Berlinale-Notizen - Tag 5
Von der bisher geschmacklosesten Aufnahme der Festspiele über befremdliche Vernichtungslagerschauergeschichtchen von Scorsese zu drei seltsamen Stunden mit Fassbinder.

Jetzt ist’s aber mal gut mit dieser ewigen Schulddebatte!
Die bisher geschmackloseste Aufnahme der Festspiele: Berlin, Holocaust-Memorial, Abendsonne. Eine junge Frau hüpft träumerisch und irgendwie in sich versunken von Stele zu Stele, aus leichter Froschperspektive glotzen wir ihr unters Röckchen. Doppelt pervers. Wofür war der Ort noch mal gedacht? Ach ja, zum Spielen. Selten habe ich mich so stark in eine Betrachtungsposition gezwungen gefühlt, die ich einfach nicht einnehmen möchte. Vermeiden: Wiegenlieder von Tamara Trampe und Johann Feindt (ausführlicher abgeraten wird hier).
Überhaupt mehren sich die Zeichen, dass die Sache mit der Vergangenheitsbewältigung mittlerweile eher lax ausgelegt wird auf der Berlinale. Scorsese ist wohl auch einfach zu famous, um ihm seine Vernichtungslagerschauergeschichtchen krummzunehmen. Das nächste Mal aber besser aufpassen: Der Schriftzug „ARBEIT MACHT FREI“ hing in der gezeigten Form über dem Eingang von Auschwitz, nicht Dachau; und das B in „ARBEIT“ ist falsch rum. Na ja, es geht ja ohnehin nicht um die Shoah in Shutter Island, sondern um Leonardo DiCaprio und posttraumatic stress disorder, um Psyche, nicht Geschichte. Kann man also abhaken als nebensächlich. Ein befremdliches Gefühl bleibt.

Das Spiegelkabinett des Dr. Fassbinder
Sie alle stehen vorm Vorhang im Kino International: Günter Lamprecht, Uli Edel, die toll aussehende Ingrid Caven, Michael Ballhaus, das ganze Rat Pack des seligen Rainer Werner Fassbinder. Der Applaus war groß, es wäre jetzt Zeit für das angekündigte Q&A. Aber das würgt Juliane Lorenz, die Vorsitzende der Fassbinder Foundation, ungeschickt ab, indem sie sagt, falls es keine oder nur wenige Fragen gebe, warteten draußen im Foyer (und das Foyer des International ist ja berühmt für seine Schönheit) jede Menge Getränke und Imbissangebote. Nun denn, nach mehr als drei Stunden Welt am Draht wird das Angebot zum Aufstehen dankbar angenommen, alles strömt nach draußen, und die eben noch so Gefeierten stehen dann ein wenig blöd da vor dem Vorhang.

Die drei Stunden zuvor allerdings waren noch seltsamer als dieser Auftritt. Welt am Draht, auf der Berlinale in einer restaurierten Fassung uraufgeführt, ist ein zweiteiliger Fernsehfilm von 1973 und eine Frühform von Filmen wie Matrix (1999) oder eXistenZ (1999): Es geht um virtuelle Realitäten, um einen Supercomputer, der eine Welt schafft, ähnlich wie das Computerspiel „The Sims“, deren Bewohner sich aber für real halten. Selten hat die Fassbinder’sche Künstlichkeit so gut gepasst wie hier. Die gestelzte Art zu reden und vor allem der exzessive Einsatz der von dem Regisseur so oft in seinem Werk verwendeten Spiegel erweitern den Raum permanent in eine Parallelwelt. Der politische Teil – die Bloßlegung wirtschaftlicher Interessen, die Fragen von staatlicher Überwachung und gelenkter Illusion – ist heute noch interessant. Der Science-Fiction-Anteil des Films wirkt dagegen natürlich etwas albern. Die Maschine, mit der man von einer Welt in die andere wechseln kann, ist zum Beispiel nur ein aufgepeppter Motorradhelm mit Kabeln dran. Die futuristische Welt sieht ganz klar aus wie die westdeutschen 70er Jahre. An Godards Alphaville (1965) denkt man dabei. Dass dessen Star Eddie Constantine tatsächlich in einer kleinen Gastrolle auftritt, ist wirklich nett.
Veröffentlicht am 15.02.2010
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