Berlinale 2008: Forum

Das philippinische Kino erlebt seit einigen Jahren eine digitale Renaissance. Während die örtliche Filmindustrie in einer schweren Krise steckt, bereichern zahlreiche kleine, unabhängig produzierte Filme den internationalen Festivalbetrieb. Diese Werke sind fast ausnahmslos digital gedreht und werden, wo möglich, ebenso projiziert. Das analoge Filmmaterial ist keine Alternative mehr, die neue Technik ist zwar ökonomischen Zwängen geschuldet, hat jedoch längst Einzug gehalten in die filmische Ästhetik, was auch die drei philippinischen Filme, die das Internationale Forum des jungen Films dieses Jahr im Hauptprogramm präsentiert, unter Beweis stellen.

Tribu und Tirador beispielsweise nutzen die größere Beweglichkeit der digitalen Technik für atemberaubende Handkameraexzesse in den engen Gassen der Armenviertel von Manila. Beide Filme entwerfen mithilfe episodenhafter Erzählungen bedrückende Sozialpanoramen. Denn, das sollte bei dem derzeitigen Festivalhype nicht vergessen werden: Die Philippinen sind ein Entwicklungsland und zwar ein extrem unterentwickeltes. Sowohl Tribu als auch Tirador situieren sich im Kleinkriminellenmilieu. Tribu konzentriert sich auf Jugendgangs mit Gangsterrap-Ambitionen, Tirador auf Taschendiebe. Zur Ruhe kommen beide Filme selten, Tirador im Grunde nie. Gehetzte Gestalten versuchen sich auf der Straße, zwischen notdürftig zusammengeflickten Unterkünften, über Wasser zu halten. Meist missglückt der Versuch.

Der dritte und interessanteste der philippinischen Filme im Hauptprogramm ist in vielem die Antithese der ersten beiden: Mes de Guzmans Balikbayan Box spielt nicht im Ghetto der Großstadt, sondern in einem winzigen Bauerndorf. Sowohl die Handlung als auch die Filmsprache sind aufs äußerste reduziert, nähern sich sozusagen einem Nullpunkt an. Lange Zeit entwickelt Guzman keinen Plot im eigentlichen Sinne, sondern begnügt sich mit einer Reihe zyklischer Alltagsbeobachtungen, die mit minutiöser Genauigkeit das Provinzleben zwischen Armut, Alkohol und trashigen Actionfilmen auf Videokassetten einfangen. Balikbayan Box bedient sich dabei extrem einfacher, vollkommen unprätentiöser filmischer Mittel. Jede manipulative Absicht liegt diesem seltsamen, kleinen Film, der gleichzeitig eine der großen Entdeckungen der Berlinale 2008 ist, ebenso fern wie die emphatische Kritik an einer solchen. Balikbayan Box möchte sich nicht vom bösen Kommerzkino absetzen; der Film interessiert sich schlicht und einfach nicht für Holly- beziehungsweise Bollywood.

Kann man Tribu und Tirador mit viel gutem Willen noch in die Tradition eines sozialrealistischen, aufklärerischen Autorenfilms stellen, wie er auf den Philippinen einst von Regisseuren wie Ishmael Bernal oder Lino Brocka vertreten wurde, so ist das im Falle von Balikbayan Box, der keinerlei moralische Haltung zu seinen Protagonisten einnimmt, kaum sinnvoll. Vollkommen unmöglich ist ein solcher Bezug für das Werk einer anderen Gruppe junger philippinischer Regisseure, die seit einigen Jahren filmsprachliche Konventionen und die Festivalszene unsicher macht. Der international bekannteste Vertreter dieser Gruppe ist Lav Diaz, dessen neunstündige Epen inzwischen nicht nur in Rotterdam, sondern auch in Wien und Venedig berüchtigt sind. Der fand dieses Jahr zwar nicht den Weg nach Berlin, dafür jedoch seine Brüder im Geiste Khavn de la Cruz und John Torres. Wie Diaz greifen diese Regisseure nicht nur eingefahrene Sehgewohnheiten an, sondern stellen in ihren Werken das Kinodispositiv selbst in Frage. Zwar beharren ihre als Special Screenings beziehungsweise im Rahmen der Experimentalsektion Forum Expanded vorgeführten Werke The Muzzled Horse of an Engineer in Search of Mechanical Saddles und Years When I Was a Child Outside (Family Multi-Channel) auf den Kinosaal als dem Ort ihrer Aufführung, doch ihre volle Wirkung entfalten sie nur im Rahmen einer breiter angelegten Performance.

