Berlinale 2007: Perspektive Deutsches Kino

Während in Frankreich die „Nouvelle Vague Allemande“, die deutsche Renaissance eines vornehmlich an französische Autorenfilme angelehnten Kinos gewürdigt wird, präsentiert die Berlinale in diesem Jahr zum sechsten Mal die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“. Die vorgestellte Auswahl erster und zweiter Filme hat allerdings mit der sogenannten Berliner Schule, die durch Werke von Angela Schanelec im Forum, Christian Petzold im Wettbewerb und Thomas Arslan im Panorama vertreten ist, wenig bis gar nichts zu tun.

Die Eröffnungsfilme der „Perspektive“ – diesmal ein kurzer und ein mittellanger Film – stehen in vielerlei Hinsicht fernab der Berliner Schule, deren Ästhetik und Realismus-Bezug. Die zwei Produktionen der Filmakademie Baden-Württemberg Aufrecht stehen von Hannah Schweier und Ben von Grafensteins Blindflug verpflichten sich einem Effektkino, dessen Wirkung im ersten Fall durch die Etablierung einer düsteren Atmosphäre erzielt wird, in der die Figuren die Sinnlosigkeit ihrer Existenz schmerzhaft erfahren sollen, im letzteren liegt der Akzent auf Überraschungen und Wendungen, die der angestrebten Kurzweiligkeit dienen sollen.

Die zweite Kurzfilmschiene der Sektion zeigt drei sehr disparate Hochschulwerke, die alle von jungen Filmemacherinnen inszeniert wurden. Zum einen ist da Aschermittwoch von Ileana Cosmovici (HFF München), der expressives Schauspiel, unwahrscheinliche Ereignisse in einer Faschingsnacht und stereotype Figuren miteinander verbindet, dabei ein Potpourri aus Drogen-, Liebes-, und Existenzfragen schafft, bei dem der Zuschauer ratlos zurückgelassen wird.
Memoryeffekt von Claudia Lehmann (Hamburg Media School) setzt hingegen ganz aufs Mysteriöse. Eine Frau wird von Albträumen und Wahnvorstellungen zu einem fremden Haus geführt. Mit Anleihen bei 21 Gramm (21 Grams) inszeniert die Regisseurin stilsicher und um Poetik bemüht einen Plot, der mit Müh und Not über die 23 Minuten trägt und lediglich aus der finalen Aufklärung seinen Sinn bezieht.
Der 43-minütige Dokumentarfilm Zirkus is nich von Astrid Schult (Filmakademie Baden-Württemberg) glänzt zu allererst durch die Wahl des Protagonisten: des achtjährigen Dominik aus Berlin-Hellersdorf. Seine Mutter ist arbeitslos und hat drei Kinder. Er, der Älteste, muss sich regelmäßig um die „Kleinen“ kümmern. Seine Schwester nimmt er an die Hand, wenn sie über die Straße laufen, und er passt darauf auf, dass sie in der Tram nicht wieder die Notbremse zieht. Astrid Schult verheimlicht ihre lenkenden Fragen, die stets im Off zu hören sind, nicht. Sie möchte zugleich die Eigenheiten ihres liebenswürdigen Protagonisten darstellen und seine tristen Lebensumstände offenbaren.

In Form von aus der Entfernung aufgenommenen Bildern der Hochhaussiedlung, in der die Menschen aus Osdorf leben, stellt Regisseurin Maja Classen das Soziale von Anfang an klar in den Vordergrund ihres an der HFF Potsdam entstandenen Dokumentarfilms. Ohne Kniffe skizziert sie die Situation junger, bereits straffällig gewordener Männer, deren Ansichten zum Leben und ihre Erwartungen an die Zukunft. In der Konfrontation mit Inhaftierten, die die Jugendlichen durch die Schilderung ihrer eigenen Schicksale von der Gewalt abbringen wollen, wird die Ohnmacht und Weltfremdheit der jungen Männer umso deutlicher.

Der Dokumentarfilm Prinzessinnenbad definiert sich hingegen nicht über ein Thema. Er ist vielmehr lebendiges Portrait dreier pubertierender Mädchen aus Berlin-Kreuzberg. Es ist kaum zu fassen, wie offen sich die drei Protagonistinnen Klara, Mina und Tanutscha der Kamera und Bettina Blümner (Filmakademie Baden-Württemberg) zeigen: Ob es um Liebe, Familie, Nationalitäten, Lebenspläne oder Sex geht. Ohne sich in Verallgemeinerungen zu verlieren, bietet Prinzessinnenbad einen Einblick in den Berliner Kiez, in dem sich die jungen Frauen scheinbar wohl fühlen. Spannender als alle Spielfilme der Sektion zusammengenommen, lebt der Dokumentarfilm vor allem vom Interesse für seine Figuren, die zwar durchaus für humoristische Pointen herhalten müssen, aber nicht bloßgestellt werden.

