Berlinale 2017: Empfehlungen

Am Donnerstag starten die 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Unsere Autoren haben sich schon mal im Forum, Panorama und der Perspektive Deutsches Kino umgesehen, welche Filme man sich nicht entgehen lassen sollte.


Forum:

Golden Exits von Alex Ross Perry

Golden Exits

Das gute alte Kino-Universum New York, es ist alles da: Middle-age anxiety von irgendwie attraktiv gebliebenen Männern (ausgelöst oder verstärkt durch ’ne jungsche australische Praktikantin); Labertaschen, die nichts auf die Reihe bekommen, aber drei Meta-Ebenen über allen anderen stehen; ihre Lebensweisheit an Geschlechtsgenossinnen weitergebende Frauen. Alex Ross Perry wirft sich für seinen Quasi-Episodenfilm nochmal rein in diese Klischees, fährt aber die Lautstärke runter, unterbricht die wie immer präzisen Dialoge mit ein paar nachdenklichen Pianoklängen statt des beschwingten Jazz-Scores von Listen Up Philip oder der Psycho-Dissonanzen von Queen of Earth. Es geht jetzt mal nicht um unbedarfte Handlungen oder ums Um-Kopf-und-Kragen-Reden, man redet nur in risikobefreiten Zonen, und Handeln ist eh tabu. Ein schöner Film, in dem, was in ihm angelegt ist, angelegt bleibt. Noch in diesem zurückgefahrenen Modus bleibt Perry eine der spannendsten Stimmen im US-Independentkino, was nicht zuletzt erneut mit Sean Price Williams’ 16mm-Bildern zu tun hat, die hier mal nicht handbewegt werden, sondern ganz ungerührt bleiben. (TK)

Bickels [Socialism] von Heinz Emigholz

Bickels Socialism

Mit gleich vier neuen Filmen ist Forum-Stammgast Heinz Emigholz in diesem Jahr vertreten. Bickels [Socialism] ist einer davon – ein weiterer Teil in der Reihe „Architektur als Autobiographie“, der sich diesmal jedoch keinem der großen Heroen des Modernismus widmet, sondern dem unsung hero Samuel Bickels. Im Zentrum des Films stehen vor allem die Kibbuzim, die der ukrainischstämmige Architekt zwischen 1948 und 1970 in Israel gebaut hat. Immer wieder stößt man bei diesem chronologischen Rundgang auf Details wie schlampig angeordnete Stühle, abgenutzte Wände und lose angeheftete Kinderzeichnungen, die zeigen, wie sehr diese auf den ersten Blick unscheinbaren Gebäude Orte eines regen Gemeinschaftslebens waren oder auch immer noch sind. Doch Emigholz führt unseren Blick mit seinen fragmentarischen und schiefen Einstellungen zu Leitmotiven und ungewöhnlichen Asymmetrien, die das Besondere dieser Architektur betonen. Viel ist von der Idee einer jüdischen Mikrogesellschaft nicht geblieben. Und der Denkmalschutz scheint sich auch nicht wirklich für diese Gebäude zu interessieren. Viele von ihnen wirken im Film wie lichtdurchflutete, aber verlassene Geisterhäuser, die sich die Natur langsam wieder zurückholt. (MK)

Aus einem Jahr der Nichtereignisse von Ann Carolin Renninger und René Frölke

Aus einem Jahr der Nichtereignisse

Wie blicken wir im Kino aufs Leben, wenn die Kamera einen Eigensinn hat? Selten wird das so sichtbar wie in Aus einem Jahr der Nichtereignisse. Das Filmmaterial und die Bolex, sie sind Protagonisten, nicht um zu verdrängen, wer vor der Kamera erscheint, sondern um die Perspektive erst erlebbar zu machen, die wir von Alten, von Behinderung und von Armut haben. Erst das, was als Verfremdung erscheint und tatsächlich vielmehr ein Herantasten an Wahrhaftigkeit ist, wird als ein neuer, sanfter und fragiler, aber niemals beruhigender Humanismus erkennbar. Impressionistisch, alltäglich, bizarrerweise erhaben. (FJ)

The Last Witness von Lee Doo-yong

The Last Witness

Als The Last Witness (1980) während des Übergangs von einer Diktatur zur nächsten in die südkoreanischen Kinos kam, musste er noch um 40 Minuten gekürzt werden. Der Thriller um einen Mordfall in der Provinz schickt seinen gequälten Ermittler auf eine Spur, die bis in die finstere Zeit des Koreakrieges zurückführt. Doch wirklich besser sieht es auch in den trostlosen Breitwandbildern der Gegenwart nicht aus: Korruption, Armut, Ausbeutung, zwischenmenschliche Kälte. Einen positiven Gegenentwurf zum Klassenfeind im Norden sucht man hier vergeblich. Immer tiefer dringt man mit dem Protagonisten zu einer Verschwörung vor, die selbst dann noch keine Erlösung zulässt, nachdem sie aufgedeckt wurde. Ein dunkles, abenteuerlich konstruiertes Genre-Juwel, das auf der Berlinale in einer digitalen, aber trotzdem noch angemessen dreckig wirkenden Restaurierung der Langfassung zu sehen ist. (MK)

