Berlinale 2014: Empfehlungen

Einige Filmempfehlungen für Forum, Panorama und Perspektive Deutsches Kino der 64. Internationalen Filmfestspiele Berlin.


Forum

The Second Game (Al doilea joc) von Corneliu Porumboiu

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Ein Regisseur unterhält sich mit seinem Vater. 90 Minuten mit einem verschneiten Fußballspiel von 1988. Es war eines von vielen Spielen zwischen den Bukarester Teams Dinamo und Steaua. Eine Mannschaft steht der Geheimpolizei nahe, die andere dem Militär. Das Bild besteht ausschließlich aus den damaligen TV-Aufnahmen, mit ihrer glorreichen Videoästhetik und den entsprechenden Bildentscheidungen. Wenn sich die Spieler kloppen, dann wird gemütlich geschnitten, auf das dem Schneefall harrende Publikum in den ausverkauften Manegen. Freilich: Alle waren faire Sportler. Der Clou ist, dass Corneliu Porumboius Vater der Schiedsrichter des Spiels war. Im Zentrum ihres Gesprächs: sein laxer Umgang mit Fouls. Um Autorität und Selbstgerechtigkeit, um ein spannungsreiches Verhältnis zwischen zwei erwachsenen Männern geht es – ohne dass The Second Game je zu einer Metapher würde, nein, der Fußball bleibt Fußball, konkret und bedeutungsstark in jedem Moment.

 

Joy of Mans Desiring (Que ta joie demeure) von Denis Côté

Que ta joie demeure 01

Schon lange ist die Maschine nicht mehr Inkarnation des Bösen. Schon lange ist der ausbeuterische Kapitalismus nicht mehr zu vereindeutigen auf Gerätschaften, wenn er es denn je war. Und doch lässt sich in den Bildern einer industriellen Arbeitswelt wunderbar über Bedingungen unserer Existenz sinnieren, über unsere Liebe zur Technik, unsere Identifikation mit ihrer Leistung, vielleicht gar über die Unzulänglichkeit des Menschen, wenn er sich nicht einfügt in die Maschine, wie er es doch so gerne wollte. Denis Côtés hat in aller Bescheidenheit eine dokumentarisch anmutende Parabel gedreht, vergnügt vor lauter Depression.

 

Tender are the Feet (Ché phawa daw nu nu) von Maung Wanna

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Bevor Maung Wunna sein Liebesdrama ins Rollen bringt, interessiert er sich erst einmal den halben Film über reichlich wenig für seine Figuren. Stattdessen gibt es detaillierte und mitunter auch sehr lustige Milieuschilderungen, die sich streckenweise vollends im Dokumentarischen verlieren. Von einer herkömmlichen Handlung wendet sich Tender are the Feet ab und widmet sich dafür ganz dem Alltag und Bühnenrepertoire eines birmanischen Wandertheaters. Frech werbende Prinzen und ihre schüchternen Angebeteten sieht man dabei vor der Bühne, während sich die Leute dahinter ausruhen oder nach einem Unfall auch mal spontan einspringen müssen. Wunna schafft mit solchen Szenen ein wunderbares Archiv für die kulturellen Traditionen seines Landes, die schon zur Entstehungszeit des Films vom langsamen Verschwinden bedroht waren. Doch auch ansonsten ist der neu restaurierte Film von einem ungeheuren Reichtum, bei dem man das Gefühl bekommt, der Regisseur wolle voller Tatendrang möglichst viel ausprobieren. Da gibt es auf der einen Seite zum Beispiel melodramatische Momente, in denen die Liebenden symbolträchtig einen Talisman austauschen, der für nicht weniger steht als für das Herz der Protagonisten steht. Auf der anderen Seite reizt Wunna seine filmischen Mittel in fast experimentellen Montagesequenzen aus. Eine Autofahrt, die Khin San mit ihrem untreuen Liebhaber unternimmt, gerät zum wilden Taumel durch eine von zitternden Lichtern und schwärzester Dunkelheit bevölkerte Nacht. Und auch wenn Tender Are the Feet mehrmals seinen Stil und Erzählton ändert, möchte man doch auf keinen dieser Momente verzichten.