Selbstverständlich gewährt eine Auswahl von fünf Filmen nur einen sehr beschränkten Einblick in den reichhaltigen philippinischen Gegenwartsfilm. Eine Veranstaltung im Rahmen des Begleitprogramms bot die Möglichkeit einer genaueren filmhistorischen Situierung der durchaus heterogenen Strömungen. Khavn de la Cruz und John Torres unterhielten sich mit dem Urvater des philippinischen Independentfilms Kidlat Tahimik über die Produktionsbedingungen für Independentfilme im Land und präsentierten eine Auswahl experimenteller Kurzfilme. Tahimiks postkolonialer Essayfilm Perfumed Nightmare (Mababangong bangungot) aus dem Jahr 1977 darf durchaus als Urahn der Werke der jungen Wilden um Diaz und Khavn gelten.

Die filmhistorische Perspektive ist dem Forum seit seinen Anfängen wichtig. So präsentiert die Sektion Jahr für Jahr Wiederentdeckungen aus aller Welt, die eine Kontinuität der bewegten Bilder zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen sollen. In den letzten Jahren machte sich das Forum vor allem um die Aufarbeitung vergessener Klassiker des japanischen Genrekinos verdient. Koji Wakamatsu, dem dieses Jahr eine kleine, aus drei Filmen bestehende Retrospektive gewidmet war, gehört zwar in denselben Produktionskontext, wirklich vergessen war der Kultregisseur jedoch nie. Dennoch gehörten die Wiederaufführungen seiner Klassiker Geschichten hinter Wänden (Kabe no naka no himegoto, 1965), Go, Go, Second Time Virgin (Yuke yuke nidome no shojo, 1969) und Ecstacy of the Angels (Tenshi no kokotsu, 1972) zu den Highlights des Programms: Die wahnwitzigen kleinen Streifen irgendwo zwischen Politmanifest, Softporno und europäischem Autorenkino gehören zum verstörendsten und faszinierendsten, was die japanische Filmgeschichte in dieser Phase zu bieten hat.

Zusätzlich präsentierte das Forum Wakamatsus neuesten Film, den epischen, dreistündigen Politthriller United Red Army (Jitsuroku rengô sekigun: Asama sansô e no michi). Mithilfe einer großen Menge an historischem Filmmaterial und stilisierten Nachinszenierungen zeichnet der Regisseur die Radikalisierung der politischen Linken Japans in den frühen siebziger Jahren nach. United Red Army legt zwar viel Wert auf historische Genauigkeit, der eigentliche Reiz des Films entfaltet sich jedoch in der präzisen Darstellung der ideologischen, psychischen und physischen Selbstzerstörung einer Gruppe von Terroristen, die sich, längst gesellschaftlich hoffnungslos isoliert, in den Bergen in einer Hütte einschließen und von der Weltrevolution träumen. United Red Army ist wahrscheinlich der ambitionierteste aktuelle Spielfilm der diesjährigen Auswahl und steht in einer Linie mit den europäischen 68er-Aufarbeitungen Buongiorno, notte (2003, Marco Bellocchio) und Les amants réguliers (2005, Philippe Garrel).

Auch das amerikanische Independentkino birgt noch zahlreiche ungehobene Schätze. Gleich derer zwei konnten dieses Jahr wiederentdeckt werden. Kent MacKenzies The Exiles stammt aus dem Jahr 1961, aus einer Zeit, in der das Hollywoodsystem mitsamt seiner Ausläufer nur sehr wenig Konkurrenz besaß. Umso erstaunlicher ist MacKenzies halbdokumentarischer Spielfilm über eine Nacht im Leben einiger amerikanischer Ureinwohner in den Straßen von Los Angeles. Sehr melancholisch, aber nie aufdringlich und mithilfe einer vom Film noir entlehnten Ästhetik porträtiert der Film eine Bevölkerungsgruppe, die jahrzehntelang als Kanonenfutter im Western missbraucht wurde und seither, wenn überhaupt, nur als dekorativer Ethnokitsch in die Populärkultur Eingang gefunden hat.

Ein vielleicht noch wichtigerer Film ist My Brother’s Wedding aus dem Jahr 1983. Nachdem im letzten Jahr Charles Burnetts Spielfilmdebüt Killer of Sheep (1977) aufgeführt wurde, präsentierte das Forum dieses Jahr sein Nachfolgeprojekt und gleichzeitig das einzige Werk, das dieser Vertreter des New Black Cinema in den achtziger Jahren verwirklichen konnte. My Brother’s Wedding greift die genauen Alltagsbeobachtungen des Vorgängers auf, setzt jedoch stärker als Killer of Sheep auf narrative Elemente, die sich zu einer hellsichtigen Gesellschaftsanalyse formen und in einem konsequenten Schlussbild gipfeln.

