Berlinale 2008: Wettbewerb

Während die Filmpresse aus aller Welt über die Wettbewerbsfilme berichtet, zieht es critic.de meist in die anderen Sektionen – von der Retrospektive ins Forum, für ein paar Abstecher ins Panorama und zum „Generation“ genannten Kinderfilmfest, schließlich für die Dokumentarfilme in die Perspektive Deutsches Kino. „Der Wettbewerb hat keine Chance“ lautete bereits vor drei Jahren die Überschrift unseres Rückblickes. Im Vergleich zur katastrophalen Auswahl des vergangenen Jahres ist das disparate Gesamtbild 2008 deutlich stärker, ganz unabhängig der niedrigen Erwartungen. Den 20 Filme umfassenden Wettbewerb um die goldenen und silbernen Bären prägten vor allem klassische Erzählungen des Kunst- und Arthouse-Kinos und drei Motive: die Macht des Todes, der Bilder und der Sprache.

 

Die Macht der Sprache

Es sind Worte der Beruhigung, der Zärtlichkeit und Liebkosung, mit denen Alex die beiden entführten und zur Prostitution gezwungenen Kinder Leslie und Donnie manipuliert. Aus ihrer Sicht schildert Gardens of the Night die Anfänge ihres Leids und die Zeit danach, als sie mit Sechzehn auf der Straße leben. Damian Harris vermittelt mit einem extrem stringenten Konzept und ohne Voyeurismus das Grauen dieser Kinder, das umso schwieriger zu ertragen ist, weil die Worte des Entführers es zu verbergen versuchen.

Der Literaturkritiker und Professor Kepesh (Ben Kingsley) weiß mit Sprache umzugehen. Seinem Charme verfallen viele Studentinnen. Auch Consuela (Penélope Cruz), mit der er zunächst eine Affäre beginnt, bevor er ihr nach und nach völlig verfällt. Um Sprache und Poesie angesichts von Liebe, Leidenschaft und Tod geht es in Haupt- wie Nebensträngen von Isabel Coixets Literaturverfilmung Elegy. Der Adaption von Philip Roths Das sterbende Tier (The Dying Animal, 2001) sieht man deutlich an, dass sie bemüht ist, der Sprache trotz Off-Kommentar nicht zu viel Bedeutung zukommen zu lassen und visuelle Entsprechungen für die großen Gefühle der Protagonisten sucht. Dabei bleibt der inhaltlich auseinanderfallende Film formal außerordentlich konservativ.

Was passiert, wenn Worten zuviel Raum gegeben wird, zeigt der geschwätzige Julia. Wenn Tilda Swinton spricht, sind es meist Lügen, die die Alkoholikerin Julia mal mehr mal weniger geschickt in die Welt setzt. In einer Reihe von Verwicklungen führt sie die Entführung eines Jungen von L.A. in die Wüste, hin und her, schließlich bis nach Mexiko. Die Hoffnungslosigkeit der Situation steht Swinton von Beginn an ins Gesicht geschrieben und doch lässt Zonca nicht locker, bis zum offenen Ende. Trotz aller Wendungen wirkt der 138minütige, alles andere als straffe Film ziellos.

Eine Frauenfigur steht auch im Zentrum von Happy-Go-Lucky: die dreißigjährige Lehrerin Poppy. Sie ist der Inbegriff einer Frohnatur, single, frech und immer gut gelaunt. Ein Feuerwerk an Obszönitäten und politisch nicht Korrektem sprudelt jederzeit aus ihr heraus. Poppy lebt in einer Traumwelt, in der Trauer, Pessimismus und Sorgen keinen Platz haben. Die Frustrationen ihres Fahrlehrers ignoriert sie daher einfach und bombardiert ihn mit anzüglichen Sprüchen, die nicht ohne Wirkung auf ihn bleiben. Outcasts der britischen Gesellschaft sind letztlich beide und das Leben eine Frage der Einstellung erklärt uns Mike Leigh in seiner von Sprachwitz und Schauspiel getragenen Komödie.