Der junge Filmemacher Marcel Wehn (Filmakademie Baden-Württemberg) hat sich ebenfalls eines Portraits angenommen. In Form einer klassischen Dokumentation, mithilfe von Interviews mit Wim Wenders, Weggefährten und vor allem Partnerinnen, sowie Filmausschnitten und illustrierenden Aufnahmen der Orte, an denen sich Wenders aufgehalten hat, fügt Wehn das persönliche Bild eines Regisseurs zusammen, dessen Filme er stets auf das private Leben rückbezieht. Von einem der auszog – Wim Wenders’ frühe Jahre funktioniert für den Zuschauer, der etwas über den Filmemacher erfahren möchte, die ständige Psychologisierung und die Konventionalität der filmischen Umsetzung aber nicht hinterfragt, durchaus gut. Denn tatsächlich gibt sich Wenders offener, als man es vielleicht hätte erwarten können.

Hotel Very Welcome steht abseits des restlichen Programms. Sonja Heiss (HFF München) stiftet von Anfang an Verwirrung: Die Bilder, Dialoge und Darsteller suggerieren einen Dokumentarfilm. Doch die Aufnahmen können ohne Nachstellung nicht entstanden sein. Ist das alles Fiktion? Dafür wirken die Szenen zu belanglos oder unentschieden, teilweise gar unverständlich und häufig wie spontan abgefilmt. Episodisch erzählt Heiss vom Traum unterschiedlicher Menschen, durch Reisen nach Asien, vornehmlich Indien und Thailand, das eigene Leben zu bereichern oder gar grundlegend zu verändern. Einige starke Momente verdecken nicht, dass Heiss wenig an der Figurenzeichnung liegt. Vielmehr stellt sie deren Naivität und Einfachheit aus.

Der ebenfalls episodisch angelegte Film Autopiloten versucht sich an einer Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft durch die Darstellung unterschiedlicher, in unterschiedlichem Sinne gescheiterter Existenzen: vom ausgebrannten Fußballtrainer, der seine Familie vernachlässigt, über den erfolglosen Fotojournalisten und die einsame Mutter, die versucht, alles richtig zu machen, bis zum ehemaligen Schlagerstar mit Hörgerät, der sich seinen eigenen Hit im Radio wünscht. In der Austarierung dramaturgischer Möglichkeiten und Notwendigkeiten verliert Bastian Günther (Absolvent dffb) jegliche Komplexität der Figuren aus den Augen. Dass deren Schicksale gar nicht so tragisch sind, aber auch nicht wirklich komisch, führt zu einer allgemeinen Gleichgültigkeit.

Von AlleAlle erwartet man zu Recht mehr. Milan Peschel (Netto, 2004, s. Interview) spielt einen urigen Alkoholiker, der für einen geistig Behinderten die Verantwortung übernehmen muss. Und zunächst gelingt es dem Film, mit der Zeichnung der beiden Protagonisten einige der lustigsten Szenen der „Perspektive“ zu gestalten. Pepe Planitzer (Absolvent HFF Potsdam) hat mit der überraschend überzeugenden Ausgangskonstellation aber bereits alle Karten auf den Tisch gelegt. Es folgt lediglich die in klassischen, die triste Umgebung romantisierenden Arthouse-Bildern erzählte Umsetzung des Vorhersehbaren.

Fast zuletzt präsentierte die „Perspektive Deutsches Kino“ den Spielfilm Was am Ende zählt von Julia von Heinz (HFF Potsdam). Paula Kalenberg (Die Wolke, 2006) und Marie Luise Schramm (Bin ich sexy?, 2004) spielen zwei sehr unterschiedliche Mädchen, die der Zufall zusammenbringt und -hält. Nachdem der Film die beiden etwas umständlich zueinander geführt hat, gelingt es ihm immer wieder, unaufdringlich Emotionen zu vermitteln. Nicht zuletzt zieht er seine Kraft aus den konträren jungen Frauenfiguren.

Die in diesem Jahr von Werken junger Regisseurinnen dominierte „Perspektive“ konnte wieder mit ausverkauften Vorstellungen punkten. Tatsächlich gibt es während der Filmfestspiele nach wie vor ein Publikum für junges deutsches Kino – die Filmhochschulnetzwerke tun ein Übriges, um den Saal zu füllen. Dass die komplette Auswahl von Filmhochschülern oder Absolventen der Hochschulen stammte, veranlasste Dieter Kosslick zu der Aussage, man müsse sich um das Niveau der filmischen Ausbildung in unserem Land keine Sorgen machen. Die handwerkliche Qualität verbindet in der Tat einen Großteil der Produktionen. Eine Perspektive der Experimentierfreudigkeit, die sich die Sektion von Beginn an auf die Fahnen geschrieben hat, sucht man allerdings vergeblich: sowohl auf Seiten der Filmemacher als auch bei der Auswahlkommission.

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