Cannes 2012: Filme, lasst mich stolpern!

Namen, Omen, Kino: Warum der Cannes-Jahrgang 2012 besser ist als sein Ruf.

Cannes 2012 Poster

Kein Festival der Welt ist so bemüht wie Cannes, Erwartungen zu steuern und das Kinoerlebnis zu überhöhen. Die Treppen führen hinauf – Kinos im Keller gibt es nicht. Der Blick nach oben, der in der Kinosaalarchitektur Frankreichs üblich ist, gilt auch hier für die meisten Leinwände, im Gegensatz etwa zu Deutschland, wo die Kinosessel oft steil nach oben arrangiert sind und fast alle auf die Filme hinab gucken. Ausnahmen gibt es natürlich hier und da, in Cannes zum Beispiel, wenn man auf dem Balkon sitzt, dorthin verschlägt es die Träger niederer Akkreditierungen, desto weiter weg oder schräg zur Seite, desto geringer der Beitrag zum Ökosystem des Festivals. Vorausgesetzt – das muss dazu gesagt werden –, der Zuschauer wurde überhaupt ins Kino gelassen. Denn Cannes ist sehr geschickt darin, mit den langen, nach Akkreditierungsfarbe getrennten Schlangen vor den Kinos, mit frühem Einlass und abgesperrten Sitzbereichen in den Sälen, Hierarchien zu kreieren, Erwartungen zu schüren und allein schon die Möglichkeit, einen Film hier zu sehen, als Privileg erscheinen zu lassen. Wer reinkommt, ist wer. Das gilt für Zuschauer genauso wie Filmemacher. Das klingt elitär? Ist es auch. Zwar gibt es in Cannes einige Mechanismen, die eine Demokratisierung ermöglichen – etwa eine Akkreditierung für Cinephile –, aber das System ist ganz klar darauf ausgerichtet, dass die Filme erst jenseits des Festivals die großen Zuschauerscharen erreichen. In Frankreich ist es schließlich auch noch möglich, mit herausfordernden Autorenfilmen gute Geschäfte zu machen.

Holly Motors 01

Die Fallhöhe, die in Cannes mehr noch als auf anderen Festivals den Werken verliehen wird, könnte diesen aber auch schaden, möchte man meinen. Wer im Wettbewerb von Cannes läuft, muss auch liefern können. Aber was eigentlich? Wer schon einen Namen hat, muss diesem mindestens gerecht werden, besser aber noch alle Erwartungen übersteigen. Und jeder muss es auch mit den Festival-Abwesenden, etwa den Preisträgern der vergangenen Jahre aufnehmen. Kein Terrence Malick, kein Lars von Trier? Dann muss es Cronenberg richten. Oder Haneke oder Audiard. So zu denken, das führt schnell zu einem Festivalfazit, das selbstreferentiell im Cannes-Kosmos verweilt. Das sind spontane Gedanken, Automatismen in der Wahrnehmung? Meine nicht.

Holly Motors 02

Ich habe eine grundsätzliche Hoffnung, die über formale Geschlossenheit, furiose Inszenierung und das Durchschimmern des Lebens hinausgeht: dass mir Filme im Weg stehen, dass ich über sie stolpere. In Cannes hat es mich 2012 nie hingehauen, aber aus dem Gleichgewicht bin ich gekommen, dank Leos Carax' Holy Motors. Carax hat den heimlichen Gewinner des Festivals beigesteuert, ein um keine Volte verlegenes Kompositionswerk, das intensiver, verstörender, eleganter und liebevoller vom gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft erzählt, als es all jene können, die es darauf anlegen (vgl. Cosmopolis, Reality, Paradies: Liebe). Michael Haneke allerdings, über den jetzt allerorts geschwärmt wird, hat kein umwerfendes Kammerspiel realisiert, aber doch ein formvollendetes. Es ist selbstverständlich spannend anzusehen, wie ein Filmemacher sich wandelt, oder, wahrscheinlicher, eine Klammer aufmacht, um von der Liebe im Alter zu erzählen. In unserem Interview betont er seine „Allergie“ gegenüber Sentimentalität. Tatsächlich ist Liebe ein ungemein zärtlicher Film geworden, der vor der Zeichnung starker Gefühle nicht zurückschreckt, aber die Balance zwischen Schrecken und Schönheit der Emotionalität hält und so nie in Gefühligkeit abrutscht.

Amour 01

Liebe ist vielleicht das perfekte Beispiel dafür, dass Wettbewerbsfilme, egal ob in Cannes oder anderswo, nicht „groß“ sein brauchen. Dass weder technischer noch finanzieller Aufwand, aber auch nicht naheliegendere Kategorien wie die Dringlichkeit einer Message oder die Bedeutung eines Phänomens hineinspielen sollten in Auswahl und Bewertung. Reality etwa, der es auch deswegen schwer hatte in Cannes, weil er auf Matteo Garrones herausragenden Mafia-Film Gomorrha (Gomorra, 2008) folgt, ist eine durchaus größere Produktion, deren Thema, so unkten viele Beobachter, das Reality-TV à la Big Brother, schon längst abgegessen sei. Wer Filme nach dem Thema bewertet … Nun, Reality ist in sich ein hohles Werk, es tritt auf der Stelle und ja, es widmet sich Fragen, die medienerprobten Kinozuschauern keine neuen Erkenntnisse bringen. Dennoch ist es ein unterschätzter Beitrag, weil erstens sowieso zu viel auf Neuheit und Aktualität geschielt wird (vgl. After the Battle, Baad El Mawkeaa), und auch weil Fellini im heutigen italienischen Kino zu wenig als Inspirationsquelle dient. In Reality steckt ein großartiger Film, den herauszuschälen es sich jedenfalls lohnen würde.

