Berlinale 2008: Generation

Auch wenn die „Generation“ nach wie vor beliebte Anlaufstelle für Familien und Schulklassen ist und sich die Leitung gezielt an ein junges Publikum richtet, bietet die Sektion darüber hinaus für ältere Zuschauer eine gelungene Abwechslung zum restlichen Programm. Selbst die Reihe „Kplus“, die hauptsächlich für sehr junge Berlinale-Besucher konzipiert wurde, hat immer wieder einige Überraschungen zu bieten. So bewies die erst neunzehnjährige Hanna Makhmalbaf aus der berühmten iranischen Filmemacherfamilie mit Buddha Collapsed Out Of Shame (Buda Az Sharm Foru Rikht), dass ein Film, indem überwiegend Kinder zu sehen sind, durchaus politisch brisant sein kann. Makhmalbaf erzählt die Geschichte eines Mädchens, deren erster Schultag zur abenteuerlichen Odyssee wird, vor allem über die Gesichter der Kinder, ohne der Versuchung zu erliegen, diese auf ihre Niedlichkeit zu reduzieren. Spätestens wenn sich in scheinbar harmlosen Kinderspielen die Folterbilder von Abu Ghraib und das frauenverachtende Weltbild der Taliban widerspiegeln, stellt sich bei solch einer beklemmenden Darstellung allerdings die Frage, warum so ein Film gerade in der Sektion zu finden ist, die sich an die jüngsten Zuschauer richtet.

Auch Ramin Bahranis Chop Shop ist höchstens dann als Kinderfilm zu bezeichnen, wenn man unter diesem Begriff alle Filme zusammenfasst, in denen Kinder oder Jugendliche die Hauptrolle übernehmen. Alejandro, der Held dieses intelligent umgesetzten und ganz und gar nicht weinerlichen Sozialdramas ist dreizehn Jahre alt und lebt mit seiner älteren Schwester in einem New Yorker Straßenzug, der fast ausschließlich von Hispanics bewohnt wird. Ramin Bahrnis dritter Spielfilm zielt erfolgreich auf eine Art neuen Neorealismus und orientiert sich dabei unter anderem am Werk der Dardenne-Brüder und an den Filmen des Iraners Jafar Panahi. Chop Shop gehört, und das ist keine Übertreibung, zu den besten amerikanischen Independent-Produktionen der letzten Jahre.

In der Reihe „14plus“ ist man schon eher daran gewöhnt, Filme zu sehen, die auch ohne weiteres in anderen Reihen laufen könnten. Ein Motiv, das sich gleich in mehreren Beiträgen der Sektion findet, ist die Freundschaft zweier Jungen inmitten eines gewalttätigen Umfeldes. Gerade in einer Zeit, in der die Medien einmal mehr den Mythos des gewalttätigen jungen Mannes aufleben lassen, ist es auffällig, dass sich die Protagonisten dieser Filme aus solchen Auseinandersetzungen weitgehend heraushalten.

Standen im Favela-Epos City of God (Cidade de Deus, 2002) noch blutige Bandenkriege im Vordergrund, bilden diese in der auf der gleichnamigen Miniserie basierenden Fortsetzung City of Men (Cidade dos Homens) nur noch die Kulisse für eine weitaus fokussierter und ruhiger erzählte Geschichte. Erneut wird der Film von grobkörnigen, mit Handkamera aufgenommenen und optisch durchaus ansprechenden Bildern dominiert. Diese Ästhetik dient aber weder dazu, das Leben in den Favelas zu glorifizieren, noch zur Schaffung von sozialromantischem Kitsch. Stattdessen konzentriert sich der Regisseur Paulo Morelli in seiner soliden Inszenierung auf die Gefühlswelt seiner beiden Protagonisten, die mit dem Verlust ihres Vaters zu kämpfen haben.

Zwar kommen die beiden Jungen aus dem neuen Film von Shane Meadows ebenfalls aus ärmlichen Verhältnissen, abgesehen von der unbeschwerten Lebensweise der Figuren hat das Leben im Süden Londons mit dem Alltag in den Favelas aber dennoch nur wenig zu tun. Die Begegnung zwischen einem polnischen Immigrantenjungen und einem englischen Ausreißer, die beide ein Faible für eine wesentlich ältere Bedienung haben, inszeniert Meadows in Somers Town in unheimlich komischen Szenen, ohne das Bewusstsein für familiäre und soziale Probleme zu verlieren. Dass der Film so erfrischend wirkt, liegt vor allem daran, dass die jungen Darsteller völlig ungekünstelt vor der Kamera agieren. Bereits im letzten Jahr sorgte Meadows mit This is England für einen Höhepunkt der Berlinale. Somers Town bietet zwar ebenfalls ein sehr gelungenes Kinoerlebnis, ist aber allein schon wegen seiner kurzen Laufzeit und der relativ handlungsarmen Geschichte eher ein kleiner Film. Doch auch wenn Somers Town nicht an die Vielschichtigkeit und Tiefe von This is England heranreicht, entlässt einen der Film wenigstens gut gelaunt.

Neben publikumswirksamen Filmen wie City of God und Somers Town gab es bei „14plus“ mit Munyurangabo auch einen etwas sperrigeren Film zu entdecken. Der koreanisch-amerikanische Regisseur Lee Isaac Chung reiste für sein Spielfilmdebüt nach Ruanda und erzählt darin von einem Tutsi-Jungen, der sich gemeinsam mit seinem Freund, einem Hutu, auf die Suche nach dem Mörder seines Vaters macht. Ohne den Zuschauer emotional direkt mit einzubeziehen behandelt der Film den Genozid nur indirekt und schafft mit einfachen formalen Mitteln eine subtile, bedrohliche Atmosphäre. Munyurangabo ist in der „Generation“ schon allein deswegen eine Besonderheit, weil es sich dabei eben nicht um leicht zugängliches, auf Identifikation angelegtes Kinder- und Jugendkino handelt, sondern um einen spröden, aber auch sehr eindringlichen Independentfilm.

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