Besonders Wertlos 2016: 18. Festival des deutschen psychotronischen Films

Filme, die einfach losrennen: Kleine Reise durch ein paar Filme der 18. Ausgabe des Besonders-Wertlos-Festivals. Mit Nazis, Kriechtieren und viel geschmuggeltem Kaffee.

Su  ndige Grenze 1

Einen roten (oder besser: rotstichigen) Faden für einen Festivalbericht zu finden, ist bei einem Ereignis wie „Besonders Wertlos“ – dem Festival des deutschen psychotronischen Films, das früher in Bochum, mittlerweile jährlich im Kölner Filmhauskino stattfindet – einfach und schwierig zugleich. Einfach, weil es natürlich unzählige Linien gibt, die sich zwischen abseitigen, verkannten, vergessenen Werken der deutschen Filmgeschichte zwischen den 1950ern und 1980ern ziehen lassen. Zugrundeliegendes wie das faschistische Erbe der BRD (dazu später mehr), aber auch einiges an der Oberfläche. Kriechtiere etwa: die maledivische Schildkröte in Wer stirbt schon gerne unter Palmen, der die Verzweiflung des Schiffbrüchigen eher egal ist, und der Igel, der sich als Drohung auf dem Stuhl manchmal in den Bildern von Sündige Grenze versteckt. Andererseits muss man eben aufpassen, dass man beim Linienziehen bleibt und nicht auf einmal ganze Filme unter einen Hut quetscht, unter dem dann all das Singuläre nicht mehr zu sehen wäre, das den Reiz des Psychotronischen ausmacht. Also erst mal Singuläres: Da wird der kleine Heinz auf der Polizeiwache gefragt, ob er denn immer stottere. „Nur wenn ich spreche!“, antwortet er. Und wie er das sagt. So keck. Nicht bloß das Rotzbengeldasein behauptend, er scheint auch irgendwie um das Kinopublikum zu wissen, das ihm nun erst mal zu Füßen liegt.

Bilder von Grenzen

Su  ndige Grenze 2

Keckes Kino, das trifft es überhaupt ganz gut. Filme, die jegliche Filter ablegen und selbiges vom Zuschauer einfordern. Einfach losrennen, auch wenn’s gefährlich und verboten ist. Wie die Bande der „Rabatzen“, zu denen dieser kleine Heinz aus Sündige Grenze (1951) gehört. Leicht von oben überblicken wir das Aachener Grenzgebiet, in dem die Rabatzen sich von den „Stehenbleiben!“-Ansagen der Polizei nicht aus ihrem Rennen bringen lassen. Auch wenn historischer und filmischer Kontext jede Form von „erschreckender Aktualität“ verneinen: Visuell ist diese Szene nah an gegenwärtigen Nachrichtenbildern von anderen Grenzen. In Robert A. Stemmles Film ist diese Grenze nun aber kein Hindernis, das man auf dem Weg in ein besseres Leben zu überqueren hat, sondern eigenständiger Raum, der das Leben verbessert. Die Rabatzen sind eine Schmugglerbande, die den in der frühen Bundesrepublik hoch besteuerten Kaffee importieren. Und Die sündige Grenze ist dementsprechend kein Strolche-Klamauk, sondern ein ungewöhnlich sozialrealistisches Stück Kino, das den Kaffeeschmuggel und seine Konsequenzen porträtiert. Der sorgevoll-empathische Blick von außen wird innerfilmisch von Dieter Borsche als Kölner Student Hans verkörpert, der das Phänomen für seine Doktorarbeit studiert und sich bald in Rabatzen-Anführerin Marianne (Inge Egger) verliebt. Es wird kein Happy End geben, dafür ist dem Film sein Thema zu wichtig. Aber Sozialrealismus heißt hier zum Glück nicht nur Anklage, sondern auch das realsoziale Glück der Angeklagten: Einfach losrennen, ein bisschen Abenteuer, besser als Schule allemal.

