Berlinale 2007: Der Wettbewerb

Geschichten vom Krieg

Der Wettbewerb in diesem Jahr wurde vielleicht am ehesten von den Filmen, die außerhalb der Konkurrenz liefen, geprägt. Clint Eastwoods Letters from Iwo Jima war eines der seltenen Highlights. Das Gegenstück zu Flags of our Fathers (2006) beeindruckte durch seine komplexe Figurenzeichnung, erzählerische Kraft und perfekte Bildkomposition.

Ganz anders Zack Snyders 300, der auch gut während der Marines-Ausbildung gezeigt, oder gleich als Werbefilm genutzt werden könnte. Nicht umsonst trägt Ted Posts Kriegsfilm aus dem Jahr 1978 den Titel Go, tell the Spartans. Jenes historische Völkchen erscheint hier als muskelgestählter Elitetrupp im Einsatz für Freiheit, ein Begriff, der den ansonsten eher dialogarmen, aber doch geschwätzigen Film, dominiert. Die Spartaner stellen sich einer Übermacht des persischen Heeres von König Xerxes. Deren Attribute sind ein Sammelsurium für Araber und Asiaten jeglicher Couleur. Sie zu töten, möglichst gnadenlos und schmerzhaft, ist Programm der Spartaner. Dabei im Kampf zu sterben ist das äußerste Ziel, was natürlich auch gelingt. Dies verbindet die Griechen mit den Japanern bei Eastwood – nur dass deren Tod in seiner Beziehung zu Tradition und Kriegsphilosophie jederzeit kritisch reflektiert wird. Bei 300 wohnt dem Sterben ein Pathos inne, der seinesgleichen sucht und aufs Peinlichste bei Filmen wie Gladiator (2000) abschaut, nur um meilenweit daran vorbeizuzielen.

Aber Krieg im Film muss nicht immer stundenlange hirnlose Actionbalgerei sein. The Good German nutzt den Krieg als Panorama einer altmodischen Spionagegeschichte, bei der Regisseur Steven Soderbergh ins Schwärmen über Casablanca (1942) und klassische Erzählkonventionen gerät, wobei er genauso an dem Vorbild Carol Reed vorbeischrammt, wie Snyder an Scott. The Good Shepherd, demselben Genre verhaftet, ohne sich jedoch Noir zu geben, situiert Teile seiner Handlung ebenfalls im Zweiten Weltkrieg. Was die beiden Filme verbindet, ist ein uninspirierter Umgang mit verschiedenen Bilddispositiven. Die Einfügung authentisch-historischer Bildmaterialien will ästhetisch und inhaltlich-strukturell so gar nicht gelingen.

Unabhängig und uninspiriert: das amerikanische Kino der Marginalität

Aber nicht nur die Major-Produktionen aus Übersee sorgten für Enttäuschung. When a Man falls in the Forest ist ein Paradebeispiel dafür, warum das amerikanische Independentkino seit einigen Jahren keine neuen Regiegrößen hervorgebracht hat. Zu oft wird hier die Abgrenzung vom vermeintlichen Mainstream als einzige Qualität gedacht. Die Hauptfiguren sollen Durchschnittsmenschen mit Durchschnittsproblemen sein, aber bitte ein wenig skurril. Die Einstellungen müssen lang sein, gerne etwas „schräg“, möglichst beliebig mit Musik aus dem Indie-Sektor versehen. Auf Action und Computereffekte kann weitestgehend verzichtet werden. Stars sollen, wenn nicht hässlich, dann wenigstens nicht gut aussehen. Sharon Stone ist so ein Star, wenn auch ein trauriger, bedenke man ihre einzig wirklich große Rolle der letzten Jahre in Basic Instinct: Neues Spiel für Catherine Tramell (Basic Instinct 2, 2006).

Wenn also nur noch der Ruhm vergangener Tage geblieben ist, dann ist die Zeit angebrochen, sich unbequemer Rollen zu widmen. Und die verbliebene Schönheit uneitel auch noch zu zerstören. Während Stone sich in Bobby - Sie alle hatten einen Traum (Bobby, 2006) zwar gar dem Frisieren Demi Moores widmet, dabei aber immerhin noch eine gewisse trashige Attraktivität ausstrahlt, wird sie in Alpha Dog (2006) Opfer einer unfreiwillig komischen Maske. Nun spielt sie ausgerechnet eine Frau, die am Älterwerden, am Verblassen der Schönheit, am Ausbleiben der männlichen Blicke und dem ungenutzten Leben leidet. Auch innerlich darf sie, vor allem ihrem Mann (Timothy Hutton) gegenüber, reichlich hässlich sein. Die Ehekrise hätte unter talentierter Regie als Stoff für einen gelungenen Film herhalten können, doch das Drehbuch musste noch einen Kauz, einen Freak hinzuerfinden. Dessen Charakterisierung und Inszenierung ist schon fast eine Vergewaltigung des in Nebenrollen sonst häufig glänzenden Dylan Baker.

