Berlinale 2015: Perspektive Deutsches Kino

Sprechende Orte der Konstruktion, Findung und Verteidigung von Identität. Die vielfältigen Bedeutungsräume der Perspektive Deutsches Kino 2015 werden vor allem von weiblichen Figuren besetzt, die sich behaupten müssen.

Sibylle 02

Exakt die Hälfte der 14 Produktionen der diesjährigen Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ wurde von Frauen realisiert, bei den dokumentarischen Formen gibt es sogar ein klares Regisseurinnen-Übergewicht. Mit Blick auf die Gefilde der „Großen“ eine beachtliche Quote – im Wettbewerb der Filmfestspiele etwa finden sich bei 23 Filmen gerade mal drei Filmemacherinnen. Noch stärker feminin durchsetzt sind die Filme selbst, stehen doch zumeist weibliche Figuren im Zentrum der filmischen Erzählungen des deutschen Nachwuchses. Das impliziert jedoch keinesfalls Bilder, die nach küchenfeministischen Reiz-Reaktionsmustern funktionieren‚ etwa der starken Frau, die sich in einer von Männlichkeit dominierten Welt behauptet. Vielmehr sind die Existenzen dieser Figuren grundsätzlicher prekär, ihre Identitäten bedroht – Stärke erlangen sie erst im Scheitern, im Kampf, den sie vor allem mit sich selbst austragen müssen. Die Schauspielerin Anne Ratte-Polle (Die Nacht sing ihre Lieder, 2004; Halbschatten, 2013) verkörpert gleich zwei solcher Protagonistinnen, die sich derart zu behaupten haben.

Wanja 01

In Wanja von Carolina Hellsgård ist die gleichnamige Hauptfigur eine eben aus dem Gefängnis entlassene Bankräuberin, die versucht, in ein geregeltes (legales) Leben zurückzufinden. Noch die kleinste Hürde wird dabei zu einer existenziellen Größe, doch Hellsgård inszeniert unaufgeregt und zurückhaltend. Das nimmt in Kombination mit einem größtenteils arg abgekarteten Handlungsverlauf teilweise ein bisschen zu sehr das Tempo aus dem Film. Die Parallelisierung von Wanjas Schicksal mit jenem der jungen Emma (Nele Trebs), die im drogengeschwängerten Teenager-Chaos zu versinken droht, fällt leider eher hölzern und gezwungen aus. Seine stärksten Momente hat Wanja in seinen buchstäblich animalischen Passagen. Seien es die Pferde auf der Trabrennbahn, auf dem Wanja und Emma arbeiten, von Wanja in der Badewanne gehaltene Enten oder, in der schönsten Szene des Films, die Begegnung mit einem Raben – plötzlich entziehen sich die Bilder einer vollständigen inszenatorischen Kontrolle. Ein wenig Unergründlichkeit kehrt ein, und man wünscht sich mehr solcher (auch visueller) Öffnungen, die sich keinem Handlungsstrang unterordnen lassen.

