Berlinale 2013: Empfehlungen

Filmempfehlungen für Forum, Panorama, Generation 14plus und Perspektive Deutsches Kino der 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Forum

Das merkwürdige Kätzchen von Ramon Zürcher

Das merkwuerdige Kaetzchen 02

Ein hinreißendes Debüt legt Ramon Zürcher vor. Es ist so wortgewandt, abgehoben und alltäglich zugleich, dass es sich nicht auf einen Begriff bringen lässt. Zürcher reiht Momentaufnahmen aneinander, fängt Kommunikation ein, wie sie sich entfaltet, krumme Wege einnimmt, gespiegelt, gebrochen und hintergangen wird. Ein Samstag im Leben einer Großfamilie. Das merkwürdige Kätzchen entfaltet aus dem Mikrokosmos heraus ein gesellschaftliches Porträt, das genauso stark aus dem Off wie aus dem On besteht, ein Porträt, das in seiner Souveränität und Eigenständigkeit heraussticht. Ein zärtlicher Film, der leise begeistert.

Viola von Matías Piñeiro

Viola

Virtuos und leichtfüßig erzählt Matías Piñeiro in seinem neuen Film von unbeständigen Identitäten in der argentinischen Bohème. Ausgehend von Shakespeares Was ihr wollt durchdringen sich in Viola Wirklichkeit, Fiktion, Traum und Spiel auf lustvolle Weise. Dabei funktioniert der Film wie eine leichte, aber sehr durchdachte musikalische Komposition, in der nicht die Handlung den roten Faden markiert, sondern ein Spiel aus fragmentarischen Szenen, motivischen Spiegelungen und wiederkehrenden Nebenfiguren.

I Used to Be Darker von Matt Porterfield

I Used to Be Darker

Es ist nicht ganz einfach, in I Used to Be Darker den Regisseur von Putty Hill wiederzuerkennen. Inhaltlich nähert sich Matt Porterfield klar bestellten Feldern von Familien- und Beziehungsdramen, und auch stilistisch hat er sich von der dokumentarischen Anmutung des fragmentarischen Vorgängers einen ganzen Schritt entfernt. Umso deutlicher wird sein inszenatorisches Talent, etwa bei der Gestaltung von räumlichen Anordnungen und bei der Übersetzung der klassischen Storyfäden in ein bewusstes Milieustück, das immer mehr über seine Figuren zu vermitteln weiß, als es Handlungen und Konflikte allein je könnten.

Stemple Pass von James Benning

Stemple Pass 01

Eine hügelige Waldlandschaft mit Holzhütte. Viermal zeigt James Benning in seinem neuen Film dieselbe Einstellung zu verschiedenen Jahreszeiten. Die aus dem Off gelesenen Tagebuchaufzeichnungen des Unabombers Ted Kaczynski bringen politischen Fanatismus und menschenfeindliche Naturbesessenheit mit der eigenen Erfahrung einer erhabenen Landschaft im ständigen Fluss der Veränderung zusammen. Natur als Projektionsfläche dunkelster Gedanken.

I’m Not Dead (Je ne suis pas mort) von Mehdi Ben Attia

I m not Dead

In der Tradition des literarischen Symbolismus sucht I’m Not Dead nach einer ästhetischen Wahrheit und unterminiert dabei die Fundamente der ontologischen. Genrekonventionen dienen Regisseur Mehdi Ben Attia immer gleichzeitig in ihrer klassischen Funktion und in ihrer Subversion. Eine kinematografische Philosophie, die die Doktrinen der Logik nicht nur aufknackt, sondern systematisch widerlegt.

Portrait of Jason von Shirley Clarke

Portrait of Jason

Eine Dokumentation, die keine ist, über einen Mann, der sich beharrlich weigert, sein wahres Gesicht zu zeigen. Eine Nacht lang hört Shirley Clarke dem Hustler Jason Holiday dabei zu, wie er alkoholisiert und mit großen Gesten aus dem Nähkästchen plaudert. Nicht die berühmten 15, sondern 105 Minuten sehen wir einem routinierten Selbstdarsteller dabei zu, wie er sich zwischen Anekdoten, Geständnissen und Rollenspielen bis zur Erschöpfung verausgabt.

For Marx ... (Za Marksa...) von Svetlana Baskova

For Marx 01

Russische Gewerkschaftsmitglieder gehen in die Offensive. Zwischen empirischer Schonungslosigkeit und düsterer Groteske zeigt For Marx ... (Za Marksa...) die brutalen Spannungen zwischen zwei divergenten Gesellschaftsschichten und reflektiert ganz nebenbei die großen Fragen der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Le cousin Jules von Dominique Benicheti

Le Cousin Jules

Ein beinah vergessener, neu restaurierter Dokumentarfilm über den schleppenden Rhythmus des Lebens. Über fünf Jahre hat Dominique Benicheti einen älteren Bauern und seine Frau mit der Kamera begleitet und ihr Leben ausschließlich über die Beobachtung alltäglicher Handlungen nachgezeichnet. Geduldig und aufmerksam widmet sich der Film zwei Veteranen der körperlichen Arbeit.