 

Die Macht der Bilder

Das erste Ausrufezeichen des diesjährigen Wettbewerbs setzte Paul Thomas Andersons Bild- und Ton-gewaltiger There Will Be Blood. Öl-Mann Daniel Plainview in der Verkörperung von Daniel Day-Lewis ist eine der Filmerscheinungen 2008, die man so schnell nicht vergessen wird. Ein Menschenfeind, ganz wie der Protagonist in Gaspar Noés im Deutschen gleichnamigen Skandalfilm (Seul contre tous, 1998). Auch wenn Anderson seinem gewählten Titel gerecht wird, sind seine Blutarrangements allerdings immer kunstvoller und weniger pornographisch als die eines Noé. Kein Skandal also, nur das nicht immer konzise Kontrastprogramm eines Regisseurs, der hier 2000 mit Magnolia triumphierte.

Völlig aus dem Rahmen des Berlinale-Wettbewerbs fällt Johnny Tos Sparrow (Man Jeuk). Nach klassischen Erzählmustern mit Plot-Points, der eindeutigen Lenkung des Blickes, einem effektiven Schnitt und der Reduzierung auf das Nötigste schildert To in durchkomponierten Aufnahmen die unausweichlichen Folgen der Begegnung vierer Taschendiebe mit einer schönen Frau. Fernab eines Kunst- oder Arthouse-Kinos, das auf Festivals wie diesem dominiert und von Ambivalenzen in jeglicher Hinsicht geprägt ist, zelebriert Sparrow die Macht der Bilder. Ein meisterlich choreographiertes Showdown im Dunkel des Regens bildet dabei den Höhepunkt dieser ungewöhnlichen Gangsterkomödie.

Hong Sang-soos Filme beziehen sich immer wieder auf das Verhältnis von Film, Bild und Kunst. Die lichtdurchfluteten Aufnahmen von Nacht und Tag (Bam gua Nat) zeigen den Maler Sung-nam in Paris. Lapidar führt eine Texteinblendung seine Flucht aus Korea ein: Er befürchte Repressalien durch die Polizei, denn er habe am Joint eines Touristen gezogen, was nicht unentdeckt geblieben sei. Unfähig sich in der französischen Hauptstadt ein Leben einzurichten und zu malen, vertreibt er sich einen Teil seiner Zeit mit koreanischen Kunststudentinnen. Er verliebt sich in Yu-jeong, doch das Bild, das sie von sich gibt, täuscht. Hong Sang-soo schafft das Porträt eines Mannes, der sich wie ein Fähnchen im Wind zur herumliegenden Bibel oder zur verfügbaren Frau dreht. Bei aller offenbaren Tragik ist das vor allem unglaublich komisch.

Das Firmament sieht friedlich aus. In weiß gerahmten Bildern zeigt Errol Morris zu Beginn seines Dokumentarfilms Standard Operating Procedure Aufnahmen vom irakischen Himmel mit ein paar Quellwolken, die nichts von den Gräueltaten der amerikanischen Soldaten im Abu-Ghraib-Gefängnis erahnen lassen. Wenn am Ende des Films erneut Bilder vom Himmel zu sehen sind, bildet sich ein Kreis, der deprimierender kaum sein könnte. Errol Morris filmt in seiner unverkennbaren Form Täter und Beschuldigte in Großaufnahme ganz knapp an der Kamera vorbei blickend, und lässt so ein unangenehmes Spannungsfeld von Nähe und Distanz entstehen. Am Schluss behaupten sämtliche Interviewpartner, sie hätten in der Situation nicht anders agieren können – die Folterungen, Demütigungen und ihr eigenes Handeln oder Nichthandeln als quasi unausweichliche Folgen des Systems rechtfertigend. Morris’ Rekonstruktion der Tathergänge und Entstehungsweise der bekannten Fotoaufnahmen bettet die Interviews in eine Reflexion um die Macht der Bilder in unserer Gesellschaft.

 

Die Macht des Todes

Der Umgang mit dem Tod ist im Kino ein allgegenwärtiges Thema. Im Berlinale-Wettbewerb stehen etliche Filme im Bann des Todes. Der deutsche Beitrag, Doris Dörries Kirschblüten – Hanami, beginnt mir der Nachricht vom nahenden Tod Rudis (Elmar Wepper). Seine Frau Trudi (Hannelore Elsner) weiß als einzige von seiner schweren Erkrankung, behält es für sich und überredet ihren Mann Kinder und Enkel in Berlin zu besuchen. Als Trudi ihrem Mann zuvorkommt und eines Morgens nicht mehr aufwacht, macht sich Rudi daran, ihren größten Traum für sie zu leben und begibt sich auf eine Reise nach Japan. Im Gegensatz zu der sehr klaren Konstellation und Dörries bisherigem Werk ist Kirschblüten überraschend vielschichtig lesbar und ermöglicht in einigen Szenen unterschiedliche Emotionen und Deutungen.

