Berlinale 2006: Panorama

Vielleicht könnte man die Filme, die dieses Jahr in der Berlinale-Sektion Panorama vorgestellt wurden, zusammenfassen unter dem Titel: Über die Unfähigkeit der Menschen, miteinander zu kommunizieren. Daniel Burman konzentriert sich in der Komödie Family Law (Derecho de familia) auf die Nöte eines jungen Juradozenten, der Schwierigkeiten hat, sowohl seinen ihm entfremdeten Vater als auch seinen kleinen Sohn zu verstehen, dem aber dennoch langsam eine Annäherung an beide gelingt. Ebenfalls um Entfremdung zwischen Vater und Sohn, sowie deren Überwindung, geht es in Buddhadep Dasguptas Memories In The Mist (Kaalpurush). In poetischen, ruhigen Bildern erkundet der indische Regisseur das Seelenleben zweier sensibler Männer und verbindet deren Nöte und Ängste mit den Problemen der modernen indischen Gesellschaft. Stina Werenfels lässt in Nachbeben zwei Ehepaare, deren Kinder und ein Au-Pair Mädchen aufeinander prallen und in im wahrsten Wortsinne treffenden Dialogen ihre stabil scheinende Welt auseinander nehmen. Dokumentarfilmer Andres Veiel beschäftigt sich in dem verfilmten Theaterstück Der Kick mit der Ermordung des sechzehnjährigen Marinus Schöberl. Zwei Schauspieler übernehmen die verschiedenen Rollen von den Angehörigen des Opfers und der Täter, sowie der Täter selbst. Veiel gelingt dabei ein intensives, schockierendes Porträt einer Gemeinschaft, die kaum in der Lage ist, sich mit den eigenen Problemen auseinander zu setzen. Marc Bauder und Dörte Frank besuchen in jeder schweigt von etwas anderem Opfer des DDR-Staatssicherheitsdiensts, die noch vor dem Mauerfall vom Westen freigekauft wurden. Ihr Film beeindruckt vor allem durch offene Interviews mit den Opfern und deren Angehörigen.

Mut zum Experiment bewiesen die bereits etablierten Regisseure Takashi Miike und Lukas Moodysson mit ihren neuen Filmen. Während sich Miikes Gefängnisfilm Big Bang Love, Juvenile A (46 oku nen no koi) trotz seiner faszinierend surrealen Bildsprache letztlich als Whodunnit mit vielen offenen Fragen entpuppt, wusste vor allem Moodyssons Container über ein im Körper eines Mannes gefangenes kleines Mädchen zu beeindrucken. Leider ließen sich zu viele Zuschauer von Moodyssons sperrigem Ansatz verprellen, sich sämtlichen Konventionen des narrativen Films zu widersetzen und einen inneren Monolog mit düsteren Schwarzweißbildern zu verbinden, die wie eine Reminiszenz an den amerikanischen Experimentalfilm der fünfziger und sechziger Jahre wirken.

Im Gegensatz zu diesen subjektiven Visionen gab es auch zahlreiche Dokumentationen, die sich überwiegend mit den sozialen Missständen unterschiedlicher Länder auseinandersetzten. Mit Mädchen (Meninas) ist der brasilianischen Regisseurin Sandra Werneck eine solide Dokumentation über minderjährige Mütter gelungen, die alles in allem aber keine neuen Erkenntnisse über das Thema bringt. Paper Dolls (Bubat Niyar) über einige philippinische Transvestiten im israelischen Exil war da schon vielschichtiger im Ansatz, weil der Filmemacher Tomer Heymann darin seine eigenen Vorurteile und Abneigungen gegen die von ihm Porträtierten mit in den Film einbringt. Der rasant geschnittene Rampage beobachtet das Leben dreier Brüder in einem Ghetto in Miami. Für sie ist Hip Hop vor allem eine Strategie mit der eigenen Situation inmitten eines sozialen Brennpunkts fertig zu werden. Besonders eindringlich legt der Regisseur George Gittoes dabei die gleichzeitige musikalische Innovationskraft und ideologische Armut des Gangster-Rap offen.

Das Problem sozialer und kultureller Differenzen fand sich auch in einigen Spielfilmen wieder, wie etwa in Vögel des Himmels (Les Oiseaux du Ciel) über zwei afrikanische Freunde, die ihr Glück als illegale Einwanderer in Europa versuchen. Während sich der Film gegen Ende aber allzu sehr im Pathos verliert, konnte besonders Anette Olesens 1:1 mit seinem Aktualitätsbezug überzeugen. Ähnlich wie auch Detlev Buck in Knallhart erzählt Olesen von einem Problemviertel, in dem die Stimmung zwischen Einheimischen und Immigranten jederzeit droht überzukochen. Statt einfache Lösungen für komplexe Probleme zu bieten, lässt die Regisseurin ihren Film pessimistisch enden, legt aber dafür die Ursachen der interkulturellen Anfeindungen offen.

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