Berlinale-Notizen - Tag 8
Sauerstoffmangel und Buhrufe bei Oskar Roehler und Moritz Bleibtreu; Verwahrlosung vorm Fernseher und ein harter Generationenkonflikt im Panorama.

Was haben sie sich dabei gedacht?
Oskar Roehler und die anderen Beteiligten an Jud Süss – Film ohne Gewissen müssen während der Produktion zumindest zeitweilig an Sauerstoffmangel gelitten haben. Allen voran Moritz Bleibtreu, der auf der Pressekonferenz noch immer behauptet, Goebbels sei für ihn vor allem ein Clown gewesen. Zum Totlachen. Entsprechend hat er seine Rolle angelegt. Da kommt einem der Brechreiz hoch, den man nach seiner Baader-Darstellung gerade runtergewürgt hatte. Auch der ein Clown.
Ansonsten: Ein Film ohne künstlerisches Konzept. Wollte Roehler damit ernsthaft provozieren? Bei einigen ist ihm das gelungen, die noch während der Vorführung „Pfui“ rufen. Nach deren Ende erklingen recht einhellige Buhrufe. Ein Verwirrter klatscht. Die meisten schweigen betreten.
Der Panorama-Beitrag Phobidilia aus Israel macht mich stutzig: Wie kann das Kino bei einem solchen Film nur halbvoll sein? Hat sich da was noch nicht rumgesprochen? Ich jedenfalls danke noch mal telepathisch einer Freundin für den Tipp und bin ziemlich umgehauen von diesen 90 Minuten kritischem Entertainment. Als einziger Vergleich fällt mir die ganze Zeit nur Aronofskys Requiem for a Dream (2000) ein, der war ähnlich flashy, krankte an dem gleichen Hang zum Plakativen und erzählte auch von der Verwahrlosung durch Fernsehen. Ist aber ein hinkender Vergleich.
Phobidilia zeigt uns einen wirklich harten Generationskonflikt. Ein Typ schließt sich in seiner Wohnung ein, der Fernseher läuft ununterbrochen, das Internet hilft beim Masturbieren, der schön umzäunte Garten ist der Ort für naturverbundene Unterhaltung. Glücklich ist er, mehr braucht es zum Leben nicht. Klar, das da was passieren muss. Ein alter Immobilienmakler will ihn rauswerfen lassen, und unser Stubenhocker wehrt sich natürlich wie verrückt. Doch allmählich dämmert uns, dass der Alte ihn nur vor die Tür ins Leben locken will, weil er sich selbst jahrelang in Polen vor den Nazis in einem Erdloch versteckt hat.
Beim Showdown brüllt der Junge den Alten an: „Erzähl mir nix vom Holocaust, ich hab Schindler’s Liste gesehen“, und das ist nicht nur an sich schon schrecklich, sondern noch dazu ein abgewandeltes Zitat von Mel Gibson. Und so geht’s weiter: Der Junge ist ein Zombie, verrückt geworden durchs Fernsehen, es gibt nichts, was er mit dem Überlebenden des Schreckens teilen könnte. Er lebt ja nur im Virtuellen. Die Konfrontation zwischen den beiden ist so fies, der Film in seinem (manchmal arg groben) Zitierwahn so schön post-whatever, das Ganze dann noch so locker zu schauen, dass man den Regiebrüdern Doron und Yoav Paz auf die Schulter klopfen kann: Super.
Sascha Keilholz, Nino Klingler
Veröffentlicht am 18.02.2010
Foto: Berlinale
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