Cannes 2013: Das Ende der Finsternis

Ein hoffnungsvolles Zeichen zur Krönung eines düsteren, intensiven und melancholischen Festivals.

Blue is the Warmes Color

Regisseur Abdellatif Kechiche hat für Blue is the Warmest Colour (La vie d'Adèle, Chapitre 1 & 2) zusammen mit seinen beiden Darstellerinnen die Goldene Palme erhalten. Es war nicht nur unser und vieler anderer Favorit im Wettbewerb von Cannes, vor allem ist es ein Werk der Aufklärung, ein gleichzeitig intimer und epochaler Film, ein lustvoller und anregender, einer der großen Gefühle, der Freude und der Trauer. Der in Tunesien geborene Franzose Kechiche, der mit L'esquive (2003) bereits ein Meisterwerk geschaffen hatte, verwebt erneut – wie es nur in Frankreich möglich scheint – auf selbstverständlichste Weise das Leben mit der Bildung, das Theater und die Literatur mit der Bildenden Kunst und der Liebe. Kechiche ist ein Idealist, so viel dürfte schon immer klar gewesen sein. Er ist ein begnadeter Regisseur und ein herausragender Autor, der eine besondere Form von authentischem Setting schafft, unterschiedliche Milieus zeichnet, hier unter anderem einen kosmopoliten und einen bescheideneren Haushalt. Er begegnet beidem und sowieso allem mit Offenheit, beobachtet sehr genau, ohne Vorurteile und frei von Zynismus. Sehr viel vermittelt sich bei ihm über die Sprache, die Wörter und die Sprechweise.

Blue is the Warmest Color 01

Seine Protagonistin in Blue is the Warmest Colour, die in der Originalfassung titelgebende Adèle, ist fasziniert von dem Roman La Vie de Marianne von Marivaux und malt sich bereits aus, später einmal Lehrerin zu werden. Kechiche nutzt die Literatur, aber auch andere Künste, um über sie die Kommunikation zwischen seinen Figuren mehrdimensional aufzuladen. Das Gespräch über ein Werk wird zum Code. Das klingt theoretisch, ist bei ihm aber ganz und gar lebendig. Ohnehin ist er ein Regisseur, der wie kaum ein anderer die zeitgenössische französische Gesellschaft der Mitte einfängt, ihre Sorgen und ihre Energie in Dialoge und Bilder bannt. Die Verquickung von Realismus und großer Emotionalität mit einem aufklärerischen, optimistischen Ansatz macht vermutlich den größten Reiz von Blue is the Warmest Colour aus, bei dem wir uns jetzt schon freuen dürfen, dass er auch in Deutschland einen Verleih gefunden hat und somit den Weg in hiesige Kinos finden wird.

The Great Beauty 05

Kechiches Film stach im insgesamt sehr starken Wettbewerb von Cannes 2013 heraus, auch als Lichtblick gegenüber der in anderen Werken dominierenden Klage vom Elend der Gegenwart. Die Speerspitze dieser Tendenz bildete freilich The Great Beauty (La grande bellezza) des Italieners Paolo Sorrentino. Wirkungsvoll evoziert er die von seinem Protagonisten wahrgenommene Leere seiner Existenz, zynisch blickt er auf die Dialoge seiner Figuren über Rom und die Kunst, macht sich lustig über die Versuche, aus der Schleife des Immergleichen auszubrechen und setzt die Karikatur einer greisen Geistlichen als Beweis an den Schluss. Der Gegensatz zwischen Kechiche und Sorrentino könnte kaum größer sein. Denn obwohl auch Sorrentino die inszenatorischen Mittel beherrscht, mitunter formvollendet in langen Fahrten und mit elegant schwebender Steadycam den Zugriff der High Society auf den Fluss des Lebens heraufbeschwört, ist sein Blick einer, der nur so tut, als wollte er hinsehen, stattdessen aber immer schon im Begriff ist, wegzusehen. So bleibt er in den (leeren) Gedanken seiner oberflächlichen Protagonisten gefangen, und kann den existenzialistischen Schmerz über den Verlust des Scheins nie erfahrbar machen – wie es seinem großen Vorbild Fellini in Das süße Leben (La dolce vita, 1960) noch so eindrücklich gelungen war.

Only Lovers Left Alive 05

Jim Jarmuschs beglückend-trauriger Only Lovers Left Alive teilt mit The Great Beauty zwar thematisch einiges, formal aber gar nichts. Vampire sind hier die wahren Künstler und Wissenschaftler, schenken ihre Werke oder auch mal nur eine Tonfolge den „Zombies“, wie sie die Menschen nennen. Sie stehen hinter den großen Würfen der Kunstgeschichte, haben bereits alles gesehen und erlebt, und sie können nicht mehr. Jarmusch inszeniert die Depression der Vampire (Tom Hiddleston und Tinda Swinton in den Hauptrollen) als einfallsreiche Komödie, die in Punkto Melancholie kaum zu übertreffen ist. Dabei ist sie von einem zärtlichen, aufmerksamen Blick geprägt, der das Leben bejaht, selbst wenn die Hoffnung und das frische Blut ausgehen.

Inside Llewyn Davis 04

Stimmungsmäßig waren sich Jarmusch und die Coen-Brüder vermutlich nie näher. Deren Inside Llewyn Davis war ein früher Höhepunkt im Wettbewerb von Cannes (und wurde gestern mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet), ein historischer Film, der gefühlt zeitgemäßer und wacher ist, als es viele Werke sind, die auf die Gegenwart blicken. Und das, obwohl seine Hauptfigur ein latenter Menschenfeind ist, ein Musiker, der andere Musiker hasst, weil sie sich korrumpieren lassen oder schlicht einen populäreren Begriff von Folk haben als er. Oscar Issaac war in dieser Rolle eine der männlichen Schauspielentdeckungen in Cannes, neben Michael Douglas in Steven Soderberghs Behind the Candelabra als Liberace.