Occidental von Neïl Beloufa

Occidental

Ein Hotel in Paris, wie eine Theaterbühne. Als wäre es zu einer Seite hin offen und wir sähen von außen hinein, in dieses unheimliche Foyer und die offenen Gänge der oberen Etagen, von denen man zum Foyer hinuntersehen kann. Der Video- und Installationskünstler Neïl Beloufa braucht nicht viel, um aus diesem Set ein hintergründiges Vexierspiel zu machen. Zwei Italiener checken ein, die vielleicht gar keine Italiener sind (trinken Italiener etwa Coca-Cola?), Andeutungen über die Vergangenheit, ein bisschen Lynch-Grundrauschen. Die über-wachsame Hotel-Managerin ruft vorsichtshalber mal die Polizei. Draußen tobt eine Demo, es geht irgendwie um Europa. Auch in diesem Film, auch in diesem Hotel. Man verdächtigt einander in Europa. Man hat sich früher mal geliebt. Und es wird brennen. (TK)

ORG von Fernando Birri

ORG

ORG (1979) ist ein Monstrum von einem Film. Ein dreistündiger Angriff auf die Sinne, bei dem ein Schnitt den nächsten jagt, Found Footage und Selbstgedrehtes gnadenlos miteinander verwurschtelt werden und man sich als Zuschauer immer wieder fragt, ob der Projektor nun endgültig seinen Geist aufgegeben hat. Die wilde Mischung aus naiver Agitation, allerlei Hippie-Blödsinn und einer kruden Rahmenhandlung, die eine indische Legende als DIY-Science-Fiction-Abenteuer neu interpretiert, ist zwar manchmal erschöpfend und nervtötend, aber über weite Strecken eben auch ziemlich genial. Ein in jeder Beziehung exzessiver Film, bei dem sich das Experimentalkino von seiner verspieltesten und albernsten Seite zeigen darf und das Rauschhafte nicht nur Behauptung bleibt. Und dann ist da auch noch Terence Hill, der Fernando Birris Projekt nicht nur mitfinanziert hat, sondern auch ausgiebig seinen Astralkörper präsentiert und sogar eine Parodie auf seine Westernrollen gibt. (MK)

somniloquies von Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor

solimnoquies

Der Songwriter Dion McGregor hat im Schlaf geplappert wie ein Wasserfall. Die Aufzeichnungen davon mit ihren teils lustigen, teils völlig absurden, dann wieder beklemmenden Monologen dienten den Filmemachern Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor (Leviathan) als Inspiration für ihren neuen Film. Statt das Gesagte zu illustrieren, versuchen sie auf der Bildebene einen ähnlichen Schwebezustand zwischen Innen und Außen, Traum und Wirklichkeit, Konkretem und Abstraktem zu schaffen. Dafür haben sie aus nächster Nähe die unscharfen Umrisse nackter schlafender Körper gefilmt, die sich ständig zu seltsamen Gebilden verformen, unsere Wahrnehmung herausfordern und immer wieder die Frage aufwerfen, ob man der Einzige im Saal ist, der überall Totenköpfe und Schwänze sieht. (MK)

Panorama:

The Wound von John Trengove

The Wound

Der Mittdreißiger Xolani hat zwei Wunden: eine körperliche von seiner rituellen Beschneidung im südafrikanischen Hinterland vor rund 20 Jahren – sie ist längst verheilt. Und eine seelische von all dem Druck, der auf ihm lastet, weil er stets aufpassen muss, dass keines seiner Stammesmitglieder von seiner Homosexualität erfährt. Regisseur John Trengove verbindet diese beiden Themen und inszeniert sie als klassischen Konflikt zwischen Jung und Alt, Moderne und Tradition, Stadt und Land. In den letzten Minuten blickt die Kamera einige Momente lang in das Gesicht eines namenlosen, vielleicht sechsjährigen Jungen. Dieser Blick stellt die Frage, ob der Junge in einigen Jahren auch noch Körperverletzung und Diskriminierung über sich ergehen lassen muss – oder ob er bereits zur Zukunft gehört, in der junge Männer nicht mehr fürchten müssen, an Beschneidungs-Komplikationen zu sterben oder aufgrund ihrer sexuellen Identität verfolgt zu werden. (MG)

