Berlinale 2010 - Perspektive Deutsches Kino

Sie ist ungemein wichtig, diese Sektion. Auf dem größten deutschen Filmfestival sollten die vielen deutschen Talente nicht vor der Tür bleiben. Doch so richtig heimisch sind die guten Nachwuchsproduktionen in den letzten Jahren nur selten bei der Perspektive geworden. Man erinnert sich an Marcus Mittermeiers Muxmäuschenstill (2004), Robert Thalheims Netto (2005), an Bülent Akincis Der Lebensversicherer (2006), den recht tolldreisten Versuch, nach Frank Perrys The Swimmer (1968) eine neue deutsche Variation von John Cheevers Kurzgeschichte zu filmen, auch an Peter Dörflers Dokumentarfilm Achterbahn aus dem vergangenen Jahr.  Aber vieles verschwindet doch so gänzlich, und das zu Recht. So wird es auch in diesem Jahr sein. Das stellt die Perspektive grundsätzlich nicht in Frage. Wie in allen anderen Sektionen gibt es auch hier Herausragendes und Unzumutbares. Über beides sollte man sprechen und schreiben, was uns eine Herzensangelegenheit ist. Dazu gehört, die Filme mit derselben wohlwollenden, aber kritischen Grundhaltung zu betrachten wie das sonstige Programm – alles andere hieße, sie nicht ernst zu nehmen.

Portraits deutscher Alkoholiker

Wie im vergangenen Jahr, so begeistert auch 2010 vor allem ein Dokumentarfilm. Dabei steht Portraits deutscher Alkoholiker fast diametral zu Achterbahn. Gewissermaßen funktioniert auch Achterbahn wie ein Porträt, allerdings völlig fokussiert auf seinen Protagonisten und dessen Eskapaden, die auch für einen emotionalen Hochgeschwindigkeitsritt sorgen. Bei dem Beitrag von Carolin Schmitz mag einen das Wort Porträt zunächst irritieren, assoziieren viele damit doch eine bildliche Darstellung des Vorzustellenden. Bei Portraits deutscher Alkoholiker geschieht dies nicht und mit gutem Recht, denn somit werden Erwartungen an das Reißerische, die mit einem derart gut zu vermarktenden Titel geweckt werden können, sofort enttäuscht und unterlaufen. In Portraits deutscher Alkoholiker geht es nicht um Enthüllung, um den Blick auf die geöffnete Pore, die zitternde Hand. Carolin Schmitz ermöglicht uns keinen Abgleich unserer Vorstellungen mit einem Körperbild der Porträtierten. Wir sollen nicht in ihren Gesichtern nach den Geschichten suchen, sondern in ihren Worten. Dies hat multiple Effekte, der vordergründigste besteht in einer Konzentration des Zuhörens.

Portraits deutscher Alkoholiker

Vom Band berichten eine Handvoll Männer und Frauen über ihr Leben, das vom Alkohol dominiert wird. Die häufig fahrende und gleitende Kamera ertastet währenddessen in aller Ruhe deren Wohn- und Lebensräume. Der Film gibt wunderbaren Anlass, einmal wieder über die Bedeutung des Dokumentarischen nachzudenken. Hier jedenfalls wird beobachtet, es erschließt sich ein Kaleidoskop menschlicher Lebenswege, ohne dass Kommentar oder Montage einen Impetus vorgäben. Neben der erzählerischen Reife und kompositorischen Brillanz schafft Portraits deutscher Alkoholiker aber noch etwas ganz anderes: Er reißt das Thema aus der Sozialkitsch-Schmuddelecke, in der es das Fernsehen so gerne ablädt. Alkoholismus ist hier kein „Unterschichtenproblem“. Wir beruhigen uns nicht an den Plattenbauten, schnoddrigen Nasen verdreckter Kinder, am Arbeitsamtalltag der anderen. Wir sehen den kleindeutschen Traum: Neubausiedlungen, Reihenhäuser, großzügige Wohnräume. Freizeitstätten wie Sporthallen, Schwimmanlagen und Kegelbahnen. Vor allem aber: ehrwürdige Arbeitsplätze. Hier sprechen Menschen, die zu weiten Teilen in ihrem Arbeitsalltag funktionieren oder funktioniert haben, die ein Familienleben und soziale Kontakte haben. Für die meisten bleiben sie unsichtbar. In Portraits deutscher Alkoholiker werden sie für uns zumindest hörbar.

