Berlinale 2006: Forum

Das Programm des Internationalen Forums des jungen Films, das 2006 zum 36. Mal stattfand, legte wie in den Vorjahren den Schwerpunkt auf Debüt-, Experimental- und Independentfilme aus allen Teilen der Welt.

Die Spielfilme des Programms stellten sich äußerst heterogen dar. Vom melodramatischen Bollywood-Epos Parineeta bis zum völlig missglückten griechischen Kunstfilmversuch Kinetta deckte die Auswahl fast die gesamte Palette des Weltkinos ab. Einer der stärkeren Beiträge war der Deutsche Spielfilm Lucy, eine äußerst präzise Milieustudie junger Erwachsener zwischen Beziehungsproblemen und Diskobesuch, die sich erfreulicherweise fern hält von den Hartz-4 Blödeleien manch anderer aktueller Produktion. In Between Days, ein in Amerika produzierter Film der Exilkoreanerin So Yong Kim zeichnet mit ganz anderen Mitteln ein ebenso intensives Bild zweier junger Menschen. Wie ein Großteil der Beiträge digital gefilmt, blendet das Werk die Umwelt der Protagonisten völlig aus und konzentriert sich ganz auf Emotionen und Körperlichkeit. Das asiatische Kino, eigentlich stets eine Stärke des Programms, bot 2006 viele Enttäuschungen. Der beste Spielfilm des Forums kam dennoch aus Asien und zwar aus Japan. We Can’t Go Home Again (Bokura wa mo kaerenai) ist auf den ersten Blick ein äußerst unspektakulärer Episodenfilm, bei genauerem Hinsehen entwickelt sich die Erzählung aus dem Leben einiger Versager in Tokyo jedoch zur komplexen Auseinandersetzung mit Erzählstrukturen, Moral und der Filmgeschichte.

Die Dokumentarfilmauswahl wurde von einer Flut politischer Werke bestimmt, die äußerst unterschiedliche Themen behandeln. Unter anderem waren Auseinandersetzungen mit afrikanischen Flüchtlingen in Afrika (Unexpected, Inatteso), Terroranschlägen in Malaysia (Monday Morning Glory, Lampu merah mati) und Todeskommandos in brasilianischen Metropolen (Acts of Men, Atos dos homens) zu finden. So sehr jeder dieser Filme im einzelnen auch gerechtfertigt sein mag, muss doch die Frage erlaubt sein, warum diese, technisch meist wenig ambitionierten Werke auf der Berlinale platziert wurden. Einigen wenigen Arbeiten gelang es, ihr Thema zu transzendieren. Der senegalesische Beitrag Conversations on a Sunday Afternoon etwa erzählt nicht nur die Lebensgeschichten zahlreicher Flüchtlinge aus aller Welt, sondern setzt sich auch selbstreflexiv mit den Möglichkeiten des Dokumentarfilms auseinander. Zwei sehr eindrückliche Beiträge des Forums waren kleinere, persönlichere Filme. Dear Pyongyang erzählt auf bewegende Weise die Geschichte einer nordkoreanischen Familie, die in Japan lebt, und verfolgt deren Reisen in die kommunistische Heimat. Thomas Arslan begibt sich in Aus der Ferne auf die Reise in das Geburtsland seines Vaters. Entstanden ist dabei keine biographische Spurensuche, sondern vielmehr eine eindrückliche Bestandsaufnahme der modernen Türkei. Arslan hält sich mit Kommentaren zurück und verzichtet auch fast vollständig auf Interviews. Aus der Ferne lässt den Zuschauer alleine mit den Bildern und ist gerade deshalb der einzige wirklich herausragende Dokumentarfilm des diesjährigen Forums.

Als Ausweg aus dem insgesamt sehr durchwachsenen und mit nur 40 Filmen nicht allzu umfangreichen Programm an Spiel- und Dokumentarfilmen boten sich zwei ausgezeichnete experimentelle Arbeiten an. James Benning, der bereits im Vorjahr mit zwei Filmen im Forum vertreten war, drehte ein altes Werk, eine lakonische Hommage an seine Heimatstadt Milwaukee, 27 Jahre später noch einmal, mit identischen Kameraeinstellungen. Herausgekommen ist One Way Boogie Woogie / 27 Years Later, ein origineller – und überraschend lustiger – Film. Auch Pine Flat erinnert aufgrund seiner Machart an Bennings Stil, Sharon Lockhart verwendet ebenfalls ausschließlich lange, starre Kameraeinstellungen. Ihr extrem komplexes Werk thematisiert einerseits das Verhältnis der Natur zum Menschen und andererseits die Beziehung der Filmemacherin zu ihrem Material. Eine andere Möglichkeit, dem Festivalalltag zu entkommen, bot die glücklicherweise wiederbelebte Tradition des Mitternachtskinos. Hier war eine Retrospektive des japanischen Genreregisseurs Nobuo Nakagawa zu sehen, aus dessen äußerst heterogenem Werk, das vom Film Noir (Lynch, Rinchi) bis zu fast avantgardistischen Horroralpträumen (Jigoku) reicht, neun Filme zu sehen waren. Zu später Stunde konnten die Wachgebliebenen hier die Entdeckungen nachholen, die das reguläre Forumsprogramm nur allzu oft schuldig blieb.

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