Kein Platz für ausdifferenzierte Männlichkeitsbilder

Sibylle 01

Sibylle ist (neben Der Bunker und HomeSick) eine von drei eher am Genrekino orientierten Produktionen der diesjährigen Perspektive. Michael Krummenacher (HFF München) präsentiert mit seinem Abschlussfilm einen stark an filmhistorischen Vorbildern orientierten Psychothriller, in dessen Zentrum erneut Ratte-Polle steht. Die von ihr verkörperte Sibylle Froebisch wird während eines Italienurlaubs mit der Familie bei einem morgendlichen Spaziergang Zeugin des Selbstmords einer ihr ähnlich aussehenden, aber völlig unbekannten Frau. Das Ereignis sorgt für einen Riss im Leben der Architektin, der sich nach und nach zu einer von Paranoia dominierten Psychose ausweitet. Nichts scheint mehr wie vorher, Sybille fühlt sich von allen Seiten bedroht. Krummenacher inszeniert konsequent subjektiv und legt so den inneren Horror seiner Hauptfigur in die Bilder. Nicht nur bezüglich der Motivik (des Wahnes) oder der teils ganz direkt zitierten Ikonographien (das Kind auf dem Dreirad/Fahrrad, die Blutwelle) erinnert vieles an Stanley Kubricks Shining (1980). Vor allem auch die Kameraarbeit und die Rauminszenierung orientieren sich immer wieder an dem Psychohorror-Klassiker, während das auf Sound- und Farbebene immer wieder die Grenze des Penetranten überschreitende Insistieren auf Spannung mehr an den italienischen Giallo erinnert. Überraschend ist (auch aus produktionsökonomischer Sicht), dass Krummenacher den zu Beginn etablierten und für eine Horrorgenre-Spielerei prädestinierten Handlungsort – eine in der Nachsaison fast vollständig verlassene Bungalow-Siedlung in einem Ferienort am Gardasee – recht schnell wieder verlässt und seine Protagonisten zurück in ihren Alltag schickt. Sibylle verzichtet so auf die Portion Märchenhaftigkeit, wie sie etwa The Shining anhängt, und stellt seinen Fokus im weiteren Verlauf mehr sozialrealistisch scharf. Durch die starke Fixierung auf die weibliche Hauptfigur bleiben dabei aber auch hier – ähnlich wie in Wanja – die männlichen Protagonisten auffällig unterbelichtet. Kamen sie dort kaum über den Status begehrender Lustmäuler hinaus, funktionieren der Vater, die beiden Söhne und ein neuer Liebhaber in Sibylle vor allem als unausgemessene Projektionsflächen, die von sich aus kaum kommunizieren.

Bube Stur 01

Moritz Krämer (dffb) macht gerade diese Nicht-Kommunikation, diese oft dem männlichen Geschlecht zugeschriebene reduzierte Mitteilungsfreudigkeit, zum Thema seines ersten Langspielfilms Bube Stur, genauer gesagt legt er sie gewissermaßen frei. In einem stark dokumentarischen Modus der Beobachtung erzählt Bube Stur die Geschichte der jungen und ursprünglich aus Berlin kommenden Hanna, die auf einem Bauernhof im Hochschwarzwald Arbeitsstunden ableisten muss. Die ländliche Umgebung eignet sich die konfrontative Teenagerin sehr schnell an, Krämer umschifft mit einer zurückhaltenden Dramaturgie weitestgehend den klischierten Konflikt „Großstadt-Kid unbeholfen auf dem Lande“. Trotzdem geht es natürlich sehr stark um unterschiedliche Weltbilder: Hanna, deren junge Mutterschaft in einem Seitenstrang verhandelt wird und die Geschehnisse auf dem Hof und im Dorf noch einmal in ein anderes Licht rückt, hadert mit dem Lebenskonzept ihrer Hof-Eltern, vor allem aber mit deren verstockter Art. Diese äußert sich eben vor allem im Nichtäußern – geredet wird nicht viel. Krämer, neben seiner Tätigkeit als Regisseur vor allem auch Musiker im in den letzten Jahren wieder so wunderbare Blüten treibenden deutschen Songwriter-Pop-Kosmos, hat diesbezüglich einen Clou parat: Bube Stur ist ein Mundart-Film. Wenn also geredet wird, dann im tiefsten Schwarzwälder Dialekt, ohne Untertitel (zumindest in der von mir besuchten Pressevorführung). Das passt durchaus gut, wird doch so das Unverständnis der Hauptfigur unmittelbar in den Kinoraum hineingetragen. Und wenn zum Abspann der Kidd Kopphausen-Song „Das Leichteste der Welt“ erklingt, ist auch für einen gebürtigen Schwarzwälder ohnehin erst einmal alles gut.

