Besonders Wertlos: 17. Festival des deutschen psychotronischen Films

Bayerische Outlaws, russische Höschen und sterbende Filmkopien: Auf dem Besonders-Wertlos-Festival ließen sich Kinobilder wie kostbare Schätze sammeln.

Jaider - der einsame Jaeger

Was macht es denn nun mit mir, vor der Projektion eines Films zu erfahren, dass diese Filmkopie bislang von etwa so vielen Menschen gesehen wurde, wie dieser Film an Jahren auf dem Buckel hat? Der Film ist Volker Vogelers Jaider – der einsame Jäger; einst, 1971, im WDR ausgestrahlt, mit bösen Leserbriefen bedacht, weil im angeblichen Heimatfilm Gewehrkugeln aus der blutigen Schulter gepult werden; vom Regisseur persönlich auf eine 35mm-Kopie gezogen; Jahre später in einer Retrospektive gezeigt und jetzt auf dem Besonders-Wertlos-Festival in Köln, vor vielleicht nochmals 50 Leuten. Die sehen Outlaws, Militärs, Räuberbanden, bayerische Wald-Landschaften, die kein funktionierendes Heimat-Ökosystem sind, sondern eher aus kaputten Ästen und aus dem Boden sprießenden Wurzeln bestehen. Und Gottfried John in seiner ersten Filmrolle: ein Gesicht, in dem alles zu groß ist. Die Lippen, die Augenbrauenpartie, diese Nase; alles strömt hinaus und will Kino werden. In jeder Hinsicht: ein Western-Begehren im Wald; ein Kino-Begehren im Fernsehfilm.

Todeskampf im Projektor

Jaider - der einsame Jaeger 2

Vielleicht ist es ein bisschen auch das Bier, mit dem man sich das Warten auf die Mitternachtsstunde vertrieben hat, und wahrscheinlich vor allem diese merkwürdige Ungreifbarkeit des Films selbst, der Kausalitäten beschwört, aber nur zögerlich ausagiert. Der Plot, der im 19. Jahrhundert spielt, wird nicht erzählt, sondern ergibt sich. Und dann ergibt er sich den Bildern, diesen ziemlich entschleunigten Bildern, in denen man sich verliert, weil sie nichts illustrieren und viel zeigen. Dann ist es aber auch das Wissen um die Seltenheit und Kostbarkeit, das beiträgt zu dieser filmischen Erfahrung, die nicht linear, sondern nahezu vollkommen affektiv verläuft; weil man die Bilder kaum wahrnimmt als Einzelteile eines Ganzen, sondern als kostbare Schätze, die für einen Augenblick sich zeigen – und manchmal tatsächlich: in ihrer ganzen Pracht –, um danach zu verschwinden und vielleicht nicht mehr erblickt zu werden. Und wenn, dann an einem anderen konkreten Ort, zu dem diese kostbaren Schätze hingebracht werden müssen, weil in unseren Wolken eben doch nicht Platz für alles ist. Der Reiz des Seltenen und die Trauer übers vielleicht bald Verlorene fallen in eins. Der Todeskampf im Projektor macht zugleich betroffen und glücklich.

Trash, Kult, Wertloses

Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn 1

Dieser Todeskampf ist so etwas wie der Ansporn für die Veranstalter des „Festivals des deutschen psychotronischen Films“, und deshalb gab es in diesem Jahr auch eine kurzfristige Planänderung. Rolf Olsens Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn (1967) stand eigentlich erst für 2016 auf dem Programm, aber dann hieß es, die Kopie sei in einem derart miserablen Zustand, dass es im nächsten Frühjahr schon zu spät sein könnte. Als Abschlussfilm aufgeführt, weil dieser Film das Festival vor 16 Jahren inspiriert hatte, waren am Ende alle froh, dass die Kopie überraschend zeigenswert war; und dass das Zelluloid sich ins Rotstichmilieu wagt, das passt ja eigentlich wunderbar zum LSD-Prostitutions-Plot.

Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn 2

Olsens herrlich dreckiges Stück Genrekino – wie überhaupt ein Blick ins Programm, in dem sich auch Die freudlose Gasse (1925) von Georg Wilhelm Pabst und Rolf Thieles grandioser Labyrinth der Leidenschaften (1959) tummeln – hat als Abschlussfilm nochmals deutlich gemacht, dass Besonders Wertlos kein Trash-Festival ist, auch wenn man weniger cinephile Bekannte und Freunde mit diesem Label wohl am ehesten überzeugen kann (im Vergleich zum letzten Jahr übrigens ein grandioser Anstieg der Zuschauerzahlen!). Besonders wertlos, das ist also kein bloßes Anti-Qualitätsmerkmal (so wie „besonders wertvoll“ nun mal häufig auch kein Qualitätsmerkmal ist); schon gar nicht ist das Kult, denn was hätte schon einen höheren Wert als ein Kultgut? Es geht dem Festival um Wert und Nicht-Wert als nicht nur subjektive „Geschmackssachen“, sondern auch als historisch kontingente Kategorien. Und um die streitbare Vermutung, dass im Wertvollen das Immergleiche sich darbietet, während im Wertlosen, im Vergessenen, an den Rändern, unzählige Schätze lauern. Deswegen muss die zynische, sich sicher in der Gegenwart wissende Zuschauerhaltung zugunsten einer radikalen Neugier aufgegeben werden.

