Blicke in eine unbekannte Welt - Zum Werk von Gordon Parks

Bürgerrechtler, Life-Reporter, Modefotograf, Filmemacher. Das C/O Berlin widmet sich mit einer Überblicksausstellung dem Autodidakten und Shaft-Regisseur Gordon Parks – und präsentiert ein Werk, das sich der diffusen Angst schwarzer Südstaatenbewohner ebenso engagiert widmet wie der reinen Form einer weißen Badekappe.

Negro Woman in Her Bedroom

Um zu verstehen, wie souverän Gordon Parks die hohe Kunst der Fotoreportage beherrschte, muss man sich nur seine Bilder ansehen. Zum Beispiel ein Bild aus dem Jahr 1956: Darauf ist eine alte Frau zu sehen, die mit ihrer Enkelin vor einem Schaufenster steht. Man braucht einen kurzen Moment, um sie zu erkennen, weil die Lichtreflexionen auf der Scheibe das räumliche Empfinden stören und das Auge die beiden Windowshopper erst einmal von den vielen blassen Kinderpuppen trennen muss, die aussehen wie Statisten aus dem Horrorfilm Das Dorf der Verdammten (Village of the Damned, 1960). Dabei gibt es eigentlich einen sehr markanten Unterschied zwischen den Menschen und den Plastikfiguren: ihre Hautfarbe. Spätestens das ehrfürchtig dreinschauende schwarze Mädchen eröffnet die ganze gesellschaftliche Dimension des Bildes. Die Welt, auf die sie hier blickt, wird für sie unerreichbar bleiben. Er ist, als würden ihr die falschen weißen Kinder mit ihrem grotesk eingefrorenen Lächeln zurufen: Vielleicht wirst du einmal in diesem Laden einkaufen, aber zu uns gehören wirst du nie.

Die Lebenswelt der Rassentrennung

Untitled Harlem 1

Die Fotografie stammt aus der Reihe Segregation Story (1956), die sich mit der Rassentrennung in Alabama beschäftigt. Wie viele seiner Bilderserien hat Parks sie für das renommierte Magazin Life geschossen, und wie in vielen seiner Fotos deckt ein vermeintlicher Schnappschuss soziale Missstände auf und bringt sie durch sorgfältige Komposition – die oft erst durch die Beschneidung des ursprünglichen Bildes entstand – und subtile dramatische Verdichtung zu voller Wirkung. Die anderen Teile von Segregation Story, die weitere Bereiche der prekären afroamerikanischen Lebenswelt beleuchten, fallen nicht weniger dringlich aus. Wir sehen Kinder, die durch einen Zaun auf einen Vergnügungspark für Weiße blicken, sehen, wie ein Junge, der noch ein halbes Kind ist, auf seiner Veranda ein Gewehr lädt oder wie ein älteres Ehepaar, das mit versteinerter Miene für den Fotografen posiert, das schwarze Amerika von seiner bürgerlichsten Seite präsentiert. Parks Arbeit für Life diente einem konkreten Nutzen: den Leser zu informieren, ihm Unbekanntes bewusst zu machen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Segregation Story hält seinem Betrachter die Unsinnigkeit und Grausamkeit der Rassentrennung vor Augen, vermittelt ihm das diffuse Gefühl der Angst, das für die schwarzen Südstaatenbewohner von damals ein ständiger Begleiter war – und zeigt nicht zuletzt, dass sich soziale Brisanz und ein feines ästhetisches Gespür nicht ausschließen müssen.

Die Kamera als Waffe

Shaft

Das C/O Berlin widmet Parks gerade eine klassische Überblicksausstellung, die zeigt, dass zwar nicht jede Schaffensphase in seinem umfangreichen Werk gleich viel Beachtung verdient wie Segregation Story, zumindest aber die meisten. Um der Arbeit des Bauernjungen aus Kansas – der sich zunächst mit allerlei Gelegenheitsjobs durchschlug, bis er schließlich Ende der 1930er Jahre als Autodidakt zur Fotografie kam – gerecht zu werden, bräuchte es eigentlich einen viel größeren Rahmen als nur eine Ausstellung. Im Laufe seiner Karriere eignete Parks sich immer mehr Disziplinen an: Er schrieb Bücher wie das semi-autobiografische The Learning Tree, komponierte Jazz-Stücke und drehte als einer der ersten Afroamerikaner Mainstreamfilme, von denen der Blaxploitation-Klassiker Shaft (1971) der bekannteste ist. Wenn Parks heterogener künstlerischer Output in Zeitungsartikeln auf ein paar Schlagwörter reduziert werden muss, kommt dabei meist der schwarze Aktivist heraus, der die Kamera als Waffe verstand. Dieses Bild macht zwar nur einen Teil der Faszination Parks aus, allerdings keinen unbeträchtlichen.

