Berlinale 2008: Starke Frauen und solche, die es werden wollen
Filme aus Ägypten, Israel und dem Iran bei der 58. Berlinale
Filme aus dem Nahen und Mittleren Osten sind in Deutschland selten im Kino zu sehen. Wir haben uns auf der Berlinale abseits des Wettbewerbs auf die Suche nach ihnen begeben und dabei eine Vielfalt von Formen und Themen gefunden.
Im Zentrum vieler Filme aus der Region, und sicher auch im Zentrum des (westlichen) Zuschauerinteresses, liegt der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Es ist das offensichtlichste Thema, und deshalb war Lemon Tree eine offensichtliche Wahl für den Eröffnungsfilm der Panorama-Spezial-Sektion. Regisseur Eran Riklis (Die syrische Braut, 2004) inszeniert seinen Film in einer gut austarierten Mischung aus Parabel, Gerichtsdrama und Liebesgeschichte. Hiam Abbas spielt die verwitwete Palästinenserin Selma, deren Limonenhain direkt an das Grundstück eines israelischen Ministers grenzt. Aus Sicherheitsgründen sollen ihre Bäume gestutzt werden, weil ja Terroristen den Hain als Deckung nutzen könnten. Zu großen Teilen besteht der Film aus dem parallel geschnittenen Leben der beiden ungleichen Nachbarn, wobei die Ehefrau des Ministers sich zunehmend unwohl fühlt in der Rolle, die sie zu spielen hat. Selma zieht mit Hilfe eines kleinen Anwalts bis vors oberste israelische Gericht. Regisseur Riklis nutzt diese Geschichte aber nicht für ein Anwaltsdrama, sondern für eine Tragikomödie mit vielen Schmunzel-Momenten. Würde der Film in einer anderen Gegend der Welt spielen, gäbe es vielleicht sogar ein Happy End.
Um den Nahostkonflikt geht es auch in dem Dokumentarfilm Flipping Out (Forum). Anders als in Lemon Tree nähert sich Regisseur Yoav Shamir dem Thema aber nicht über das Zentrum, sondern über die Peripherie. Nach ihrem dreijährigen Militärdienst reisen tausende junge Israelis nach Indien, um dort für einige Monate ein Hippie-Leben zu führen. „Sie sind sehr laut“, sagt eine indische Gasthaus-Wirtin, „immer in Gruppen, und machen immer Party. Die anderen Touristen mögen sie deshalb nicht.“ Kritische Töne über die Armeezeit kommen vor der Kamera niemandem über die Lippen, im Gegenteil, einer spricht voller Inbrunst von der besten Zeit seines Lebens. In Wahrheit jedoch führen Traumata aus dem Einsatz in den besetzten Gebieten und der ständige Drogenkonsum in vielen Fällen zu Psychosen. Shamir begleitet Sozialarbeiter, die die schweren Fälle aufspüren und nach Hause bringen. Der Film hat die Anmutung eines Urlaubsvideos, was ästhetisch aber hervorragend zum Thema passt.
Eine Reihe weiterer Dokumentarfilme befasst sich mit dem Verhältnis des Islams zur Sexualität. In dem Panorama-Beitrag A Jihad for Love von Parvez Sharma wird die Situation der Homosexuellen in mehreren muslimischen Ländern beschrieben, unter anderem in Südafrika, Ägypten und im Iran. Die Protagonisten sind gläubige Muslime, die ihre Religion anders interpretieren wollen. Mehrfach werden sie in verbaler Konfrontation mit konservativen Geistlichen gezeigt, die ihnen geschäftsmäßig ihre Abtrünnigkeit vorhalten. Viele sind nach Frankreich oder in die verhältnismäßig liberale Türkei geflohen und berichten über den Schmerz der Trennung von ihren Familien.
