Berlinale 2008: Perspektive Deutsches Kino

Auf Spurensuche nach Talenten fürs deutsche Kino


Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Zur Natur des Festivalbesuchs gehört es, regelmäßig Filmemachern beim Scheitern zuzusehen. Je nachdem, woran sie scheitern, werden die einen sie als Talente in spe handeln, während andere sich ärgern, erneut im falschen Kino gesessen zu haben. Obwohl der Unmut über die Werke oder deren Auswahl einen nicht selten ereilt, gehört doch noch etwas anderes als Masochismus dazu, sich alle Filme einer Sektion wie der Perspektive Deutsches Kino anzusehen: Es ist die Hoffnung und die Sehnsucht nach einem Silberstreifen am Horizont. In der Vergangenheit konnten aussichtsreiche Kandidaten für zukünftige Erfolge schließlich immer wieder in der Perspektive gesichtet werden. Man denke nur an Muxmäuschenstill (2004), Netto (2005), Was lebst Du? (2005) oder Prinzessinnenbad (2007).

 

Dokumentarfilme

Wie bereits in den letzten Jahren dominieren qualitativ die Dokumentarfilme, sogar ohne innovativ oder formal aufregend gestaltet zu sein. Doch die Konventionen, derer sich die vier Dokumentarfilme bedienen, sind nicht umsonst Konventionen, zu großen Teilen ermöglichen sie erst das Gelingen der Filme und vor allem verhindern sie ihr Scheitern: vom Portrait (love, peace & beatbox) über die Momentaufnahme (Drifter) und die Erlebnis-Dokumentation (Football Undercover) bis zur journalistisch angehauchten Recherche (Jesus liebt Dich).

Am Rande des Programms, in einer „Cross-Section“-Vorstellung – die Premiere findet in der Sektion Generation 14plus statt – zeigt die Perspektive den Film love, peace & beatbox. In einer geschickten Verbindung von Interviews, Beobachtungen der Protagonisten in Aktion und Musik entwickelt Volker Meyer-Dabisch eine Dynamik, die angesichts der Machart durchaus überraschend ist. Das Portrait des „fünften Elements des Hip Hops“, dem Human Beatbox, bei dem mit dem Mund synthetische und natürliche Geräusche nachgeahmt werden, häufig in Kombination mit Rap, schöpft einerseits aus der relativen Unbekanntheit oder zumindest Marginalität dieser Musikrichtung, andererseits aus ihrer Skurrilität und den Personen, die sie uns vorstellen. Dabei präsentiert love, peace & beatbox nicht nur einige der anscheinend wichtigsten Berliner Beatbox-Persönlichkeiten, sondern vor allem ein kleines Spektrum sympathischer, talentierter, humorvoller, engagierter und bescheidener Menschen, die Lust machen auf mehr.

Football Under Cover erzählt die Geschichte eines Mädchen-Bezirksfußballteams aus Berlin, das auf die Idee kommt, ein Freundschaftsspiel gegen die iranische Frauen-Nationalmannschaft zu bestreiten. Die eigentliche Motivation zu diesem Spiel bleibt zwar diffus, aber die Mädchen sorgen mit Humor, Hartnäckigkeit und der nötigen Portion Naivität dafür, dass man dies schnell wieder vergisst. Die politische Bedeutung des Spiels – das erste offizielle Spiel der iranischen Frauen-Nationalmannschaft gegen ein ausländisches Team – thematisiert der Film ganz explizit und lässt bei den als regelrechten Hindernislauf inszenierten Vorbereitungen ein paar Momente der Spannung entstehen. Obwohl man dem Film nicht vorwerfen kann, dass nicht jeder bereit war, sich der dokumentierenden Kamera zu stellen, fehlt Football Under Cover doch die Darstellung derer, die sich gegen die Gleichberechtigung einsetzen. Lediglich ganz zum Schluss wird die Kamera Zeuge einiger Ordnungsappelle an die im Stadion tobenden weiblichen Fans. Nur weiß der Film nicht viel mit der Einsicht anzufangen, dass Frauen im Iran ungerecht behandelt werden. Mehr Zuspitzung zum gleichen Thema bietet da – auch dank der Möglichkeiten, die die Fiktionalisierung bietet – der iranische Film Offside (2006).

