Berlinale-Notizen - Tag 2

Der Ghostwriter

Roman Polanskis aktueller Film hat aus reichlich und leidlich bekannten Gründen schon im Vorfeld große Aufmerksamkeit genossen. Davon unabhängig sind die Erwartungen an seine Werke traditionell hoch. Diesmal gibt es keine Enttäuschung. Mit großer Eleganz zelebriert Polanski den Agenten-Politthriller, im Stile der 60er und 70er Jahre, sowohl des europäischen Kinos als auch des New Hollywood. Schon in Frantic (1988) hatte er auf ähnlichem Terrain seine Genre-Festigkeit bewiesen. Polanksi braucht keine Action oder hochgezüchtete Technik, keine selbstverliebten Kamerafahrten, keine protzenden Plansequenzen und keine rasende Montage. Zu Der Ghostwriter (The Ghost Writer) könnte ich ähnliches notieren wie zum Eröffnungsfilm Apart Together (Tuan Yuan). Auch hier basiert das Gelingen auf einem pointierten Buch und geschliffenen Dialogen. Wie Quan’an arbeitet Polanski mit feinem Humor – selten war ein Thriller so witzig. Und wie der Chinese arbeitet auch der in Polen aufgewachsene gebürtige Pariser mit hervorragenden Darstellern zusammen. Bei Der Ghostwriter begeistert mehr noch als der einzelne Star die Zusammensetzung des Cast. Kernstück des Ensembles ist Ewan McGregor, ein Star, der als solcher nicht auffällt – was zur Stärke der Filme wachsen kann. Seine Figuren treten dadurch in den Vordergrund, und er gewährt seinen Kollegen Raum, ohne gegenseitiges An-die-Wand-Spielen. Das kann man aktuell in Männer, die auf Ziegen starren (The Men Who Stare at Goats) beobachten, wo George Clooney, Jeff Bridges und Kevin Spacey groß aufspielen. Hier sind es Timothy Hutton, Eli Wallach, James Belushi, Pierce Brosnan und Tom Wilkinson, vor allem aber Olivia Williams und Kim Cattrall.

Henri 4

Das absolute Gegenbeispiel ist Henri 4. Hier agieren einige der renommiertesten und aufregendsten deutschen Schauspieler. Aber das Rollencasting könnte als schlechtestes aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Hier stimmt gar nichts. Das fängt bei den Synchronstimmen an und führt bis zu den Jungschauspielern. Irgendwer erzählte mal, das amerikanische Kindercasting sei auf der Welt unerreicht. Bei Henri 4 verdirbt einem schon die erste Kinderszene jegliche Laune. Die Kleinen tun einem leid, müssen sie doch grenzdebile Dialoge sprechen. Gleichberechtigung: Müssen alle. Henris Mutter betritt den Raum, der eben noch Ort eines Stelldicheins war. Ihr Kommentar: „Hier riecht es nach Fisch“!!!

Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen, dass dieser Film schlappe 18 Millionen Euro verschlungen hat – und wo die überall herkommen (ich komme nicht umhin, daran zu denken, dass man knapp 15 Mal In the Bedroom dafür hätte drehen können). Vieles dürfte für Gagen furchtbar instruierter Schauspieler draufgegangen sein, manches für Komparsen, Kostüme und Kunstblut. Die Frauen scheinen vornehmlich nach ihren – möglichst oft entblößten – Busen gecastet worden zu sein.

Eingefangen und präsentiert wird all dies von dem etablierten Kameramann Gernot Roll. Hier gelingt aus unerfindlichen Gründen nicht einmal das Filmen einer Reitszene, kleine Kamerafahrten missglücken. Henri 4 ist die Rückkehr der verdienten Produzentin Regina Ziegler ins Kinogeschäft, an der etliche Redaktionen der ARD beteiligt waren. Herausgekommen ist ein aufgeblähter Fernsehzweiteiler mit Kinoauskopplung. Über zweieinhalb Stunden reiner Berlinalezeitraub. Immerhin der Titel „Special“ ist irgendwie passend. Kurz nach der Bartholomäusnacht habe ich genug.

Portrait of the Fighter as a Young Man

Es gab heute noch ein weiteres Screening, dessen Ende ich nicht erreiche, in dem Fall allerdings aus anders gelagerten Gründen. Portrait of the Fighter as a Young Man (Portretul luptatorului la tinerete) beginnt vielversprechend. Leider sitze ich ganz vorne, die Kamera ist ständig in Bewegung, der Ton übersteuert. Knapp drei Stunden halte ich das nicht aus.

El mal ajeno erinnert an Shyamalan-Filme: an manchen Stellen vor Kraft und Pathos strotzend, samt involvierenden Kamerabewegungen, insgesamt mit Eso-Kitsch zugekleistert. Eine Tendenz der bisherigen Berlinale bestätigt sich auch hier: Fesselnder Anfang, dann zunehmend Probleme, das Niveau zu halten.

Sex & Drugs & Rock & Roll

Zum Tagesabschluss noch einmal Olivia Williams. Im Gegensatz zu Der Ghostwriter tritt sie in Sex & Drugs & Rock & Roll ein wenig in den Schatten des Leading Man. Die Ian-Dury-Biografie steht ganz im Zeichen des exzessiv aufspielenden und brillierenden Andy Serkis. Regisseur Mat Whitecross, der in 9 Songs (2004), Road to Guantanamo (2006) und The Shock Doctrine (2009) zusammen mit Michael Winterbottom arbeitete, kann hier nicht an dessen 24 Hour Party People (2002) heranreichen. Zwar wählt er die zum Musikstil passende ästhetische Form, dennoch bleibt Sex & Drugs & Rock & Roll erstaunlicherweise in vielerlei Hinsicht den amerikanischen Musiker-Biopics der vergangenen Jahre verwandt: Probleme in der Kindheit, mit Krankheit, dann Drogenkonsum, Probleme mit den Frauen. Und der Versuch, ein guter Vater zu sein. Die Musik wird selbst eingesungen.

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