Die deutsche Perspektive

Etwas zerknautscht wirkte der sonst so fröhliche Direktor Kosslick, als man ihn auf die nur zwei deutschen Beiträge im Wettbewerb hinwies. Das sei doch schon eine ganze Menge, so etwas habe es vor vier, nein, Korrektur, fünf Jahren, noch nicht gegeben. Ein trauriger Seitenhieb auf Vorgänger Moritz de Hadeln. Tatsächlich war Kosslick angetreten, dem deutschen Kino ein neues Profil auf dem Festival zu verschaffen. Und tatsächlich fanden in diesem Jahr 60 (!) deutsche Beiträge Platz in den etlichen, zum Teil nur für sie gestalteten Sektionen. Dabei wiederholte sich jedoch die Erfahrung des vergangenen Jahres, dass von einer „Perspektive“ nur in Abstrichen die Rede sein kann. Ein Netto (2004) war weit und breit nicht zu sehen. Dabei gibt es so viele interessante und unterschiedliche deutsche Filme wie seit über zwei Jahrzehnten nicht mehr. Nur, dass die nicht immer den Weg zur Berlinale finden - Das Leben der anderen (2005) ist das bekannteste Beispiel der jüngeren Geschichte. Auch Andreas Dresen, dessen Willenbrock (2005) 2005 nur im Panorama lief, ließ Sommer vorm Balkon (2005) im vergangenen Jahr kurz vor der Berlinale starten. Dafür hatten die Veranstalter ein glückliches Händchen bewiesen, als sie Requiem (2005) für den Wettbewerb zuließen. Auch in diesem Jahr funktionierte zumindest die Auslese. Christian Petzold stellte seinen neuen Film Yella vor, der ihn erneut als den herausragenden deutschen Regisseur seiner Generation hervorhob. Angelehnt an Ambrose Bierce und Herk Harvey entwickelt er mit der faszinierenden Nina Hoss einen intimen und präzisen Entwurf urbaner deutscher Befindlichkeiten.

Auch Stefan Rudowitzkys Die Fälscher wusste zu überzeugen. Souverän meistert der Österreicher den Sprung vom Seziertisch in Anatomie (2001, Fortsetzung 2003) in die Baracken des KZ. Mit derselben Souveränität balanciert er Tragik und Komik und entwickelt herausragende Momente, die nur von einer etwas fragwürdigen Rahmenhandlung getrübt werden.

Französische Altmeister und Absonderliches von den Briten

Mit La Vie en rose (La Mome) eröffnete der erste und am wenigsten diskutierte von drei französischen Beiträgen den diesjährigen Wettbewerb. Zu offensichtlich waren die Stärken der Hauptdarstellerin Marion Cotillard und die Schwächen des Regisseurs Olivier Dahan bei diesem Stück über Edith Piaf. Mehr zu spalten wusste da André Téchinés Les Témoins, der in den frühen Achtzigern, den ersten Jahren der AIDS-Epidemie, spielt. Zu Beginn des Films wird ein mehrere Generationen umspannendes Panoptikum aus den unterschiedlichsten Figuren entworfen. Das Auftauchen der Seuche wird einen der Beteiligten das Leben kosten und das aller anderen dauerhaft verändern. Téchiné konstruiert ein temporeiches Drama, das bei aller Souveränität manchmal sehr routiniert wirkt.

Als ebenso zwiespältig auf hohem Niveau erwies sich Jacques Rivettes Ne touchez pas la hache – Die Herzogin von Langeais, eine mit Jeanne Balibar und Guillaume Depardieu in den Hauptrollen exzellent besetzte Balzac-Verfilmung. Rivettes Literaturadaption ist äußerst originalgetreu und integriert die Romanvorlage nicht nur im Plot und den geschliffenen Dialogen, sondern auch durch zusätzliche Texteinblendungen, die das sich zögerlich entwickelnde Geschehen auf der Leinwand strukturieren und kommentieren. Rivettes in sich selbst ruhendes Alterswerk hat mit dem aktuellen Weltkino wenig bis gar nichts zu tun – was man dem Film aber beileibe nicht vorwerfen muss – und wirkte innerhalb des Festivalprogramms fast wie ein Fremdkörper.