Ein Thema, wie gemacht für einen Dokumentarfilm, haben Lilian Franck, Michaela Kirst, Robert Cibis und Matthias Luthardt in ihrer Gemeinschaftsarbeit Jesus liebt Dich! verfolgt: Evangelikale Christen beim Missionieren während der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. 500 Millionen gebe es von ihnen weltweit, verkündet eine Texteinblendung zu Beginn des Films. Fortan hängt er sich an die Fersen eines halben Dutzend unter ihnen, die Großes vorhaben. Tilman, Leiter der „Youth-With-a-Mission“-Zentrale in Hurlach, koordiniert Gruppen aus aller Welt, die zu dieser Gelegenheit nach Deutschland kommen. Gershom aus Südafrika hat mit seiner Hilfe ein Visum für die Missionarsarbeit erhalten und möchte seinen Glauben in Europa verbreiten. Eine Gruppe, samt Kopf der „411 church“, reist von New York nach Potsdam und zum Schloss Sanssouci mit demselben Ziel. Und es ist beeindruckend, wie nah die drei Filmteams den Personen gekommen sind, die keine Scheu zeigen, ihre im säkularen Deutschland so unpopuläre Haltung, weil jeglichem anderen Glauben gegenüber intolerant, zu präsentieren. So sollte man Jesus liebt Dich! schon allein den Versuch, den modernen Missionaren gute Seiten abzugewinnen, hoch anrechnen, selbst wenn der Film nicht umhin kommt, sie letztlich auch bloß zustellen.

Drifter bemüht sich sichtlich, seine Protagonisten würdevoll zu porträtieren. Teilweise geht er dafür auf Distanz, meistens aber gibt er ihnen Zeit. Zuallererst sicherlich Zeit, die Kamera zu vergessen und dann auch länger als gewöhnlich, um zu Ende zu sprechen. Drifter lässt Situationen ihren Lauf. Mit der Momentaufnahme von drei jungen, sich prostituierenden Drogenabhängigen rund um den Bahnhof Zoo in Berlin hat Sebastian Heidinger einen schwermütigen Ansatz gewählt, der seinem Sujet Rechnung trägt. Nicht selten führt seine Machart dazu, dass Szenen ihr denunziatorisches Potenzial schnell wieder verlieren und ein intimer Blick entsteht, der nur wenig Voyeurismus ausstrahlt.

 

Kurzfilme

Einen aufmerksamen Blick verdienen in diesem Jahr auch die kurzen und mittellangen Filme, die im Gegensatz zu den effekthascherischen, protzigen Ärgernissen des vergangenen Jahres, zu den künstlerisch ambitioniertesten Werken der Perspektive zählen. Da mag es nicht verwundern, dass gleich zwei der drei Kölner Beiträge von der Kunsthochschule für Medien stammen, deren Filmabteilung dafür bekannt ist, stärker als andere Schulen die Produktion von Kunstfilmen zu unterstützen.

Lostage von Bettina Eberhard führt uns auf einen Bauernhof im Nirgendwo. Jakob ist eigentlich ein Mädchen, wurde aber von Geburt an als Junge erzogen, um Unheil vom Dorf abzuwenden. Dann trifft sie auf den herumstreunenden Tom, den sie bei sich aufnimmt. In starren, elegischen Bildern porträtiert Eberhard aufkeimende Gefühle, die sie unaufgeregt zu inszenieren weiß.

