Berlinale-Notizen Finale

Das Beste kommt zum Schluss.

Im Angesicht des Verbrechens

„Presse draußen bleiben“ war das Motto des Delphi Kinos am gestrigen Samstag. Etlichen Akkreditierten wurde der Zutritt im ausverkauften Kino untersagt. Die wenigen, die rein durften, mussten alle „regulären“ Zuschauer vorlassen und fanden sich auf dem Balkon wieder. In solchen Fällen ist die Behandlung der Journalisten recht einfach mit Arbeitsbehinderung, auch Arbeitsverhinderung zu klassifizieren.  Es gab weder ein Kartenkontingent für die schreibende Zunft, noch eine separate Vorführung. Bei einer Fernsehserie setzen die Veranstalter und Organisatoren weniger auf die Presse als in anderen Bereichen. Für beide Seiten ungünstig, denn in einem erschreckend schwachen Berlinale-Jahr hätte das Festival weitreichende Berichterstattung über Im Angesicht des Verbrechens gut getan. Und die Kollegen haben etwas verpasst, das seinesgleichen sucht.

Ständiger Szenenapplaus mittendrin, minutenlanger Beifall und stehende Ovationen im Anschluss. Derlei frenetisch-begeisterte Reaktionen hat es auf der Berlinale schon lange nicht mehr gegeben. Nach Thomas Arslans Im Schatten haben die Internationalen Filmfestspiele ganz am Ende endlich doch noch ihren zweiten absoluten Höhepunkt gefunden.

Wir kennen den Satz „In der Postmoderne ist nichts mehr neu, es hat alles schonmal gegeben“ nur zu gut. Doch bei Dominik Grafs neuer Serie Im Angesicht des Verbrechens darf man mit Fug und Recht behaupten, so etwas hat es im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben. Der Zehnteiler um zwei Berliner Polizisten, die gegen die russische Zigarettenmafia ermitteln, sprengt in jeder Hinsicht den Rahmen des Genres.

Im Angesicht des Verbrechens

Autor Rolf Basedow vereint in seinem Buch Souveränität im Umgang mit dem epischen Stoff und begeisternde erzählerische Freiräume, die immer wieder für Überraschungen sorgen. Regisseur Graf weiß diese Vorgabe in seiner Inszenierung kongenial umzusetzen. Mit Leichtigkeit betritt er einen faszinierenden Seitenpfad nach dem anderen, schafft Momente des Absurden, des Trashigen und des Mythischen. Was an sich schon beeindruckend genug wäre. Nur: Im Angesicht des Verbrechens ist Hochgeschwindigkeitskino von fesselnder Intensität. In unprätentiöser Präzision etabliert die Pilotfolge den Handlungskomplex, in der Folge lässt die Spannung nicht mehr nach. Zunehmend entwickelt die Serie ihren einzigartigen Sog. Ihr Humor – und dies hätte man sowohl dem Regisseur, als auch dem Genre vielleicht am wenigsten zugetraut – schlägt spielerisch alles, was wir in den vergangenen Jahren im Komödienfach gesehen haben. Im Angesicht des Verbrechens ist witzig, pointiert und häufig zum Brüllen komisch, ohne seine Dramatik auch nur eine Sekunde zu verlieren.

Graf, die innovativste Kraft im deutschen Fernsehen, hat mit einer Handvoll starker Redakteure und einem beeindruckenden Team womöglich das geschaffen, was für die USA Twin Peaks bedeutete: Der Eintritt in eine völlig neue Dimension.

Kommentare zu „Berlinale-Notizen Finale“


cheka

Unfassbar skandalös, ein Kritiker-Genie wie Sascha K. seiner Privilegien zu berauben und den zahlenden Pöbel zu bevorzugen. Gibts inzwischen schon ein Spendenkonto?


thomas groh

die kirche muss man schon etwas im dorf lassen: es kamen 184 presseleute in die vorführung. rund 20 bis 30 wurden abgewiesen. es versteht sich von selbst, dass bei einer regulären vorführung das pressekontingent begrenzt ist und zahlendes publikum vorrang hat, zumal wenn die vorstellung ausverkauft ist. begriffe wie "arbeitsbehinderung"/"arbeitsverhinderung"/"motto:presse draußen bleiben" halte ich in diesem zusammenhang deshalb für etwas daneben gegriffen.