Frauenzimmer

Frauenzimmer von Saara Aila Waasner geht wesentlich konventioneller vor: Drei Frauen fortgeschrittenen Alters erzählen aus ihrem Leben, das sie irgendwann ins Erotikgewerbe verschlagen hat. Leider sind diese biografischen Verläufe schnell dargestellt – ein lange Zeit unerfülltes Dasein, zumeist in einer unbefriedigenden Ehe, zum Teil auch frühe Misshandlungen, dann der  Befreiungsschlag. Im Zentrum steht noch heute das private Glück, für die eine greifbarer als für die andere. Nach einer halben Stunde ist all dies vermittelt, dann bräuchte der Film dringend eine Entwicklung, die nicht mehr einsetzt, ehe dem Ganzen ein Epilog aufgesetzt wird.

Die Haushaltshilfe

Bei Anna Hoffmanns Die Haushaltshilfe verhält es sich spiegelverkehrt. Die Erzählung beginnt behäbig, Martina spricht von ihrem slowakischen Kaff Giraltovce, wie wir es aus dem Osten kennen: „Die jungen Leute gehen weg“ und  „Es ist schwer Arbeit zu finden.“ Das erzeugt Trübsal, und so geht Martina in die Kirche, wenn sie traurig ist. Oder sie tanzt in ihrer Wohnung, die ein Bild vom Papst schmückt. Die dreimonatige Betreuung eines Seniorenpaares in Deutschland soll Beschäftigung und Geld bringen.  Doch das Leben mit Lore und Max Weltin ist nicht immer leicht. Auch hier hilft die Kirche, vor allem aber Skype. Dort kann sie die entscheidende Botschaft vermitteln: „Mutter, ich will hier nicht noch zwei Monate bleiben.“ Da trifft es sich eigentlich, dass Frau Weltin sie auch nicht mehr will. Gegen Ende fängt die Kamera im Gegeneinander von Martina und Frau Weltin noch einige aufschlussreiche Momente ein. Im Nachhinein freut man sich, mit beiden nichts zu tun zu haben.

Alle meine Väter

Schlechte Dokumentarfilme, die sich nicht auf Themenkomplexe, sondern auf Menschen stürzen, können sehr schnell zur Nabelschau werden. Nun gibt es einen nicht unbeträchtlichen Teil an Dokumentationen, in denen der Filmemacher  seiner eigenen Geschichte nachgeht: Selbstnabelschau häufig. Ein beliebtes Thema auf diesem Gebiet ist die Erforschung der eigenen Familiengeschichte, dutzendmal, bevorzugt auf Arte und 3sat, gesehen, kürzlich in Form von Falko Schusters Brüder (2008). Natürlich gibt es das auch im Daily-TV-Format als Dokusoap oder in Talkshows. Im vergangenen Jahr präsentierte die Perspektive mit Wir sind schon mittendrin die Frage nach dem Leben um die 30 auf der Leinwand. Es folgte ein halbes Jahr später im Kino Mein halbes Leben (2008) zum selben Komplex. Vor einigen Jahren hat sich Christopher Buchholz seinem Vater in Horst Buchholz … mein Papa (2005) gewidmet, Rosa von Praunheim besang anschließend Meine Mütter (2007). Direkten Anschluss daran sucht Jan Raiber offensichtlich mit Alle meine Väter. Mutig, steht er doch noch mitten im Studium und blickt nicht, wie von Praunheim, auf ein beachtliches Œuvre als Regisseur zurück.

Alle meine Väter

Seine durchaus vorhandene inszenatorische Virtuosität konnte Raiber mit Juri (2008) nachweisen, der in Hof zu sehen war. Dort konnte er den Sat.1-Comedian Volker „Zack“ Michalowski für den Part vor der Kamera gewinnen, hier ist er hauptsächlich selbst vor der Linse. Das muss einem nicht unbedingt sympathisch sein. Es kann auch enervierend wirken. Nicht jeder ist ein Fassbinder, der seine Emotionen geschickt vor dem Filmteam als Exzess inszenieren kann. Nimmt sich der Regisseur, wie Raiber, ernster, sind seine Einsätze nicht so inszeniert, dann richtet sich das zwar eher an der Vorgabe des Dokumentarischen aus, es kann aber dennoch sehr zäh werden. Jan sucht also seine Väter – es gibt da offensichtlich mehrere Optionen. Der Jungregisseur will sich selbst nicht schonen, die Kamera anlassen. Egal welche Überraschung sich ihm auf dem Weg entgegenstellt. Da ist natürlich auch Kalkül dabei, und das ist unangenehm. Auf solchem Wege kann durchaus ein radikales Werk wie Jonathan Caouettes Tarnation (2003) entstehen. Doch dafür fehlen Raiber Selbstzerstörungstrieb und Wille zum inszenatorischen Exzess. So kann einen Alle meine Väter über weite Strecken ganz schön ermatten, ehe der Film im letzten Drittel noch ein wenig die Kurve bekommt.  Da erzählt die kompensationslachende Mutter mal schnell einem flüchtigen Geliebten, er sei vor Jahrzehnten zum Vater geworden. Der Mann schert aus dem Film aus, fordert Distanz ein, die Alle meine Väter sonst niemandem gewährt. Er wollte sein Leben lang Kinder haben, in der Ehe blieb ihm dies verwehrt. Nun hat er plötzlich nicht nur einen Sohn, sondern auch gleich einen Film. Manchmal wollen Leben und Dokumentation dann doch zu viel auf einmal.

