Crocodile und Birdcage Inn von Kim Ki-duk

Schlägereien, Vergewaltigungen, Prostitution: Kim Ki-duks Kino hatte schon immer eine Affinität zu Sex und Gewalt. Nun erscheinen zwei Frühwerke auf DVD.

Crocodile

Crocodile (Jo Jae-hyeon) ist kein angenehmer Zeitgenosse. Er lebt als Obdachloser am Flussufer und prügelt sich durchs Leben. Genauer gesagt: Männer werden verprügelt, Frauen vergewaltigt. Natürlich muss er auch einstecken: Einer uriniert ihm ins Gesicht, ein anderer schneidet ihm fast den Penis ab. Im Minutentakt lösen sich Prügeleien und Vergewaltigungen untereinander ab.

Einer wie Crocodile passt nicht so recht ins Erzählkino, zumindest nicht als Hauptfigur: zu destruktiv, zu eindimensional. In der ersten Hälfte des Films prügelt Crocodile noch fast jeden Handlungsstrang, der sich in seiner Nähe regt, kurz und klein. Der Status quo mag jämmerlich sein, doch die Hauptfigur verteidigt ihn mit allen Mitteln. Später passiert dann mehr, doch das Narrativ bleibt durchsetzt von Sprüngen, Brüchen und offenen Enden.

Später finden trotz allem kleine Hoffnungsschimmer Eingang in Crocodiles brutalisierte Existenz. Manchmal hält er inne, schaut aufs Wasser oder malt den Panzer einer Schildkröte blau an. Doch der Schein trügt: Things get nasty, jetzt erst recht. Irgendwann muss sogar eine Kaffeemaschine beerdigt werden.

Crocodile lebt trotz seines antisozialen Charakters nicht alleine am Flussufer. Um ihn herum bildet sich eine Quasifamilie. Der jungen Hyun-Jun rettet er das Leben, als sie sich umzubringen versucht. Dennoch vergewaltigt er auch sie wenig später. Außerdem stehen ihm ein kleiner Junge und ein alter Mann als Prügelknaben zur Verfügung. Vier Figuren am Rande der Gesellschaft: Das Außenseitertum vereint zwar, verbrüdert aber nicht, sondern schafft neue Hierarchien, noch brutalere und erbarmungslosere gar als in der bürgerlichen Welt, da physische Macht ungehindert walten kann.

Crocodile (Ag-eo) aus dem Jahr 1996 ist Kim Ki-duks Debütfilm. Wenn man möchte, kann man die frühen Ausprägungen zahlreicher Elemente ausmachen, die sich in späteren Filmen zu Markenzeichen des Autorenfilmers verdichten. Die Vorliebe für Wasser und alles, was man damit filmisch anstellen kann zum Beispiel. Oder die Transformation und Zweckentfremdung von Alltagsgegenständen. Aber Crocodile ist mehr als eine Vorstufe. Auf seine Art ist dieses Debüt ein größerer Film als viele andere des Regisseurs. Das ungestüm Wilde dieser Großstadtfantasie wird nicht durch Formalismus und Genreelemente domestiziert, sondern bleibt stets sichtbares Zentrum.

Kim Ki-duk wagt viel mit seinem Debütfilm. Und fast alles gelingt. Unaufdringlich poetische Momente brechen von einem Moment auf den anderen in die Düsternis ein und sind genauso schnell wieder verschwunden. Jo Jae-hyeon gibt eine fantastische Hauptfigur und macht die darstellerischen Schwächen einiger Nebendarsteller spielend wett. Die sphärischen Instrumentierungen des großartigen Soundtracks und die vielseitige, spielerische Kameraarbeit verwandeln das anfangs naturalistische Setting Schritt für Schritt in einen surrealen Alptraum. Kurz und gut: Crocodile ist seine Wiederentdeckung nicht nur voll und ganz wert, man fragt sich auch, wie dieser Film jemals in Vergessenheit geraten konnte.