Raumbilder werden zu Bildräumen

Ein idealer Ort 01

Auffällig am diesjährigen Jahrgang der Perspektive ist, dass die meisten Produktionen in Bezug auf ihre Dreh- und Handlungsorte trotz ihrer generellen Low-Budget-Strukturen keine Kompromisse eingehen. Im Gegenteil sind es vor allem die spezifischen Räume, Plätze und Orte der Filme, die in der Inszenierung nicht nur als zu bemalende Folie fungieren, sondern aus sich selbst heraus zu schimmern beginnen und so Handlungsweisen und visuelle Formungen bestimmen. Zwar minimalistisch und durchaus konventionell, aber sehr versiert macht das der diesjährige Eröffnungsfilm Im Sommer wohnt er unten von Tom Sommerlatte, der den sprachlichen Reigen seiner Protagonisten in einem auf die Örtlichkeiten eines Sommerhaus-Grundstücks bezogenen Bäumchen-wechsle-dich-Spiel spiegelt. Ein idealer Ort dagegen zielt mehr auf Dekonstruktion und Absurdität: Schlaglichtartig erzählt Anatol Schuster (HFF München) von einer Familie, deren Mitglieder nicht nur in ihren Standpunkten und Wünschen, sondern auch konkret im Bildraum jeweils sehr unterschiedliche Wege gehen. Ausgangspunkt und Zentrum des Films ist ein verfallenes Haus in einem Dorf im ehemaligen Osten Deutschlands. Die Vergangenheit birgt ein tragisches Unglück (ein Autounfall?), weshalb die Mutter das Haus verkaufen und den Ort verlassen will. Der Vater arbeitet in einem Hunde-Tierheim, die Tochter protestiert und propagiert – gegen eine nahegelegene Schweinemast und für Techno als Lebensgefühl. Dann ist da noch ein autistischer Sohn, der seine synästhetischen Erfahrungen im Zeichnen von Mustern zum Ausdruck bringt. Schuster übersetzt die ideologische Asynchronität der Figuren mithilfe einer virtuosen und sehr präzisen Bildsprache in eine fragmentierte Narration, die gegen Ende dann auch ihre parodistische Anlage offenlegt.

Freiraeume 01

Um sehr konkreten Raum (und erneut um Frauen, die sich in diesem zurecht finden müssen) geht es, wie der Titel bereits andeutet, im Dokumentarfilm Freiräume von Filippa Bauer (KHM Köln). Bauer hat mit vier alleinstehenden Müttern gesprochen, deren Kinder von zuhause ausgezogen sind und die sich die ehemaligen Familienwohnungen nun neu aneignen müssen. Den im Off erzählenden Stimmen setzt Bauer beinahe ausschließlich statische Aufnahmen der jeweiligen (menschenleeren) Wohnräume entgegen. Sie lässt ihre Protagonistinnen, deren Herangehensweisen ganz unterschiedlich ausfallen, frei von der Seele sprechen. Und was sich dabei entfaltet ist mehr als das Sprechen über bewahrte Kinderzimmer und innenarchitektonische Entscheidungen – Freiräume durchziehen immer wieder kleine Philosophien des Dialektischen: des Stillstands und der Veränderung, des Gehenlassens und Wiederempfangens, der wiederentdeckten Freiheit und neuen Einsamkeit.

