Berlinale 2012: Was kommt nach den Lobeshymnen?

Von Berlinale-Depression keine Spur. Nach zehn Tagen Filmmarathon am Potsdamer Platz ist die Stimmung so gut wie lange nicht mehr. 

Peov Chouk Sor

Vor ein paar Jahren titelten wir zum Abschluss der Berlinale: „Der Wettbewerb hat keine Chance“. Es war eine Anspielung auf die künstlerische Belanglosigkeit des Wettbewerbs und dessen vergängliche Natur im Vergleich zu einer starken Retrospektive. Nun kam 2012 beides zusammen: Der beste Wettbewerb seit Jahren wird von einer Retrospektive, die diesen Namen verdient, flankiert (und nicht nur eine, denn auch Kawashima Yuzo oder die verlorenen Filme aus Kambodscha setzten wichtige Schlaglichter).

Was genau war nun besser? Die Kritiker-Weisheit der letzten Jahre, wer mit der Berlinale glücklich werden wolle, der müsse den Wettbewerb umschiffen, greift nicht mehr. Das liegt nicht daran, dass alle Filme „gelungen“ wären oder es keine Fehlgriffe mehr gäbe. Wer auf ein Filmfestival geht, lebt immer mit diesem Risiko. Das Problem waren in der Vergangenheit der Pre-2012-Kosslick-Ära bislang stets die Nummer-Sicher-Filme und thematischen Akzente ohne künstlerische Vision. Der diesjährige Wettbewerb ist nicht frei davon, aber vereinzelt streitbare Filme wie Dictado, À moi seule und War Witch (Rebelle) konnten unsere Freude über die sonstige Experimentierbereitschaft nicht trüben. Dieter Kosslick hat nämlich einerseits mit den Erwartungen gebrochen, andererseits auch für mehr Klarheit gesorgt: In die Spätvorstellungen hat er die Außer-Konkurrenz-Veranstaltungen verbannt (wegen Stars und langfristigen Beziehungen eingeladene Filme), die zudem weniger wurden. Die Special-Reihe ist nun auch ganz offiziell dazu da, den Glamour-Druck vom Wettbewerb zu nehmen.

Meteora

Gefreut haben wir uns über eigenwillige Autoren wie Benoît Jacquot (Leb wohl, meine Königin!), Alain Gomis (Aujourd'hui), Spiros Stathoulopoulos (Metéora), Brillante Mendoza (Captive) und allen voran Miguel Gomes mit seinem Monolithen Tabu. Aber wir konnten auch im Arthousekino vertrauteren Ansätzen noch etwas abgewinnen, wie in Ursula Meiers L'enfant d'en haut oder Bence Fliegaufs Just the Wind (Csak a szél) und Hans-Christian Schmids Was bleibt. Christian Petzold bleibt derweil mit Barbara unangefochten am Berlinale-Firmament der deutschen Regisseure. Ein verdienter Silberner Bär für die beste Regie – obwohl die Jury-Auszeichnungen insgesamt sehr konservativ ausgefallen sind. An Caesar Must Die (Cesare deve morire) ist tatsächlich kaum etwas auszusetzen – höchstens das Pathos am Schluss und eine gewiefte Manipulation der Wahrnehmung. Aber die Verleihung des Goldenen Bären scheint hier in die Vergangenheit gerichtet, eine Verbeugung vor den Taviani-Brüdern. Und natürlich heißt eine Wahl immer auch der Verzicht auf eine andere: Diese gewagte Berlinale hätte mit einer in die Zukunft gerichteten Preisverleihung, mit der Wahl stärker eigenständiger Werke, durchaus wegweisend sein können. Eine vertane Chance, die eher gegen die Jurymitglieder denn gegen das Programm spricht. Deren Zusammenstellung darf indes durchaus kritisiert werden. Um nur einen Aspekt zu nennen: 2012 waren drei von acht Mitgliedern Schauspieler. Da nähern wir uns Oscar-Verhältnissen an – und die Academy ist ganz sicher nicht für vorwärtsgewandte Entscheidungen bekannt. Randnotiz: Es ist zehn Jahre her, dass in der Internationalen Jury der Berlinale ein Filmkritiker saß.