In Robert Guédiguians Lady Jane verändert ein Schuss das Leben von Muriel. Ihre Vergangenheit als Diebin hat sie lange hinter sich gelassen, auch ihre Komplizen von damals. Doch dann wird ihr Sohn entführt und sie muss das Lösegeld besorgen. In wenigen, aufschlussreichen Szenen situiert Guédiguian seine Protagonistin und entwirft einen kleinen Kriminalfilm, den auf den ersten Blick nicht viel vom Fernsehkrimi unterscheidet. Mit diesem verbindet ihn in der Tat die Effektivität der Erzählung und seine klaren Bilder, zugleich ist Lady Jane aber eine intelligente Auseinandersetzung mit Rache- und Selbstjustizmotiven.

Auch wenn die Härte des Alltags bei Majid Majidi in jeder Einstellung zu sehen ist: Eine solche Hoffnungslosigkeit ist bei ihm nicht zu finden. Majidi zählt zu den auch im Ausland erfolgreichen iranischen Regisseuren; er ist vor allem für herzerwärmende Geschichten aus der Sicht von Kindern bekannt. In Kinder des Himmels (Bacheha-Ye aseman, 1997) zum Beispiel ging es um ein armes Geschwisterpaar, das nur ein Paar Schuhe besitzt. Im Wettbewerbsbeitrag The Song of Sparrows (Avaze Gonjeshk-Ha) ist es statt der fehlenden Schuhe das kaputte Hörgerät der Tochter, das eine Familie in existenzielle Sorgen treibt. Majidi erzählt dieses Mal aus der Sicht des Vaters, der seine Arbeit auf einer Straußenfarm verliert und nun das Geld als Motorradtaxifahrer in Teheran verdienen muss. The Song of Sparrows kultiviert den Gegensatz zwischen der großen Stadt und dem Landleben, und lässt den Patriarchen am Ende zum liebenden Familienvater werden. Symbolische Bilder stehen neben neorealistischen, und immer wieder wird die ernste Geschichte mit Humor durchbrochen, ohne die Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. Das führt dazu, dass ein plakativ moralischer Film zu einem großen Vergnügen wird.

Auch am Beginn von Amos Kolleks Restless steht der Tod. Moshe, ein Bukowski nachempfundener Dichter und Lebenskünstler, erfährt in New York, dass seine frühere Geliebte, die er vor 21 Jahren in Israel verlassen hat, gestorben ist. Der gemeinsame Sohn – ein Scharfschütze der israelischen Armee – macht sich auf, seinen Vater zu finden. Kollek hat mit sensiblen Frauenporträts wie Fast Food, Fast Women (2000) oder Sue (1997) Erfolge gefeiert, dieser Männerfilm aber zerbricht. Dabei brächte der schmuddelige Verse schreibende, sein Publikum beschimpfende, vor jeder Verantwortung flüchtende und Israel hassende Moshe eigentlich genug Potenzial für eine interessante Geschichte mit. Mehr als eine zerfaserte Handlung, die sich irgendwie um Dinge wie Vaterschaft, das Älterwerden und den Nahostkonflikt schlingert, ist aber leider nicht dabei herausgekommen.

Luigi Falorni greift in seinem Wettbewerbsbeitrag Feuerherz am Beispiel des eritreischen Mädchens Awet (Letekidan Micael) das Schicksal von Kindersoldaten auf. Der in Deutschland lebende Italiener konzentriert sich dabei weniger auf die detaillierte Darstellung physischer Gewalt, sondern zeigt vor allem deren Folgen: Tod, menschliche Verrohung, Angst und psychische Verstörung. Angesichts dieses hochemotionalen Sujets lässt der Film einen jedoch überraschenderweise nahezu kalt – zu dramaturgisch glatt, verwechselbar und zurückhaltend geht Falorni mit dem Stoff um. Potenzial für Kontroversen wohnt Feuerherz dennoch inne: der Wahrheitsgehalt der gleichnamigen Vorlage des Films, die Kindheitserinnerungen der deutsch-eritreischen Sängerin Senait Mehari, wird auch während der Premiere von Protestlern im Saal lauthals angezweifelt.

