Berlinale-Notizen - Tag 1

Nach einer halben Stunde der Gedanke: So einen guten Eröffnungsfilm habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Was im Vergleich aber auch nicht schwer ist.

Tuan Yuan

Apart Together (Tuan Yuan) ist Quality Cinema: starkes Drehbuch, hervorragende Schauspieler, herausragende Kameraarbeit. Genau das, was man im Wettbewerb eines großen Festivals erwartet. Darüber hinaus erweist sich Apart Together als prägnanter Stadt-Film. Die präzise Vermittlung eines Lebensgefühls bewirkt beim Zuschauer etwas Seltsames: Er fühlt sich in eine kindlichere Phase versetzt. Film als Kulturerklärmodell.
Regisseur Wang Quan’an arbeitet mit Tableaus, immer wieder erforscht die Kamera in langen Einstellungen die Befindlichkeiten einer Familie.
Am Schluss sind es ein Essen und ein Epilog zu viel. Aber ich bleibe dabei: Ein guter Eröffnungsfilm.

Vorteil Forum. Die meisten Berliner Kollegen (von denen wimmelt es hier) haben die Filme bereits auf Vorabpressevorführungen gesehen. Etwas weniger Andrang also.
Kanikōsenvon Sabu komplettiert mein Asien-Doublefeature. Erwartungshaltung: Weniger Quality Cinema, mehr Reibung. Doch der Film erweist sich als äußerst glatt. Dabei liefert er zunächst ein enormes Assoziationsspektrum, von Meuterei auf der Bounty (Mutiny on the Bounty, 1935/1962) über Yellow Submarine (1968) bis hin zu Dancer in the Dark (2000). Doch ganz so wild und absurd, wie es klingt, ist es dann doch leider nicht. Vielmehr entwickelt sich Kanikōsen zu einem astreinen Agitprop-Film, was ich hätte wissen können, wenn ich vorher den Pressetext gelesen hätte.
Die erste kleinere Enttäuschung.

Erschwerte Bedingungen: Ein russischer Kollege neben mir hat das Kino mit dem Campingplatz verwechselt. Aus seiner Thermoskanne schüttet er schön regelmäßig duftenden Kaffee nach, aus seiner Tupperdose zaubert er ein Leberwurstbrot nach dem anderen. Meine Nase rebelliert. Sie ist nicht die Einzige, die den Saal verlassen möchte.  The Counting of the Damages (El recuento de los danos) ist unter den unzähligen Ödipus-Variationen zumindest die misslungenste, die ich kenne. Da hat sich Stilisierungswille an den falschen Orten Bahn gebrochen. Gerne blendet Regisseurin Inés de Oliveira Cézar die Dialoge aus. Das Beste an dem Film: Er dauert nur 80 Minuten.
Die erste größere Enttäuschung.

Mein Forum-Triple komplettiert Eastern Drift (Indigène d’Eurasie), ein waschechter Autorenfilm. Sharunas Bartas ist Regisseur, Autor, Kameramann und Hauptdarsteller in Personalunion. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Eine Gangsterballade, bei der Bartas kein Erbarmen mit seinen Figuren zeigt.

Kommentare zu „Berlinale-Notizen - Tag 1“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.