Von Schlagern und Höschen

Auch Ninotschka zieht ihr Hoeschen auch 1

Mir fällt das nicht immer leicht. Gerade in deutschen Sexklamotten wie Auch Ninotschka zieht ihr Höschen aus (Regie: Claus Tinney; 1973) wähnt man sich unbehaglich vereint mit früheren Lachgemeinschaften, die sich mit Ninotschka, ihrem Höschen und den dümmlichen Russen endlich mal so richtig austoben durften und die man sich jenseits des Kinos gar nicht vorstellen will. Doch ist wohl die lustvolle Auseinandersetzung mit diesem Erbe eine nicht minder produktive Form der Konfrontation mit vergangener Kultur und Politik als die historisch-kritische Aufarbeitung. Es gibt eben nur den Wunsch und das Gesellschaftliche, nichts sonst; und beides scheint man in einem Film wie Auch Ninotschka zieht ihr Höschen aus ein wenig unvermittelter, ein wenig intensiver zu erleben. Und am schönsten ist es, wenn das eine das andere schlägt; wenn Schweine sich ihren Weg in die Orgie bahnen und die Puffmutter vor Sehnsucht nach ihrem sexuell eher unterbelichteten Russen fast zergeht.

Auch Ninotschka zieht ihr Hoeschen auch - Poster

Es geht also nicht um das bloße Abfeiern vergangener Schlüpfrigkeiten noch um die ernsthafte Prüfung, wie das denn nun alles gemeint gewesen ist und wie man dazu heute steht. Mehr als um unterwürfige Affirmation oder zynische Distanzierung geht es um das lustvolle Vermessen einer Distanz, im Denken wie im Losprusten. Das gilt auch für den „Leviathan unter den Verwechslungskomödien“ (Programmheft) Rudi, benimm dich (Regie: Franz Josef Gottlieb, 1971), der von einem Film wie Jaider nicht weiter entfernt sein könnte, der eine völlig andere Modulation des Wertlos-Begriffs besetzt. Nicht Entschleunigung, sondern gnadenlose Beschleunigung, völlige Vernichtung jeden Affekts – und doch holt der hyperaktive Plot manchmal kurz Luft und gerinnt zum Bild, weil er sich für von Fenstersimsen hängende Rudi Carrells dann doch nicht nur als alberne Tatsache, sondern als tatsächliches Fallhöheproblem interessiert. Ansonsten Innehalten nur für das Abspielen der Schlagernummern von Carrell, Chris Roberts und Anita. Die sind natürlich ziemlich trashig.

Intentionen?

Rudi benimm dich 2

Die Frage nach der berühmten Intention, sie tendiert hier nicht zu einer Antwort, sondern wird zu einer anderen Ebene. Nicht-Intendiertes, das in den tollsten Farben nach draußen strömt; Intentionen, die sich erst jetzt nach so vielen Jahren ganz enthüllen; Genuss der Intention in den Bildern. Gerade in Jaider ist die Faszination stets eine doppelte: eine, die im Film bleibt, gebannt auf den angeblichen Gesichtern von 1871 verharrt; eine andere, die sich im Kino weiß, die sich fragt, wie man auf die Idee kommt, jetzt, ausgerechnet in diesem Moment, auf ein Papierboot zu schneiden, das eine Wasserrinne hinunterfährt. Was das für Leute waren. Was da los war. Entscheidungen, getroffen in der Geschichte, gebannt auf eine Filmrolle, projiziert auf eine Leinwand, in Köln, im Jahre 2015.

Rudi benimm dich 3

Deshalb erzählt man von Jaider nachher nicht wie von einem Film, den man gesehen hat, sondern von einem Ereignis, von einer Erfahrung, die man gemacht hat, so wie man von einem Autounfall erzählt oder einem verrückten Spaziergang im Regen. Da gibt’s nichts zu liken. Das kommt auf keine Watchlist. Das ist passiert. Man ist im Kino gewesen. Und dann ist da was durch die Spule gelaufen.

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