Der Mexikaner Fernando Eimbcke beobachtet in seinem zweiten, formal bestechenden Spielfilm Lake Tahoe das durch Trauer und Verzweiflung geprägte Verhalten eines Jungen nach dem Tod seines Vaters. Auf der Suche nach einem Ersatzteil für sein Auto streift der junge Mann durch eine mexikanische Kleinstadt. Die Menschen, die er unterwegs trifft, können ihm zwar nicht immer bei seiner Suche unterstützen, helfen ihm aber auf unterschiedliche Art mit seinem Verlust umzugehen. Doch Lake Tahoe ist nicht nur Trauer. Eimbckes Gespür für die kleinen Absurditäten des Lebens geben dem Film den Anstrich einer lakonischen Off-beat-Komödie.

Der Verlust eines Familienmitgliedes steht auch in Kabei (Kabei – Our Mother) des japanischen Altmeisters Yoji Yamada im Zentrum. Ein Professor für deutsche Literatur wird 1940 in Tokio wegen angeblichen „Gedankenverbrechens“ verhaftet. Ohne Aussicht auf seine Freilassung muss sich dessen Frau um die beiden Töchter kümmern. Nach über einem Jahr stirbt der Vater im Gefängnis. Kabei ist ein routiniert inszeniertes Drama, welches über weite Strecken gerade dank seiner Konventionalität unterhält.

Im chinesischen Beitrag In Love We Trust (Zuo You) dagegen stellt der Tod die Hinterbliebenen noch nicht vor vollendete Tatsachen. Als ihre Tochter an Leukämie erkrankt, sieht sich die Mutter mit der auswegslosen Situation konfrontiert einen geeigneten Knochenmarkspender zu finden. Weder sie noch ihr mittlerweile geschiedener Ehemann kommen dafür in Frage. Aus Not überredet sie diesen noch ein Kind mit ihr zu zeugen und damit auch einen möglichen Spender. Mit In Love We Trust schafft Wang Xiaoshuai ein überaus dicht konstruiertes Drama, welches vor allem durch eine ruhige und unaufgeregte Beobachtung zu überzeugen vermag.

Ruhig und unaufgeregt – das sind beinahe Untertreibungen, möchte man Lance Hammers Ballast beschreiben. Der Selbstmord eines in Trennung lebenden Ehemannes, Vaters und Bruders, konfrontiert die Hinterbliebenen. Ballast erinnert sowohl an Direct Cinema, als auch an Black Cinema – mit improvisierenden Laiendarstellern on Location, ohne Kunstlicht. So schafft Hammer einen Zugang zum Schauplatz Mississippi Delta und seinen Township-Bewohnern, wie er unmittelbarer kaum sein könnte. Der Minimalismus geriert zum fesselnden formalistischen Konzept. Diese Geschichte von der Kraft des Todes mochte sich so gar nicht in den übrigen Berlinale-Wettbewerb einpassen. Premiere feierte er vor einigen Wochen in Sundance, wo er gleich mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde.

Kristin Scott Thomas, auf der Berlinale auch außer Konkurrenz in The Other Boleyn Girl vertreten, ist Dreh- und Angelpunkt vom Regiedebüt des Autors Philippe Claudel, Il y a longtemps que je t’aime. Nach 15 Jahren Haft wegen Mordes an ihrem Sohn wird sie freigelassen und von der Familie ihrer Schwester aufgenommen. Lange Zeit lebt das Drama von dem ausdruckslosen Gesicht der Protagonistin, die beinahe kommentarlos alle Ressentiments und Beschimpfungen über sich ergehen lässt, ohne jegliche Bereitschaft, die Vergangenheit zu thematisieren. Eine Kindsmörderin als Hauptfigur, deren Schuld in der Schwebe bleibt, hätte vermutlich einen bleibenderen Eindruck hinterlassen als dieses letztlich dann doch konsequente Drama. An dessen emotional starkem Ende steht die Liebe einer verzweifelten Mutter.

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