Was kommt nach den Lobeshymnen?

Caesar Must Die 2

Die in der medialen Außenwahrnehmung der Berlinale größte Baustelle – das Aushängeschild Wettbewerb – wurde überzeugend angegangen. Auch verlautete bereits das Engagement von Alexander Kluge für die Auswahl einer Programmreihe in 2013. Im besten Sinne heißt das: Störung behoben, Störungen willkommen. Gerade die Infragestellung bisheriger kuratorischer Praxen sollten wir in künftige Diskussionen über das Festival hinübertragen. Da sind fremde Blicke prinzipiell willkommen, selbst wenn wir uns nach Über-80-Jährigen als Preisträgern des Goldenen Bären vielleicht auch wieder Unter-80-Jährige als Gastkuratoren wünschen dürfen.

Minenfeld Panorama und bedrohtes Forum

Glaube  Liebe  Tod 2

Wenn wir ein besseres Berlinale-Erlebnis hatten als in den Vorjahren, dann liegt es auch daran, dass wir die ins Programm eingeschriebenen Warnhinweise besser zu lesen gelernt haben: Neben dem Wettbewerb haben wir uns auf die Retrospektiven und das Forum konzentriert und etwa das Panorama weitgehend gemieden, mit der Ausnahme von einigen wenigen für uns wichtigen Autoren (um nur drei zu nennen: Peter Kern, Romuald Karmakar, Andreas Dresen).  Versuche, dem Panorama doch wieder grundsätzlich eine Chance zu geben – das hatten wir schon oben: als Festivalbesucher ist man immer auch Gefahrensucher – sind hingegen zum Scheitern verurteilt. Das liegt vor allem daran, dass die Trefferquote sehr gering ist und dass die Reihe weiterhin als Auffangbecken fungiert: für Schlagzeilen-Dokumentationen, die sich für filmisches Erzählen nicht interessieren, für LGBT-Themen, so sie denn kitschig oder vehement genug präsentiert werden. Als heterogene Sektion, die vielen unterschiedlichen Interessen dient (auch dem, Filmemacher mit schwächeren Werken an die Berlinale zu binden), müsste das Panorama bessere Wege finden, auszuschildern, was künstlerisch relevant ist.

Revision 4

Das Forum ist ohne Zweifel die interessantere Reihe, in diesem Jahr nicht zuletzt wegen der Retrospektiven (siehe unser Interview mit Christoph Terhechte). Skeptisch stimmt allerdings, dass das Forum sich immer weiter – auch dieses Jahr – von seiner ursprünglichen Funktion als Gegenfestival entfernt, das sich in deutlicher Abgrenzung zur restlichen Berlinale definiert. Im Extremfall hieße die Fortsetzung der jetzigen Entwicklung, dass das Forum ein Sprungbrett würde für die „erwachseneren“ Sektionen auf der anderen Seite der Potsdamer Straße. Aufgrund der momentanen Lage kann das Forum noch vor allem im Dokumentarischen punkten – denn das Feld bleibt vom Panorama weitgehend unbestellt. Angefangen bei Denis Côtés Blick-Meditation Bestiaire über Philip Scheffners Fall-Rekonstruktion Revision bis hin zu Vincent Dieutres Selbst-Befragung Jaurès gehörten die Dokumentarfilme zu den Höhepunkten des Programms. Das könnte sich aber jederzeit ändern, wenn das Panorama anfinge, eine konsequentere Politik in dieser Hinsicht zu fahren. Dafür gibt es aktuell keine Anzeichen, deswegen kann sich das Forum wohl auch zurücklehnen. Andererseits: Müssten sich die Blicke nach der begonnenen Reform des Wettbewerbs nicht von ganz allein auf das Panorama richten? Und mit ein wenig Verzögerung dann auch allgemeiner auf die sehr breit aufgestellten weiteren Reihen? Bleiben wir doch einfach bei dem Motto: Störung behoben, Störungen willkommen.

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