Berlinale-Notizen - Tag 3

Es ist das alte Berlinale-Pressekonferenz-Spiel. Man kommt aus der Vorführung und läuft die paar Meter hinüber zum Pressezentrum, um dann festzustellen, dass der Saal schon rappelvoll ist, die Türen werden einem vor der Nase zugemacht. Also stehe ich mit anderen Ausgeschlossenen vor dem Monitor, auf den – mit krachendem und verzerrtem Ton – die Pressekonferenz übertragen wird. Aus dem akustischen Wirrwarr höre ich die Namen des 40er-Jahre-Schauspielers Dana Andrews heraus und des Regisseurs Jacques Tourneur, Filmtitel wie Out of the Past, Laura und Crossfire. Scorsese, der dermaßen cinephil ist, dass er kaum zwei Sätze sagen kann, ohne die Namen von mindestens drei Regisseuren zu nennen, ist offensichtlich in seinem Element: Er redet über Filme, in diesem Fall über jene Filme, die er seinem Team vor den Dreharbeiten von Shutter Island gezeigt hat. Allesamt große Film noir Klassiker.
Entsprechend im Stil des Film noir ist Shutter Island geworden, eine Hommage vielleicht (oder würde man heute sagen: ein Remix?), aber doch auch nicht viel mehr als ein Best-Of des Genres plus scorsesischer Energie. Leonardo DiCaprio und Mark Ruffalo stehen die Zigaretten und Hüte sehr gut, und schon in den ersten paar Minuten wird viel unheilschwangere Spannung erzeugt (daran ist auch die Musik beteiligt, drei düstere Streicherakkorde, die immer wiederkehren). Die 50er Jahre als Paranoia-Kabinett, man hört von Kommunistenhatz, H-Bombe und Nazi-Ärzten. DiCaprio spricht sogar einmal kurz deutsch, endlich zahlen sich die vielen Besuche in Oer-Erckenschwick aus. Immer mehr gleitet der Film dann aber ab in Ausflüge in die Traum- und Gedankenwelt der Figur DiCaprios. Dachau kommt vor und eine brutale Kamerafahrt entlang eines Erschießungskommandos, eine Frau in nassen Kleidern, ein Mann mit einer getackerten Narbe quer durchs Gesicht und immer wieder tote Kinder. Das ist dann schon kein reiner Paranoia-Thriller mehr, das versucht schon etwas bemüht, eine psychologische Studie zu sein, und zwar eine mit vielen Fußnoten.

Mein zweiter Wettbewerbsfilm des Tages war Submarino von Thomas Vinterberg, der vor Jahren mit Das Fest (1998) einen Arthouse-Hit hatte. Submarino ist wieder ein Sozialdrama, das in gesellschaftliche Abgründe führt, allerdings eins, das sich ziemlich in die Länge zieht. Dabei macht es am Anfang Tempo. Es ist noch keine Viertelstunde um, und ich habe eine sturzbetrunkene, Kinder schlagende Mutter gesehen, einen Urinsee auf dem Küchenfußboden, Jugendliche mit Schnapsflaschen, ein totes Baby und einen lieblosen Blow-Job. Später folgen noch eine erdrosselte Nymphomanin, ein drogensüchtiger Vater und – war ja klar – ein Selbstmord. Regisseur Vinterberg hat für die Unterschicht, die hier porträtiert wird, nicht so ein gutes Auge wie für die gut betuchte Familie in Das Fest. Der unbedingte Wille zur absoluten Trostlosigkeit führt zu einem Sammelsurium an schlimmen Dingen, die alle wie aus Zeitungsseiten ausgeschnitten wirken, aufgereiht in einen Multi-Plot, der nur mühsam zusammengehalten wird. Vinterberg gönnt seiner Geschichte erst ganz am Ende so etwas wie Hoffnung. Und auch am Anfang, der dem Film wie ein Prolog voransteht. Da ist nämlich alles reine Unschuld, die Leinwand gefüllt von einem weißen Bettlaken, das zwei Geschwister über sich und ihr neugeborenes Brüderchen gezogen haben. Sie küssen es liebevoll und taufen es sogar. Die Welt hinter dem Bettlaken besteht jedoch aus der bereits erwähnten alkoholkranken Mutter und anderen Scheußlichkeiten.

Bereits gestern im Wettbewerb: Howl. Irgendwann um die Mitte des Filmes fällt ein schlauer Satz: „You cannot translate poetry into prose. That’s why it is poetry.“ Klar. Aber dann fragt man sich, ob Rob Epstein und Jeffrey Friedman wohl ihr eigenes Script gelesen haben. Denn übersetzt wird Allen Ginsbergs Howl, Monstrum von einem Gedicht, ununterbrochen. Nur nicht in Prosa, sondern in Bilder, in kitschige CGI-Animationen. Viel gibt man uns zu sehen, viel wird reingedacht in Allens Heulen, um abzulenken von den Wörtern.
Spiralen kreisender Engelsgestalten, Lichtfontänen aus Saxophonen, endlos kopulierende Körper – Mandalas, Schwanzwälder, Elektroschocks und Blitzgewitter; Flammen, Sonnen, Autofahrten unter Sonnen, Sex in Autos vor Sonnenaufgang, und Schreibmaschinen, U-Bahngleise aus Schreibmaschinentasten, Wörter werden Noten, und drunter und hindurch und überall sowieso Stumpfsinn, prätentiöses Interpretationsgetue und Gewissheit, dass man Lyrik so zerstört. Oh Allen, I saw the best mind of your generation destroyed by dullness / turning a small poem / maybe one of the greatest / into a big deal.

Meilenweit entfernt von solchen Manierismen: Die Premiere von Lucy Walkers Dokumentarfilm Waste Land.
Mit das Schönste an Festivals sind ja diese seltenen Situationen, in denen die Anwesenheit von Cast und Crew den gerade zu Ende geflimmerten Film rauszerrt aus der Leinwand und für die kurze Dauer, bis das Q&A mit Publikumsbeteiligung dann doch dröge wird, die Welt des Films bis zu uns Zuschauern verlängert, einen flüchtigen Raum wirklicher Begegnung erschafft. Voraussetzung ist natürlich, dass dem Publikum der Film nicht auf die Nerven ging.
So geschehen beim ersten Screening von Waste Land, Lucy Walkers Dokumentation über ein genial-einfallsreiches Husarenstück des brasilianischen Künstlers Vik Muniz. Der machte sich auf zur größten Müllkippe Rio de Janeiros, scharte ein paar Müllsammler um sich, erschuf mit seinem schrägen Team Kunstwerke aus PET und PVC, um diese dann für fünfstellige Beträge in London zu versteigern und danach das Geld komplett der Müllsammlergewerkschaft zu übermitteln. Feelgood - Kino der unerwarteten Sorte, fein geschliffen durch Mobys fluffigen Elektrosoundtrack.
Als der Film dann vorüber war, kam mit Regisseurin und Team auch der zu Tränen gerührte Gewerkschaftsführer hoch vor die Leinwand, ganz überrollt von den Standing Ovations und davon, den Film zum ersten Mal so groß gesehen zu haben. Ein schöner Moment. Doch dann dauerte der Applaus irgendwie ein bisschen zu lange. So wird der Zweifler aus gemeinschaftlicher Wohligkeit gerissen und gezwungen zu der Frage, wem das Klatschen denn eigentlich gelte ... Dem Helden oder doch vielleicht uns, weil wir nett sind und den Augenblick so gerne mögen?
Veröffentlicht am 14.02.2010
Fotos: Berlinale
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