Auch außerhalb dieser Spurensuche in der Filmgeschichte und dem philippinischen Schwerpunkt zeigte sich das Forum im Jahr 2008 in guter Form. Zwar fanden sich, wie jedes Jahr, die obligatorischen Totalaussetzer – zu nennen wären hier vor allem das unerträgliche Gothik-Techno Melodram Nirvana aus Russland, das hässliche und dumme indische Spektakel Paruthi Veeran sowie der in jeder Hinsicht inkompetente australische Kunstfilmversuch Corroboree –, insgesamt jedoch ermöglichte die Auswahl den Blick auf einige der interessantesten Segmente des Weltkinos.

Da wäre zum Beispiel Tatil Kitabi, ein türkischer Debütfilm, den man durchaus als kleines Meisterwerk bezeichnen darf. Die präzise inszenierte Alltagserzählung erinnert zwar nicht nur an die Filme Nuri Bilge Ceylans, des derzeit international bekanntesten türkischen Regisseurs, sondern folgt auch denselben Grundsätzen wie zahlreiche weitere Festivallieblinge der letzten Jahre: Lange, starre Einstellungen, stringente Motivik, natürliche Beleuchtung und zurückhaltend agierende Laiendarsteller. Das kennt man hierzulande beispielsweise auch aus einigen Filmen der Berliner Schule. Dennoch wirkt das Werk von Regisseur Seyfi Teoman nie epigonal. Ein realistisches Kino, das seine Figuren und seinen Schauplatz respektiert und souverän über die filmischen Mittel verfügt, findet noch stets zu einer ganz eigenen, faszinierenden Ästhetik, ganz egal, wie viele Filme ein vergleichbares Programm verfolgen.

Ähnliches gilt für einen weiteren Debütfilm, das chinesische Werk Sweet Food City. Zwischen trostloser Architektur entwirft Gao Wendong eine Figurenkonstellation, die sich nur ganz allmählich zu etwas verdichtet, was von Ferne an einen konventionellen Spielfilmplot erinnert. Sweet Food City gehört zur Schule des panasiatischen Kunstkinos und zeichnet sich wie so viele andere Filme dieses Produktionszusammenhangs – in diesem Fall ist vor allem der Einfluss des Taiwanesen Tsai Ming Liang unübersehbar – durch oft extrem lange Einstellungsdauern aus. Doch zum Selbstzweck werden diese in Sweet Food City nie, es gibt genug zu entdecken in den kunstvollen Panoramaaufnahmen eines heruntergekommenen Stadtteils in Shanghai.

Das europäische Kino ist im Forum traditionell weniger stark vertreten als in anderen Sektionen. Erwähnenswert ist jedoch in jedem Fall der französische Spielfilm Regarde-moi. Die junge Regisseurin Audrey Estrougo erzählt mehrere miteinander verknüpfte Geschichten aus einem Mietshaus in einem heruntergekommenen Pariser Vorort. Dem Film gelingen sehr genaue, eindrucksvolle Beobachtungen, auch wenn gegen Ende eine Art von Melodramatisierung überhand nimmt, welche die Geschichte unnötig überfrachtet. Der griechische Beitrag Diorthosi gehört zu der Gruppe von Filmen, die auf einem großen Festival unweigerlich untergeht, weil ihr spektakuläre Schauwerte oder auch nur eine auffällige, eingängige Ästhetik fehlt. Besser aufgehoben wäre die durchaus ambitioniert erzählte Geschichte eines albanischen Tagelöhners in einem gut sortierten Arthousekino. Ob sie dort jemals ankommen wird, darf jedoch bezweifelt werden. Gegenteiliges gilt für den einzigen deutschen Spielfilmbeitrag: Brigitte Berteles Nacht vor Augen sei hier aber nur der Form halber erwähnt, da die hölzern inszenierte Geschichte um einen Kriegsheimkehrer aus Afghanistan zu den uninteressantesten Beiträgen des Forums zählt.