Renn, wenn du kannst

Dietrich Brüggemann, selbst schreibend für die Kollegen vom Schnitt aktiv, hat mit Neun Szenen  (2006) einen der einprägsamsten Perspektive-Beiträge der vergangenen Jahre vorgelegt. Mit Renn, wenn du kannst, einer ménage à trois, darf er die Sektion nun eröffnen.
Eine deutsche Behindertenliebesdramödie zu drehen erfordert viel Mut und noch mehr Können. Glücklicherweise verfügt Brüggemann über beides. Renn, wenn du kannst ist mit großer Sicherheit und Präzision inszeniert, gefällt mit pointierten Dialogen und scheut sich weder vor großen noch vor kindlichen Gefühlen. Robert Gwisdek, Anna Brüggemann und Jacob Matschenz füllen die fantasievolle Geschichte um einen Zivi, eine Cellistin und einen Rollstuhlfahrer mit Leben.

Cindy liebt mich nicht

Das Überraschende an Cindy liebt mich nicht: Es handelt sich um eine Romanverfilmung. Deshalb überraschend, weil die Dialoge der größte Schwachpunkt des Films sind. Vielleicht ist es aber auch eine Qualität, nicht als Literaturverfilmung aufzufallen.
David (Peter Weiss) und Franz (Clemens Schick) suchen beide ihre Freundin, in diesem Fall ein und dieselbe, Maria (Anna Schäfer) nämlich. Die Reise führt sie bis nach Dänemark, wo sie schließlich von einem Vierten im Bunde aufgeklärt werden.
Cindy liebt mich nicht
orientiert sich weder an amerikanischen Roadmovies des New Hollywood noch an den deutschen Variationsversuchen, schielt vielmehr auf das französische Kino, vielleicht der 70er Jahre, vielleicht eines Sautet. Und doch gibt es da eine Figur, die an frühe Rollen Philip Seymour Hoffmans erinnert: ein rothaariger dicker Mann in rosa Hosen, rosa Shirt und rosa geschminkten Lippen. Die werden gerne genauer betrachtet. Nahaufnahmen und Zoom finden hier immer mal wieder Verwendung, doch meistens eher gewollt denn effektiv. Die Frau am Morgen im blauen Hemd des Mannes gibt es auch. Das ist international.

Bedways

Nina (Miriam Mayet) plant einen Film über Sex und Liebe. Bei den Proben kommen sie und die beiden Hauptdarsteller sich zwangsläufig näher.
RP Kahl, unter anderem mit Mädchen am Sonntag (2005) bereits als Gast auf der Berlinale, legt viel Wert auf Musik und mal mehr, mal weniger expliziten Sex. Zwischendurch knallige Zwischentitel und am Ende Foucault. Das klingt nicht nur prätentiös, Bedways ist es auch.


Mittellange Filme sind nicht nur eine besondere Herausforderung, sondern meistens eine undankbare Aufgabe. Eine Aufteilung in Lang- oder Kurzformate ist nicht nur sinnvoll, die Zuschauer sind auch darauf geeicht. Genauso wie in Hof und Saarbrücken werden diese Produktionen in der Perspektive im Block oder als Vorfilme gezeigt, und dieser Rahmen tut ihnen ganz gut – sie stehen als das, was sie sind: Übungen auf dem Weg zum Langfilm.