Mit François Ozon war ein weiterer Franzose vertreten – allerdings mit einer britischen Produktion. Angel ist die Überführung einer Schmonzette ins Melodram, alles ironisch gebrochen und sehr befremdlich.

Die schottischen Farben vertrat David Mackenzie, nach Asylum (2005), der am 29.03. in die deutschen Kinos kommt, zum zweiten Mal in Folge im Wettbewerb vertreten. Jamie Bell spielt die Titelfigur Hallam Foe, einen Jungen, der nach dem rätselhaften frühen Tod seiner Mutter allerhand Abnormitäten pflegt. Als er sein Baumhaus gegen die Dächer Edinburghs eintauscht, entwickelt sich eine morbide Geschichte mit versöhnlicherem Ausgang, als man es von Mackenzie gewohnt ist.

Sam Garbarski porträtiert in seinem zweiten Spielfilm nach Der Tango der Rashevskis (Le Tango des Rashevski, 2003) eine Großmutter (Marianne Faithfull), die sich für ihren sterbenskranken Enkel aufopfert. Von sozialen Konventionen und dem Blick der Anderen sagt sie sich nach und nach los, um dessen Behandlung bezahlen zu können. Als „Hostesse“ in einem Sexladen masturbiert sie durch das Loch in einer Wand fremde Männer. Schnell wird sie als Irina Palm zur gefragtesten Handkraft von SoHo, für die Männer reihenweise Schlange stehen. Von leichter Hand inszeniert Garbarski ein stimmiges Werk, in dem Marianne Faithfull auch ihr komisches Talent einzusetzen weiß. Durch die Kombination von Tragik und Komik sowie das Ausspielen der Reibungsflächen zwischen Prüderie, Aufopferung und Lust, gelingt es Garbarski Arthouse-Kino fürs große Publikum zu realisieren.

Auch Richard Eyres Notes on a Scandal, die äußerst dunkle britische Variation von Eine verhängnisvolle Affäre (Fatal Attraction, 1987) wusste als gut gebauter, stringenter Thriller zu überzeugen. Judi Dench, bekannt unter anderem durch ihre Rolle als Bond-Chefin M (Casino Royale, 2006), verkörpert eine alternde Lehrerin, die ihre neue Kollegin zunehmend in ein obsessives manipulatives Verhältnis treibt. Cate Blanchett weiß diese Rolle besser auszufüllen als das Zitat einer Femme Fatale in The Good German.

Chinesische Weiten

Gleich mit drei Filmen war das chinesische Kino im Wettbewerb vertreten. Tuyas Ehe (Tu ya de hun shi) und Desert Dream (Hyazgar) scheinen auf den ersten Blick recht ähnliche Ansätze zu wählen: Beide Filme spielen in Wüstenlandschaften und erzählen Geschichten von Liebe und Verrat. Während Tuyas Ehe sich jedoch zu einem vergleichsweise solide erzählten Melodram mit stringenter Motivik entwickelt, verliert sich der überambitionierte Desert Dream in koreanischen Volksliedern und einem wirren stilistischen Konzept.

Lost in Beijing (Ping guo) sorgte bereits vor dem Beginn des Festivals für einen Skandal. Die chinesische Zensurbehörde verweigerte der ihr vorliegenden Schnittfassung die Genehmigung, und lange war unklar, in was für einer Fassung der Film auf der Berlinale zu sehen sein würde. Schließlich konnte Li Yus Werk doch noch in einer halbwegs integralen Version gezeigt werden und entpuppte sich als handelsübliches Arthousemelodram mit gelegentlich eingeschobenen Handkameraexzessen und vergleichsweise expliziten Sexszenen.

Die Ruhe vor dem Sturm

Von der quasi Nachbarhalbinsel Südkorea war Kultregisseur Park Chan-wook vertreten, der sich nach seiner Rachetrilogie (Sympathy for Mr. Vengeance, Boksuneun naui geot, 2002; Oldboy, 2003; Lady Vengeance, Chinjeolhan geumjassi, 2005) einer surrealen Liebesgeschichte widmete: I am a Cyborg, but that’s Ok (Sai bog u ji man gwen chan a) benötigt sehr lange, ehe er die absurde Logik der Insassen einer Heilanstalt etabliert hat. Von dem Moment an, ab dem man sich darauf einlassen kann, entwickelt die eigenwillige Romanze jedoch durchaus ihren Reiz für Freunde des Außergewöhnlichen.