Steffi Niederzoll widmet sich in ihrem mittellangen Abschlussfilm Lea ganz der gleichnamigen Protagonistin, die von der sie umgebenden Welt völlig abgeschnitten wirkt. Die junge Frau bewegt sich scheinbar emotionslos und ohne Motivation durch ihr Leben. In der Begegnung mit Lukas eröffnet sich die Möglichkeit einer Veränderung. Niederzoll variiert bekannte Motive der bürgerlichen Entfremdung, ohne daraus vereinfachende allgemeingültige Schlüsse über den Zustand unserer Gesellschaft zu ziehen.

An der Internationalen Filmschule Köln entstanden, interessiert sich Robin von Hanno Olderdissen für die Darstellung schwieriger sozialer Verhältnisse einer in Armut lebenden Familie, deren Eltern sichtlich überfordert sind. Dabei setzt er auf einfache, sehr effektive Mittel wie das altmodische, klirrende Klingeln eines Telefons, das unaufhörliche Geschrei des Babys und ein energisches Klopfen an der Wohnungstür, um den wachsenden Druck auf den achtjährigen Robin körperlich spürbar zu machen.

In deiner Haut versucht sich an der Darstellung familiärer Spannungen in einem gutbürgerlichen Milieu. Die pubertierende Suse freut sich auf den Urlaub mit ihrer Mutter, weiß aber nichts davon, dass deren neuer Freund im Ferienhaus auf sie wartet. Pola Schirin Becks an der Potsdamer Filmhochschule entstandener Kurzfilm verlässt die gerade Linie seines Plots nicht und funktioniert erstaunlicherweise als kurzer Spielfilm nach bekannten Narrationsmustern.

 

Spielfilme

Die schwächsten Filme der Sektion, die Langspielfilme, unternehmen kaum Versuche, Großes zu erzählen oder Grenzverläufe zu überqueren, verweilen dafür formal in der No-Go-Area zwischen unbeholfenem Streben nach „klassischem“ Stil, Fernseh-Einmaleins des überdeutlichen Emotionsausdrucks und Settingauswahl wie -gestaltung nach Handbuch.

Von den fünf Langspielfilmen ist Die Helden aus der Nachbarschaft noch am ehesten ein großes, wohlgemerkt kein großartiges, Scheitern. Die Geschichte steht ganz unter dem Stern vom Unglück, das die Chance auf einen Neuanfang birgt. Da wäre die Ehe- und Erziehungskrise der neureichen Familie samt Fernsehmoderatorin und Psychologe einerseits, die unbeholfene einsame Bäckerin und der gehörnte Feuerwehrmann mit vulgärer Freundin andererseits. Ein paar Berlin-Klischees von mehr oder minder schrulligen, liebenswerten Losern und ein Haufen Stereotype aus der Fernsehmacherwelt vereinen sich zu einem überdeutlichen Film, der auf großer Leinwand kaum auszuhalten ist. Das unbestreitbare Potenzial einiger weniger Szenen und Charaktere weiß der Film nicht zu nutzen, verliert sich vielmehr in gut gemeinten Romantisierungen, die nur in den seltensten Fällen den gewünschten Effekt erzielen.

Auch ein Berlinfilm, aber viel unproblematischer, ist das Gemeinschaftsprojekt Berlin – 1. Mai von Sven Taddicken (Emmas Glück, 2006), Ludwig & Glaser (Detroit, 2003) und Jakob Ziemnicki. Der Eröffnungsfilm der Perspektive 2008 schildert in drei Episoden den Berliner 1. Mai mit seinen Krawallen aus unterschiedlichen Perspektiven, vom früheren Anarcho, den abenteuerhungrigen Jugendlichen vom Dorf bis zum Polizisten, den seine Frau betrügt. Den Ursprung als filmisches Experiment, das drei Kurzfilme zu einem Spielfilm verbindet, sieht man dem fertigen Film kaum an, so sehr scheinen die Teile ineinander zu greifen. Allerdings entsteht dennoch zuweilen der Eindruck, nicht zuletzt aufgrund der häufig etwas platten Dialoge, der Film sei zu sehr Projekt und zu wenig Kunstwerk. Dank des effektiven Schnitts, einigen komödiantischen Einfällen und interessanten Charakteren sieht man darüber gerne hinweg.

