Berlinale 2009 - Empfehlungen
Um Ihnen die Auswahl aus dem umfangreichen Programm der 59. Berlinale zu erleichtern, haben wir einige Filme bereits im Vorfeld gesichtet. Die interessantesten Beiträge stellen wir Ihnen hier vor.
Panorama

Just Walking
Ein Heist-Film mit vier Frauen im Mittelpunkt des spannenden Geschehens. Agustín Díaz Yanes hat es geschafft, in Mexiko Budgets zu akquirieren, die es ihm ermöglichen, seinen Produktionen den Look großen Weltkinos zu geben. In seiner technischen Perfektion wirkt Just Walking (Sólo Quiero Caminar) wie ein Hollywood-Film, nur dass gerade im vergangenen Jahr selten so gute Genreware aus Nordamerika kam. Elena Anaya, Ariadna Gil, Victoria Abril und Pilar López de Alaya glänzen in diesem flüssig geschriebenen und präzise fotografierten mexikanischen Gangsterfilm, den man getrost einen Höhepunkt des Panoramas nennen darf.
Perspektive Deutsches Kino

Achterbahn
Die Eingangsbilder des verlassenen Spreeparks mit seinem Riesenrad und umgekippten, verwitternden Dinosauriern, sind das Versprechen auf einen visuell virtuos gestalteten Dokumentarfilm. Regisseur und Kameramann Peter Dörfler wird diesem Versprechen gerecht mit einer dramatischen Geschichte, die ohne inszenatorische Manipulation auskommt. Ihr Protagonist, der gescheiterte und verurteilte Schausteller Norbert Witte, könnte vermutlich eine ganze Filmreihe füllen. Dabei ist Achterbahn mehr als nur ein Porträt – und das unbestrittene Highlight der Sektion.
Forum

Mitte Ende August
Sebastian Schippers (Ein Freund von mir, 2006) sehr freie Adaption der Wahlverwandtschaften (1809) versteht sich als Schauspielerkino und kann in diesem Bereich durchaus mit herausragenden Momenten aufwarten. Marie Bäumer, Milan Peschel, Anna Brüggemann und André M. Hennicke bilden einen Reigen von tragikomischer Dimension. Eine Domäne, die nicht gerade als eine Stärke der deutschen Kinolandschaft gelten darf, von Schipper und seinen Akteuren jedoch leichthändig und unprätentiös umgesetzt wird.

Zum Vergleich
Bereits seit über vierzig Jahren dreht Harun Farocki Essayfilme und zeigt sich mit seiner neuesten Arbeit, Zum Vergleich, von der besten Seite. Aus dem zunächst wenig interessant erscheinenden Thema der Ziegelherstellung entwickelt Farocki eine Studie von gewohnt analytischer Präzision. Durch den Vergleich verschiedener, internationaler Produktionsweisen – von der Handarbeit in Afrika und Indien bis zur hochtechnisierten Industrie in Europa – arbeitet der Film Analogien und Differenzen einzelner Arbeitsvorgänge klar und leicht verständlich heraus. Dabei geht Farocki von einem mündigen Zuschauer aus, der keinen didaktischen Off-Kommentar braucht, sondern Information allein durch die wenigen, sorgfältig gewählten Bilder vermittelt bekommt.

Schwitzkasten
Schwitzkasten ist neben dem halbdokumentarischen Langsamer Sommer einer von zwei Filmen des kanadischen Regisseurs John Cook, die das Forum in diesem Jahr zeigt. Cooks erster Film in Farbe bietet Sozialrealismus im besten Sinne. Die Geschichte, basierend auf einem Roman des Kottan-Erfinders Helmut Zenker, handelt vom lethargischen Wiener Arbeiter Herrmann, der seine Anstellung verliert und mit wechselndem Enthusiasmus nach Arbeit und Liebe sucht. Obwohl der Film vom beschwerlichen Leben seiner Hauptfigur handelt, ergeht er sich dabei nie in wehleidigem Sozialpessimismus. Voller Empathie gegenüber seinen Hauptdarstellern und mit trockenem Humor nimmt sich Cook stattdessen viel Zeit für liebevolle Milieuschilderungen.

My Dear Enemy
Heui-Su und Byeong-Woon fahren gemeinsam einen Tag lang durch Seoul. Früher waren sie zusammen, jetzt aber möchte Heui-Su lediglich das Geld zurück, das Byeong-Woon ihr schuldet. Da ihr Ex keiner geregelten Arbeit nachgeht, stattdessen davon träumt, eine Kneipe in Spanien zu eröffnen und folglich chronisch pleite ist, leiht er sich das Geld von anderen Bekannten. Die meisten davon sind Frauen und wie genau deren Verhältnis zu Byeong-Woon beschaffen ist, das interessiert Heui-Su dann doch mehr, als sie zunächst zugeben möchte. Regisseur Lee Yoon-ki ist ein Stammgast im Forum. Sein minimalistischer Erstling, This Charming Girl (Yeoja, Jeong-hae), lief hier 2005, vorletztes Jahr folgte das etwas missglückte Drama Ad Lib Night (Aju teukbyeolhan sonnim). My Dear Enemy (Meotjin haru) ist der bislang souveränste Film des Koreaners. In stilsicher komponierten Cinemascope-Bildern entwickelt er die komödiantische Irrfahrt eines ungleichen Paares und gleichzeitig ein eigenwilliges soziales Panorama der koreanischen Hauptstadt.

