Berlinale-Notizen - Tag 7

Eine Lockerungsübung und ein Stück Slowcore-Cinema im Wettbewerb, ein nur im Soundtrack überzeugender Gangsterfilm im Panorama und 90 langsame Forums-Minuten, in denen überraschend viel passiert.

The Kids Are All Right

Vergnügliches zur Mittagszeit: Lisa Cholodenkos The Kids Are All Right funktioniert perfekt als Auflockerung des Wettbewerbs. Ein schlichter, exzellent geschriebener Film mit gutem Soundtrack und Humor. Nicht nur der wird vom Publikum gefeiert, sondern auch ein neuer Berlinale-Trailer.

Bróder!

Auch bei Bróder! weiß die Musik zu gefallen, vor allem zu Beginn, wenn sie dem Protagonisten Macu durch sein Viertel in São Paulo folgt, wo ihm eine Welle der Sympathie entgegenschlägt. Doch schnell wird deutlich, dass sich der junge Mann in einer verheerenden Situation befindet. Er schuldet der Unterwelt Geld, die fordert ihn auf, seinen Freund Jaiminho, der auf bestem Wege in die Fußballnationalmannschaft ist, zu entführen. Auch Pibe, der Dritte im Bunde, hat so seine Probleme. Regisseur Jefferson De hat einen kurzweiligen, aber stilistisch und narratologisch nicht überzeugenden kleinen Gangsterfilm gedreht, dessen Videobilder weder ästhetisch noch durch Originalität zu überzeugen wissen.

Der Zweisamkeit ausgeliefert: Schon wieder zwei Männer auf einer Insel, schon wieder dreht einer durch. Nach Scorsese schickt der Russe Alexei Popogrebski seine Figuren an diese für Experimente in Sachen menschliche Abgründe so prädestinierte Lokalität.

How I Ended This Summer

How I Ended This Summer (Kak ya provel etim letom) schaut dabei erstmal ganz, ganz lange zu. Der Ort soll nicht nur gezeigt, sondern erlebt werden: Zwei Männer kümmern sich um eine Wetterstation in der russischen Arktis. Die Sonne geht nie wirklich unter, was gerade dem jüngeren der beiden ziemliche Schlafstörungen bereitet. Mein Sitznachbar hatte da weniger Probleme und schnarcht schon nach zehn Minuten vernehmlich über einem Berg Jacken.

Aber gibt man Popogrebskis Slowcore-Cinema eine Weile, bemerkt man, dass sich hier ein Film gerade ganz langsam selbst durch den Fleischwolf dreht. Der Schwerpunkt bewegt sich fast unmerklich von gediegenen Alltagsobservationen über Psychodrama hin zu waschechtem Survival-Thriller. Die Bilder sind derart grimmig, der Soundtrack so eigenartig belanglos, die Einstellungsdauern und Kamerabewegungen auf einer so unfasslich weiten Skala zwischen hibbelig und meditativ aufgespannt, dass dieses archaische Minimalkino sicherlich nicht jedermanns Sache ist. Ich für meinen Teil war nach einigem Schwanken zuletzt restlos gebannt.

Und außerdem gab’s meine zweite Lieblingsszene der Berlinale: Nach einer bestimmt fünfminütigen statischen Panoramaaufnahme, in der ein Mann um neblige Hügel wandert, erspäht er nach dem Schnitt plötzlich einen Eisbär und muss um sein Leben rennen. Wie wenn man einen Gummi zu weit auseinander zieht: Erst dehnt sich die Zeit unermesslich, um dann schmerzhaft zusammenzuschnappen.

Double Tide

Entschleunigung auch im Forum: Sharon Lockharts Double Tide zeigt eine Muschelsucherin an der Küste von Maine bei der Arbeit, in nur zwei Einstellungen à 45 Minuten, aus gleicher Perspektive, jeweils bei Sonnenauf- und -untergang. Dabei hat man eine Menge Zeit zum Beobachten, auch zum Wahrnehmen der eigenen Wahrnehmung, und zum gemächlichen Durchstreifen verschiedener Lesarten und Rezeptionsmodi. Auf naturalistischer Ebene wird man Zeuge eines offensichtlich ziemlich harten Arbeitstages. Auf impressionistischer sieht man ein sich durch viele Entwürfe wandelndes Landschaftsgemälde, mal grau in grau im Nebel, mal mit scheuen morgendlichen Farbtupfern, mal im herbstlichen Dämmerlicht. Auf abstrakter Ebene findet man Formen und Muster, die sich gemächlich-beharrlich verschieben; in der Geräuschkulisse (Vögel, Hunde, Flugzeuge u.v.m.) sucht man nach Rhythmen, die den Tagesablauf strukturieren. Womit man wieder zum Naturalismus zurückkehrt. Es passiert also eine ganze Menge in Double Tide. Nach wenigen Minuten ist die Sensitivität so erhöht, dass man sich kaum zu räuspern traut, selbst das Gedankenabschweifen erlebt man selten so bewusst. Denn natürlich kann man auch einiges verpassen: Einmal zu lange diesen Vogel verfolgt, schon ist die Wolkenformation eine ganz andere. Die möglicherweise langsamsten 90 Minuten dieser Berlinale sind also gewiss nicht die langweiligsten. Stimmig blieb das gestern Abend noch über den Abspann hinaus: Die erste Publikumsfrage kam von James Benning – in ähnlichen filmischen Gefilden unterwegs wie Lockhart und wie diese seit Jahren regelmäßiger Gast im Forum.

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