Berlinale 2008: Filmempfehlungen aus den Sektionen

Generation

Mit Filmen wie The Blossoming of Maximo Oliveros (Ang Pagdadalaga ni Maximo Oliveros, 2005), Tekkonkinkreet (Tekon kinkurîto, 2006) und This is England (2006) hat die Sektion Generation in den letzten Jahren bewiesen, dass sie nicht nur eine Plattform für eine breit gefächerte Auswahl an Kinder- und Jugendfilmen ist, sondern sich auch als erfrischende Alternative zum restlichen Programm eignet. Dieses Jahr gibt es in der Reihe Generation 14plus neben dem neuen Film von Shane Meadows (Somers Town) und der Fortsetzung des Favela-Epos City of God (City of Men) unter anderem auch einen bemerkenswerten Erstlingsfilm zu sehen.

Der koreanisch-amerikanische Regisseur Lee Isaac Chung ist für Munyurangabo nach Ruanda gereist, um dort mit einheimischen Laiendarstellern einen Film über die Freundschaft zweier Jungen und die Nachwirkungen des Genozids zu drehen. Während andere Filme, die sich mit diesem Thema beschäftigen, für gewöhnlich einen emotionalen Zugang wählen, besticht Munyurangabo gerade dadurch, dass er auf vordergründige Psychologisierungen verzichtet und seine Geschichte auf nüchterne Weise erzählt. Chung bedient sich dabei einfacher filmischer Mittel und widersteht konsequent der Versuchung, das fremde Land aus einer kolonialistischen Perspektive heraus zu betrachten.

Hana Makhmalbafs Buddha collapsed out of shame (Buda Az Sharm Foru Rikht) entwickelt mithilfe von Kinderdarstellern eine kraftvolle Allegorie auf die Unterdrückung von Frauen in Afghanistan. Subtil ist der Film nicht, aber Subtilität wäre seinem Anliegen auch nicht angemessen. Warum das Werk allerdings im Programm Generation Kplus – der Kindersektion der Berlinale – zu sehen ist, bleibt unklar: Ein Kinderfilm ist Buddha collapsed out of shame beim besten Willen nicht.

 

Perspektive Deutsches Kino / Generation 14plus

Am Rande des Programms, in einer „Cross Section“-Vorstellung – die Premiere findet in der Sektion Generation 14plus statt – zeigt die Perspektive den Film Love, Peace & Beatbox. In einer geschickten Verbindung von Interviews, Beobachtungen der Protagonisten in Aktion und Musik entwickelt Volker Meyer-Dabisch eine Dynamik, die angesichts der Machart durchaus überraschend ist. Das Portrait des „fünften Elements des Hip Hops“, dem Human Beatbox, bei dem mit dem Mund synthetische und natürliche Geräusche nachgeahmt werden, häufig in Kombination mit Rap, schöpft einerseits aus der relativen Unbekanntheit oder zumindest der Marginalität dieser Musikrichtung, aus ihrer Skurrilität und den Personen, die sie uns vorstellen. Dabei präsentiert Love, Peace & Beatbox nicht nur einige der anscheinend wichtigsten Berliner Beatbox-Persönlichkeiten, sondern vor allem ein kleines Spektrum sympathischer, talentierter, humorvoller, engagierter und bescheidener Menschen, die Lust machen auf mehr.

 

Panorama

Am 20. November 1971 trat Klaus Kinski mit seinem Programm „Jesus Christus Erlöser“, in der Berliner Deutschlandhalle auf. Die Vorstellung sollte eine Art Adaption des Neuen Testaments als One-Man-Show sein und führte zum Eklat. Angestachelt von den Zwischenrufen des Publikums rastete Kinski immer wieder aus, versuchte vergeblich seinen Text vorzutragen und brach die Veranstaltung schließlich ab.

Peter Geyer hat sich mit Jesus Christus Erlöser nun dem filmischen Archivmaterial angenommen und den gesamten Abend rekonstruiert. Das mag filmästhetisch zwar nichts Besonderes sein, ist in diesem Fall aber ein Dokument von unschätzbarem Wert. Nur selten sieht man Kinskis deklamatorisches Talent und seinen Hang zum Cholerischen so nahtlos ineinander übergehen wie hier. Wenn er sich nicht gerade mit dem diskussionswilligen Publikum anlegt („Scheißgesindel“), trägt er mit einer ungeheuren Intensität seine eigenwillige Interpretation des Neuen Testaments vor. Nachdem dieser Abend bis jetzt nur in Ausschnitten (Werner Herzogs Mein liebster Feind) oder als Tondokument zugänglich war, kann man sich endlich in voller Länge davon überzeugen, wie fesselnd das Scheitern eines der größten Schauspieler unserer Zeit sein kann.