Biographische Konstruktion und die Fiktion im Dokumentarischen

Hakie 01

Einsamkeit ist für die Hauptfigur des ebenfalls dokumentarisch verfahrenden Hakie – Haki. Ein Leben als Mann eine Folge von Pflichterfüllung. Die 71-jährige Hakie ist als biologische Frau geboren, lebt aber zeit ihres Lebens als Mann in den albanischen Alpen – voller Überzeugung und mit ganzem Willen und Können. Sie ist eine sogenannte Burrnesha, eine geschlechtliche Frau, die einen Jungfräulichkeitsschwur ablegt, um gesellschaftlich als Mann zu leben. Regisseurin Anabela Angelovska begann sich nach Sichtung eines plakativen Kurzfilms für dieses Phänomen des traditionalistischen Cross-Genderings zu interessieren und reiste nach intensiven Recherchen ins nordalbanische Bergland, wo noch einige wenige dieser Mannfrauen leben (Wikipedia spricht von einigen Dutzend, Hakie selbst bezieht sich im Film immer wieder auf die Existenz einer (schützenden?) Gemeinschaft: „Es gibt einige von uns“). Ausgehend von einer Art autoreferenziellem Ursprungsmythos (einer Derwisch-Prophezeiung, von der Hakie erzählt und die ihr Schicksal schon vor der Geburt bestimmte) begleitet Angelovska ihre Protagonistin bei der täglichen Arbeit auf ihrem Hof, den diese seit dem Tod der Eltern ganz allein bewirtschaftet, bewirtschaften muss. Interessant ist Hakie – Haki. Ein Leben als Mann nicht nur aufgrund seiner Vermengung von ideologischer Reflexion (in Bezug auf die Geschlechtszuschreibungen und das Rollenverständnis unserer Gesellschaft)  und konkreten physiognomischen Erscheinungsweisen – immer wieder ertappt man sich beim Versuch, Merkmale des Weiblichen oder Männlichen an Hakie zu identifizieren. Vor allem gelingt es dem Film auch, die offensichtlich angelernte Performativität seiner Figur (wohl auch aufgrund eines gesteigerten medialen Interesses in den letzten Jahren), also gewissermaßen das Rollenspiel im Rollenspiel freizulegen. Und so auch die Medialität des Dokumentarischen noch einmal zu hinterfragen.

Sag mir Mnemosyne 01

Das Freilegen der Fiktion im Dokumentarischen leitet sich auch im dritten mittellangen Dokumentarfilm des Perspektive-Programms aus einer Suche nach menschlicher Identität ab. Lisa Sperling (HfbK Hamburg) begibt sich in Sag mir Mnemosyne auf die Spuren ihres Großonkels Karl Heinz Hummel, eines 2009 verstorbenen künstlerischen Tausendsassas. Ihre Reise führt sie in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Griechenland, wo Hummel wohl viele Jahre vor allem als Kameramann und Regisseur im Dokumentarfilmbereich tätig war. Das Nachverfolgen der äußerst spannenden Biographie geschieht auf visueller Ebene durch Ortsbegehungen: Sperling sucht ehemalige Wohngegenden und Lebensräume Hummels auf, im weiteren Verlauf auch Drehorte einiger der mit seiner Beteiligung entstandenen Filmen. In die statischen und lang gehaltenen Einstellungen der vorgefundenen Gegenwart werden nach und nach Ausschnitte dieser (Ende der 1960er Jahre entstandenen) Filme eingewoben, zuerst über eine mehr kontrastierende, dann auch über eine Anschlüsse suchende und findende Montage. Höhepunkt ist dabei eine wunderschöne Blicksequenz, die von einem Gebäudeplateau aus die Höhe der griechischen Steilküste ausmisst und in seiner Motivik Assoziationen zu Godards Die Verachtung (Le mépris, 1963) hervorruft. Die Gegenüberstellung und allmähliche Vernähung der Zeitlichkeiten erhält über den Ton noch eine zusätzliche Dimension: Eine subjektivierte Off-Stimme erzählt von Erinnerungen ehemaliger Weggefährten und liest aus (kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland entstandenen) Aufschrieben Hummels vor. Seiner heterogenen und fragilen Materialsammlung begegnet Sag mir Mnemosyne mit gebotener Offenheit und unaufgeregter Affirmation, das reflexive Ausloten der Grenze zwischen Dokumentarischem und Fiktivem etwa spielt hier angenehmerweise kaum eine Rolle. Stattdessen: das brüchige Konstrukt eines Films für das brüchige Konstrukt einer Identität, einer Figur, eines Lebens.

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Kathrin Krottenthaler, Passanten Filmproduktion / Jakob Wiessner, Patrick Jasim, wirFILM, KHM / Claire Jahn, Anabela Angelovska, C. Hummel,

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