Die DVD-Version von Visimundi ist nicht nur eine deutsche Erstveröffentlichung, sondern gleichzeitig - abgesehen von einer obskuren schwedischen Ausgabe - die weltweit erste Edition dieser Rarität. Bei aller Freude über die Gelegenheit, ein Kleinod des unabhängigen koreanischen Kinos verfügbar zu sehen, ist darauf hinzuweisen, dass in Sachen Bild- und Tonqualität kleine Abstriche zu machen sind. Dass das Ursprungsmaterial wohl nicht im allerbesten Zustand war, ist vor allem den Nachtszenen anzusehen. Andere Unsauberkeiten kann man der unzulänglichen Technik der Low-Budget Produktion zuschreiben.

 

Birdcage Inn

Birdcage Inn (Paran daemun) erscheint ebenfalls erstmalig in Deutschland und hier sind Bild- wie Tonqualität des DVD-Transfers makellos. Der Film nutzt eine ähnliche Ausgangslage wie Crocodile. Wieder geht es um gesellschaftliche Außenseiter, wieder dominieren brutaler Sex und sexuell aufgeladene Gewalt. Doch der Film verfolgt mit diesen Motiven ganz andere Ziele.

Jin-a (Lee Ji-eun) ist zwar Malerin, sieht sich jedoch gezwungen, sich für ihren Lebensunterhalt zu prostituieren. Eine Familie stellt ihr einen Raum zur Verfügung und nimmt dafür Prozente. Probleme treten auf, als die Tochter des Hauses einen festen Freund findet und diesem beibringen muss, auf welche Weise ihre Eltern Geld verdienen. Der Hass des Mädchens richtet sich weniger auf die eigene Familie als auf Jin-a.

Der Sex in Birdcage Inn ist zwar meist aus weiblicher Sicht anders als in Crocodile nicht mit direkter Gewaltanwendung verbunden, aber darum nicht weniger erniedrigend. Wie dort, so ist er auch hier in erster Linie Machtinstrument. Was die Darstellng betrifft, nimmt sich Kim Ki-duk jedoch zurück. Sowohl die Sexszenen, als auch die vergleichsweise selten auftretenden Gewaltexzesse finden offscreen statt.

Schnell wird klar, dass Birdcage Inn das naturalistisch-subversive Asozialenkino von Crocodile hinter sich lassen will. Stattdessen orientiert sich der Film in die Richtung eines arthousegerechten Jugenddramas. Denn die Feindschaft zwischen dem Schulmädchen und der jungen Prostituierten ist bei weitem keine so innige wie die zwischen Crocodile und der Welt. Ganz im Gegenteil: Die Versöhnung lauert schon. Und mit ihr dezent verkitschte Strandpanoramen und jede Menge poetisches Melodrama. Und manchmal leider auch Bilder, die an den bereits 1998 virulenten Asienkitsch vieler unbegabter Wong Kar-wai-Schüler gemahnen.

Dies soll nun nicht heißen, dass Birdcage Inn ein völlig platter Film wäre. Auch die letzten Endes erbauliche Geschichte, die Kim Ki-duk hier erzählt, enthält noch genug Widerhaken: Vor allem Prostitution ist und bleibt Prostitution. Der kompromisslose Kinoentwurf des Erstlings ist jedoch einem bescheideneren filmästhetischen Projekt gewichen, das zwar souverän mit Genreelementen zu hantieren vermag, aber stets etwas berechnend wirkt.

Birdcage Inn hat bereits viel mit den Arthouseerfolgen des Regisseurs im darauf folgenden Jahrzehnt gemeinsam, auch wenn die aufdringliche Naturmysthik eines Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling (Bom yeoreum gaeul gyeoul geurigo bom, 2003) oder Der Bogen (Hwal, 2005) glücklicherweise noch fehlt. Die Radikalität von Crocodile dagegen erreichte der Südkoreaner erst wieder mit Bin-jip (2004) und Soom (Breath, 2007), wenn auch auf völlig andere Art und Weise. 

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