegger herausgegebenen Buch geben über 30 namhafte Autoren Einsicht in sein so vielseitiges wie kontroverses Werk.

David Cronenberg Sammelband

Zwischen Cronenbergs erstem Kurzfilm, dem von ihm selbst so genannten „surrealist sketch“ Transfer (1966), und seiner jüngsten Produktion Eine dunkle Begierde (A Dangerous Method, 2011) liegen 45 Jahre filmischen Schaffens. In dieser Zeit hat der kanadische Regisseur eine unverwechselbare Sprache entwickelt, die den Kampf des Individuums um seine Identität – innerhalb der Gesellschaft sowie seiner eigenen psychischen und körperlichen Grenzen  – visualisiert. „Baron of Blood“ wurde er in den späten 1970er Jahren genannt, ebenso „Master of Body Horror“. In Werken wie Videodrome (1983) oder Die Fliege (The Fly, 1986) zeigt er mit geradezu naturwissenschaftlicher Genauigkeit seine Vorstellung von der Verschmelzung zwischen Organischem und Mechanischem: Das „neue Fleisch“ war geboren, Sinnbild für Identitätsverlust und Orientierungslosigkeit innerhalb einer sterilen, immer künstlicheren Welt.

Mit den (Ver-)Wandlungen der von Cronenberg geschaffenen Figuren veränderte sich auch der visuelle Ausdruck des Regisseurs im Laufe der Jahre in Richtung einer bedrohlichen Subtilität. Der nun vorliegende Band David Cronenberg (Reihe film: 16 aus dem Bertz+Fischer Verlag) zeichnet die Entwicklung seines Gesamtwerks detailgetreu nach, beginnend bei den frühen, hierzulande noch relativ unbekannten Filmen wie From The Drain (1967), Stereo (1969) und Crimes Of The Future (1970). Dabei bieten die beiden Teile des Buches respektive eine themenübergreifende und eine filmchronologische Hinführung an Cronenbergs Werk.

Videodrome 01

Die meisten Filme Cronenbergs handeln von Sexualität und Gewalt. Dass diese Motive nicht selbstzweckhaft effekthaschend inszeniert werden, sondern in komplexen und in sich geschlossenen Erzählformen, verdeutlichen die einzelnen Beiträge beispielhaft, die einerseits als Einzeltexte verständlich und dennoch von einer argumentativen Kontinuität durchzogen sind. Im Diskurszentrum steht immer auch die filmische Resonanz von Cronenbergs Werk auf das von Angst und Unsicherheit geplagte soziokulturelle Umfeld. Einige seiner Filme, beispielsweise Naked Lunch (1991) oder gerade der prophetische eXistenZ (1999), werden so als besonders reflexiv herausgestellt; sie fangen bewusst vorherrschende mediale Entwicklungen ein und entwerfen daraus Albtraumwelten, die die Kapazität von Körper und Geist übersteigen. Bereits in Videodrome, der das Genre des Cyberpunk mitbegründete, wird ein äußerer elektromagnetischer Impuls in ein von innen herausbrechendes Geschwür transferiert: Die durch Snuff-Filme ausgelöste Faszination des Protagonisten an sexueller Gewalt bewirkt eine reale Mutation seines Abdomens in eine vulvaähnliche Wunde, in die daraufhin eine Pistole eingeführt wird: Mediale Abtastung kulminiert in körperlicher Penetration. Diese Aus- und Überreizung, Zerstörung und Neubelebung organischer Strukturen bleibt prägend für Cronenbergs Gesamtwerk.

Die Fliege 3

Der Sammelband, der mit über 200 Abbildungen kontextbezogen illustriert ist, hebt neben jenen bekannten visuellen Stilmitteln des Regisseurs auch dessen unbekanntere Werke, beispielsweise den frühen Autorennfilm Fast Company (1979) oder den avantgardistischen Kurzfilm Camera (2000) hervor. Dadurch werden neue und unvoreingenommene Denkansätze ermöglicht und die schöpferische Vielseitigkeit Cronenbergs untermauert, der beständig zwischen Genre- und Autorenfilm wandelt. Gerhard Middings Essay „Altes und neues Fleisch“ etwa dokumentiert den künstlerischen Ausflug des Filmemachers ins Theater- und Opernsujet, der im Sommer 2008 eine Bühnenversion von Die Fliege am Théâtre du Châtelet in Paris inszenierte. Neben der Fähigkeit Cronenbergs, filmische Stoffe auf andere (klassische) Medien zu übertragen, wird dabei auch die langjährige Zusammenarbeit mit seinem Hauskomponisten Howard Shore (seit 1979) näher beleuchtet. Vier der insgesamt acht Themenessays behandeln ausführlich und filmübergreifend Semiotik und Raumkonstruktionen; Thesen Baudrillards wie die „mediale Zeichenwerdung der Welt“ finden genauso Eingang wie das Wechselspiel von Licht und Schatten, Asepsis und Farbkompositionen. Lediglich der Bedeutung der auditiven Elemente in Cronenbergs Œuvre hätte man etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen können.

Die Autoren dokumentieren immer auch die Wirkung der Filme auf den Betrachter, was gleichermaßen unterhaltsam wie informativ ist. Cronenbergs metaphysisches Bildverständnis – welche Effekte evozieren die betrachteten/gezeigten Bilder, und auf welche Weise können diese Effekte kontrolliert, modifiziert oder auch substituiert werden? – ist in seinen jüngeren Werken wie A History of Violence (2005) ebenso enthalten wie in seinen Horror-Klassikern Rabid (1977) oder dem oft unterschlagenen Die Brut (The Brood, 1979), der als Hybrid aus Märchen und Horror stark Bezug nimmt auf Nicolas Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen (Don’t Look Now, 1973) und in seiner Bildsprache Traumatisierung, Angstzustände und Stigmatisierung verbindet. Crash (1996) schließlich war einer der kontroversesten Filme der 1990er, ein düsterer Trip in die Seelen von Menschen, die nur noch bei selbst verursachten Autounfällen zur sexuellen Ekstase fähig sind, wobei der menschliche Körper in die automobile Technik hinein verlängert wird. Ein Stoff, der selbst liberale Kritiker zu bisweilen recht prüden Moralpredigten veranlasste. Cristina Nords virtuoser Essay spiegelt Erinnerungen an einen fast noch präsenten Rezeptionsmoment – Crashs scheinbare Pathologie ist immer noch spürbar –, der Begriff „Transgression“ beschreibt dann wieder treffend die Motive um Verausgabung und Verschwendung, die im Sinne von Freud, Bataille oder Ôshima gerade auch für das gegenwärtige Filmverständnis Cronenbergs von großer Relevanz sind.

Jede Schaffensfacette wird beleuchtet. Die über 30 Autoren – unter anderem Fritz Göttler, Georg Seeßlen, Elisabeth Bronfen,  Ivo Ritzer und Dominik Graf – zeichnen bei aller stilistischen Divergenz der Artikel ein überzeugendes argumentatives Gesamtbild, was aber keine zwangsläufige Synchronisation der einzelnen Diskurse voraussetzt. Vielmehr wird beispielhaft die Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit des heute angesehensten Filmemachers Kanadas dokumentiert. Dieser Band darf als neues Standardwerk im deutschsprachigen Raum gelten.

Marcus Stiglegger (Hg.)
David Cronenberg
film: 16
Bertz + Fischer
320 Seiten, 222 Fotos
19,90 Euro

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