WAGs

Unter dem „Mittellänge-Dilemma“ leidet auch WAGs von Joachim Dollhopf und Evi Goldbrunner, der bereits in Hof lief. Man könnte sich den Stoff genauso als knackigen Kurzfilm wie als abendfüllenden Spielfilm vorstellen. Auf dem Mittelweg verpufft sein Potenzial ein wenig.
Früher war alles anders: Wer wusste schon, wie die Frauen von Pelé oder Eusébio aussehen? Franz Beckenbauer wusste es am nächsten Morgen vielleicht selbst nicht immer. David Beckham dürfte sich dessen sicher sein. Viktoria Posh Spice hat Glamourfaktor und Marktwert des Freistoßspezialisten noch um ein Vielfaches gesteigert. Mit ihr ist eine neue Generation von Spielerfrauen in das öffentliche Bewusstsein gedrungen.

WAGs

Kein Spiel bei der letzten Weltmeisterschaft, wo die Kamera nicht die Tribüne nach dem Partnerinnen-Block abgesucht hätte. Die waren sich ihrer medialen Präsenz durchaus bewusst und betätigten sich gerade im Bereich Outfit und Accessoires als Trendsetter. Fußbälle als Handtaschen und das Trikot mit der Aufschrift Mini-Kehl über hochschwangerem Bauch sind noch in Erinnerung.
Dollhopf und Goldbrunner geht es aber weder um eine Posh Spice, die den Glanz des Mannes verdoppelt, noch um eine Verena Kerth, die sich qua Fußballbekanntschaft in Szene setzt. Hier geht es eher um die Frage, wie sich Frauen an der Seite von Profifußballern unabhängig von ihnen eine eigene Position im Leben bewahren.

Bei der Berliner Hertha sind Dieter Hoeneß und Lucien Favre noch in Amt und Würden, der Abstieg ist kein Thema, ganz im Gegenteil: Der Verein rüstet auf. Mit Jungstar Ronny Lipinski, der bereits gen Bayern schielt, sowie Altstar Ivo Chaldakova. Der hat seine Heimat Sofia schon lange hinter sich gelassen, bereits in  Zürich, Genua, Paris, Mailand und zuletzt London gekickt. Immer an seiner Seite: Dina. Oder doch nicht ganz. Denn im Gegensatz zu den hüpfenden Damen auf der Tribüne hält sie sich eher im Hintergrund der VIP-Loge. Gerne würde sie mit Ronnys junger Freundin Judith eine Freundschaft abseits des Stadionovals führen, doch die ist überfordert.
Unser Verhältnis zum Verhältnis der beiden leidet unter einigen allzu schwerfälligen Bewegungen des Drehbuchs, doch vor allem dank der charismatischen Vesela Kazakova folgt man dem Geschehen mit dem Wunsch, eines Tages die etwas ausdifferenziertere Geschichte einer Frauenfreundschaft im Schatten des Profifußballs zu sehen.

Glebs Film

Glebs Film beschreibt den Traum eines Frisiermeisters. Für den Zuschauer zwar kein Albtraum; warum man den Ausführungen eines Altonaer Friseurs über seine Filmpläne folgen sollte, bleibt dennoch schleierhaft. Dem Film geht so jegliches überraschende Moment ab - wer selbst schon einmal die Haare im Salon geschnitten bekommen hat, wird eine Ahnung davon haben, wie die vornehmlich älteren Damen dort reden und denken. Und wer noch nie beim Friseur saß, auch. Auf der Handlungsebene verbleibt also Gleb, der vielleicht sich selbst spielt, vielleicht auch nicht. Zu erzählen hat er nicht viel. Als Spiel zwischen Dokumentation und Fiktion, als Variation der Mockumentary, taugt Glebs Film leider ebenso wenig. Wäre da noch die Inszenierung. Aber nein, darüber lohnt es sich nicht, zu schreiben.

The Boy Who Wouldn't Kill

Endzeitatmosphäre à la Mad Max (1980). Das funktioniert auf der Leinwand nur selten, selbst wenn sich amerikanische Studios daran versuchen. In Deutschland würde es als abendfüllendes Kinoprogramm vermutlich auch nicht gelingen, aber als mittellange Stilübung schon – das beweist Linus de Paoli. Der Jungregisseur macht nicht den Fehler, das Subgenre neu erfinden zu wollen. Vielmehr nutzt er The Boy Who Wouldn’t Kill als Visitenkarte. Und die weiß zu überzeugen: Im Gegensatz zu so vielen Frühversuchen Filmstudierender hat de Paoli offensichtlich eine sehr klare Vorstellung von Bildaufbau. Sein Film weiß ästhetisch zu überzeugen, mit beeindruckenden Weiten und Panoramen, mit Sonnenuntergängen und dem Mut zur Stilisierung.  Die Geschichte ist dabei nur ein Assoziationsspielraum, eine Reminiszenz an Bekanntes. De Paoli erzählt sie nicht wirklich, täuscht sie eher vor, sucht sich Zwischenräume und lässt Handlungsblöcke aus. The Boy Who Wouldn‘t Kill konzentriert sich exemplarisch auf Momente und behauptet in den Momenten, die er zeigt, geradezu episch zu sein. Und man glaubt es gerne.

