Berlinale 2007: Internationales Forum des Jungen Films

Jahr für Jahr wagt sich das Internationale Forum des jungen Films an den Versuch einer Kartografie des Weltkinos. Dabei streben die Programmierer nicht nur geografische Vielfalt an, sondern auch einen Überblick über die unterschiedlichen filmischen Kategorien. Zwar liegt der Schwerpunkt der Auswahl auf Independentproduktionen im Bereich des Spiel- und des Dokumentarfilms, doch auch Experimentalfilme und – vornehmlich asiatische – Mainstreamstreifen finden sich regelmäßig in der Auswahl.

Die Filme der sogenannten Berliner Schule besitzen ihre natürliche Heimat im Forum. Dieses Jahr präsentierte das Programm gleich zwei neue Arbeiten aus diesem Umfeld, die im direkten Vergleich vor allem dazu geeignet sind, die Heterogenität der Gruppe deutlich zu machen. Madonnen, der zweite Spielfilm der jungen Regisseurin Maria Speth, erzählt in naturalistischen, manchmal fast unangenehm intim wirkenden Bildern die Geschichte von Rita (Sandra Hüller in einer äußerst eindrücklichen Rolle), die in ihrer Berliner Dreizimmerwohnung ihre fünf (!) Kinder aufzuziehen versucht.

Ganz anders funktioniert das neue Werk Angela Schanelecs. Nachmittag basiert auf Tschechows Die Möwe und dekonstruiert in streng durchkomponierten Einstellungsfolgen und mithilfe hochstilisierter, teilweise gewollt absurder Dialoge das westberliner Theatermilieu. Denkbar weit entfernt von Speths Sozialrealismus gelingt Schanelec ihr bislang vielleicht bester Film, der einen Höhepunkt des Forumsprogramms darstellte.

Innerhalb des europäischen Kinos steht die Berliner Schule mit dem Versuch, durch formale Selbstbeschränkung einen neuen Zugang zur sozialen Wirklichkeit zu erreichen, nicht alleine da. Das Forum präsentierte gleich mehrere Werke aus anderen Ländern mit ähnlichen Intentionen und vergleichbaren Erzählstrategien. Der türkische Beitrag Riza beispielsweise, der formal zwar nicht immer ganz konsequent gestaltet ist, aber dennoch eine sehr schlüssige antiklimaktische Dramaturgie aufweist, erzählt eine traurige Episode aus dem Leben eines alternden LKW-Fahrers. Oder Wolfsbergen: Der Niederländerin Nanouk Leopold gelingt mithilfe einer ebenfalls extrem reduzierten Bildsprache ein außergewöhnlicher kleiner Film, der ausnahmsweise einmal nicht vom Zerfall der bürgerlichen Familie spricht, sondern ganz im Gegenteil von deren Rekonstitution nach überstandener Krise.

Ein vollkommen anderes Projekt verfolgt der Schweizer Thomas Imbach, dessen Lenz 2006 im Forum vertreten war und letzten Herbst in den deutschen Kinos startete. Sein neues Werk I Was A Swiss Banker ist eine sinnliche, surreale Liebesgeschichte irgendwo zwischen Postkartenkitsch, Kunsttrash und Softporno, die zumindest als Konstrastprogramm zu dem oftmals verquälten Realismus der Konkurrenz durchaus goutierbar war.

Traditionell im Programm stark verteten ist das asiatische Kino. Unter anderem wurden mit der Bollywood-Produktion Don sowie dem Hong-Kong-Thriller Eye in the Sky zwei Produkte der kommerziellen Kinematografien des Kontinents vorgestellt. Die größte Entdeckung des Forums 2007, wenn nicht der gesamten Berlinale, stellte jedoch der chinesische Beitrag Mona Lisa (Meng Na Li Sha), die vierte Arbeit der Regisseurin Li Ying, dar. Angesiedelt im Grenzbereich zwischen Dokumentar- und Spielfilm erzählt Mona Lisa verschiedene Episoden aus dem Leben einer verarmten Familie in der chinesischen Provinz. Extrem intime Momente wechseln sich ab mit genauen Alltagsbeobachtungen und langen Traveling Shots, die durch dörfliche und kleinstädtische Szenarien, oder – in einer äußerst intensiven Sequenz – in ein lokales Frauengefängnis führen. Inszenierung und dokumentarische Beobachtung werden zunehmend ununterscheidbar und verbinden sich zu etwas Neuartigem. Filme wie Mona Lisa sind es, die das Forum auch in diesem Jahr zur interessantesten Sektion der Festspiele machten.

Die Dokumentarfilmauswahl wurde von Produktionen mit dezidiert politischem Impetus geprägt. Campaign (Senkyo) etwa folgt in der Tradition des Direct Cinema einem Kandidaten der konservativen Regierungspartei Japans, LDP, während seiner Wahlkampfauftritte, und zeichnet ein tragikomisches Bild des politischen Prozesses. Einen experimentelleren Ansatz wählt Amir Muhammad, der bereits letztes Jahr mit dem ebenfalls äußerst unkonventionellen Beitrag The Last Communist einen großen Teil des Publikums ratlos zurückließ. Wie der Vorgänger beschäftigt sich Village People Radio Show mit der Lebensgeschichte eines malayischen Kommunisten und nähert sich seinem Thema mithilfe einer verwirrenden, aber zu weiten Strecken faszinierenden Collage aus streng durchkomponierten Landschafts- und Straßenaufnahmen, Texteinblendungen, mythologisch inspirierten Radiomelodramen und abstrakten Bildexperimenten.

Der unstrittige Höhepunkt des Dokumentarfilmprogramms stellte State Legislature, das neue Werk der amerikanischen Kinolegende Frederic Wiseman dar. Das fast vierstündige Epos zeichnet mit minutiöser Genauigkeit den Gesetzgebungsprozess im US-Bundesstaat Idaho nach. Wiseman konzentriert sich nicht auf die konkreten Ergebnisse der politischen Arbeit, sondern auf die Mikroebene, auf Debatten in Unterausschüssen, Bürgeranhörungen und die Funktionsmechanismen der Geschäftsordnung. State Legislature zeigt Demoracy at work und ist ein zeithistorisches Dokument ersten Ranges, das soviel Aufmerksamkeit wie nur möglich verdient hat.

Das Programm beschränkte sich nicht nur auf die aktuelle Filmproduktion, sondern gestattete wie jedes Jahr auch einen Blick auf bislang schwer zugängliche Bereiche der Filmgeschichte. Neben einer neun Filme umfassenden Retrospektive des japanischen Genreregisseurs Kihachi Okamoto präsentierte das Forum einen fast vergessenen Klassiker des unabhängigen amerikanischen Kinos: Charles Burnetts Erstlingsfilm Killer of Sheep aus dem Jahr 1977 konnte aufgrund lizenzrechtlicher Schwierigkeiten über 20 Jahre lang nicht aufgeführt werden und erlebt in diesem Jahr seine Wiederentdeckung. Dieses Schlüsselwerk des afroamerikanischen Filmschaffens eröffnet nach fast dreißig Jahren einen vollkommen neuen Blick sowohl auf das Selbstverständnis des schwarzen Amerikas als auch auf die Geschichte des politischen Filmschaffens in den USA. Und darüber hinaus ist Killer of Sheep ein wunderschönes, poetisches Werk, neben dem das aktuelle Weltkino, zumindest soweit es sich auf der Berlinale präsentierte, fast ausnahmslos extrem alt aussieht.

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