Buster Keaton - Alle Kurzfilme 1917-1923

Gerne sprechen die Menschen und natürlich vor allem Publizisten in Superlativen. Wenn es um den „größten Komödianten“ „aller Zeiten“ geht, stellt sich eine ähnliche Gretchenfrage wie bei dem musikalischen Popduell Beatles versus Rolling Stones. Hier lautet sie Buster Keaton oder Charles Chaplin. Dabei sind gerade die Gemeinsamkeiten der beiden Künstler, ihre Wurzeln im Vaudeville und ihre sagenhafte Körperbeherrschung, von Interesse.

The Stoneface nennt man ihn, der es als Komödiant verstand, ohne ein Lächeln, ja überhaupt nur mit minimalem gestischem Ausdruck, auszukommen. Ein Markenzeichen, das ihn unterschied vom großen Charles Chaplin, der auch ein begnadeter Pantomime war und dessen charmantes Lächeln globalen Widererkennungswert besaß, im Alter jedoch immer melancholischer wurde. In Monsieur Verdoux (1947) hatte Chaplin dieses Lächeln aller Unschuld beraubt, was ihm das zeitgenössische Publikum nicht verzieh. So wandte er sich noch einmal den Wurzeln zu, die Melancholie blieb. In Rampenlicht (Limelight, 1952) huldigte Chaplin dem Vaudeville. An seiner Seite, freilich eher als Lakai denn als ebenbürtiger Künstler – Buster Keaton. Der hatte zu diesem Zeitpunkt dank seiner eigenen TV-Show nach zwei Jahrzehnten im populären und künstlerischen Niemandsland gerade den Weg zurück in das öffentliche Gedächtnis gefunden. Doch trotz zahlreicher Auftritte im Fernsehen und Kino, epochal bei Beckett (Film, 1965) und final bei Lester (Toll trieben es die alten Römer, A Funny Thing happened on the Way to the Forum, 1966), fungierte Keaton immer mehr als wandelnde Filmgeschichte denn als zeitgemäßer Akteur.

Bis heute gilt Buster Keaton neben Chaplin als größter Komödiant der Filmgeschichte. Gemeinsam mit Harold Lloyd stehen beide stellvertretend für die goldene Epoche des Slapsticks.

Während Chaplin als Tramp bereits in dem Jahr 1914 zum ersten Weltstar aufstieg, stieß Keaton erst 1917 zum Film. Roscoe „Fatty“ Arbuckle, damals direkt hinter Chaplin und noch vor Lloyd in der Gunst des Publikums, engagierte ihn für fünfzehn Kurzfilme. Dreizehn von ihnen liegen nun, zum Teil erstmals in Deutschland, auf DVD vor und dienen als Grundstein einer vierteiligen Box, die mit 32 Werken beinahe Keatons gesamte Kurzfilm-Schaffensphase erfasst. Einzig seine beiden Nebenrollen in The Round-Up und The Saphead, beide aus dem Jahr 1920, sowie der verschollene Fatty-Film A Country Hero fehlen in der Edition. Arbuckle war Autor, Regisseur und Star seiner Two-Reels, ganz nach chaplinschem Vorbild, mit eigenem Studio. Al St. John, in den dreißiger und vierziger Jahren als „Fuzzy“ in etlichen B-Produktionen, im ZDF als Western von Gestern tituliert, zu weiterem Ruhm gekommen, fungierte zunächst als Gegenpart von Fatty, manchmal auch Slim genannt. Doch schon bei seinem ersten Auftritt in The Butcher Boy stiehlt Buster beiden merklich die Schau. Roscoes gemütlicher Fröhlichkeit und seinen dem Körperumfang trotzenden eleganten Bewegungen setzt er eine Artistik entgegen, die für komödiantische Höhepunkte sorgt und schnell erkennen lässt, dass er wie Chaplin ein Kind des Vaudeville ist. Noch sind die gespielten Stücke sehr burlesk. In His Wedding Night nehmen die Narreteien mit einem Esel erstaunliche Ausmaße an, hieran scheint etwa ein Borat geschult.