I Am Not Your Negro von Raoul Peck

I Am Not Your Negro

Als Kind habe er gern Cowboyfilme geguckt, erzählt James Baldwin. Wie alle anderen identifizierte er sich mit John Wayne. Bis ihm eines Tages aufging, dass für die weißen Helden mit Revolver er selbst der Feind war, Teil der gesichtslosen Masse, die als Bedrohung abgeknallt werden musste. Warum die weiße Mehrheit sich so vor allen Andersfarbigen, irgendwie Andersartigen fürchtet, warum sich eine Gesellschaft durch Rassismus und Hass selbst zersetzt, sind Fragen, die I Am Not Your Negro stellt. Raoul Pecks Dokumentarfilm liegt ein unvollendetes Manuskript des großen afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin[LINK: https://de.wikipedia.org/wiki/James_Baldwin] zugrunde. Baldwin erlebte, wie in den 1960er Jahren drei seiner Freunde ermordet wurden: die Bürgerrechtsaktivisten Medgar Evers, Malcolm X und zuletzt Martin Luther King. Diese Attentate sind der Ausgangspunkt für eine scharfsinnige, persönliche, letztlich unfassbar tragische Erzählung über den historischen und gegenwärtigen Rassismus in den USA, über die „emotionale und moralische Armut“ des Landes, wie es im von Samuel L. Jackson gesprochenen Originaltext heißt. Baldwin starb 1987, doch Raoul Peck führt den gesellschaftspolitischen Bogen weiter zu den Black-Lives-Matter-Protesten, und das Publikum schlägt ihn automatisch bis ins Heute. (SMS)

Untitled von Michael Glawogger und Monika Willi

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Der Blick, den Untitled auf die Steppen Westafrikas oder auf ein Dorf im Balkangebirge wirft, scheint zunächst an einem tieferen Verstehen keinerlei Interesse zu haben – das Fremde wirkt faszinierend, eben weil es fremd ist, und verstünde man es plötzlich, dann wäre es nicht mehr ganz so reizvoll. Doch in Wahrheit gilt die Faszination des Films eben diesem Erleben des eigenen Nicht-Verstehens. Man sieht Orte, Menschen, Ereignisse, die sich vermittels der eigenen Erfahrungen und Gewohnheiten gedanklich nie ganz umfassen lassen; man sieht eine Welt, die ganz unabhängig von der eigenen Existenz und dem eigenen Erleben existiert; man geht ganz in ihrem Anblick auf und geht dabei selbst immer ein Stück weit verloren. So ist es eine traurige Hilflosigkeit, die sich in der mit großer Anstrengung verfolgten Ziellosigkeit des Films äußert – als müsste man sich über den gesamten Globus ausbreiten, um endlich so dünn zu sein, dass man sich selbst nicht mehr spürt. (PS)

Perspektive Deutsches Kino:

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes von Julian Radlmaier

Selbstkritik eines buergerlichen Hundes

Dass das noch geht, dass man sich das noch traut: Ein Film übers Filmemachen, komplett mit schlaumeiernden Meta-Seitentritten und Seitenhieben gegen die Berliner artsy-fartsy Mentalität. Aber es klappt, es funktioniert. Weil Radlmaier auf Lacher aus ist und nicht auf tiefe Einsichten, allen großen politischen Wörtern zum Trotz. Weil niemand Berlin so filmen, so verfremden kann wie er (und Kameramann Markus Koob) – knallbunt, hochgeschossen, voll unvermuteter toter Winkel und grafischer Muster. Die meiste Zeit ist der Film allerdings eine Landpartie, eine kleine politische Fabel. Beim Apfelpflücken im neoliberalen Großbetrieb wird der kommunistische Klassenkampf herbei- und wieder weggeredet – oder ignoriert, weil die Hormone fliegen. Die stocksteife Kadrage ist wie Buster Keatons Gesicht: ungerührt, unergründlich und saukomisch. Und siehe da, aus den Geistern des Kommunismus erhebt sich der Slapstick, quicklebendig. Da ist’s letztlich egal, dass der Film wohl eher zur Entleerung der Begriffe beiträgt, an die er glauben möchte, als dass er sie wieder nutzbar macht. (NK)

Eisenkopf von Tian Dong

Eisenkopf

Es bleibt in Eisenkopf lange Zeit nebulös, wie denn nun die immer wieder von Lehrern, Funktionären und Investoren beschworene Verbindung von Shaolin-Kampfkunst und modernem Fußball aussehen soll. Mehrere Ausschnitte aus Spielen und Übungseinheiten ziehen an einem vorbei und führen stets nur zu derselben Frage: War es das jetzt? Oder kommt es jetzt noch, das Kung Fu? Und während man sich diese Frage stellt, sieht man den militärischen Drill, dem die Schülerinnen und Schüler des Internats unterworfen werden, man sieht die Buckelei der Schulleitung vor staatlichen Würdenträgern, und man sieht die tristen, überfüllten Schlafräume. Man hört von Selbstmorden und von den Expansionsplänen der Schule, und irgendwann merkt man, dass einem das Geheimnis des Kung-Fu-Fußballs gezeigt wird; schon die ganze Zeit. Die Verhaltenheit des Films offenbart sich als gerechte Polemik, die eigene Verwirrung schlägt um in Zorn, und das Dokumentarische wird durchsetzt von einem abgründigen Horror. (PS)

Hier geht es zu unserem Berlinale-Programmüberblick mit reichlich Trailern und Videoclips.

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