Lebendkontrolle

In Lebendkontrolle von Florian Schewe nutzt Knacki Mark seinen Freigang, um seinem Zellengenossen Boxer einen Gefallen zu tun. Beim Trip in die Stadt kommt es zur Konfrontation des von innen Imaginierten mit der Realität.
Schewe ist es gelungen, ein überzeugendes Ensemble zusammenzustellen, mit Gerdy Zint aus Weltstadt (2008) in der Hauptrolle und Franziska Jünger aus Kroko (2003) als seiner Freundin. Nur der Mini-Odyssee fehlt ein entscheidender Punch.

Der Berliner Schauspieler Sergej Moya hat für sein Regiedebüt Hollywood Drama ein Perspektive-erfahrenes Team zusammengestellt. In Jedem das Seine, im vergangenen Jahr auf der Berlinale zu sehen,  spielte er an der Seite von Carlo Ljubek und Clemens Schick, die er nun inszeniert. Neben den Dialogen sind die zwei Schauspieler sein Faustpfand.

Hollywood Drama

Hollywood Drama setzt nicht in den USA, sondern in der deutschen Vergangenheit ein, beim Batallionsführer Siegfried. Schauspieler Franz (Schick)ist ganz in seine Rolle abgetaucht, und Regisseur Heinrich Hugenrubel (Ljubek) muss ihn aus den deutschen Walden in die Realität zurückholen. Die führt beide, dem Titel entsprechend, nach Los Angeles. Dort regieren „Bernd und Roland“, dort ist „alles aus Plastik“ und voller „falscher Tränen“.  Auch dort steht ein Extremdreh bevor, und wir sind vorgewarnt: „In der 125 b eskaliert die Situation.“

Jessi

Jessi, 11, lebt bei Pflegeeltern. Ihre Mutter sitzt im Knast, die Schwester lässt das Elternhaus verkümmern und quartiert sich bei ihrem Freund ein.  Doch das Mädchen gibt seine Illusion von einem neuen alten Leben nicht auf und kämpft dafür.
Regisseurin Mariejosephin Schneider nutzt die kurze Erzählzeit geschickt, indem sie ihren Film auf einen guten Tag erzählte Zeit komprimiert. Dennoch gelingt es ihr, schnörkellos eine recht komplexe Geschichte zu entwickeln, die von einer genauen Beobachtung und guten Darstellerinnen lebt.

Narben im Beton

Auch Juliane Engelmann konzentriert sich mit Narben im Beton vollständig auf ihre Protagonistin. Anna (Carmen Simone Birk) ist bereits Mutter von drei Kindern, das vierte auf dem Weg. Ihr Mann, ein Dreckschwein, betrügt sie nach Strich und Faden. Die Katastrophe lässt nicht lange auf sich warten.
Kann man einen kurzen Film über das Töten drehen? Mit Kieslowski und den zehn Geboten verbindet Narben im Beton wenig, umso dringlicher stellt sich die Frage. Carmen Simone Birk muss ihre Anna mit dunklen Ringen unter den Augen, aschfahl, schulterhängend, mit verzweifeltem Blick spielen. Ein Martyrium ohne Ende, aber auch eine Erzählung ohne Farbabstufungen. Hier wird versucht, das Unerklärliche nicht nur zu erklären, sondern auch zu zeigen. Kindstötung schnellgemacht, eklig und doch nachvollziehbar!?
Der Versuch, eine Ausnahmesituation mit den Mitteln der Empathie zu erzählen, mit sozialhelferischem Weltblick auf das Andere, das Abstoßend-Faszinierende, wirkt schlichtweg obszön.

Im Jahrgang 2010 steckt Talent, der Mut zu Ungewöhnlichem und zum Experiment. Die größten Differenzen sind in der inszenatorischen Reife bemerkbar und im Destillieren des richtigen Zugangs zum Stoff. Auch, wenn es ironisch klingt: Ausgerechnet und vor allem in Portraits deutscher Alkoholiker sehen wir eine deutsche Perspektive.

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