Schwieriger ist es da, die technischen und schauspielerischen Engpässe in Die Dinge zwischen uns zu ignorieren. Die Geschichte bietet reichhaltigen Stoff: Eine Frau, die von den Prostituierten-Besuchen ihres Ehemannes erfährt, versucht, seine Bedürfnisse zu verstehen, bis sie ihre eigenen entdeckt und sich immer weiter von ihm entfernt. Iris Janssen schafft eine beklemmende Stimmung von patriarchal geprägter Provinzialität, widersteht zugleich aber nicht der Versuchung, ihre Aussagen doppelt und dreifach durch die Bilder, das Schauspiel und die Dialoge ihrer Figuren zu vermitteln. Zugleich bieten Kamera und Casting keinen Ausgleich für diese Unsicherheiten.

Je nachdem, was man vorher gesehen hat – auch das gehört zu den schönen Tücken des Festivalbesuchs –, freut man sich beim Anblick von Teenage Angst bereits darüber, dass hier die Nachwuchsfilmer auf die Idee gekommen sind, auch über Bilder und Blicke zu erzählen. Doch diese Freude legt sich ebenso schnell wieder, wenn klar wird, dass das Jugenddrama bei der Darstellung der homo- wie heteroerotischen Initiationsrituale seiner Protagonisten stehen bleibt und nichts darüber hinaus zu erzählen vermag. Das kurze Spielfilmformat gerät dabei zusätzlich zum Nachteil des Films, da er unvollendet wirkt.

Die Besucherin von Lola Randl strahlt stilistisch wie dramaturgisch mehr Reife aus. Agnes ist eine Wissenschaftlerin, erfolgreich auf allen Fronten, privat wie beruflich. Als sie auf eine fremde Wohnung aufpassen muss, lässt sie langsam, heimlich, ihrem Bedürfnis nach etwas noch Unbekanntem freien Lauf. Ähnlich wie Lea geht es auch Die Besucherin um die Entfremdung einer Frau in einem gut situierten Leben. Zu den Stärken des Films zählt die entschiedene Perspektive, die Agnes trotz ihrer Antriebslosigkeit ins Zentrum rückt. Allerdings bemüht sich Die Besucherin nie, mehr als eine Bestandsaufnahme zu sein.

Besonders verdient gemacht hat sich die Berlinale dadurch, dass sie, um tatsächliche Perspektiven für das deutsche Kino hervorzuheben, für die Perspektive auch immer wieder Filme ins Programm genommen hat, die auf anderen deutschen Festivals bereits vorher gezeigt wurden – im Gegensatz zu der sonst viel zu häufig geltenden Maxime, es müssten immer Deutschland- wenn nicht gar Weltpremieren sein. Durch die Kooperation mit dem Saarbrücker Max-Ophüls-Preis konnten zusätzlich einige der spannendsten Neuentdeckungen in Berlin tatsächlich einem größeren deutschen und internationalen Publikum zugänglich gemacht werden. In diesem Jahr überwiegen die Weltpremieren. Aus dem regulären Perspektive-Programm wurden lediglich Drifter und Lostage bereits vorher auf anderen Filmfestivals gezeigt.

Die Spurensuche nach Talenten fürs Deutsche Kino benötigt Ausdauer und eine hohe Frustrationstoleranz, das ist nicht nur auf der Berlinale so. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Kommentare zu „Berlinale 2008: Perspektive Deutsches Kino“


Susanne Meier

Vielleicht ist 'Teenage Angst' auf der Berlinale ein wenig untergegangen. Doch gerade vor dem Hintergrund rechts- und linksradikaler Bewegungen in ganz Europa halte ich den Film für unglaublich sehenswert. Die Aussage des Films ist umfassender als damals 'Die Welle' da Täter- und Opferperspektiven verschwimmen, Zuschauer emotional gefordert werden. Die psychologische Subtilität ist genial inszeniert! "Bleibt hängen!"






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