Die böse Stimme

Im Stahlnetz des Dr. Mabuse 1

Rein chronologisch ist Sündige Grenze dem „Dritten Reich“ am nächsten, aber von dessen Erbe zeugen dann weitaus später entstandene Filme in mal geisterhafter, mal expliziter Form. Der Abschlussfilm des Festivals, Harald Reinls Im Stahlnetz des Dr. Mabuse (1961), baut um den Mythos der mächtigen Verbrecherfigur einen ziemlich brutalen Thriller, in dem diverse Männer und Frauen, die zu viel wussten, von Lastwagen erdrückt, Flammenwerfern verbrannt oder schlicht weggebombt werden. Dabei geht’s um eine Droge, die Menschen willenlos macht. Sind in strukturell ähnlich angelegten US-amerikanischen Filmen aus derselben Zeit derlei Fremdsteuerungen längst als Produkte des ideologischen Feindes im damals aktuellen Kalten Krieg codiert, spricht aus dem unheimlichen Verführer in Reinls Film freilich vor allem die Vergangenheit. Die tolle, fatalistische Schlusseinstellung, in der das Close-up von Gert Fröbe als Kommissar, der an den Tod des Schurken nicht so recht glauben mag, von Menschenmengen-Bildern überlagert wird, spricht von der Gefahr, das Böse in einem konkreten Menschenkörper dingfest machen zu wollen. Mabuse, das ist hier die meiste Zeit eine Stimme ohne Quelle, eine Kraft, die sich Menschenmasken anzieht.

Pubertierende Kamera

Sieben Tage Frist 1

Auch in Alfred Vohrers Sieben Tage Frist (1969) brodelt das Vergangene, hier kommt der politische Turn erst sehr spät, dafür aber sehr explizit – und erzählerisch effektiv. Wie der mittlerweile so klischeebehaftete final plot twist eine kurze Begegnung zweier Männer nachträglich mit Bedeutung auflädt, ohne dass man sich als Zuschauer irgendwie manipuliert fühlen würde, das ist schon ziemlich großartig. Für die Wiederkehr des Verdrängten braucht’s natürlich die Jugend, selbst wenn die eigentlich gerade mit Erwachsenwerden beschäftigt ist. Bei einem nächtlichen Ausflug aus dem Jungsinternat zu einer Prostituierten in einer Strandhütte lässt sich da sogar die sonst eher nüchterne Kamera anstecken und pubertiert los, schaukelt aufgeregt hin und her, als sich die Dirne für die Jünglinge zu entblößen beginnt.

Sieben Tage Frist 2

Das Whodunnit – das sich bei gleich zwei Vermissten und einer Leiche noch dazu zum What-did-he-who-did-it-do ausgeweitet sieht – ist längst im Gang, als diese Bordellszene in gewisser Weise fortgeführt wird, allerdings nur als Tonbandaufzeichnung, die man im Zimmer von Kurrat findet, dem verschwundenen Anführer der regelmäßigen Puffausflüge. Die gesamte Lehrerschaft ist versammelt, als das Band abgehört wird, und diese Gesichter der Autoritäten, die mit allem zu rechnen scheinen, sich moralisch schon mal vorab entrüsten, denen wird noch mal ganz anders, als ein betrunkener Jungschor sich über die privaten Geheimnisse der Lehrenden reimend die Mäuler zerreißt. Jugendliche Wahrheit auf der unzerstörbaren Tonspur, inszeniert hier nicht nur als komödiantische Dynamik, die in die steife Routine der Älteren eingreift, sondern als traumatische Konfrontation mit dem Realen. Die Szene nimmt im Privaten vorweg, was im Gesellschaftlichen dem final plot twist vorbehalten bleibt.

Faschistisches Coming-of-Age

Die Erben1

Dass Jugend nicht per se schon Progressives bedeutet, daran erinnert dann Walter Bannerts Die Erben, in dem es um die Verwandlung eines zunächst unpolitischen Jugendlichen in einen waschechten Neonazi geht. Dieser Thomas hat einen Bruder, der Geige spielt, und als dieser Bruder einmal im Beisein der Lehrerin übt, da tritt Thomas kurz ins Zimmer, ins Nazi-Outfit geworfen, reckt die Hand zum Gruße und ruft „Heil Hitler.“ Dann geht er wieder. Als die Lehrerin das Zimmer des Bruders verlässt, wartet Thomas auf sie, er ist dann nur noch mit ein paar Strapsen bekleidet und drängt die Blonde zum Blowjob, während er in den Spiegel sieht. Seine Augen bleiben uns durch die tief ins Gesicht gezogene Offiziersmütze verborgen. Diese zwei Szenen fassen die Gratwanderung des Films schön zusammen. Bei Thomas’ Gehitlere scheint der Film den Nationalsozialismus als historisches Faszinosum zu begreifen, als sehr konkretes, eher subkulturelles Identifikationsangebot, Naziploitation. Und dann wieder durchdringt ihn ein ehrliches Interesse am faschistischen Begehren, an diesem Blick in den Spiegel, der keinen Blick zurückwirft, sondern ein Ich-Ideal projiziert. Uniform mit kniender Frau.