„Es ist nicht einfach, im Iran eine Frau zu sein“, heißt es einmal in Be like Others von Tanaz Eshaghian, der im Forum lief. „Warum wollt ihr unbedingt eine werden?" Die Dokumentation handelt von Transsexuellen im Iran. Dort steht auf Homosexualität zwar die Todesstrafe, Geschlechtsumwandlungen sind aber erlaubt. Schließlich, so erklärt ein Theologe diese Position, macht man ja auch aus Weizen Brot, warum also nicht aus einem Mann eine Frau (oder umgekehrt)? Es überrascht, wie offen die Betroffenen vor der Kamera über ihre Situation reden und wie bereitwillig sie ihre Entscheidung, sich zur Frau machen zu lassen, erläutern. Die Regisseurin hat ihre Protagonisten über mehr als ein Jahr begleitet, bis in den OP-Saal hinein, und arbeitet dabei langsam die unausgesprochene Antwort auf die oben gestellte Frage heraus: Wer als Mann mit einem Mann zusammenleben oder schlicht Frauenkleider tragen will, wird förmlich zur Operation gedrängt. Würde er in einem anderen Land leben, gibt einer der Patienten zu, käme er gar nicht auf die Idee, sein Geschlecht zu ändern.
Die Protagonistinnen in 3 Frauen (3 Zan) der Iranerin Manijeh Hekmat sind sich ihrer geschlechtlichen Identität dagegen durchaus sicher. Mit dem Mullah-Regime haben sie als Angehörige der Oberschicht nur am Rande zu kämpfen, sie tragen ihr Kopftuch lässig und sind eher mit modernen Problemen beschäftigt. Der Frage, warum die eigene Tochter nicht mehr studieren will und mit ihrem Auto einfach in die Wüste gefahren ist, zum Beispiel. Oder wie man die demente Mutter zum Arzt bringen und auf dem Weg noch drei geschäftliche Termine erledigen kann. Die politischen Fragen der Stellung der Frau werden umgangen, stattdessen aber verweist die Regisseurin leitmotivisch mit den Teppichen, die jeder Figur zugeordnet sind, auf die alte, reichhaltige Kultur des Landes vor der Islamischen Republik. Erst am Schluss wird der Film deutlicher. Ein junges Mädchen auf dem Land, das Schande über ihre Familie gebracht hat, stirbt nach einer illegalen Abtreibung. Kurz zuvor hatten die Dorfältesten noch darüber diskutiert, ob man sie steinigen soll.
Um die Oberschicht, diesmal in Kairo, geht es auch im Beitrag von Yousry Nasrallah (El Medina, 1999), der einen im arabischen Film seltenen Avantgardismus wagt. Genenet al-Asmak (Das Aquarium) lief ebenfalls im Panorama. Im Zentrum stehen die Radiomoderatorin Laila (Hend Sabry) und der Arzt Youssef (Amr Waked). Beide begegnen sich erst am Schluss, bis dahin fächert Nasrallah einen Reigen aus Personen und Problemen auf. Neben den beiden Hauptpersonen werden zahlreiche Nebenfiguren eingeführt, deren Schauspieler hin und wieder neben ihre Rolle treten, wie bei Brecht, und über das Leben ihrer Figuren erzählen. Die zunächst rein persönlichen Geschichten stehen immer auch im Zusammenhang mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in Ägypten (oder im Nahen Osten überhaupt). Demonstrationen auf der Straße kommen ins Bild, eine Christin erzählt von ihrem Leben als Teil einer Minderheit unter Muslimen, Laila muss mit der Zensorin diskutieren, Youssef nimmt illegale Abtreibungen vor, die wegen der kruden Doppelmoral der Gesellschaft nach Vergewaltigungen nötig sind. Zunähen des Jungfernhäutchens inklusive. Eingefangen wird all das mit sehr präzisen Kameraschwenks und -fahrten. Besonders eine Sequenz am Anfang bleibt in Erinnerung, das nächtliche Leben an der Nilpromenade, mit knutschenden Paaren und Alkohol trinkenden Jugendlichen. In seiner kunstvollen Konstruktion, die zahlreiche Themen wie nebenher aufnimmt und andeutet, ist Genenet al-Asmak so etwas wie die Quintessenz der zuvor genannten Filme.
Veröffentlicht am 16.02.2008
Fotos: Berlinale
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