Intimität der Straße

Untitled Harlem 2

Viele der Fotos entführen ihren Betrachter in eine Welt, zu der sie keinen Zugang haben und die sie besser verstehen sollen. Im Jahr 1948 dokumentierte Parks etwa das Leben einer Gang im Chicagoer Problemviertel South Side. Bevor er jedoch auf den Auslöser drücken konnte, musste er erst einmal mühevoll für die Akzeptanz innerhalb der Gang kämpfen. Irgendwann lebte der Fotograf dann mit den Jugendlichen, zeigte sie beim Tanzen, beim Herumalbern oder auch beim rabiaten Kampf mit einer verfeindeten Gang. Was die Bilder verbindet, ist eine Intimität, die bei diesem Sujet nicht selbstverständlich ist. Dabei ist die Kamera zwar ganz nah dran, gibt aber nicht mit platten Psychologisierungen vor, allwissend zu sein. Sie will etwas über diese Menschen erzählen, ohne ihre Geheimnisse ganz zu lüften. Sie versucht, zwischen dem Kraftgemeiere einen verwundbaren Moment zu finden – nicht um die Männer zu denunzieren, sondern um zu zeigen, dass sie mehr sind als nur abgestumpfte Schläger. Und all das gelingt Parks, ohne auf das emotionale Totschlagargument der Großaufnahmen von Gesichtern zu setzen.

Crime Suspect with Gun

Das Sujet der Straße findet sich immer wieder in der Ausstellung – ob beim Marsch auf Washington, in den Porträts der von Armut und scheinbar endlosen Schicksalsschlägen gepeinigten Fontenelle-Familie oder in den brasilianischen Favelas, in denen Park sich dann tatsächlich zu sehr auf die überwältigende Wirkung eines gequälten Kindergesichts verlässt. Wie stark die filmische Qualität dieser Bilder mitunter ist, wird besonders in der Serie Crime in the U.S. (1957) deutlich. Parks widmet sich darin dem wenig heroischen Alltag auf beiden Seiten des Gesetzes. Die grobkörnigen, oft nur von Neonröhren beleuchten Fotos zeigen unglamouröse Drogendealer und abgehalfterte Detectives bei der Arbeit. Die Bilder sehen so schmutzig aus, wie das Milieu ist, von dem sie erzählen –,als würden sie aus derselben schäbigen Hinterhof-Welt stammen wie William Friedkins The French Connection (1971). Passenderweise schwebt eine kleine Leinwand vor den Bildern, auf die Parks’ Actionkomödie The Super Cops (1974) projiziert wird – die Verfilmung einer wahren Geschichte über zwei New Yorker Polizisten. Auf die Feldforschung folgte die Übertragung ins Hollywood-Format.

Mystische Märchenwelten

The Learning Tree Poster

Adaptionen sind ein Leitmotiv in Parks’ Schaffen: Die Wirklichkeit wird in einer Fotografie verdichtet, das Bildsujet zum Film und Bücher wiederum zu Fotoserien. Parks’ Roman The Learning Tree, den er 1969 auch verfilmte, inspirierte ihn bereits einige Jahre zuvor zu einer Fotoserie, bei der das Erzählen im Hintergrund steht. Anstatt Anhaltspunkte für die Coming-of-Age-Geschichte eines Jungen, der in den 1920er Jahren dem Rassismus seines Umfelds strotzt, zu liefern, spinnt sich Parks eine mystische Märchenwelt zusammen, die von einer traumhaft schwerelosen Stimmung eingehüllt ist. Locker werden dabei die Figuren in der unergründlichen Natur angeordnet. Die Aufsicht auf eine Gruppe nackter Jungen, die in einem Fluss badet, hat etwas geradezu Ornamentales. Und im Bild eines spielenden Kindes interessiert sich Parks fast mehr für die bunten Bänder, die wie das Flackern aus einer anderen Welt wirken, als für die Gattung des Porträts. Die Fotos haben beinahe etwas Abstraktes, jedoch ohne in kalten Formalismus abzugleiten. Gerade diese tolle Serie hält eindrucksvoll vor Augen, wie wichtig die ästhetische Dimension im Parks Werk ist. Ob es nun die vielen Rahmungen im Bild sind oder die wie beiläufig aufeinander bezogenen Blicke und Bewegungen, sie sind das Werk eines Meisters der Komposition, dem das Korsett des fotografierenden Bürgerrechtlers viel zu eng ist.

Jeweled Cap Malibu

Unübersehbar ist das in den Modefotos, die Parks für verschiedene Hochglanzmagazine geschossen hat. Interessant sind sie schon auch, weil sie teilweise parallel zu den harten realistischen  Fotoreportagen entstanden sind. Es wäre jedoch ein Fehler, die Bilder von schönen weißen Models in stilisierten Settings nur als witzige Randnotiz oder reine Auftragsarbeit zu sehen (das sind sie nicht mehr und nicht weniger als die Fotos für Life). Vielmehr zeigen sie, wie viel sich auch noch hinter den Bildern verbirgt, wenn sie nichts über die soziale Wirklichkeit erzählen; oder zumindest nicht direkt. Dafür muss man sich nur ein Foto wie Jeweled Cap (1958) ansehen, das eine Frau mit Badekappe zeigt, die sich perfekt in ein Interieur aus kreisrunden Fenstern einfügt. Hier ist Parks dann plötzlich nicht mehr nur der schwarze Aktivist, sondern ein Künstler der glänzenden Oberflächen, der das Spiel von Farben, Formen, Stoffen und Posen in höchster Vollendung beherrscht.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 4. Dezember 2016

Zur Website des C/O Berlin

Zur Website der Gordon Parks Foundation

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