 

Snowpiercer (Seolguk-yeolcha) von Bong Joon-ho

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In seinem ersten englischsprachigen Film packt der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho die ganze Welt in einen Zug nach Nirgendwo. Basierend auf der Graphic Novel Le Transperceneige erzählt der Film von einer schockgefrorenen Zukunft, in der sich die letzten Überlebenden in ein hochtechnisiertes Perpetuum mobile geflüchtet haben. Die Unberechenbarkeit des Films ist dabei seine größte Stärke. Der Handlungsverlauf könnte linearer eigentlich nicht sein. Vom Hinterteil des Zuges müssen sich ein Auserwählter und seine multikulturellen Mitrevolutionäre nach und nach bis zum elitären Führerhaus durchschlagen. Die Unwissenheit darüber, was sich hinter der nächsten Tür verbirgt, nutzt Bong, um seinen Film in unerwartete Richtungen zu führen. Auf dichte Genremomente folgen ruhige, dialogbasierte Szenen, auf brutale Metzeleien absurde Komik. Snowpiercer setzt weniger auf einen sich zunehmend steigernden Spannungsaufbau als auf ein ständiges Wechselspiel an Kontraktionen und Expansionen. Anders als man das von einem aktuellen Science-Fiction-Film erwarten würde, lässt Bong dabei die Handlung immer wieder ins Groteske kippen.

 

Panorama

Journey to the West (Xi You) von Tsai Ming-liang

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Dass Tsai Ming-liang für beglückende Tableaus sorgt, in denen das Bewegtbild oft erst zu sich findet, in aller Schlichtheit, in aller Präsenz, in Licht und Schatten, im Körper und seinem Raum – all das ist keine Überraschung. In seinem neuesten Streich Journey to the West hat mich inmitten der Meditation, der Erfahrung von Kino, vor allem sein beharrlich genauer Blick auf Marseilles Bewohner begeistert, die alle mit dem gleichen Recht ins Bild treten und sich dort so lange aufhalten, wie sie es wünschen, egal welcher Herkunft, welchen Milieus oder Alters und worüber sie gerade auch sprechen mögen. Und schließlich läuft Denis Lavant durchs Bild. Wer braucht da noch einen Plot?

 

Anderson von Annekatrin Hendel

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Es war einer der größten Skandale im Kulturbetrieb der Nachwendezeit: Der Schriftsteller Sascha Anderson, Protagonist der literarischen Subkultur der DDR und Szene-Star am Prenzlauer Berg, flog als Stasi-Spitzel auf, der Kollegen, Freunde und Geliebte über 15 Jahre systematisch denunzierte. Annekatrin Hendel knüpft in Anderson an die Thematik ihres Debütfilms Vaterlandsverräter [LINK] an (2011 in der Perspektive Deutsches Kino). Da die Wunden bis heute nicht verheilt und die Beteiligten unmöglich an einen Tisch zu bekommen sind, hat Hendel einen zentralen Schauplatz von Andersons Verrat – eine Wohnküche, die damals als literarischer Salon diente – im Studio nachbauen lassen und ihren Titelhelden dort gefilmt. Seine einstigen Weggefährten werden hingegen an Originalschauplätzen interviewt. Ein brillanter filmischer Kniff, der Anderson zugleich ins Zentrum eines Erinnerungsraums und in unüberwindliche Distanz zu diesem setzt. Der Film lässt zum einen die Atmosphäre einer Ära und die eigentümliche Aura Andersons lebendig werden und macht das Ausmaß der Ent-täuschung der Beteiligten nachfühlbar. Zum anderen bietet Anderson die faszinierende Möglichkeit zu studieren, wie ein Mensch spricht, der sich in einer schuldverstrickten Biografie eingerichtet hat: in einer zu gängigen Wertvorstellungen völlig querstehenden Redeweise.

 

Perspektive Deutsches Kino

nebel von Nicole Vögele

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Deutsche Außenseiter treffen auf Rilke. In ihrem mittellangen Experimentalfilm lässt Vögele geschriebene mit filmischer Lyrik kommunizieren. Lässt man sich auf sein Paradox dokumentarischer Unergründlichkeit ein, gibt nebel den Blick plötzlich eher frei, als dass er ihn verstellt. Am liebsten möchte man danach selbst dichten.

 

Szenario von Philipp Widmann und Karsten Krause

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Widmann und Krause prüfen die Rekonstruktion einer Biografie auf Möglichkeiten ihrer Verallgemeinerung und kreieren dabei ein visuelles Hörspiel. Szenario vertont das intime Protokoll einer westdeutschen Affäre im Jahr 1970 und setzt es in einen ethnografischen Tonraum jener Zeit wie auch in einen Bildraum des heutigen Kölner Stadtlebens. Auch in seiner Befragung des Dokuments essayistisches Kino par excellence.

 

Der Samurai von Till Kleinert

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Ein queerer Werwolf fordert einen jungen Dorfpolizisten heraus und wird zur Hürde der Selbstbefreiung. Horror-Genrekino, geradeaus, im positiven Sinne reduziert und mit starken Hauptdarstellern. Bekommt man in dieser Intensität nur selten im deutschen Kino zu sehen.

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