Die Erben verschreibt sich ganz der Psyche dieses jungen Mannes, auch wenn daneben allerlei Platz ist für intergenerationales Deutschtümeln, das Bannert am meisten interessiert und das sich manchmal in fast dokumentarischer Unmittelbarkeit Bahn bricht. Die Alten, die sich in ungestörter Runde an eine unbeschwerte NS-Jugend und die geilen Waffen im Krieg erinnern. Die Jungen, die gebannt zuhören und bald Flyer verteilen, jede kritische Nachfrage der Lügenpresse verweigernd. Dass die tödliche Eskalation, auf die das alles hinausläuft, keine politische, sondern eine persönliche ist, ist dabei durchaus konsequent. Die Erben zeichnet keinen fiktiven Siegeszug einer neofaschistischen Bewegung bis zur neuerlichen „Machtergreifung“ nach, sondern verschreibt sich ganz der kameradschaftlichen Faszination. Faschismus als Jungsfantasie, aber nicht als notwendige, sondern als eine von vielen möglichen. Insofern dienen auch die expliziten Sexszenen weniger einer allgemeingültigen These zu Sexualität und Gewalt als dem banalen Schrecken, dass auch das klassische Coming-of-Age-Narrativ mit seinen unschuldigen Zu-zweit-auf-dem-Motorrad-Momenten gegen Zugriffe von rechts nicht immun ist.

Ein Inspektor stört den Palmenblick

Wer stirbt schon gerne unter Palmen

Aber Schluss mit dem Faschismus, man müsste noch so viel mehr und so viel anderes beschreiben, derart entdeckungswütigen Veranstaltungen wie „Besonders Wertlos“ könnte man mit thematischen Kohärenzversuchen ohnehin nicht gerecht werden, gerade weil sie nicht Ehrfurcht und Bewunderung für Werke herausfordern, sondern ein rastloses Staunen über Bilder. Über so viel Gerenne, über so viel Keckheit, über so viel Kriechtiere. Also nochmal zurück zur Schildkröte und der ebenfalls von Alfred Vohrer inszenierten Konsalik-Verfilmung Wer stirbt schon gerne unter Palmen? (1974), die von einem Mord erzählt, daneben aber durchs Setting induzierte zoologische, ethnologische, soziologische Interessen durchblicken lässt. Sich dabei leider Gottes immer wieder von einem übermotivierten, neurotischen Inspektor stören lassen muss, der den Mord tatsächlich aufklären und die hauptverdächtige Frau des Toten Anne hinter Gittern bringen will, obwohl sich die Figuren eigentümlich einig sind darüber, dass es um das Opfer jetzt nicht grad schade ist. Des Inspektors Antagonist, Lebemann Werner Becker, ist ähnlich konsequent: Er will sich nicht davon abbringen lassen, die schöne Anna zu lieben, selbst wenn die einen Mord begangen haben könnte. Ach ja: Die drei sind nach einer Gefangenenrevolte über den Wolken auf einer verlassenen Insel gestrandet und müssen neben dem ständigen Neujustieren der zwischenmenschlichen Verhältnisse ums Überleben kämpfen. Den letzten fressen die Haie, schon ein Jahr vor Jaws.

Nullpunkt des Schauspiels

Asphaltnacht

Ebenso ist noch gar nichts gesagt über Asphaltnacht, ein „Schlüsselwerk der Berliner Punkszene“, in dem ein alter 68er mit Kreativblockade und ein junger Punk („68 war ich noch ein Kind, da hatte ich anderes zu tun!“) durch West-Berlin cruisen, sich tierisch auf den Sack gehen und dadurch anfreunden, zwischendurch vor fiesen Motorradgangs in eine Kirche flüchten, in der ein gewisser Mike stets bereit an der Orgel sitzt, um am Ende der Nacht im Tonstudio gemeinsam jenen Song einspielen zu können, mit dem sich der Ältere nun schon so lange herumplagt. Nach der Closure ist dann sogar noch Zeit für Sex und einen Autounfall. Das Schauspiel ist hier am absoluten Nullpunkt, der freilich anders beschaffen ist als ein Tiefpunkt, hier vielmehr die Egal-Attitüde der Figuren zuspitzt, die auf jede kommunikative Öffnung des Gegenübers mit einem gestischen oder mimischen Schön-für-dich reagiert. Klar, dass Freundschaft da ins Gitarrensolo sublimiert werden muss. Und wozu sich überhaupt Mühe geben, wenn Rock ’n’ Roll eh größer ist als wir alle, und das Kino sowieso.

Kommentare zu „Besonders Wertlos 2016: 18. Festival des deutschen psychotronischen Films“

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