Panorama

Love Battles von Jacques Doillon

Love Battles

Wie nah sich Liebesakt und Schlägerei sind, das demonstriert der französische Regisseur Jacques Doillon mit einem Geschlechterkampf der derben Art. Zwei Hauptdarsteller mit Lust zur Grenzüberschreitung attackieren sich hier zunächst mit Worten, bevor sie sich schließlich wild durch die Gegend prügeln und vögeln. Nervenstrapazierend, leidenschaftlich und von ungemeiner Intensität.

Upstream Color von Shane Carruth

Upstream Color 01

Schwer möglich, Upstream Color zu sehen, ohne an Terrence Malicks letzte beiden Filme, The Tree of Life und To the Wonder, zu denken, schon allein wegen des unaufhörlichen Klangteppichs und der schwebenden, alles miteinander verbindenden Kameraführung. Der Gedankenstrom, der schon im Titel angedeutet wird, wandelt sich von anfänglichem Body Horror zu einer mystischen Gesellschafts- und Liebesstudie. Der Reichtum an Material und Deutungsmöglichkeiten ist intellektuell nie zu fassen, emotional überwältigend und ästhetisch betörend bis abstoßend. Upstream Color ist ein Film, bei dem spätestens während des Abspanns die ersten Zuschauer laut ihr Urteil kundtun. Der Film spaltet, weil er unter die Haut gehen will. Auch Abwehrreaktionen sind ein guter Beleg für sein Gelingen.

Roland Klick: The Heart Is a Hungry Hunter von Sandra Prechtel

Roland Klick

Sandra Prechtels Dokumentarfilm ist eine großartige Gelegenheit, einen ganz zu Unrecht im Vergessen versunkenen Regisseur und einen Menschen mit Haltung wiederzuentdecken. Die Energie und der Drang nach Ehrlichkeit von Roland Klick und seinen Arbeiten waren ein kurzes Glück für den deutschen Film. The Heart Is a Hungry Hunter würdigt es.

 

Belated (Deshora) von Barbara Sarasola-Day

Deshora

Der Gast als Typus, als epistemologische Idee, als Vollstrecker des latenten Triebs, als das Wort Gottes. An der Figur des Gastes hatte die Filmgeschichte schon immer ein großes Interesse. Belated erinnert zuweilen stark an Pasolinis Teorema – Geometrie der Liebe (Teorema, 1968): der Fremde, der gewaltsam die Schutzhaut des Unterbewusstseins aufschlitzt und Intimität und Sexualmoral von innen verwüstet.

Lovelace von Rob Epstein und Jeffrey Friedman

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Linda Lovelace’ Sommersprossen verhalfen einer ganzen Generation zum ultimativen Schuss. Die Filmemacher Rob Epstein und Jeffrey Friedman (Howl, 2010) schildern Aufstieg und Niedergang der Pornoikone. Jenseits der gängigen Tragödiendramaturgie werden der Aufbruch und die Aufklärung in den USA der 1970er Jahre vor allem ästhetisch erfahrbar, und um Galionsfigurenkitsch und Hippieromantik wird sorgsam ein Bogen gemacht.

Generation 14plus

Jîn von Reha Erdem

Jin

Reha Erdem webt in Jîn weiter an seinem filmischen Netz, mit dem er seit Jahren die Türkei in geografischer Breite wie kultureller Tiefe überzieht. Diesmal geht es um eine jugendliche desertierende PKK-Guerillera, die, müde vom Kämpfen, von der militärischen direkt in die sexuelle Front der anatolischen Machogesellschaft rennt. Erdem ist überzeugter Pessimist, aber einer, der auf fast tragische Weise in seine Figuren verliebt ist. Und der sie doch beständig filmische Leidenswege hinabjagt, die sich in Kreisen und Schleifen unablässig bewegen, um dahinter von einer erstarrten Welt zu erzählen. Aber es leidet mit dem Mädchen auch still die Natur, das Wild, die Wälder und Berge des türkischen Südostens: duldsame Landschaften, auf die aus dem Off Kugeln und Granaten stürzen.

Perspektive Deutsches Kino

Metamorphosen von Sebastian Mez

Metamorphosen 01

Der Dokumentarfilm spürt durch das subtile Porträtieren menschlicher Schicksale den politischen Skandalen rund um ein altes Atomkraftwerk im südlichen Ural nach. Mit einer unaufgeregten Erzählweise und in ästhetisch hoch aufgeladenen Bildern entblößt Metamorphosen so eine hässliche Schattenseite des Kalten Krieges.

Silvi von Nico Sommer

Silvi

Episodenhaft und erfrischend auf der Grenze zwischen dokumentarischem Material und pointierter Inszenierung balancierend begleitet Silvi seine Protagonistin, die mit Ende 40 nach langer Ehe unverhofft von ihrem Mann verlassen wird. Sie stürzt sich ins Abenteuer Blind Dating, das sich schnell als tragikomisches Rollenspiel auf dem Weg zur Selbstfindung entpuppt.

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