Berlinale-Notizen - Tag 9

Die Avantgarde der weinenden Männer.

Der letzte Wettbewerbsfilm Mammuth ist ein Schuss aus ziemlich unerwarteter Richtung. Grelle Kunst, gefilmt mit einem geschätzten Dutzend verschiedenster Kameras, immer schön an der „richtigen“ Belichtung vorbei. Hier ist alles entweder grell überbelichtet oder pechschwarz und so körnig, dass man den Eindruck hat, eine Ameisenarmee habe sich über die Leinwand verteilt. Also so weit alles super.

Mammuth

Durch das materielle Gewusel kommt etwas auf uns zugewankt, das dunkel an einen Film aus letztem Jahr erinnert. Und da ist er wirklich, Mickey Rourke! Okay, nicht ganz. Gérard Depardieu ist dem gealterten Wrestler hier aber zum Verwechseln ähnlich, mit seinen blondierten langen Wellen, dem schweren Atmen und der Rockervergangenheit. Und er arbeitet auch noch auf dem Schlachthof! Na ja, der Wrestler war nur Metzger, aber mit Fleisch hatten beide zu tun. Und der Depardieu hat mittlerweile auch genug davon auf den Rippen, meine Herren. Nun gut.

Mammuth

Mammuth ist sein Kosename, und auch der des Films. Das bezieht sich zwar offiziell auf sein altes Motorrad (Münch Mammut-4 TTS 1200), aber trifft den Charakter natürlich auch perfekt. Mammuth macht sich jeden Ort zu einem persönlichen Porzellanladen, den er dann tapsig und unbeholfen zerdeppert. Irgendwas lief schief früher, ein Unfall, und jetzt macht er nach seiner Berentung einen Roadtrip zur persönlichen Erleuchtung. Der ist teilweise vollkommen absurd, besteht meist aus Szenen mit wirklich komischen Charakteren und ist in seiner körnigen Bildsprache und den grellen Farben der formal bisher gewagteste Beitrag des Wettbewerbs, den ich gesehen habe. Ein bisschen Lynch weht durch den Saal, ein punkiger.

Mammuth

Aber oftmals wird wirklich richtig laut gelacht, und viele der Einstellungen kommen frisch und unverbraucht daher, so hat man Motorradfahrten und Masturbation noch nicht gesehen. Und dann gibt es diese eine, wirklich große Szene: drei Männer an drei kleinen Tischen in einer spärlich beleuchteten Wirtschaft. Depardieu kommt dazu, setzt sich ihnen gegenüber und mit dem Rücken zu uns an einen vierten Tisch. Der Mann links telefoniert mit seiner Geliebten, oder seiner Tochter, fleht, schmeichelt, flötet, und schließlich schluchzt er, weint. Und die anderen drei beginnen ebenso zu heulen, alle zusammen, jeder an seinem kleinen Tischchen. Ein toller Film über Männer, ein toller Film über die Einsamkeit, und ein ganz und gar merkwürdiger Film insgesamt. Schön.

Kommentare zu „Berlinale-Notizen - Tag 9“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.