Ariel Rotters erster Film B.Aires – Sólo por hoy (Sólo por hoy, 2001) konzentriert sich auf das schwierige und hektische Leben in der Großstadt Buenos Aires. Sein neuester Film Der Andere (El Otro) ist dagegen ungleich ruhiger. Die Nachricht der Schwangerschaft seiner Frau und die Krankheit seines Vaters lösen bei einem Geschäftsmann widersprüchliche Gefühle aus. Beruflich muss er für ein paar Tage die argentinische Hauptstadt verlassen. Der Tod ist jedoch auch auf seiner Reise allgegenwärtig und so spielt der Protagonist kurz mit dem Gedanken, eine andere Identität anzunehmen. Das Thema um das sich Der Andere dreht, ist der Tod, und wie man mit ihm umgehen kann. Der Film wirkt jedoch stellenweise arg konstruiert und im Gegensatz zu In memoria di me, dem auch eine äußerst ernste Thematik zu Grunde liegt, schafft es Ariel Rotter nicht, seine Anliegen zu einem intellektuell anregenden Film zusammen zu fügen.

Enklaven der Einsamkeit und die Reduktion auf einen Blickwinkel

Von der Thematik an den Dokumentarfilm Die große Stille (2005) erinnernd, begleitet der italienische Beitrag In memoria di me (2007) einen jungen Mann bei seinem Eintritt ins Kloster. Inszeniert als ein Spiel aus misstrauischen Blicken der anderen Priester und nächtlichen Erkundungsgängen des Neulings durch die ruhigen Korridore des Klosters, entwickelt In memoria di me eine äußerst dichte Atmosphäre und vermittelt das Gefühl eines Ortes fern unseres alltäglichen Lebens. Auch wenn die Frage nach dem Glauben einen etwas diffusen Eindruck hinterlässt, so überzeugt besonders die stimmige und präzise Inszenierung des Lebens hinter den dicken Klostermauern.

Das Gefühl, sich in einem Niemandsland zu befinden, zieht sich auch durch den israelischen Film Beaufort (2007). In einer kleinen Enklave auf einem strategisch wichtigen Berg im Süden Libanons besaß die israelische Armee bis zum Mai 2000 einen Stützpunkt. Beaufort beschreibt in klaustrophobisch anmutenden Bildern die letzten Wochen vor dem Abzug der Soldaten und stellt dabei die Umkehrung von Flags of our Fathers dar: nicht die Eroberung und das Hissen der Flagge ist das Ziel, sondern der Rückzug nach Israel. Auch wenn Joseph Cedar in seinem dritten Spielfilm stellenweise auf Klischees zurückgreift, welche die Handlung vorhersehbar machen, so gelingt ihm doch ein eindrückliches Bild eines Konfliktes, in dem der Rückzug der einzig mögliche Sieg ist.

Der Feind in Beaufort bleibt gesichtslos, nur die Einschläge feindlicher Raketen zeugen von seiner Existenz. Diese Reduktion auf einen Blickwinkel zeichnet auch den brasilianischen Wettbewerbsfilm Das Jahr in dem meine Eltern im Urlaub waren (O ano em qe meus pais saíram de férias, 2007) von Cao Hamburger aus. Die Handlung wird hier komplett aus den Augen eines kleinen Jungen erzählt, dessen Eltern überraschend in die „Ferien“ fahren und ihren Sohn bei einem älteren Mann in einer jüdischen Gemeinde lassen. Der Film spielt vor zwei unterschiedlichen Hintergründen: der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko und der brasilianischen Militärdiktatur. Für den Jungen existiert dabei lediglich die Vorfreude auf die WM und der Film liefert nur implizite Hinweise auf die gefährliche politische Lage. Das Jahr in dem meine Eltern im Urlaub waren leidet jedoch unter einer gewissen Gefälligkeit, die besonders im Verhältnis zwischen dem Kind und dem mürrischen alten Mann deutlich wird.

Zu Lachen gab es wenig im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb. Willkommene Abwechslung bot da Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglického krále). Erneut wusste Jiri Menzel mit der Verfilmung eines Bohumil Hrabal-Romans zu überzeugen. Ich habe den englischen König bedient präsentiert Opportunismus, Karrierismus, Geld- und Fleischgeilheit in einem sarkastischen Reigen.

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