Behind the Candelabra 04

Obwohl sowohl die Coens als auch Soderbergh jeweils eine Art Künstlerbiopic vorlegen, verbindet sie darüber hinaus fast nichts, mal davon abgesehen, dass beide Filme für sich genommen anschaulich und effektiv erzählt sind. Die Coens erlauben durch ihre zu großen Teilen fiktive Geschichte eine beeindruckend wahrhaftig wirkende Einfühlung in eine Zeit, die hier mehr als bloße Erinnerung ist. Soderbergh dagegen fußt seine Fernsehproduktion auf die Autobiografie des jungen Lebenspartners von Liberace und vermittelt einen ambivalenten, zeitweise komödiantischen, dann wieder nüchternen Blick auf eine Epoche, die schon jetzt sehr fern erscheint. Beide Filme handeln in letzter Konsequenz vom Sein hinter dem Schein, aber nur ersterer kann sich für das Sein entscheiden, der andere lässt alles offen.

The Past 01

Der Wettbewerb von Cannes war 2013 filmisch in jeder Hinsicht überzeugend, ein Jahrgang, der uns noch lange wird beschäftigen können. Das Spiel mit den Erwartungen hat freilich dafür gesorgt, dass es manche Beiträge vergleichsweise schwer hatten. Zum Beispiel der sehnlichst erwartete neue Film von Asghar Farhadi, der für Nader and Simin – Eine Trennung (Jodaeiye Nader az Simin, 2011) mit dem Goldenen Bären und einem Oscar ausgezeichnet wurde. The Past (Le passé), die erste französische Produktion des Iraners, für die in Cannes nun Bérénice Bejo eine Palme als beste Darstellerin erhielt, ist ein Familiendrama, aufgebaut wie ein Kriminalfilm, mit einem erneut sehr starken Drehbuch, beachtlichem Setdesign und einer punktgenauen Inszenierung. Man darf sich durchaus fragen, ob The Past stärker beachtet worden wäre, wenn er statt in Frankreich im Iran gespielt hätte.

Only God Forgives 13

Ebenfalls unter den hohen Erwartungen leiden musste Nicolas Winding Refns Gewaltfetischfilm Only God Forgives. Dass er sich weniger als im Hype-Film Drive narrativen Konventionen und dem 80er-Chic verschreibt, stattdessen eine hypnotisch surreale Höllenfahrt inszeniert und diese Erwartungen damit unterläuft, kann dem Regisseur aber kaum angelastet werden. Und dass Ryan Gosling keinen coolen Helden spielt, sondern einen coolen Loser, ein Muttersöhnchen, das sich in dessen Auftrag verprügeln lässt, tut sein Übriges. Auch Refns Werk könnte jenseits des Festivals bei näherer und entspannter Betrachtung noch gewinnen, vor allem  falls man den Film dann nicht mehr als ein Werk missversteht, das man sehen muss, sondern als ein Angebot. Natürlich gilt das für viele Filme – selbst Kritiker des aktuellen Jahrgangs von Cannes gestehen zu, dass fast jedes der hier gezeigten Werke im Kontext einer üblichen Kinostartwoche das Highlight schlechthin wäre.

A Touch of Sin 02

Von Cannes erwartet man dennoch zu Recht immer etwas mehr als nur „bessere“ Filme, und das bietet das Festival auch. Um nur noch ein Beispiel aus dem Wettbewerb zu nennen: A Touch of Sin (Tian Zhu Ding) des Chinesen Jia Zhang-Ke ist ein auch für seine Verhältnisse episches Projekt, ein ungewohnt brutales und explizit sozialkritisches noch dazu. Aus vier verschiedenen Provinzen und von mehreren Protagonisten erzählt Jia, sucht mit ihnen nach der Hoffnung auf ein besseres Leben in China und findet überall nur Desillusion. A Touch of Sin ist ein anmutiger, gleitender Film, der Ruhe ausstrahlt, obwohl in ihm alle Getriebene sind. Die Finsternis ist keine behauptete, sondern eine gelebte. Sie breitet sich aus und kennt kein Ende. Sie setzt sich in uns fest und beginnt nur langsam sich zu lösen, als wir bei Kechiche jene Adèle kennenlernen und mit ihr die wärmste aller Farben. Beides darf und muss nebeneinander existieren, die Melancholie und das Licht. Das war Cannes 2013.

Kommentare zu „Cannes 2013: Das Ende der Finsternis“


ulle

Könnt Ihr bitte einmal das Wort "Meisterwerk" aus Euren Kritiken nehmen bitte? Damit wird bei Euch mittlerweile inflationär herumgeschmissen, dass es weh tut. Ob nun bei Assayas oder hier schon wieder bei Kechiche. Das nervt einfach , diese permanente Überhöhung a´la Bacon, Da Vinci, Michelangelo...


Frédéric

Wer sind die Meister unserer Zeit, wenn nicht Assayas und Kechiche? Ein bisschen verdanken sich die Superlative freilich der Festivaleuphorie, die würde ich aber nur ungern rausredigieren. Zwischen der Kritik von Assayas und dieser Erwähnung von Kechiche lagen übrigens mehr als acht Monate.


Philipp

schöner Abschlussbericht, danke!






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.