The Beast Stalker
Intensives Genrekino aus Hongkong bietet The Beast Stalker (Ching yan). Dante Lams Copfilm bemüht einen narrativen Trick: Alle zentralen Figuren der Handlung sind in denselben Autounfall verwickelt, und dieser Autounfall wird gleich mehrmals, aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Was sich erst einmal verdächtig nach L.A. Crash (Crash, 2005) anhört, entpuppt sich glücklicherweise als bloßes narratives Gimmick, hinter dem sich eine simple Räuber-und-Gendarm-Geschichte versteckt. Der Räuber ist genau genommen kein Räuber, sondern ein Entführer, das Entführungsopfer ist ein niedliches Mädchen, der Gendarm hat mit Schuldgefühlen zu kämpfen, es fließt Blut und zurück bleiben jede Menge Narben. The Beast Stalker weist nicht über sein Genre hinaus, fühlt sich in diesem aber so pudelwohl, das man nicht anders kann, als es ihm gleich zu tun.

Mental
Der japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda gehört zu den wenigen Entdeckungen von Rang, die dem Forum in den letzten Jahren geglückt sind. Sein Erstling Campaign (Senkyo), der 2007 auf der Berlinale zu sehen war, porträtierte einen japanischen Provinzpolitiker in den Mühlen der Parteiinstitutionen. Der Nachfolger Mental (Seishin) wendet sich einer ambulanten psychiatrischen Klinik zu, die trotz Finanzierungsproblemen und dem Desinteresse der Öffentlichkeit zahlreiche Hilfsprogramme für psychisch Erkrankte bereitstellt. Sodas Kamera unterscheidet nicht zwischen Patienten, Pflegepersonal und dem einzigen Arzt der Klinik, sondern filmt alle Beteiligten mit derselben Anteilnahme. „Teilnehmende Beobachtungen“ nennt der Regisseur seine Form des Dokumentarfilms und die ist vor allen Dingen von einer tiefen Sympathie für ihren jeweiligen Gegenstand geprägt.

My Only Sunshine
Der türkische Eigenname Hayat bedeutet gleichzeitig „Leben“, der Originaltitel Hayat var bedeutet deshalb gleichzeitig „Es gibt Leben“ und „Es gibt Hayat“. Wie dieses Wortspiel, so ist auch der gesamte Film bisweilen etwas prätentiös geraten. Doch trotz seiner Tendenz zum Überkonstruierten gehört My Only Sunshine (Hayat var) zu den interessanteren Filmen des diesjährigen Forums und vor allem ist er einer der wenigen, in denen sich eine echte Autorenposition artikuliert. Hayat ist eine Jugendliche, die mit ihrem Vater, der als Zuhälter die Schiffe im Bosporus mit Prostituierten beiderlei Geschlechts versorgt, und ihrem kranken Großvater in einer ärmlichen Hütte wohnt. In der Schule hat Hayat wenig zu melden, im Gemischtwarenladen lässt sie sich für ein paar Süßigkeiten sexuell belästigen und die Besuche ihrer anhänglichen Großmutter gehen ihr ebenfalls eher auf den Geist. My Only Sunshine erzählt von dieser wenig hoffnungsvollen Adoleszenz am Rande der Gesellschaft in einer vielschichtigen Filmsprache. Besonders die Tonspur ist bemerkenswert: Obwohl Reha Erdem auf nichtdiegetische Musikuntermalung fast vollständig verzichtet, entwirft er aus Schiffshupen und anderen Alltagsgeräuschen einen dichten, symphonisch expressiven Soundteppich.

Material
Thomas Heise montiert in Material eigene, zunächst sehr heterogene Filmaufnahmen, die größtenteils unmittelbar vor und unmittelbar nach dem Mauerfall 1989 entstanden. Dabei gelingt es dem renommierten Dokumentarfilmer, einen utopischen historischen Moment zu rekonstruieren, in dem eine Gesellschaft basisdemokratisch und vorbehaltlos über ihre eigenen Grundlagen nachdenkt. Heise filmt unter anderem Diskussionsveranstaltungen innerhalb der SED während der Perestroika-Phase, öffentliche Kundgebungen der Bürgerrechtsbewegung und Insassen in den Gefängnissen der DDR, die gegenüber der Staatsführung ihre Freilassung fordern. In einer beängstigenden Sequenz, die ein paar Jahre später entstand, kontrastiert Heise diese Diskurskultur mit einer Schlacht zwischen Skinheads und linksgerichteten Jugendlichen während einer Kinovorführung. Freilich ist eine solche Gegenüberstellung nur eine von vielen möglichen Interpretationen. Heises Film ist zunächst tatsächlich nur eine Materialsammlung. Doch das gesammelte Material ergibt in seiner Gesamtheit einen der faszinierendsten Filme der diesjährigen Berlinale.
Sascha Keilholz, Michael Kienzl, Lukas Foerster
Veröffentlicht am 31.01.2009
Fotos: Festival
Weitere Informationen zu den Filmen:
Blog: Berlinale im Dialog

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BERLINALE 2012

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