 

Forum / Generation 14plus

Ähnlich wie zuvor Michael Winterbottom mit In This World (2003) oder Hana Makhmalbaf mit Buddha collapsed out of shame (siehe oben) erzählt der Australier Benjamin Gilmour in Son of a Lion aus der Perspektive eines Kindes vom schwierigen Leben in den kriegsgeprägten Nachbarländern Afghanistan und Pakistan. Der elfjährige Niaz (Niaz Khan Shinwari) wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich Lesen und Schreiben zu lernen. Doch statt zur Schule zu gehen, muss er seinem Vater, einem Waffenschmied und ehemaligem Mujahidin, bei der Arbeit helfen. Neben beeindruckenden dokumentarischen Bildern vom alltäglichen Waffenwahnsinns in dieser befremdlichen Stadt, zeigt Gilmour in seinem Debütfilm am Beispiel von Niaz’ fiktivem Kampf für eine Schuldbildung, wie schwer eingefahrene Traditionen und Meinungen in einer von Armut und Gewalt gezeichneten Gegend zu überwinden sind.

 

Forum

Kent MacKenzies The Exiles ist ein Klassiker des amerikanischen Independentkinos aus dem Jahr 1961 und wird vom Internationalen Forum des jungen Films in einer frisch restaurierten Version präsentiert. Der Film verfolgt eine Gruppe amerikanischer Ureinwohner auf Streifzügen durch ihre Wahlheimat Los Angeles. The Exiles ist eine quasidokumentarische Studie über eine ansonsten im amerikanischen Film fast nie angemessen repräsentierte gesellschaftliche Gruppe. Gleichzeitig schließt MacKenzies hochstilisiertes Werk an die ästhetische Tradition des Film Noir an.

Neben The Exiles gibt es im Forum noch eine weitere Wiederentdeckung zu machen. Bei der letzten Berlinale wurde bereits Charles Burnetts Debütfilm Killer of Sheep (1977) gezeigt, der ein rares Beispiel für das ohnehin leicht überschaubare afroamerikanische Kino ist. My Brother’s Wedding (1983), Burnetts zweiten Spielfilm, gibt es dieses Jahr im neu restaurierten Director’s Cut zu sehen. Im Gegensatz zu Killer of Sheep funktioniert My Brother’s Wedding nicht mehr ausschließlich über Alltagsbeobachtungen und den Einsatz populärer Musikstücke, sondern bedient sich auch Methoden klassischer Narration. In der Handlung um den Protagonisten Pierce, der sich zwischen der Hochzeit seines Bruders und der Beerdigung seines besten Freundes entscheiden muss, verbindet Burnett komische mit tragischen Elementen und zeichnet ein lebendiges Bild des Problembezirks South Central.

In einer Mischung aus Dokumentaraufnahmen und nachgestellten Szenen lässt der kanadische Regisseur Guy Maddin (The Saddest Music in the World, 2003; Brand Upon the Brain, 2006) in My Winnipeg wichtige Stationen seines Lebens sowie seiner Heimatstadt Winnipeg Revue passieren. Wie in seinen bisherigen Werken greift er dabei auf eine sich an das Kino der zwanziger und dreißiger Jahren orientierende Filmsprache zurück. Entstanden ist so eine wütende und zugleich höchst unterhaltsame Hommage an seine Heimat, in welcher seine Liebe zu seinem Geburtsort einer tiefen Enttäuschung über städteplanerische Verbrechen weicht.

Ein Filmerlebnis der besonderen Art bietet das 190minütige Politepos United Red Army. Kultregisseur Koji Wakamatsu stellt in einer Mischung aus dokumentarischem und inszeniertem Material die Radikalisierung der politischen Linken im Japan der frühen siebziger Jahre nach. Im Zentrum steht die Terrororganisation „United Red Army“, deren Mitglieder sich in Bergcamps auf die Weltrevolution vorbereiten wollen. Wakamatsu zeichnet mit minutiöser Genauigkeit und mithilfe einer stringenten Filmästhetik nach, wie die politischen Auseinandersetzungen langsam aber sicher in Selbstzerstörung münden.

Summer Book (Tatil kitabi) spielt in der türkischen Provinzstadt Silifke und erzählt einige lose zusammenhängende Geschichten aus dem Leben einer Großfamilie. Seyfi Teomans Debütfilm überzeugt durch genaue Beobachtungen, eine ruhige, durchdachte Inszenierung und die unaufdringliche Stilisierung des Dargestellten. Mit Summer Book präsentiert das Forum zum wiederholten Mal einen außergewöhnlichen Film aus einem Land, welches dank Regisseuren wie Nuri Bilge Ceylan und Semih Kaplanoglu derzeit eine der interessantesten Kinoszenen Europas beheimatet.

Der Dokumentarfilm Victoire Terminus, Kinshasa portraitiert eine Boxschule für Frauen im zentralafrikanischen Kongo. Die Sportlerinnen haben zwar unter schlechten Trainingsbedingungen und staatlicher Schikane zu leiden, dennoch bietet ihnen ihr Sport Halt und Perspektive in einer ansonsten trostlosen Existenz. Florent de la Tullaye und Renaud Barret präsentieren neben den beeindruckenden Frauenschicksalen auch Momentaufnahmen aus dem politischen Leben eines Landes, das seit Mitte der neunziger Jahre im Chaos versinkt.

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