Auch die interessanteren Dokumentarfilme der Sektion stammen nicht aus Europa, sondern aus Asien. Li Ying, dessen Mona Lisa (Meng na li sha, 2007) zu den Höhepunkten der Berlinale 2007 zählte, präsentierte mit Yasukuni wiederum ein außergewöhnliches Werk. Der Film beschäftigt sich mit einem Schrein der Shinto-Religion, welcher unter anderem japanischen Kriegsverbrechern gedenkt, die am Nanking-Massaker während des zweiten Weltkriegs beteiligt waren. Li Ying betreibt keine konventionelle historische Recherche, sondern begibt sich mit seiner Handkamera mitten hinein in das Heiligtum. So beobachtet er die Konfrontationen zwischen japanischen Nationalisten und ihren Gegnern ebenso wie die sich mit zunehmendem Verlauf des Films selbst dekonstuierenden Shinto-Rituale. Nicht nötig hat der Film den manipulativen Eingriff, den er freilich in den letzten 10 Minuten in einer etwas inkonsequenten Sequenz doch noch leistet: Die japanische Rechte setzt sich ganz von alleine ins Unrecht, wenn die Kamera lange genug angeschaltet bleibt.

Tan Pin Pins Invisible City ist eine Spurensuche in der Vergangenheit Singapurs. Aufgrund der bewegten Geschichte des Stadtstaates sind eine Handvoll Bilder und Erinnerungen alles, was selbst aus noch recht frisch zurückliegenden Jahrzehnten geblieben ist. Eine Rekonstruktion dieser Fragmente ist mühsam und muss immer unvollständig, lückenhaft bleiben. Tan Pin Pin versucht sich durchaus erfolgreich an einer Ästhetik der Lücke. Invisible City stellt keine geglückte Wiederaneignung der Vergangenheit dar, sondern beharrt auf der nicht zu überbrückenden Differenz zwischen Geschichtsschreibung und historischer Zeugenschaft.

Noch viele weitere Entdeckungen waren in dem Programm zu machen, so zum Beispiel zwei lateinamerikanische Filme (El camino und La frontera infinita), die auf sehr unterschiedliche Weise von der problematischen geopolitischen Situation ihrer jeweiligen Produktionsländer erzählen. Oder Neues von alten Bekannten wie James Benning (RR), Heinz Emigholz (Loos ornamental), Guy Maddin (My Winnipeg) und Jacques Doillon (Le premier venu), die sich allesamt selbst treu geblieben sind – im guten Sinne.

Einen besonderen Hinweis verdienen abschließend zwei Filme aus Afrika, die zu den eindrucksvollsten Kinoerfahrungen des Festivals gehören. Der Dokumentarfilm Victoire Terminus, Kinshasa porträtiert eine Boxschule für junge Frauen im Kongo. Unter äußerst schwierigen Trainingsbedingungen bereiten sich die Sportlerinnen auf Kämpfe vor, die ihnen im günstigsten Fall erlauben, sich und ihren Familien ein paar ordentliche Mahlzeiten zuzubereiten. Stets distanziert zurückhaltend und nie manipulativ verdeutlicht Victoire Terminus, Kinshasa die brutalisierte Alltagswelt des Kongos, in welcher vor allem Frauen unfassbare Leiden auf sich nehmen müssen.

Weder distanziert, noch zurückhaltend ist der Spielfilm Divizionz, das mit Sicherheit verwirrendste Stück Film der diesjährigen Berlinale. Das Regisseurskollektiv „Yes That’s Us“ erzählt in kruder Videooptik eine für Mitteleuropäer nur äußerst schwer nachvollziehbare Gangstergeschichte im ugandischen Hip-Hop-Milieu. Von einer klassischen Erzählung mitsamt räumlicher und zeitlicher Kontinuität könnte Divizionz nicht weiter entfernt sein, doch auf so etwas zielt der Film nicht ab. Zwischen Exploitationfilmelementen, wilder Handkamera und jeder Menge pumpender Bässe beinhaltet der Film, darauf verweisen auch seine Produzenten, ein politisches, gesellschaftskritisches Moment. Welches genau, ist nach einer einmaligen Sichtung des Werkes zwar unmöglich auszumachen. Dennoch eröffnet der Film den Blick auf ein neuartiges Filmschaffen, das nicht im Traum daran denkt, sich den Regeln Hollywoods oder des altehrwürdigen europäischen Autorenkinos unterzuordnen. Und Erkenntnisse dieser Art sind es, die das Internationale Forum des jungen Films seit seiner Gründung auszeichnen.

 

Kommentare zu „Berlinale 2008: Forum“


henrik

"situieren sich" - gepflegt, das hatte ich auch noch nicht gehört.






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