(ich war übrigens einer derjenigen, die nicht mehr reinkamen)


sascha keilholz

Lieber Thomas,

genau auf das Problem der öffentlichen Vorführung habe ich doch hingewiesen. In diesem Fall wäre eine PV sinnvoll gewesen. Es geht vor allem um Tranparenz. Wenn es am Ticketcounter ein bestimmtes Kontingent gibt und ich komme zu spät, ist es doch kein Problem. Nur gab es bei dieser Vorführung keine offiziellen Einschränkungen. Dafür bekommen wir doch am Anfang des Festivals diese hübschen farbigen Merkzettel, auf denen dann deutlich steht: in diese Veranstaltung kommen Sie mit Ihrer Akkreditierung hinein.
Wo Du die Zahl 184 her hast, weiß ich nicht, nur, dass bei der Schlange, in der ich stand, nicht zwischen Presse, Fachbesucher, etc. unterschieden wurde.
Ärgerlich auch, und darauf bin ich in meinem Text nicht eingegangen: Allein auf dem Balkon, wo ich saß, gab es noch weit über 20 freie Plätze.
Wenn jemand hingeht, um über den Film zu schreiben oder weil er anschließend ein Interview führt und dann unerwartet nicht hineinkommt, trifft es Arbeitsbe-/verhinderung ganz gut, finde ich.


Björn aus Berlin

Das Problem bei "Im Angesicht des Verbrechens" war die in diesem Fall missratene Kartenpolitik der Berlinale, nicht nur für uns Journalisten, sondern auch für die normalen Zuschauer. Diese konnten für Teil 2, da am Publikumsonntag, vom 1. Vorverkaufstag an Karten kaufen, ohne zu wissen, ob sie für Teil 1, da Samstag erst 3 Tage vorher Vorverkauf, eine Karte bekommen würden. So war Teil 2 zeitweise - wurde dann plötzlich geändert - schon als ausverkauft vermeldet, bevor es überhaupt Karten für Teil 1 gab. Und für die Presse war es ja genauso schlimm. Teil 1 ohne Karte, aber für Teil 2 brauchte man eine, die man ja erst Samstag morgen direkt vor Teil 1 holen konnte. Da kamen dann sicher mache an einem der Tage nicht rein. Ich sehe das Problem hier wirklich nicht in dem beschränkten Zugang für uns Journalisten, sondern in der allgemein verfehlten Kartenpolitik der Berlinale für diesen Sonderfall. Ein Journalistenkontigent und ein Publikumskontigent, dazu nur eine gleichzeitige Doppelabgabe der Karten für beide Vorstellungen und das Problem hätte es nie gegeben. So standen Journalisten mit Karten für Sonntag am Samstag vor dem Kino und kamen nicht herein und normale Zuschauer hatten ebenfalls nur Karten für einen der beidne Tage.

Btw: Natürlich ist es unglücklich gerade bei so einer von der deutschen Journaille heiß erwarteten Vorführung keine PV anzusetzen, aber es ist alleine schon außergewöhnlich eine Fernsehserie vorab im Kino zu zeigen.


thomas groh

lieber sascha,

"Nur gab es bei dieser Vorführung keine offiziellen Einschränkungen."

das ist nicht ganz richtig: öffentliche vorführungen sind grundsätzlich eingeschränkt - wenn 500 plätze vorhanden sind und 300 karten verkauft wurden, ist es doch klar, dass nicht 350 akkreditierte rein dürfen und 150 bezahlte karten ihre gültigkeit verlieren. dass eine vorführung für akkreditierte zugänglich ist, ist aber eben auch noch keine zutritts/garantie/.

die zahl 184 habe ich von den damen am einlass. die haben mit einem zähler mitgeklickt. der theaterleiter hat das den (zum teil ziemlich unverhältnismäßig herummaulenden) journalisten, die nicht mehr reinkamen, dann auch nochmal verklickert. es gab dann draußen noch etwas absurde szenen, wo terhechte und andere leute aus der leitung händeringend nach stühlen gesucht haben, die man noch in den saal stellen könnte, damit die schauspieler sitzen könnten...

dass es keine pressevorführung gab, dass am einlass nicht zwischen presse und fachbesucher unterschieden wurde, ist beides sehr ärgerlich, sicher. (genauso ärgerlich aber auch wie die dutzende von presseleute, die sich zwar reingeschoben, hinterher aber nichts mit dem material angefangen haben - während lukas foerster und ich, die beide über die serie schreiben /wollten/, draußen blieben...)

gruß
thomas


Kino Besucher

Dann muss man eben pünktlich kommen und nicht kurz vor knapp, dann kommt man auch in solche Vorführungen rein, ist doch nicht so schwer. War ja nun abzusehen, dass es dabei extrem voll wird. Also ein bisschen weniger Jammern und mal den Kopf einschalten






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