In Another Country 03

In der Reihe unterschätzter Filme finden sich auch zwei für mich zentrale Autorenfiguren: Hong Sang-soo und Abbas Kiarostami. Und wenn sie nicht ihre allerbesten Filme nach Cannes mitgebracht haben? Klar stellen sich auch Fragen danach, wieso etwa Sang-soos The Day He Arrives (Book chon bang hyang, 2011) nicht im Wettbewerb war, nun aber In Another Country (Da-reun na-ra-e-suh). Etwa wegen der Huppert? Nur, egal in welcher Reihe er läuft, freue ich mich doch auf und über Sang-soo. Und hoffe, den Film bald noch einmal sehen zu können. Wer wird sich trauen, ihn nach Deutschland zu bringen?

Mit dem neuen Kiarostami verbindet In Another Country wenig, außer vielleicht, dass beide unscheinbare Werke sind. Da wundert es mich dann aber doch ein wenig, dass so wenige Kollegen über sie stolpern. Gerade Like Someone in Love ist ein Film, der viel mit einem macht, der einen fordert und auch leiden lässt, etwa in seinem unterschwelligen Diskurs über das von Maschinen gesteuerte Leben. Bei Sang-soo sind sowieso wir die Versuchskaninchen.

Mud 01

Von den vielen nordamerikanischen Produktionen bleiben zweieinhalb in Erinnerung: Der halbe ist David Cronenbergs Cosmopolis, der ein so großes Ärgernis war, eine so steife, unsinnliche, selbstverliebte und dumm-dreiste Kapitalismuskritik (von Don DeLillo gesponsert), dass er eigentlich ganz hilfreich war in Cannes, quasi als Gegengewicht zu den schönen Überraschungen, als Erdung. Davon profitieren konnte etwa Jeff Nichols' dritter Film, Mud. Der erst 33-jährige Regisseur – jüngster Filmemacher im diesjährigen Wettbewerb – hat einen unheimlich geradlinigen Coming-of-Age-Film gedreht, eine Südstaaten-Exploration, die in sich absolut stimmig ist und doch kaum darüber hinaus weist (es sei denn in eine historische Dimension). Der auffälligste und kontroverseste US-Beitrag war The Paperboy. Kontrovers heißt allerdings: fast einhellig verrissen. Immerhin wähne ich mich in guter Gesellschaft mit der mehrschichtigen Positionierung von Guy Lodge. Es ist ein in der Tat sehr seltsamer Film, auch einer, über den man sich wird streiten können. Vielleicht ist er gar unerhört, unverschämt. Folgt er einer perversen Logik? Desto mehr Verrisse ich lese, desto schneller steigt meine Lust, den Film noch einmal zu sehen. Warum Buhrufe gute Indikatoren für lohnenswerte Filme sind (und der Wunsch nach Qualität kleingeistig ist), habe ich übrigens in meiner Kritik ausgeführt.

Rust   Bone 03

Cannes 2012, das waren natürlich noch viele weitere Filmeindrücke. Auch knapp 14 Tage später bleibt etwa Jacques Audiards unebener Rust and Bone (De rouille et d’os) präsent. Und den Vergleich mit dem monumentalen Ein Prophet (Un prophète, 2009) kann man sich einfach schenken. Rust and Bone muss für sich stehen und kann das auch ganz hervorragend. Nur darf man sich das Sozialdrama nicht grau-unscheinbar wünschen. Auch Ulrich Seidl hat wieder zugeschlagen: Mit Überlänge und seinem unverkennbar surrealen Stil breitet er eine Reise nach Kenia in die sexuelle Ausbeutung aus. Gerade über die Dauer vermittelt sich mehr als nur Unwohlsein und Mitleid. Seidl legt in Paradies: Liebe Mechanismen offen, die so ernüchternd wie nachvollziehbar wirken.

Post Tenebras Lux 01

Nicht unerwähnt bleiben dürfen zwei Preisträger: The Hunt (Jagten), dessen Hauptdarsteller Mads Mikkelsen für seine herausragende Schauspielleistung ausgezeichnet wurde. Ein schnörkelloser, präziser und auch mitreißender Film. Außerdem Carlos Reygadas, der etwas überraschend den Preis für die beste Regie einheimste. Überraschend aufgrund des direkten Vergleichs mit dem ungleich wirkungsvolleren Carax. Davon abgesehen aber ist Post Tenebras Lux ein starker Beitrag, dessen Bilder mal eine meditative, mal eine offenbarende Kraft entfalten. Im Vergleich mit anderen Werken von Reygadas ist er noch rätselhafter, auch verschrobener und sperriger. Die einzelnen Teile fügen sich nur mit Mühe zusammen, man bleibt hängen bei einzelnen schon für sich genommen bedeutsamen, eindrucksvollen Szenen. Am Schluss ist es wie beim Festival allgemein, wer zwanghaft nach einem Sinn verlangt, der allem übergeordnet ist, wird nur zu bekannten Allgemeinplätzen vordringen. Kino ist zugleich weniger und mehr: Jeder Film, jeder Augenblick birgt bereits in sich die Möglichkeit, dich den entscheidenden Schritt stolpern zu lassen. Ein Glück, dass die Stufen nach oben führen.

Wer in diesem Beitrag ein Resümee der Nebensektionen vermisst, sei noch auf ein paar unserer Kritiken verwiesen: 11.25 The Day He Chose His Own Fate, Antiviral, A perdre la raison, Beasts of the Southern Wild, Camille Redouble, Laurence Anyways, Le grand soir, Mystery, Sightseers, Student.

Kommentare zu „Cannes 2012: Filme, lasst mich stolpern!“

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