Berlinale 2007: Panorama

Überblick über einige Höhepunkte des 22. Panoramas

Das schwierige Leben eines pubertierenden Teenagers steht im Mittelpunkt des Eröffnungsfilms der Panorama-Sektion, The Tracey Fragments des Kanadiers Bruce McDonald. Ein fünfzehnjähriges Mädchen ist sowohl zu Hause als auch in der Schule mit nichts als Ärger konfrontiert. The Tracey Fragments zeigt das Leben als Scherbenhaufen und mittendrin das wütende Mädchen. Um dieses bruchstückhafte Gefühl zu verstärken, besteht der gesamte Film aus zahlreichen Splitscreens, die sich permanent verändern und verschieben. Auch wenn die Umsetzung, welche irgendwo zwischen Zbigniew Rybczynski und MTV angesiedelt ist, die Geschichte stellenweise zu verschlucken droht, so gelingt McDonald doch das mitreißende Porträt einer Teenagerin im Kampf mit ihrer Umwelt.

Thomas Arslans Beitrag Ferien ist dieser rasanten Inszenierung diametral entgegengesetzt. Eine Familie findet sich darin für ein paar Tage auf dem Landhaus der Mutter ein. Die Stimmung ist jedoch angespannt: die Großmutter ist schwerkrank, die Mutter möchte wegziehen und eine der beiden Töchter liebt ihren Mann nicht mehr. In formal strengen Bildern und einer ebenso stringenten Erzählweise wie man sie auch bei Christian Petzold oder Valeska Grisebach findet, zeigt Arslan die schleichende Implosion einer Familie. Wie bei einer Kettenreaktion brechen dabei die unterschiedlichen Beziehungsprobleme innerhalb der Familie hervor. Ruhig und distanziert ist Ferien genau wie Gespenster (2005) oder Sehnsucht (2006) ein weiterer überzeugender Film der Berliner Schule.

In seinem Entstehungsland als einer der besten Filme des vergangenen Jahres gefeiert, war der französische Film Lady Chatterley von Pascale Ferran auch auf der Berlinale ein klarer Höhepunkt. Die Adaption des Romans von D.H. Lawrence wurde von Ferran als ein imposantes Melodrama in stilistisch brillanten Bildern umgesetzt. Nachdem Lord Chatterley gelähmt aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause kehrt, beginnt seine Frau Constance eine stürmische Beziehung zu dem Wildhüter ihres Anwesens und entdeckt dabei ihre sexuellen Bedürfnisse. Behutsam und mit großer Zärtlichkeit begleitet die Regisseurin dabei ihre Protagonisten und komponiert den Film mit einer stillen Wucht.

Hal Hartleys Fay Grim spinnt die Geschichte von Henry Fool (1998) weiter, ohne dass die Kenntnis dieses Film eine Bedingung für das Verständnis seiner neuesten Arbeit wäre. Durch aberwitzige Umstände rutscht die alleinerziehende Mutter Fay Grim (Parker Posey) immer tiefer in die Untiefen der internationalen Spionage. Hal Hartley inszeniert die Suche nach den Tagebüchern ihres Mannes Henry als atemlose Jagd durch Europa und treibt die genreüblichen Twists dabei exzessiv auf die Spitze. Trotz aller Komik entwickelt sich der Film zu einem mitreißenden Drama, das neben wunderbarem Schauspielerkino vor allem perfekte und intelligente Unterhaltung bietet.

Die kanadische Schauspielerin Sarah Polley ist vor allem durch ihre Zusammenarbeiten mit Isabel Coixet (Das geheime Leben der Worte, La vida secreta de las palabras, 2005) und Atom Egoyan (Wahre Lügen, Where the Truth Lies, 2005) bekannt. Ihr erster selbst inszenierter Film Away from her erzählt eine Liebesgeschichte der seltenen Art: Der pensionierte Professor Grant (Gordon Pinsent) muss seine an Alzheimer erkrankte Frau Fiona nach 44 gemeinsamen Jahren ins Altersheim bringen. Der auf einer Kurzgeschichte basierende Film nutzt diese Ausgangssituation für eine eindringliche, universelle und nie auf Allgemeinplätzen verharrende Auseinandersetzung mit den Komplexen Trennung und Verlust. Eine Entdeckung in doppelter Sicht: als Film, den es hoffentlich auch in absehbarer Zeit in regulären deutschen Kinos zu sehen geben wird, und in Bezug auf eine vielversprechende junge Regisseurin.

Polleys Schauspielerkollege Steve Buscemi hat schon einige Erfahrung auf dem Regiestuhl gesammelt, wobei man Interview durchaus als sein bisher elaboriertestes Werk betrachten kann. Das Remake eines Filmes des ermordeten niederländischen Regisseurs Theo van Gogh ist als Kammerspiel inszeniert. Politikjournalist (Buscemi) trifft Celebrity (Sienna Miller) und beide verbringen eine ereignisreiche Nacht miteinander. Obwohl Buscemi über weite Strecken sichtlich bemüht ist, immer neue Orte, Kombinations- und Konfrontationsmöglichkeiten innerhalb des Appartements auszuloten, um Abwechslung zu simulieren, weiß dieser Beitrag zu überzeugen. Dies ist vor allem den charismatischen Schauspielern, gelungenen Dialogen, und einem nur zu Beginn absehbaren Drehbuch zu verdanken.

John Waters ist ein lustiger Mensch. Und so konnte es niemanden überraschen, dass auch This Filthy World, die Verfilmung einer Stand-Up Routine des Altmeisters der Trash-Art äußerst komisch ist. Fast neunzig Minuten lang erzählt Waters Anekdoten aus seinem Leben und alles, was ihm sonst noch so einfällt. Und ihm fällt einiges ein. Filmisch ist This Filthy World keine Offenbarung, schließlich besteht die einzige Aufgabe des Regisseurs darin, dafür zu sorgen, dass Waters immer in der Bildmitte zu sehen bleibt. Doch das ist in diesem Fall mehr als genug.

Das koreanische Kino boomt seit Jahren, nicht nur in der Heimat, auch auf europäischen Festivals und in ausgewählten Arthaus-Kinos. Hierzulande konzentrierte sich das Medieninteresse meist auf Park Chan-wook und Kim Ki-duk. Übersehen wurde dabei meist der in Frankreich längst als Großmeister gefeierte Hong Sang-soo, dessen neuer Film Woman on the Beach (Haebyuneui Yoein) dafür sorgen sollte, dass sich dieser bedauerliche Zustand ändert. Die Filme Hong Sang-soos erscheinen alle extrem ähnlich. Auch in Woman on the Beach geht es vor allem um Beziehungsprobleme zwischen einem Mann und zwei Frauen. Mit fast geometrischer Präzision und einer unnachahmlichen Mischung aus Humor und Melodrama gelingt dem Koreaner ein weiteres Bravourstück, das sich nahtlos in die Reihe seiner Vorgänger einreiht.

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