Auch die Geschlechterrollen, heute würde man von „Gender“ sprechen, geben immer wieder Anlass für Kostümierungen und Verwechslungen. Besonderes Augenmerk legt Keaton schon hier in den „Fatty“-Filmen auf technische Geräte, weniger als Accessoires, sondern als integralen Bestandteil der Architektur. Ein sehr eigentümlicher Fahrstuhl etwa sorgt für reichlich Turbulenzen in The Bell Boy. Fatty betätigt sich in diesem Kurzfilm als eigenwilliger Barbier, eine Rolle, die auch Chaplin zelebrierte und die bis zu Mr. Bean zum klassischen Repertoire des Fachs gehört. In diesem Film aus dem Jahr 1918 schwingt durch die merklichen Einflüsse der Kriegszeit auch ein politischer Ton. In The Cook aus demselben Jahr liefert Buster eine beeindruckende Tanzeinlage, die vom anschließenden Spaghettiessen noch gesteigert wird. Back Stage aus dem Folgejahr führt Keaton zurück ins Vaudeville-Etablissement, in dem er sich sichtlich wohl fühlt. Hier wird unter anderem der Starkult mit einer sehr variablen Star-Umkleidekabine persifliert. Als Tänzer tritt Jack Coogan Sr., der Vater von „The Kid“ Jackie Coogan auf.

1920 trennen sich die Wege Arbuckles, der sich auf Langfilme spezialisiert, und Keatons, der nun eine Solokarriere verfolgt. Gleich sein erster Kurzfilm One Week, bei dem er auch für Drehbuch und Regie mitverantwortlich zeichnete, etabliert Keatons weites kreatives Spektrum. Frisch vermählt errichtet Buster ein portables Haus, das man unter anderem über die Badezimmertür im ersten Stock verlassen kann. Neben dem überbordenden Ideenreichtum und der sensationellen Körperbeherrschung hat diese filmhistorische Perle auch einen Moment zu bieten, den man nur mit den Attributen „modern“ und „selbstreflexiv“ beschreiben kann. Die Braut im Bad reckt sich gen Handtuch, als plötzlich eine nicht zu verifizierende Hand den voyeuristischen Kamerablick versperrt. Diese bewusste Adressierung des Zuschauers sorgt für einen Bruch und ist jedenfalls nicht mit konventionellen Vorstellungen des „klassischen Hollywood“ kompatibel.

Auch in The Haunted House gibt es ein reflexives Spiel, in diesem Fall mit dem Verhältnis von Schauspieler und Rolle. Im Engelsgewand mit Hut schreitet Buster die Himmelspforten hinauf – und wieder herab. In der Hölle angelangt wird er bereits erwartet – ein Schild trägt den Namen des Schauspielers: Keaton. One Week liefert nicht nur ein aberwitziges Finale, sondern weist in seinem rasanten Mittelteil, in dem ein brachiales Unwetter für Verwüstung sorgt, bereits auf Keatons späteren Langfilm Steamboat Bill Jr. (1928) hin. Selbiges trifft auch auf The Boat aus dem Jahr 1921 zu. Die Natur weist hier so manche Tücken auf und als Bonbon gibt es erstmals zwei „kleine Busters“ zu sehen. Die beiden genannten Filme zählen auch deshalb zu den eindrücklichsten der Edition, weil sie einen fast hermetischen Handlungsraum besitzen. Keaton entfaltet seine Kunst immer dann am nachhaltigsten, wenn er seine irrsinnigen Einfälle und akrobatischen Höchstleistungen an einem Ort durchdekliniert.

Wesentlich heterogener wirken viele seiner Kurzfilme, in denen sich Handlungsstränge und Orte voltenartig abwechseln. Dies ist unter anderem in Hard Luck (1921) zu beobachten, wo der Held multiple Selbstmordversuche unternimmt, ehe die Handlung ihn in einen abstrusen Club führt. Cops aus dem Folgejahr wirkt mit seinem großen Personal und den streng komponierten Einstellungen einer Polizeiparade fast wie eine Großproduktion im Kontext der Kurzfilme. Auch hier gibt es spektakuläre Verfolgungsjagden, die belegen, dass Keaton vor allem auch ein unvergleichlicher Akrobat war. Ungeschnitten meistert er perfekt komponierte Stunts, die immer sowohl eine Dimension des Sensationellen als auch des Komischen besitzen.

Während Buster hier sogar mit einem Pferd telefoniert, ist The Frozen North aus demselben Jahr von einem anderen Ton durchdrungen. Dieser wohl untypischste unter den Kurzfilmen Keatons zeigt zum einzigen Mal das Aufweichen des Stoneface. Keaton spielt eine ironisch gebrochene fragwürdige Figur, die sogar tötet – und sei es nur aus Versehen.

Die vorliegende Edition ermöglicht ein Eintauchen in Sternstunden des frühen Films und ist Ausdruck des Talents eines Mannes, der auf unnachahmliche Weise das perfektionierte, was zu den schwierigsten Unterfangen im Kinokosmos gezählt werden muss: Menschen zum Staunen und Lachen zu bringen.

Weiterführender Link:

IMDB-Eintrag zu Buster Keaton

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